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Aktueller Online-Flyer vom 23. September 2019  

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Kultur und Wissen
Kölner Filmemacher porträtieren den österreichischen Bildhauer Richard Agreiter
Von der Sinnlichkeit der Form
Von Ulla Lessmann

Zwei Jahre haben die Kölner Filmemacher Gernot Steinweg und Rea Karen den österreichischen Bildhauer Richard Agreiter bei seiner Arbeit begleitet. Vom ersten Gipsentwurf bis zur Aufstellung der fertigen Bronzeplastik hielten sie den Produktionsprozeß einer Auftragsarbeit für das Wiener Verteidigungsministerium fest. Während man fasziniert nahezu alles über das archaische Handwerk des Bronzegießens erfährt und lernt, dass Kunst wahrlich Knochenarbeit sein kann, darf man sich gleichzeitig in die schwelgerisch gefilmte Bilderbuchlandschaft der Heimat des Künstlers und seiner Vorfahren in Nord- und Südtirol verlieben.

Auch so entstehen Filme: Steinweg und Karen fahren durch die winterlichen Nordtiroler Alpen und landen auf der Suche nach einer ruhigen Herberge im 300-Seelen-Dorf „Steinberg am Rofan“ in der Pension „Haus Gana“. Hier lebt und arbeitet der renommierte Bildhauer Richard Agreiter, der gerade mit den Vorarbeiten zu einer Skulptur für das österreichische Verteidigungsministerium begonnen hat. Zwei Jahre lang begleiten die Kölner nun den 65jährigen Künstler bei seiner Arbeit an diesem Werk in seinem Atelier, halten akribisch jeden Entstehungsschritt fest, filmen ihn bei Ausstellungen und Ehrungen, bei Reisen in die Südtiroler Heimat seiner Eltern und in seinem Dorf. Der Film ist zunächst ein nahezu klassischer Lehrfilm geworden: Wie entsteht eine Bronzeplastik? Man sieht Agreiters Hände bei der Formung der ersten Gipsplastik, hört die Erklärung des Künstlers dazu aus dem Off, man sieht  die schwere körperliche Arbeit, die notwendig ist, um die Form für das Gießen vorzubereiten, verfolgt die heikle Arbeit des Gießens selber. Man meint, die Hitze des Feuers zu spüren, die Bronze zu riechen, spürt die Funken der Schweißarbeiten, man ist gemeinsam mit Agreiter und seinen Helfern angespannt und konzentriert, ob alles klappt. In diesen Passagen, in denen der Protagonist arbeitet und darüber spricht, ist er einem nahe, man bekommt ein Gespür für den konkreten kreativen Prozess, für die Tradition dieses Handwerks und ist voller Bewunderung für die souveräne Meisterschaft des Österreichers.

Den Filmemachern gelingt es durch die klug und sinnstiftend geschnittene, überaus detaillierte Darstellung des Produktionsprozesses, jede mystische Verklärung künstlerischen Schaffens zu vermeiden. Ein wenig mehr Einblick in die kreative Phase, die vor der handwerklichen Umsetzung steht, hätte ich mir gewünscht, aber womöglich ist dies ein seelischer Bereich, zu dem der so offen, pragmatisch und mitteilsam wirkende Agreiter auch den ihm vertrauten Filmern den Zugang verwehrte. Zu diesem Eindruck paßt, dass seine Lebensgefährtin, die die Pension führt, nur zweimal in Sekundenbruchteilen auftaucht. Der „wichtigste Mensch in meinem Leben“, sagt der Künstler, ist sein „Gießerfreund“, der unerläßliche Helfer bei der mühevollen und aufwändigen Arbeit des Bronzegusses. Den stellt Agreiter übrigens für die Skulptur für den Verteidigungsminister sinnfällig aus leeren Patronenhülsen her, eine symbolische Metamorphose mit einem Augenzwinkern.

Um seine Kunstwerke, die Agreiter selber als „klassisch-modern“ einordnet, würdigen zu können, ist die DVD hilfreich, weil sie zusätzlich zum Film eine Werkschau bietet, in der man sich genüßlich und ungestört von Kommentaren in die Betrachtung von 56 Skulpturen vertiefen kann – losgelöst von der Geschichte ihrer arbeitsintensiven Entstehung entfalten sie eine sinnliche, kraftvolle Schönheit und zeigen den großen Reichtum an Formvariationen, der Agreiter zur Verfügung steht. Dann versteht man auch, warum der Künstler in diese Landschaft gehört, von der man dauernd denkt, sie sei nur geschaffen worden, damit man sie andächtig anschaut und anschaut und anschaut. Die Kamera tut das für uns in geradezu liebevoller Manier: Wunderbarer blauer Himmel leuchtet über herrlich trutzigen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, bunte Wiesen blühen in lieblichen Tälern, entzückende Dörfer liegen an rauschenden Bächen: Das klingt wie schlimmster Kitsch und ist doch alles völlig wahr. Diese betörende Landschaft paßt genau zur Kunst des Richard Agreiter, weshalb sie zu Recht elementarer Bestandteil dieses Porträts ist. Der Künstler übrigens bewegt sich abseits all dessen auf Ausstellungen und bei (inzwischen zahlreichen) Ehrungen selbstbewußt, souverän und eloquent zwischen Prominenten und Bewunderern, auch diese Rolle des sich selbst vermarktenden Künstlers im Hier und Jetzt wird glaubwürdig vermittelt.

 „Ich werde arbeitend sterben“ sagt Agreiter einmal und er hat dafür gesorgt, dass nach seinem Tode sein Gesamtwerk dort bewahrt und gepflegt wird, wo er seine Wurzeln sieht: Im Herkunftsort seiner Eltern im Gadatal, im neuen Kulturzentrum der Ladiner, der rätoromanisch sprechenden Minderheit in der Provinz Bozen-Südtirol.  Die damalige österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, als offensichtlicher Edelfan von Agreiter mehrfach im Film vertreten: „So zeigt uns Richard Agreiter, der Kultur- und Lebensraum der Dolomiten-Ladiner ist Teil unserer europäischen Identität, wenngleich nicht so groß, so doch nicht minder wichtig als andere Kulturräume Europas.“ Und ein geschichtsträchtiger Kulturraum dazu, denn Agreiters Eltern wurden als ladinische Minderheit von Mussolini 1939 aus dem Gadatal vertrieben, der Sohn kehrt mit seinem Werk dahin zurück.

Die DVD „Richard Agreiter/Mysterium der Form“ (45 Min.), in deutscher und englischer Sprache, mit einer Werkschau und Anwahlmöglichkeit für sechs Kapitel kostet 39 € incl. Versand und ist gegen Rechnung zu beziehen über Picture Pan Production GmbH, Hohenzollernring 32-34, 50672 Köln, info@picturepan.de, www.picturepan.de.

Den Film finden Sie in der aktuellen NRhZ.


Online-Flyer Nr. 79  vom 24.01.2007

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