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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 6
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
2. Teil
Von Madrid nach Barcelona
1.

Das Flugzeug holperte über die Landepiste. Nachdem es zum Stehen gekommen war und sich die Türen zur Gangway geöffnet hatten, folgte Felix dem Hauptstrom der Reisenden zur Metrostation Aeropuerto und blickte sich neugierig um. Läden, Rolltreppen, Menschen, so richtig spanisch kam er nur sich selber vor. Er las noch einmal den markierten Abschnitt aus Pierre Sanders Brief: »Ich bin ein alter Mann und wohne sehr weit vom Flughafen entfernt. Ich werde Sie am Eingang des Hotels ›Mediodia‹ erwarten. Es befindet sich unweit der Station Atocha. Sie werden mich leicht erkennen.«
Woran? fragte sich Felix. Ob er eine Fahne mit Hammer und Sichel oder ein Schild mit der Aufschrift »No pasaran« hochhalten wird? Beim Kauf von Fahrkarten erhält man in Madrid gratis einen Metrofahrplan. Felix suchte darauf die Station Atocha. Dreimal umsteigen! Die erste unangenehme Überraschung. Unterwegs rief er Sophie an. Ihre Stimme klang immer noch so wie beim Abschied.
Das Hotel Mediodia am Rande der Plaza Emperator Carlos V ist deshalb leicht zu finden, weil der Name groß und breit am Haus leuchtet. Auch seinen Gastgeber in Madrid brauchte Felix nicht suchen. Er trat lächelnd aus dem Hoteleingang auf ihn zu und begrüßte ihn mit denWorten: »Willkommen in Spanien, Herr Felix!« Er trug keine Fahne, aber auf dem Kopf eine ungewöhnlich große, schwarze Baskenmütze. Felix hätte ihn nie über neunzig Jahre alt geschätzt. »Woran haben Sie mich erkannt?«, fragte er neugierig.
Der Alte gab statt einer Antwort ein Zeichen, ihm zu folgen. Unterwegs sprach er kaum einWort. Felix merkte, wie schwer ihm das Laufen fiel. Vor einem kleinen dreieckigen Platz blieb er stehen. Links befand sich eine Kneipe, rechts ein Schönheitssalon für »Senoras und Caballeros«. Sanders zeigte auf die zum Platz führenden Straßen Calle Jesus und Calle Santa Maria. »Hier wohne ich sicher.Wenn Jesus nicht im Dienst ist, hilft die Jungfrau Maria. Kommen Sie, Herr Felix.« Der schüttelte lächelnd den Kopf. »Sagen Sie du zu mir, auch wenn ich nicht im Bürgerkrieg gekämpft habe.«
Die Wohnung des alten Mannes bestand aus zwei Räumen und einer winzigen Küche. Der Hausherr führte Felix in das Zimmer links vom Flur, durch dessen Fenster die Sonne schien. Hinter einem runden Tisch stand eine mit Bettwäsche frisch bezogene Couch. Zwei dunkelbraune Holzstühle, Radio und Bücherregal ergänzten das Mobiliar. »Hier kannst du schlafen. Nicht perfekt, Felix.Aber meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben.«
In der Küche roch es nach Knoblauch. Auf einem wackligen Tisch fanden Salatschüsseln, Baquettstangen, ein Brotkorb, ein Wasserkrug und zwei Gläser kaum Platz. Der Gast ließ sich nicht zweimal zum Zugreifen auffordern.
Felix hatte alle Grüße bestellt und ausführlich geschildert, warum und wie er nach Madrid gekommen war. »Für lange Vorbereitungen fehlte mir leider die Zeit«, sagte er, »aber ein Buch über den Bürgerkrieg, das mir Ihr Freund gegeben hat, habe ich fast durchgelesen und ein bisschen kenne ich auch den Interbrigadisten Pierre Sanders.«
»Amigo Silbermann hat geplaudert?«
»Klar, wer sonst.« Felix holte sein Diktiergerät. »Darf ich?«
»Meinetwegen.«
»Herr Sanders, Sie hatten einen Job in Brüssel als Konditor, immer lagen sozusagen die schönsten Leckereien griffbereit und … und dann ließen Sie 1936 alles stehen und fuhren nach Spanien in den Krieg?«
»Warum ich das getan habe, möchtest du wissen?« Sanders Augen begannen schalkhaft zu glitzern. »Nun ganz einfach, weil die Kuchen damals in Brüssel immer schlechter wurden!«
»Sie reden wohl nicht gern über alte Zeiten?« »Nicht oft. Weil selten jemand etwas von mir darüber wissen will. Du bist eine große Ausnahme. Deshalb habe ich mich extra vorbereitet.«
»Ich habe mich auch vorbereitet. Schickte die spanische Regierung Werber in alle Länder um Kämpfer gegen Franco zu gewinnen?«
Der alte Pierre hob stolz den Kopf. »Nein! Wir Antifaschisten nahmen das natürlich selbst in die Hand.«
Er griff nach einem bereit liegenden Zettel und las vor. »
1.Am 22.7.1936 sammeln sich deutsche und Antifaschisten aus anderen Ländern in Barcelona. Die Grupo Thälmann wird gebildet und an die Aragonfront geschickt.
2. Am 7. August 1936 - Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Unterstützung der Volksfront.
3. Am 9. Oktober 1936 läuft in Alicante ein Schiff mit 650 Freiwilligen aus verschiedenen Ländern ein.
4. Am 16. Oktober 1936 - Offizielle Bestätigung der spanischen Regierung für die Aufstellung der Interbrigaden als Bestandteil der spanischen Volksarmee.«
Sanders ließ das Blatt sinken und blickte Felix an. »So war das damals, junger Freund. Meine Genossen und ich erfuhren in Brüssel von dem Putsch und der Aufstellung der Interbrigaden. Natürlich wollten wir der spanischen Republik helfen. Aber das war nicht der einzige Grund. Wir sahen ja, welch tödlicher Sturm sich in Deutschland und Italien zusammen braute und wussten, dass es nicht nur um Spanien ging, sondern um den Frieden auf der ganzen Welt. Deshalb setzten wir uns in den Zug.«
»Sie setzten sich in den Zug? Funktionierte das denn so einfach? Fahrkarte kaufen und los … Wurde an den Grenzen nicht kontrolliert?«
Sanders räumte den Tisch ab. Felix wollte helfen, aber mit einer Handbewegung hielt er ihn davon ab. Er zeigte schmunzelnd auf das Diktiergerät. »Das macht mich ein bisschen nervös, verstehst du?«
2.

In vielen Städten der Welt wird zur Solidarität
mit der Spanischen Republik aufgerufen.
Stockholm 1936
Foto:
Vor der Cerveceria auf dem kleinen Platz zwischen der Calle Jesus und Calle Santa Maria standen weiße runde Tische und Stühle. Pierre Sanders und sein Gast hatten kaum Platz genommen, als Felix eine Menschenmenge bemerkte, die sich langsam am Schönheitssalon vorbei bewegte.
Der alte Herr klärte ihn auf. »Sie zeigen heute in der Kirche eine Reliquie. Vielleicht einen Zahn von Jesus oder den Spazierstock der Maria.«
»Und so was wollen viele Menschen sehen?«
Sanders nickte. »Das ist der Vorteil der katholischen Kirche. Sie haben immer was Überirdisches zum Vorzeigen. Wir nur unsere realen roten Sterne.«
Ein Kellner stellte ohne Aufforderung zwei Gläser mit Bier auf den Tisch. Der alte Pierre trank sichtbar genussvoll. Felix Frage hatte er nicht vergessen.
»Wie ich 1936 nach Spanien reiste? Einen gültigen Pass besaß ich nicht, aber die französischen Grenzbeamten lächelten nur freundlich bei der Kontrolle. Ich fuhr ohne Probleme durch bis Paris.Am Place de Combat gab es ein Tor, an das man nur klopfen und ›Espana‹ sagen musste.Was im Hof dahinter ablief, kannst du dir nicht vorstellen. Engländer, Schweizer, Amerikaner, Japaner, Mexikaner, Neuseeländer … Nur die Lieder, die wir sangen, verstanden alle.«
»Spaniens Himmel breitet seine Sterne?«
»Das kam später dazu.Avanti lo, die Marseillaise, die Internationale…ja, die immer wieder. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung, sage ich dir, wir umarmten uns wie alte Freunde. Viele Kameraden hatten Strapazen und Abenteuer hinter sich, Bahnfahrten ohne Geld, als blinde Passagiere auf Schiffen, illegale Märsche über Gebirge. Ein Österreicher hatte den Weg von Graz bis Ventimiglia, dem Grenzort zwischen Italien und Frankreich, mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die meisten Kameraden besaßen keine gültigen Pässe. Bekannten Antifaschisten wurden in angeblich so demokratischen Ländern wie Schweden, England, Belgien die Reisepapiere verweigert. Noch schwerer war es für die Kameraden aus dem faschistischen Deutschland oder Italien. Stempel auf geklauten Blankopässen wurden mit Hilfe von geschälten heißen Hühnereiern gefälscht.«
»Da muss doch absolutes Chaos geherrscht haben.«
»Nein! Dreimal Nein! Die Organisation funktionierte perfekt. Jeder der angekommen war, erhielt ein Quartier für drei Tage, entweder in kleinen Pensionen, meist aber nahmen uns Privatleute auf. Das war die Reaktion der einfachen Menschen auf den Putsch in Spanien, Felix! Nicht die der französischen Regierung. Die zerbrach sich längst den Kopf über Embargomaßnahmen gegen die spanische Republik.«
Sanders winkte dem Kellner.
»Und wie weiter von Paris?«
»Sind alle jungen Männer in Deutschland so ungeduldig wie du?«
»Pardon.«
Der Alte beugte sich über den Tisch. »Lass mal. Ich freue mich ja. Wie weiter von Paris also. Nach drei Tagen saßen wir wieder in einem Zug. An der spanischen Grenze musste jeder ein Dokument unterschreiben, auf dem stand, dass er auf eigene Verantwortung das Land betrat. Meine Augen erblickten keinen, der nicht unterschrieben hat. Später machten die Franzosen die Grenze dicht.« Sanders trank aus und winkte dem Kellner nach einem weiteren Bier. »Ich kam nach Albacete ins Ausbildungscamp. Albacete liegt in der Mancha. Schön heiß war es dort, das kannst du wissen. Prima Badewetter. Aber nicht für uns. Los ging's ohne Vorwarnung. Üben, üben, üben! Marschieren, Angriff in Schützenketten, Verteidigung, Schützengräben buddeln, das war für mich total was anderes als Buttercreme auf Torten spritzen. Nicht nur mir fiel es schwer. Die meisten Kameraden hielten zum ersten Mal ein Gewehr in der Hand. Geschossen haben wir nur theoretisch. Munition war knapp. Wir haben geschwitzt und geflucht, aber Albacete war ein Paradies im Vergleich zu dem, was danach kam.«
Er kramte aus seiner Hosentasche eine Blechmarke hervor. »Die kriegt jeder Soldat auf derWelt, bevor er in den Kampf zieht. Damit sie später wissen, wessen zerschossener Schädel im Graben liegt.«
Felix nahm die Marke andächtig in die Hand. Oder damit man sie später Jüngeren stolz lebend zeigen kann, dachte er.
Nach dem zweiten Glas Bier rückte Pierre mit einer Überraschung heraus. »Eine Frau, die mich interessieren wird?«, Felix tat nicht nur erstaunt. »Eine ehemalige Krankenschwester aus dem Bürgerkrieg, vermute ich mal.«
»Interessieren dich nur über neunzig Jahre alte Frauen?«, scherzte Sanders. »Nein, meine Überraschung ist gerade mal einundzwanzig und heißt Dolores. Aber nun reicht es hier. Komm!«
Die Sonne hatte an diesem Tag noch nicht genug von Madrid gesehen. Felix so gut wie überhaupt nichts. Und ausruhen, wie ihm sein Gastgeber vorsorglich geraten, wollte er sich auch nicht.Was heißt, anstrengenden Tag gehabt, dachte er und an Sanders angekündigte Überraschung, Dolores.Wie würde sie aussehen? Er blickte zur Uhr und erschrak. Halb zehn. Scheiße! Vor einer halben Stunde nicht wie versprochen voll auf Sophie konzentriert. Dann eben jetzt und eine SMS mit viel Gefühl.
Danach verließ er so leise wie möglich Wohnung und Haus. Erst auf der Straße fiel ihm ein, dass er keinen Schlüssel hatte. Er starrte hilflos auf das Straßenschild: Calle de Santa Maria. Die Mutter Gottes schickte augenblicklich Hilfe. Neben seinen Füßen klirrte etwas zu Boden. Pierre Sanders oben am Fenster winkte. Madrid ruft am Abend anscheinend sämtliche Einwohner und Gäste der Stadt auf die Straßen. Auf der Calle de Atocha fuhren die Autos beängstigend schnell hinter einander her, ohne dass die Fahrer aggressiv hupten. Felix betrachtete Schaufenster, schaute Vorübergehenden ins Gesicht und fühlte sich gleichzeitig erregt und verlassen. Wusste nicht, wohin mit sich und seiner Lebenslust. Am Neptunbrunnen, an der Plaza de Casanova del Castillio fand eine Art Wasserschlacht statt. Fußballfans feierten den Sieg ihrer Mannschaft. Rotweißgestreifte Schals wurden ausgelassen geschwenkt. »Viva Atletico«, erklang aus vielen Kehlen. Neugierig überquerte Felix die Straße und wurde am Brunnen sofort von einem bulligen Kerl angesprochen.
»Ich verstehe nicht. Perdone! No entiendo!«
Was der Kerl redete, brauchte Felix nicht zu verstehen.Was er wollte, gelang ihm ohne Worte: den Fotoapparat aus dem Rucksack. Als Felix den Verlust bemerkte, war alles zu spät...
"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 80 vom 31.01.2007
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Ein Lied kehrt zurück - Folge 6
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
2. Teil
Von Madrid nach Barcelona
1.

Das Flugzeug holperte über die Landepiste. Nachdem es zum Stehen gekommen war und sich die Türen zur Gangway geöffnet hatten, folgte Felix dem Hauptstrom der Reisenden zur Metrostation Aeropuerto und blickte sich neugierig um. Läden, Rolltreppen, Menschen, so richtig spanisch kam er nur sich selber vor. Er las noch einmal den markierten Abschnitt aus Pierre Sanders Brief: »Ich bin ein alter Mann und wohne sehr weit vom Flughafen entfernt. Ich werde Sie am Eingang des Hotels ›Mediodia‹ erwarten. Es befindet sich unweit der Station Atocha. Sie werden mich leicht erkennen.«
Woran? fragte sich Felix. Ob er eine Fahne mit Hammer und Sichel oder ein Schild mit der Aufschrift »No pasaran« hochhalten wird? Beim Kauf von Fahrkarten erhält man in Madrid gratis einen Metrofahrplan. Felix suchte darauf die Station Atocha. Dreimal umsteigen! Die erste unangenehme Überraschung. Unterwegs rief er Sophie an. Ihre Stimme klang immer noch so wie beim Abschied.
Das Hotel Mediodia am Rande der Plaza Emperator Carlos V ist deshalb leicht zu finden, weil der Name groß und breit am Haus leuchtet. Auch seinen Gastgeber in Madrid brauchte Felix nicht suchen. Er trat lächelnd aus dem Hoteleingang auf ihn zu und begrüßte ihn mit denWorten: »Willkommen in Spanien, Herr Felix!« Er trug keine Fahne, aber auf dem Kopf eine ungewöhnlich große, schwarze Baskenmütze. Felix hätte ihn nie über neunzig Jahre alt geschätzt. »Woran haben Sie mich erkannt?«, fragte er neugierig.
Der Alte gab statt einer Antwort ein Zeichen, ihm zu folgen. Unterwegs sprach er kaum einWort. Felix merkte, wie schwer ihm das Laufen fiel. Vor einem kleinen dreieckigen Platz blieb er stehen. Links befand sich eine Kneipe, rechts ein Schönheitssalon für »Senoras und Caballeros«. Sanders zeigte auf die zum Platz führenden Straßen Calle Jesus und Calle Santa Maria. »Hier wohne ich sicher.Wenn Jesus nicht im Dienst ist, hilft die Jungfrau Maria. Kommen Sie, Herr Felix.« Der schüttelte lächelnd den Kopf. »Sagen Sie du zu mir, auch wenn ich nicht im Bürgerkrieg gekämpft habe.«
Die Wohnung des alten Mannes bestand aus zwei Räumen und einer winzigen Küche. Der Hausherr führte Felix in das Zimmer links vom Flur, durch dessen Fenster die Sonne schien. Hinter einem runden Tisch stand eine mit Bettwäsche frisch bezogene Couch. Zwei dunkelbraune Holzstühle, Radio und Bücherregal ergänzten das Mobiliar. »Hier kannst du schlafen. Nicht perfekt, Felix.Aber meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben.«
In der Küche roch es nach Knoblauch. Auf einem wackligen Tisch fanden Salatschüsseln, Baquettstangen, ein Brotkorb, ein Wasserkrug und zwei Gläser kaum Platz. Der Gast ließ sich nicht zweimal zum Zugreifen auffordern.
Felix hatte alle Grüße bestellt und ausführlich geschildert, warum und wie er nach Madrid gekommen war. »Für lange Vorbereitungen fehlte mir leider die Zeit«, sagte er, »aber ein Buch über den Bürgerkrieg, das mir Ihr Freund gegeben hat, habe ich fast durchgelesen und ein bisschen kenne ich auch den Interbrigadisten Pierre Sanders.«
»Amigo Silbermann hat geplaudert?«
»Klar, wer sonst.« Felix holte sein Diktiergerät. »Darf ich?«
»Meinetwegen.«
»Herr Sanders, Sie hatten einen Job in Brüssel als Konditor, immer lagen sozusagen die schönsten Leckereien griffbereit und … und dann ließen Sie 1936 alles stehen und fuhren nach Spanien in den Krieg?«
»Warum ich das getan habe, möchtest du wissen?« Sanders Augen begannen schalkhaft zu glitzern. »Nun ganz einfach, weil die Kuchen damals in Brüssel immer schlechter wurden!«
»Sie reden wohl nicht gern über alte Zeiten?« »Nicht oft. Weil selten jemand etwas von mir darüber wissen will. Du bist eine große Ausnahme. Deshalb habe ich mich extra vorbereitet.«
»Ich habe mich auch vorbereitet. Schickte die spanische Regierung Werber in alle Länder um Kämpfer gegen Franco zu gewinnen?«
Der alte Pierre hob stolz den Kopf. »Nein! Wir Antifaschisten nahmen das natürlich selbst in die Hand.«
Er griff nach einem bereit liegenden Zettel und las vor. »
1.Am 22.7.1936 sammeln sich deutsche und Antifaschisten aus anderen Ländern in Barcelona. Die Grupo Thälmann wird gebildet und an die Aragonfront geschickt.
2. Am 7. August 1936 - Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands zur Unterstützung der Volksfront.
3. Am 9. Oktober 1936 läuft in Alicante ein Schiff mit 650 Freiwilligen aus verschiedenen Ländern ein.
4. Am 16. Oktober 1936 - Offizielle Bestätigung der spanischen Regierung für die Aufstellung der Interbrigaden als Bestandteil der spanischen Volksarmee.«
Sanders ließ das Blatt sinken und blickte Felix an. »So war das damals, junger Freund. Meine Genossen und ich erfuhren in Brüssel von dem Putsch und der Aufstellung der Interbrigaden. Natürlich wollten wir der spanischen Republik helfen. Aber das war nicht der einzige Grund. Wir sahen ja, welch tödlicher Sturm sich in Deutschland und Italien zusammen braute und wussten, dass es nicht nur um Spanien ging, sondern um den Frieden auf der ganzen Welt. Deshalb setzten wir uns in den Zug.«
»Sie setzten sich in den Zug? Funktionierte das denn so einfach? Fahrkarte kaufen und los … Wurde an den Grenzen nicht kontrolliert?«
Sanders räumte den Tisch ab. Felix wollte helfen, aber mit einer Handbewegung hielt er ihn davon ab. Er zeigte schmunzelnd auf das Diktiergerät. »Das macht mich ein bisschen nervös, verstehst du?«
2.

In vielen Städten der Welt wird zur Solidarität
mit der Spanischen Republik aufgerufen.
Stockholm 1936
Foto:
Vor der Cerveceria auf dem kleinen Platz zwischen der Calle Jesus und Calle Santa Maria standen weiße runde Tische und Stühle. Pierre Sanders und sein Gast hatten kaum Platz genommen, als Felix eine Menschenmenge bemerkte, die sich langsam am Schönheitssalon vorbei bewegte.
Der alte Herr klärte ihn auf. »Sie zeigen heute in der Kirche eine Reliquie. Vielleicht einen Zahn von Jesus oder den Spazierstock der Maria.«
»Und so was wollen viele Menschen sehen?«
Sanders nickte. »Das ist der Vorteil der katholischen Kirche. Sie haben immer was Überirdisches zum Vorzeigen. Wir nur unsere realen roten Sterne.«
Ein Kellner stellte ohne Aufforderung zwei Gläser mit Bier auf den Tisch. Der alte Pierre trank sichtbar genussvoll. Felix Frage hatte er nicht vergessen.
»Wie ich 1936 nach Spanien reiste? Einen gültigen Pass besaß ich nicht, aber die französischen Grenzbeamten lächelten nur freundlich bei der Kontrolle. Ich fuhr ohne Probleme durch bis Paris.Am Place de Combat gab es ein Tor, an das man nur klopfen und ›Espana‹ sagen musste.Was im Hof dahinter ablief, kannst du dir nicht vorstellen. Engländer, Schweizer, Amerikaner, Japaner, Mexikaner, Neuseeländer … Nur die Lieder, die wir sangen, verstanden alle.«
»Spaniens Himmel breitet seine Sterne?«
»Das kam später dazu.Avanti lo, die Marseillaise, die Internationale…ja, die immer wieder. Es herrschte eine unglaubliche Stimmung, sage ich dir, wir umarmten uns wie alte Freunde. Viele Kameraden hatten Strapazen und Abenteuer hinter sich, Bahnfahrten ohne Geld, als blinde Passagiere auf Schiffen, illegale Märsche über Gebirge. Ein Österreicher hatte den Weg von Graz bis Ventimiglia, dem Grenzort zwischen Italien und Frankreich, mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die meisten Kameraden besaßen keine gültigen Pässe. Bekannten Antifaschisten wurden in angeblich so demokratischen Ländern wie Schweden, England, Belgien die Reisepapiere verweigert. Noch schwerer war es für die Kameraden aus dem faschistischen Deutschland oder Italien. Stempel auf geklauten Blankopässen wurden mit Hilfe von geschälten heißen Hühnereiern gefälscht.«
»Da muss doch absolutes Chaos geherrscht haben.«
»Nein! Dreimal Nein! Die Organisation funktionierte perfekt. Jeder der angekommen war, erhielt ein Quartier für drei Tage, entweder in kleinen Pensionen, meist aber nahmen uns Privatleute auf. Das war die Reaktion der einfachen Menschen auf den Putsch in Spanien, Felix! Nicht die der französischen Regierung. Die zerbrach sich längst den Kopf über Embargomaßnahmen gegen die spanische Republik.«
Sanders winkte dem Kellner.
»Und wie weiter von Paris?«
»Sind alle jungen Männer in Deutschland so ungeduldig wie du?«
»Pardon.«
Der Alte beugte sich über den Tisch. »Lass mal. Ich freue mich ja. Wie weiter von Paris also. Nach drei Tagen saßen wir wieder in einem Zug. An der spanischen Grenze musste jeder ein Dokument unterschreiben, auf dem stand, dass er auf eigene Verantwortung das Land betrat. Meine Augen erblickten keinen, der nicht unterschrieben hat. Später machten die Franzosen die Grenze dicht.« Sanders trank aus und winkte dem Kellner nach einem weiteren Bier. »Ich kam nach Albacete ins Ausbildungscamp. Albacete liegt in der Mancha. Schön heiß war es dort, das kannst du wissen. Prima Badewetter. Aber nicht für uns. Los ging's ohne Vorwarnung. Üben, üben, üben! Marschieren, Angriff in Schützenketten, Verteidigung, Schützengräben buddeln, das war für mich total was anderes als Buttercreme auf Torten spritzen. Nicht nur mir fiel es schwer. Die meisten Kameraden hielten zum ersten Mal ein Gewehr in der Hand. Geschossen haben wir nur theoretisch. Munition war knapp. Wir haben geschwitzt und geflucht, aber Albacete war ein Paradies im Vergleich zu dem, was danach kam.«
Er kramte aus seiner Hosentasche eine Blechmarke hervor. »Die kriegt jeder Soldat auf derWelt, bevor er in den Kampf zieht. Damit sie später wissen, wessen zerschossener Schädel im Graben liegt.«
Felix nahm die Marke andächtig in die Hand. Oder damit man sie später Jüngeren stolz lebend zeigen kann, dachte er.
Nach dem zweiten Glas Bier rückte Pierre mit einer Überraschung heraus. »Eine Frau, die mich interessieren wird?«, Felix tat nicht nur erstaunt. »Eine ehemalige Krankenschwester aus dem Bürgerkrieg, vermute ich mal.«
»Interessieren dich nur über neunzig Jahre alte Frauen?«, scherzte Sanders. »Nein, meine Überraschung ist gerade mal einundzwanzig und heißt Dolores. Aber nun reicht es hier. Komm!«
Die Sonne hatte an diesem Tag noch nicht genug von Madrid gesehen. Felix so gut wie überhaupt nichts. Und ausruhen, wie ihm sein Gastgeber vorsorglich geraten, wollte er sich auch nicht.Was heißt, anstrengenden Tag gehabt, dachte er und an Sanders angekündigte Überraschung, Dolores.Wie würde sie aussehen? Er blickte zur Uhr und erschrak. Halb zehn. Scheiße! Vor einer halben Stunde nicht wie versprochen voll auf Sophie konzentriert. Dann eben jetzt und eine SMS mit viel Gefühl.
Danach verließ er so leise wie möglich Wohnung und Haus. Erst auf der Straße fiel ihm ein, dass er keinen Schlüssel hatte. Er starrte hilflos auf das Straßenschild: Calle de Santa Maria. Die Mutter Gottes schickte augenblicklich Hilfe. Neben seinen Füßen klirrte etwas zu Boden. Pierre Sanders oben am Fenster winkte. Madrid ruft am Abend anscheinend sämtliche Einwohner und Gäste der Stadt auf die Straßen. Auf der Calle de Atocha fuhren die Autos beängstigend schnell hinter einander her, ohne dass die Fahrer aggressiv hupten. Felix betrachtete Schaufenster, schaute Vorübergehenden ins Gesicht und fühlte sich gleichzeitig erregt und verlassen. Wusste nicht, wohin mit sich und seiner Lebenslust. Am Neptunbrunnen, an der Plaza de Casanova del Castillio fand eine Art Wasserschlacht statt. Fußballfans feierten den Sieg ihrer Mannschaft. Rotweißgestreifte Schals wurden ausgelassen geschwenkt. »Viva Atletico«, erklang aus vielen Kehlen. Neugierig überquerte Felix die Straße und wurde am Brunnen sofort von einem bulligen Kerl angesprochen.
»Ich verstehe nicht. Perdone! No entiendo!«
Was der Kerl redete, brauchte Felix nicht zu verstehen.Was er wollte, gelang ihm ohne Worte: den Fotoapparat aus dem Rucksack. Als Felix den Verlust bemerkte, war alles zu spät...
"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
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