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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Medien
Schwarzers Alleinvertretungsanspruch im bundesdeutschen Feminismus
Good bye EMMA - ein langer Abschied
Von Katja Kleinert

Mit zwölf Jahren wurde ich mit der ersten EMMA-Ausgabe konfrontiert: grau und unscheinbar lag sie bei uns auf dem Küchentisch. Immerhin, es gab eine Mädchenseite, wo es nicht um Mode, Popstars und Jungs ging, sondern einen Fußball zu gewinnen gab. Ich persönlich fand Fußball leider damals schon völlig uninteressant, aber wer weiß, vielleicht wurde in den Köpfen anderer Mädchen ja die Saat für die Fußballweltmeisterinnenschaft von 2003 gelegt.

In unserer Studenten-WG in den späten 80ern wurde EMMA regelmäßig gelesen. EMMA forderte lautstark und mit der nötigen Penetranz die Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Sexismus: Mißbrauch von Kindern, Genitalverstümmelung, Porno, geringerer Lohn für gleiche Arbeit und und und. Hierin lag m.E. die ursprüngliche Stärke von EMMA - die kleineren und größeren Alltagsdiskriminierungen zu sammeln und zu bündeln: Texte und Bilder, die frau bei Bedarf männlichen Freunden und Feinden um die Ohren hauen konnte.


Alice Schwarzer
Alice Schwarzer - Glückwünsche auch von Michael Schumacher
Foto: Alice Schwarzer-homepage


Ein Unbehagen schlich sich aber schon damals ein. Für EMMA  schien der Sexismus das grundlegende gesellschaftliche Unterdrückungsmoment zu sein. Wenn Frauen die Hälfte vom Kuchen erobern, dann ist die Welt in Ordnung? Reicht es, die Gleichberechtigung von Frauen im Rahmen des bestehenden Gesellschaftssystems anzustreben?

Gemäß dieser Logik widmete EMMA systemimmanent erfolgreichen Frauen wie z.B. der damaligen erzkonservativen britischen Regierungschefin Margaret Thatcher unkritische Artikel oder hielt die Forderung “Frauen in die Bundeswehr” für einen Beitrag zur Gleichberechtigung.

Unsere Vorstellungen von Feminismus sahen anders aus. Die Abschaffung jeglicher Formen von Ausbeutung und Unterdrückung waren für uns selbstverständlicher Bestandteil einer feministischen Utopie. Und dazu gehörte für uns ebenso eine Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Rassismus und imperialistischer Kriegführung.

1987/88 nahm dieses Unbehagen konkrete Formen an. Anlaß war die Verhaftung der ehemaligen EMMA-Journalistin und Schriftstellerin Ingrid Strobl unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Die Anklage gegen sie basierte auf ihrer Identifizierung als Käuferin eines Weckers, der später als Zündvorrichtung bei einem Bombenanschlag der Revolutionären Zellen verwendet worden war. Nach ihrer eigenen Aussage hatte Ingrid Strobl den Wecker auf Bitten eines Bekannten gekauft, weigerte sich aber, diesen Bekannten gegenüber der Staatsanwaltschaft zu denunzieren. Ein Großteil der feministischen Linken erklärte sich mit Strobl solidarisch und unterstützte sie in ihrer Weigerung, eine andere Person der Repressionsmühle auszuliefern, durch die sie gerade selber gedreht wurde. Aber ausgerechnet EMMA fiel ihr in den Rücken. EMMA-Redakteurinnen machten Aussagen vor Gericht, im Blatt wurde Ingrid Strobl der staunenden Öffentlichkeit als dummes Naivchen vorgeführt, die einem dämonisch aufgeblasenen “Mister X” hörig sei. Sah so feministische Solidarität aus?

Möglicherweise war dies aber auch eine verspätete Abrechnung mit einer Journalistin, die sich nicht Alice Schwarzers Alleinvertretungsanspruch des bundesdeutschen Feminismus innerhalb und außerhalb von EMMA fügen wollte. In den 90er Jahren kursierten immer mehr Geschichten über den autokratischen Führungston, mit dem Alice Schwarzer “ihre” Zeitschrift im Griff hatte, Kritikerinnen mundtot machte und vor die Tür setzte.

Etwa zur gleichen Zeit “entdeckte” EMMA den islamischen Fundamentalismus, der sich seitdem als eines der immer wiederkehrenden Hauptthemen durchs Blatt zieht. (Die Existenz anderer fanatischer religiöser Strömungen hat EMMA dezent ignoriert.) Leider handelt es sich dabei weniger um eine echte Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus, seinen Ursachen und Hintergründen, sondern um eine ständige Wiederholung und Aneinanderreihung rassistischer Stereotypen. EMMA macht sich zum Sprachrohr der vermeintlich hilf- und wehrlosen Frauen aus islamischen Ländern, ohne zu fragen, ob dies überhaupt erwünscht ist, anstatt nichtdeutschen Frauen eine Plattform für ihren eigenen unzensierten Blick auf die Problematik zu bieten. Migrantinnen und Frauen aus islamischen Ländern taugen für EMMA nur in der Opferrolle. EMMA steht hier für eine eurozentristische Sichtweise, die sich in nichts von der der männlich dominierten Massenmedien unterscheidet.
Und heute? Der “Feminismus” von EMMA (oder sollte ich direkt schreiben: der von Alice Schwarzer?) ist salonfähig geworden. Der Teil der Frauenbewegung, der sich von EMMA repräsentieren läßt, ist am Tisch der Macht angekommen. Frau Schwarzer tummelt sich in den Medien und Talkshows und sammelt zum 30. EMMA-Geburtstag Gratulationen von Personen wie Angela Merkel und Roland Koch. 

Da stellt sich die Frage: Wozu brauchen wir dann diese Art von Feminismus heute noch? Wenn EMMA von etablierten PolitikerInnen gelobt und gefeiert wird, ist dann der Sexismus  inzwischen abgeschafft worden, und ich habe irgendwas nicht mitbekommen?

Obwohl ich inzwischen das ideale EMMA-Zielpublikum darstelle - als mittelalte, mittelmäßig erfolgreiche Mittelstandsfrau -, scheint mir diese Zeitschrift inzwischen älter und spießiger als ich selber. 

So oder so, EMMA hat sich selbst überflüssig gemacht. 30 Jahre sind genug.


Online-Flyer Nr. 80  vom 31.01.2007

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