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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2018  

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Lokales
Erfolgreiche Anti-G8-Aktion im Kölner Rosenmontagszug
D'r Zoch em Zoch kütt
Von Katrin Steiner

„Das soll keine bierernste Aktion sein, sondern karnevalistischer Auftakt zu den G8-Widerstandsaktivitäten in Köln“, sagte Günter vom Anti-G8-Kreis Köln zur Rosenmontagsaktion. Etwa 80 Aktivisten aus verschiedenen Gruppen und Bündnissen setzten sich mit ihrem bunten und lauten Anti-G8-Frohsinn an die Spitze des Kölner Rosenmontagszuges. Mit Erfolg.


Karneval
Solle mer se durchlosse? – Polizei anfangs ratlos

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Am Rosenmontagmorgen finden sich gegen acht Uhr etwa vierzig kostümierte Menschen in der Titusstraße, Nähe Chlodwigplatz, in der Kölner Südstadt, ein. Für einige ist es noch früh, nach heftig gefeierter Nacht. Im diesigen Morgen bei fünf Grad frieren aber nicht nur sie. In Grüppchen stehen die Aktivisten zusammen. Sie kommen aus unterschiedlichen politischen Gruppen – das Spektrum reicht von attac, dem BUND bis hin zur radikalen Linken und „kein mensch ist illegal“. Unstimmigkeiten gibt es nicht. Heute zählt die gemeinsame Aktion.

Die Aktivisten begutachten ihre Kostüme und die Aktionsmaterialien, die sie hinterher brauchen werden. Sieben Samba-Trommler üben schon mal den richtigen Rhythmus. Andere kümmern sich um Lautsprecher und Anlage. Bald ertönen bekannte Karnevalslieder, und die Kostümierten singen sich ein. Das macht auch Sinn, denn die Texte sind umgedichtet. „Die Karawane zieht weiter, die Multis han Doosch“ heißt es da, statt dem bekannten „d'r Sultan hat Doosch“. Auch Klaus der Geiger taucht bald auf und singt kräftig mit.

Karneval
Für Presse und TV wurden diese Bilder jedenfalls nicht gemacht

Verstärkung gesucht

Mitorganisator Thomas läuft durch die Straße und fragt immer wieder: „Könntest du dir nicht vorstellen, eine der Puppen zu tragen?“ Joachim zögert zunächst. „Ich komme aus Düsseldorf und bin heute morgen um sechs Uhr aufgestanden“, meint er. „Später können wir auch tauschen, dann sind mehr Leute auf'm Zoch“, sagt Thomas. Schließlich erbarmt sich Joachim doch und schnallt sich die Puppe mit Hilfe der Rucksackkonstruktion um.

Auch eine attac-Aktivistin sucht noch Verstärkung. Sie hat aber mehr Glück, denn sie braucht nur noch zwei Leute, die ihr helfen, das Transparent mit dem Motto der Aktion zu tragen: „G8 – Wir verheizen die Welt“. So wollen die Aktivisten auf die negativen Folgen der G8-Politik aufmerksam machen. Der Klimawandel gehört für sie genauso dazu wie die Schulden der so genannten Entwicklungsländer. Weltweit werden zudem Menschen ausgebeutet statt ihnen soziale Rechte zu garantieren, so die Aktivisten.

Karneval
Motto des Zoch em Zoch
Fotos: Hans-Dieter Hey


Beobachtet, abgelichtet aber nicht in den Medien

Nach und nach kommen immer mehr Menschen zum Treffen. Auch die Polizei stellt sich ein und beobachtet das Treiben aus dem Park in der Nähe. „Stehen die Bullen routinemäßig da oder wegen uns?“ tönt es aus einem Huhn-Kostüm. Darauf die Erwiderung: „Die sind wahrscheinlich nur neidisch, dass sie nicht mitmachen dürfen.“

Nach anderthalb Stunden formiert sich der Zug. Unbehelligt zieht er durch die Straßen zum Chlodwigplatz. Neben der Deutschen Bank legt die Gruppe erst einmal Pause ein. Noch ist es zu früh, sich auf den Zugweg zu begeben. Die Sambatruppe nimmt dies zum Anlass und sorgt richtig für Stimmung. Derweil richten etwa sieben Fotografen ihre Objektive auf die Gruppe und machen die ersten Schnappschüsse. Nur sieht man später von ihren Fotos nichts auf den Lokalseiten des Kölner Zeitungsmonopols von M. DuMont Schauberg. Und ARD und ZDF erwähnen in ihren stundenlangen Rosenmontagsreportagen den „Zoch em Zoch“ mit keinem Wort.
 
Ein Fest für alle Sinne

Eine halbe Stunde später geht es los. Die mittlerweile achtzig Aktivisten ziehen in das Severinstor ein. Vorneweg zwei Jongleure. Einer wirbelt seine Ärmel umeinander. Sie haben die Form von Wassertropfen. Der andere hat an den Enden einer Stange farbige Bänder befestigt. Er dreht die Stange über seinem Kopf, wirft sie auch ab und zu in die Luft und fängt sie geschickt wieder auf. Ihnen folgt die Samba-Truppe. Zwischen ihren markanten, rythmischen Schlägen skandieren sie: „This is what democracy looks like“ - so sieht Demokratie aus. Ihnen folgen die Transparentträgerinnen: „G8- wir verheizen die Welt“. Beides, Motto und Transparentspruch, werden durch den Zug dargestellt. Zwei Bonzen mit Zylindern und Geld in Taschen und Mänteln ziehen einen Einkaufswagen mit einer Weltkugel hinter sich her. Ihnen auf dem Fuße folgen drei Meter hohe Puppen. Die Köpfe sind aus Pappmaché, sie haben Hände aus Schaumstoff, und ihre Körper bestehen aus schwarzem Tuch. Die ersten acht stellen die G8-Regierungschefs dar, darauf verweisen die aufgenähten Landesfahnen. Weitere vier Puppen folgen. Sie zeigen symbolisch einige Opfer der G8-Politik: ein Huhn, ein abgestorbener Baum, ein Fisch und zwei einfach gekleidete Menschen.

Widerstand braucht Standhaftigkeit

Die Schläge der Trommler hallen von den Wänden des Severinstors wider. Der Rhythmus ist mitreißend. Offensichtlich wirkt das auf die Polizisten aber anders. Sie versuchen, die Gruppe von ihrem Vorhaben abzubringen. Der Anführer der Sambagruppe bleibt standhaft, bricht die Musik nicht ab, lässt sich aber darauf ein, erst einmal auf der Stelle stehen zu bleiben. Die Polizisten schauen sich den Zug genauer an. „Es sind dreizehn große Puppen“, gibt eine Beamtin an ihre Kollegen weiter. Das scheint für etwas Entspannung zu sorgen. Zwei Meter weiter allerdings steht ein Polizist neben dem Stativ seiner Kamera und hält alles digital fest. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

D'r Zoch kütt....
 
Dann setzt sich die Gruppe endgültig in Bewegung. Rechts und links säumen kostümierte Schaulustige den Weg. Viele Kinder sind darunter, und alle haben sichtlich Spaß, diesen ungewöhnlichen Zug zu sehen. Begeistert singen die Jecken die Karnevalslieder mit. Den wenigsten fällt auf, dass die Texte verändert wurden. Es liegt Aufbruchstimmung liegt in der Luft. Für sie hat endlich der Rosenmontagszug begonnen.

Jetzt kommen Leute in schwarzer Business-Kleidung, die wie Geschäftemacher aussehen, zum Zug. Sie flankieren die Puppenträger und verteilen faire Schokoladenkugeln und Sesamriegel. Außerdem drücken sie den Zuschauern Zugfahrkarten in die Hand. „D'r Zoch kütt...“ ist darauf zu lesen. Größe und Stil erinnern an eine Fahrkarte der Deutschen Bahn. Viele schauen sich denn auch die Karte erst einmal verwirrt an. „Is dat für Freibier?“ fragt ein Clown. „Ne Karte nach Roschtock? Wat soll ich denn in Roschtock?“ lässt sich eine Närrin mit gepunktetem Kostüm und winzigem Hut vernehmen. Sie dreht die Karte um und entdeckt, dass es sich um eine politische Aktion handelt. „... auch am 1. Juni 2007. Dann fährt er nach Heiligendamm / Rostock“, geht der Text auf der Rückseite weiter. Ein Hinweis auf das G8-Gipfeltreffen und die Proteste, die dort dagegen geplant sind.

Der Zug zieht weiter. Viele andere Jecken reißen den Businessleuten die Karten förmlich aus der Hand. Die meisten schmunzeln über den Titel auf der Vorderseite und fangen an zu lesen. Wie viele wirklich von Neugier getrieben später unter www.G8-pappnasen.de nachgeschaut haben, um zu erfahren, was hinter der Aktion steckt, bleibt ein Geheimnis. Aber vielleicht reicht das den Aktivisten auch für's Erste. „Das hier ist der witzige Auftakt“, hatte Günter noch vor Zugbeginn erklärt. „Wir wollen die Leute informieren und mobilisieren, nach Rostock zu den Protesten zu fahren. Deswegen auch die symbolische Fahrkarte. Am 17. März geht’s dann weiter. Wir machen einen ersten Gipfel in Köln mit Workshops und Infoständen. Das ist dann für die Leute, die mehr wissen wollen.“

Weitere Infos über die kommenden Aktivitäten und Veranstaltungen unter www.G8-pappnasen.de.



Online-Flyer Nr. 83  vom 21.02.2007

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Von Kostas Koufogiorgos
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