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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 11
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona. Wieder zu Hause holt die Gegenwart in Gestalt der neofaschistischen »Sportgruppe Mölders« die Vergangenheit zurück. Felix muss sich nicht nur zwischen Dolores und Sophie entscheiden. Neben einer spannenden Rahmenhandlung vermitteln die Autoren Ereignisse des Spanischen Bürgerkrieges aus heutiger Sicht.

9.

Entlang der Kastilischen Hochebene, zwischen den Flüssen Jarama, Manzanares und Tajuna, sind Reste von Geschützstellungen, Feuernestern, Schützenlöchern und Befestigungsanlagen auf den kaum bewachsenen, geröllbedeckten Hügeln nicht zu übersehen.
Felix war nichts anderes übrig geblieben, als mit versteinertem Gesicht ins Auto zu steigen. Oder sollte er vielleicht auf dem Friedhof übernachten? Im Wagen hielt er trotzig die Lippen fest aufeinander gepresst und starrte stur geradeaus. So fuhren sie durch die schöne Hochebene.
Dolores fing als erste wieder an zu reden. »Du darfst das nicht so verbissen sehen. Schau, wir zwei reisen durchs Land, ein paar Tage – nur wir zwei. Das mit dem Handy war keine Erpressung …«
»So, was dann?«
Dolores ließ ihn mit dieser Frage allein. Sie dachte nach. Ohne Vorankündigung fuhr sie schließlich von der Autovia ab und parkte neben zwei großen Containern. Sie gab Felix ein Zeichen zum Aussteigen. Draußen zog sie wortlos ihr Handy aus der Tasche, hielt es Felix unter die Nase, drückte stärker als notwendig auf die Aus-Taste, sah Felix strahlend an und sagte: »Okay? Nur wir zwei!« Felix dachte nicht daran, Begeisterung zu signalisieren. Nicht mit ihm. Nicht mit einer, die ihn hilflos auf einem Friedhof zurück gelassen hätte.

Dolores setzte sich wieder ans Steuer. Schweigend fuhren sie weiter. Über Nebenstraßen erreichten sie Morata am Fluss Tajuna. Vor dem Rathaus auf der Plaza Mayor stoppte die junge Frau, stieg aus und fragte einen Passanten nach einem Quartier.
»Pension, in front of Zorro, only two minutes«, wusste der Bescheid und zeigte in eine Nebenstraße.
Die Pension entpuppte sich von außen und innen als ziemliche Bruchbude. Der Vermieter, ein alter Herr in noch älteren Filzlatschen, wollte allerdings pro Nacht und Zimmer auch nicht mehr als neun Euro. Felix, immer noch nicht beruhigt, übernahm die Bestellung.
»Dos habitaciones?«, wiederholte der Alte ungläubig und blickte die jungen Leute überrascht an.
»Zwei Zimmer?«, wunderte sich auch Dolores. »Na gut, wie du willst.«
Felix wusste zwar nicht, was er wollte, tat aber so. Der Vermieter schloss zwei unmittelbar neben einander liegende Räume auf. Dolores gefiel keiner von beiden, sie beklagte das Fehlen von Außenfenstern und warf ihr Gepäck ärgerlich auf das schmale Bett.

Der Zeitzeuge im Ort hieß Miguel Lorenzo, wohnte nur ein paar Straßen von der Pension entfernt und hatte alles für den Empfang seiner Gäste vorbereitet: Kaffee, Kuchen, Dokumente, Zeitungsartikel und – einen Vortrag über die Geschehnisse in Morata de Tajuna im Februar 1937. Wie Pierre sah man auch ihm sein hohes Alter nicht an und genau wie der bemühte er sich, durch Gang und Bewegung diesen Eindruck nach Kräften zu verstärken. Offensichtlich hatte er sich auf eine Rede von einigen Stunden vorbereitet. Er begann mit der Geschichte des spanischen Königshauses und sprach so schnell, dass Dolores erneut mit dem Übersetzen nicht nachkam. Schließlich unterbrach sie ihn rigoros. »Puede mostrarmelo, zeigen Sie uns!« Sie stand auf, verließ die Wohnung und holte das Auto. Der Alte dirigierte sie zuerst zum nächsten »cementario«.
»Nicht schon wieder«, stöhnte Felix, protestierte aber nicht. Auf dem Friedhof führte Miguel sie zu einer Gedenktafel für gefallene Interbrigadisten, zog davor eine Baskenmütze aus der Tasche, salutierte und wirkte noch aufrechter und stärker als vorher. »Diese Tafel haben Interbrigadisten aus den USA gestiftet «, erklärte er stolz.
Vom Friedhof fuhren sie zu »der berühmten Straße«. An ihr war nichts Auffälliges. Notdürftig reparierte Löcher zwangen zum vorsichtigen Fahren, verkrüppelte Bäume säumten den Weg. Rechts der Straße zog sich eine kilometerlange struppige Ebene bis an den Rand bläulich schimmernder Berge.
Sie stiegen neben einer langen, grün bewachsenen Mauer aus. Miguel konnte noch ganz gut laufen, nur das Stehen fiel ihm schwer. Er ließ endlich die spanischen Könige Könige sein und ging zu militärischen Fragen des Bürgerkrieges über. »Franco hatte zu Beginn des Jahres 1937 seinen Plan, Madrid zu erobern, vorerst aufgegeben und wollte zunächst die Verbindungsstraße zwischen Madrid und Valencia, ihr seid sie ein Stück gefahren, in seine Gewalt bringen. Sie verband die Hauptstadt mit dem zeitweiligen Sitz der Regierung. Madrid sollte danach vom Osten her genommen werden. Dort hinter den Bergen lagen die Faschisten. Wir hatten uns hier eingegraben.«
Felix ließ seinen Blick über die Ebene streifen und versuchte sich darin Schützengräben vorzustellen. »Und die Menschen im Dorf?«, fragte er. »Wie verhielten sich die, wenn ringsum geschossen wurde?«
»Ein merkwürdiger Krieg fand hier statt«, antwortete Miguel nachdenklich. »Die Faschisten beschossen das Dorf jeden Tag exakt nur von 9 Uhr bis 9.15 Uhr. Wir konnten unsere Uhren danach stellen. Die Dorfbewohner verließen täglich Punkt 8.55 Uhr mit Sack und Pack ihre Häuser und kamen zwanzig Minuten später zurück.«
Felix schüttelte verständnislos den Kopf. »Krieg nach der Uhr. War das so abgesprochen?«
»Es gab keine Verhandlungen. Wir vermuteten einen deutschen Kommandanten hinter dieser Regelmäßigkeit.«
»Wieso das denn?« Dolores antwortete für Miguel. »Weil die Deutschen so zuverlässige Menschen sind.« Sie lächelte Felix dabei an. Der hielt ihrem Blick nicht stand. Warum zwei Zimmer, hatte sie gefragt. Warum?

Langsam fuhren sie zurück ins Dorf. Miguel Lorenzo erzählte weiter, endlich mit mehr Rücksicht auf die Übersetzerin, und so, als käme es ihm vor allem darauf an, dass Felix jedes Wort verstand.
»Ich war gerade 16 Jahre alt geworden und mächtig stolz darauf, kämpfen zu dürfen. Nach drei Monaten Einsatz verfluchte ich den Krieg. Ich hatte mich in dieser Zeit kein einziges Mal richtig waschen können, verlaust war ich, absolut am Ende. Wir Jungen mussten vor allem Gräben ausheben und mit Gras und Blättern abdecken. Darin hockten wir dann nachts neben den Kämpfern und klapperten vor Kälte mit den Zähnen. Wenn es regnete, tropfte es von den Zweigen auf unsere Gesichter, und wir fanden keinen Schlaf. Essen? In unserem Graben lebten auch zwei Hühner. Die hatte uns ein Dorfbewohner geschenkt. Wahrscheinlich wurden noch niemals auf der Welt zwei Hühner so geliebt wie diese, wegen der Eier, die sie legten, denn sonst kriegten wir ständig diese gelben schwer verdaulichen Bohnen. Die Todfeinde der Interbrigadisten.«
Miguel machte eine Pause, um Luft zu schöpfen. »Ich werde nie diese Frau vergessen«, fuhr er fort, »sie kam mit zwei kleinen Kindern auf einem mageren Esel zu uns. Ihren Mann hatten die Faschisten erschossen, das Haus angezündet. Unzählige Menschen traf damals in Spanien so ein Schicksal. Die Frau aber wollte sich an unserem Kampf beteiligen. Das schworen auch acht Frauen aus den Dörfern Sierra und Luna. Ich erinnere mich ganz genau an sie. Die Faschisten hatten sie vergewaltigt und ihnen die Haare abgeschnitten. Sie zeigten auf ihre kahlen Köpfe: ›Wir werden kämpfen wie Soldaten, bis unsere Haare wieder an die Schultern reichen.‹«
Miguel sagte leise: »Leider hat das keine geschafft.«
»Auch nicht die Frau mit den kleinen Kindern?«, fragte Felix.
»Nur das Mädchen überlebte. Ja, so war das damals in Spanien. Heute will das niemand mehr hören.«
Dolores widersprach heftig. Felix verstand zwar nicht, was sie sagte, nickte aber lebhaft. Der Alte hob den Kopf und streckte seinen Körper. »Wir haben die Faschisten hier aufgehalten«, sagte er stolz. »Aber die blutigste Schlacht stand am Jarama noch bevor.«
Dolores stoppte vor Miguels Haus. Felix bedankte sich und lud den alten Herrn ein. Der schüttelte bedauernd den Kopf. »Rotwein vertrage ich leider nur noch zu Hause in meinem Sessel.«

Die cerveceria »Zorro« macht einen besseren Eindruck als ihr Nachbarhaus. Von außen wie von innen. Ein Fuchs neben dem Schild hilft den nicht spanisch sprechenden Fremden.
Der Besitzer der Kneipe mit seinem breiten, immer lächelnden Mund, sah gutmütig und zufrieden aus. »Dos copas de vino tinto seco«, bestellte Felix, ohne zu stottern, was Dolores mit dem Satz: »Du machst Fortschritte … im Spanischen«, honorierte. Felix dachte nicht mehr an seine antialkoholischen Schwüre nach dem Besuch im Fischerhaus und am Casa de Campo und fühlte sich auch ohne Handy immer besser. »Trink auf meine Fortschritte«, lächelte er Dolores an und hob sein mit Rotwein gefülltes Glas.
»Im Spanischen!«, wiederholte Dolores. Er stellte das Glas, ohne getrunken zu haben, enttäuscht auf den Tisch zurück und fing, reichlich unverständlich an, über den Spanischen Bürgerkrieg und seine Bedeutung für die Gegenwart zu reden. Nur einmal fiel dabei das Wort »Liebe«. Liebe zu zwei Hühnern im Schützengraben.
Kurze Zeit später betrat ein junger, gut aussehender Mann das Lokal, blickte sich suchend um, eilte zu ihrem Tisch und fragte erfreut: »Sie sprechen deutsch?«
Er stellte sich als Konstantin aus Rumänien vor, Besitzer eines Transportunternehmens für Blutplasma, auf der Durchreise von Lissabon nach Wien.
»Da halten Sie ausgerechnet in diesem Nest?«, wunderte sich Dolores.
»Mein Bruder wohnt hier. Wenn Sie noch ein bisschen bleiben, werden Sie ihn kennen lernen.«
Zunächst aber Konstantin. Er lebte angeblich etwa 200 Tage pro Jahr nicht in Wien, weshalb seine Frau mit einem mittellosen Italiener durchgebrannt sei. Nun hätte er erst mal »genug von den Frauen«, was ihn aber nicht an unmissverständlichen Versuchen hinderte, Dolores näher zu kommen.
Er war ein Weltmann und wusste natürlich auch über den Spanischen Bürgerkrieg genau Bescheid. Nur nicht, wann der stattgefunden hatte. Nämlich nicht nach dem zweiten Weltkrieg.
Dolores schien sich zu amüsieren. Felix beobachtete sie zuerst misstrauisch und abwartend, später eifersüchtig und sprach zu fortgeschrittener Zeit immer mehr dem Alkohol zu.
Viertel vor elf erschien Konstantins Bruder gemeinsam mit zwei spanischen Mädchen. Bald saßen alle, auch der Besitzer des »Zorro« an einem Tisch. Der Rumäne bestellte großspurig eine Menge Tapas und weitere Rotweinflaschen. Er versuchte vergeblich, das Gespräch vom Bürgerkrieg auf Südamerika zu lenken, das er auch wie seine Westentasche zu kennen vorgab.
Dolores rückte ihren Stuhl vorsorglich immer näher an den von Felix heran. Konstantin wandte sich an ihn. Die große Geste des Verlierers. »Ich dampfe morgen nach Barcelona ab. Ruf mich an, wenn du dort bist und Hilfe brauchst.« Er reichte Felix seine Visitenkarte. Der steckte sie achtlos ein und griff nach seinem Glas.

Lange nach Mitternacht stolperte er hinter Dolores die Treppe zu den fensterlosen Zimmern der Pension empor und stotterte mehrmals hinter einander: »Un cuarto, Dolores.«
Vor ihrem Zimmer versuchte er ungeschickt sie zu küssen. Sie wich lachend aus und wiederholte: »Una habitation, ein Zimmer? Tarde es tarde, mi Amigo. Es demasiado tarde! Zu spät!«
Felix stützte sich an der Tür ab. »Una habitation, por favor, cuando una habitation?«
»Wann?« Dolores entzog sich seinen Umarmungsversuchen. »A las seis menos cuarto, mi amigo?«
Felix taumelte in sein Zimmer und versuchte vergeblich klar zu denken. Seis hieß sechs und cuarto ein viertel. Aber – las seis menos cuarto? Eine Zeitangabe? Fünf nach oder fünf vor sechs? Oder sechs vor oder nach fünf? Er warf sich auf sein Bett und murmelte Dolores Worte noch einmal vor sich hin, kam aber nur bis las seis …

Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de, Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest

Online-Flyer Nr. 85  vom 07.03.2007

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