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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Sport
Nachruf auf das „Wintermärchen“ von der Handball-WM
Deutschland, einig Ballermann
Von Tanja Krienen

„…denn schon, wo viele Gäste sind, ist viel Pack – und hätten sie auch sämtlich Sterne auf der Brust. Überhaupt aber tragen glänzende, rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Misston im Innern, schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unseres Daseins laut widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit…So ist denn fast alles in der Welt hohle Nüsse zu nennen.“ Aus „Paränesen und Maximen“ von Arthur Schopenhauer.

Was in der Nacht zum 10. November 1989 begann, erlebte gestern einen weiteren Höhepunkt – wo anders als in Köln?

Handball

„Handball-Helden“ - auf der DHB-Webseite
Foto: DHB-living sports

Bei unzähligen Sauflauben am Ballermann und ähnlichen Orten, lernten die Deutschen die Welt kennen – und veränderten das eigene Land nachhaltig. Selbst die Hupe wird inzwischen auf jedem Dorf so gebraucht, wie im Feierabendverkehr zu Kairo. Vom „Südländische Flair“ ist heute jener importierte Misston um Mitternacht übrig geblieben, der dir den Schlaf raubt. Sie reden von der Klimakatastrophe, doch die, die sie selber darstellen, wird ihnen nicht mal bewusst, wenn man ihnen den Spiegel vorhält. WIR, das sind wir sehr real, wenn es „geil“ ist, doch WIR sind nur abstrakt, wenn es real werden soll. Schuld ist die Industrie, die Politik, „der Bush“– nicht wir, nicht „meine Familie“, nicht mein eigener Leib, jener, mit ein bisschen Hirn daran. Der läuft quasi außer Konkurrenz mit und könnte, wenn er wollte, will aber nicht, wenn er muss, weil: das wäre uncool. Und cool sein will er nur dann, wenn es heiß zugeht – vor allem auf den Zuschauer-Rängen, versteht sich.

Sie malen sich Farben ins Gesicht, tragen komische Hüte, hüllen sich in Fahnen ein – um was geht, ist ihnen dabei wurscht und schnurz, Hauptsache: Sie sind adabei. Der inszenierte Frohsinn, der amokartige Jubel, die überbordende Borderline-Exzentrik – sie ist alles andere, nur keine Freude, die den eigentlichen Anlass beinhaltet. Dieser rückt in den Hintergrund, da „wir doch alle“ Fußball-, Handball- oder Biathlonfans sind. Da wird selbst das Verrückteste zum Sport erklärt, und sei es auf Scheiben schießen und Ski fahren (Warum nicht auf Hunden reiten und Purzelbaum schlagen?), wichtig ist die „Äktschen“, und dass am Ende das WIR zum Sieg geführt wird, wenn schon das ICH sonst nichts darüber entwickelt.

Selbstverständlich ist Jubeln erlaubt. Wer wirkliche Freude empfindet, wird dies tun: kurz, angemessen, gezielt, begründet, echt. War die Fußball-WM 1974 ein Ereignis, das auf immer präsent sein wird, mit normaler Begeisterung, Fußballfans mit SACHVERSTAND und einem gewachsenen Interesse in der Sache und wegen der Sache, war die WM 2006 nicht nur die sportlich jämmerlichste (auf gleicher „Höhe“ mit der von 1990), sondern auch völlig belanglos (man frage mal spontan eines dieser Jubelmädels in der Fußgängerzone, wer denn „unser“ Auftaktgegner im Juni war und wie das 3. Vorrundenspiel gegen wen endete). Geschichten wurden gemacht, sie ereigneten sich nicht wirklich.

Nicht anders nun bei der Handball-WM (die ganze Unkenntnis spiegelte sich auf dem Gesicht des Bundespräsidenten ab, noch mehr, als in seinen Reden zur Nation). Die stereotypen Reaktionen nach dem Abpfiff sprachen für sich. Man könne „das jetzt noch nicht realisieren“, würde „später erst begreifen, was passiert ist“, sei „überwältigt von dem Jubel“, kurz: das Hier und Jetzt wird zur Geschichte erklärt und mit Bildern, die andere herstellen, und denen man erst entsprechen muss, modelliert. Sie fertigen Schablonen, stanzen Fragmente, füllen sie zum Schluss mit kalkulierten Wort- und Emotionshülsen auf. Die Legende bildet Mythen und schafft sich selbst. Sie aber schaffen den Sport ab.

Es jingelt der Mitklatschklingelton nach den Toren, sogar vor den Siebenmetern dröhnt die Lautsprecherbox Bumm-Bumm-Rhythmen – und kein Torwart verweigert die Aufstellung, da er sich gestört fühlt. Niemand fühlt sich gestört. Es stört, wer darauf hinweist, dass er so nicht spielen kann.

„Die Hochkultur hat das Ringen mit der Massenkultur verloren“, sagt Sloterdijk in der aktuellen PSYCHOLOGIE HEUTE. Treffend das (im Detail darf widersprochen werden), denn: Der Massenmensch will in der Masse sein, will die Masse sein, will in ihr untergehen. Dies ist wörtlich zu nehmen. In Mel Gibsons „Apokalypto“ steht die Maya-„Kultur“ nicht mehr im Zenit – ihr Stern sinkt bereits, als sie ihre Schlachtfeste, Kriege und Kulte feiern. In diesem Moment legen die Schiffe der Spanier an…


Online-Flyer Nr. 81  vom 07.02.2007

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Von Kostas Koufogiorgos
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