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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 3
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
7.
Frau Grabner bummelte zu Hause Überstunden ab. Ein gepflegter älterer Herr saß, die Beine bequem übereinander geschlagen, im Wohnzimmer. Er hieß Dietmar Wolfensteiner. Felix geriet beim Anblick dieses Langweilers immer schlagartig in Krisenstimmung. Er hätte seiner Mutter einen besseren Geschmack zugetraut! Beim gemeinsamen Kaffeetrinken fühlten sich alle Beteiligten verpflichtet, krampfhaft Theater zu spielen: Felix – »wohlerzogener Sohn«, die Erwachsenen – »nur gute Freunde«. Der Gast hatte früher Tankanlagen konstruiert, heute versuchte er sie, meist vergeblich, zu verkaufen.
Er zeigte außerdem »sehr viel Verständnis für die Jugend«. Felix hatte keinen Bock auf viel Verständnis und ließ die Frage nach der Schule einfach unbeantwortet.
»Kennen Sie das Lied – Spaniens Himmel breitet seine Sterne …?«, fragte er stattdessen unvermittelt.
Herr Wolfensteiner hob überrascht den Kopf. »Aber ja doch! Lernt ihr das jetzt wieder in der Schule?«
»Nein, aber ich werde meine Jahresarbeit in Geschichte über den Spanischen Bürgerkrieg schreiben.«
Der Freund der Mutter pfiff überrascht durch die Zähne. »Über den Spanischen Bürgerkrieg? Das dürfte ein heißes Eisen für dich werden.«
»Hat meine Lehrerin auch gemeint.«
»Dann lass die Finger davon!«
Felix fiel ärgerlich aus der Rolle. »Du immer mit deiner Angst, irgendwo anzuecken, Mama. Ich arbeite doch in keiner Bank. Der Spanische Bürgerkrieg ist ein interessantes Thema.«
Frau Grabner blickte hilfesuchend zu dem Gast.
Der fühlte sich ungemütlich zwischen den Fronten. »Dieses Spanienlied haben wir früher oft mit großer Begeisterung gesungen. Es hat so eine …, eine … mitreißende Melodie.«
»Ja und?«
HerrWolfensteiner strich verlegen die spärlichen grauen Haare an den Schläfen mit beiden Händen glatt.
»Ich weiß auch nicht, ich meine nur, wie deine Mutter, du solltest dich lieber für ein anderes Thema entscheiden. Das ist aber mehr so ein Gefühl.«
»Ein heißes Gefühl, vermute ich mal.«
»Ja, wenn du so willst. Nein … aber, weil man doch heute manches ein bisschen anders singt als früher.«
»Spaniens Himmel breitet seine Euros?«
Herr Wolfensteiner ließ sich nicht aus der Reserve locken. »Guck doch einfach mal ins Internet.«
»Internet«, entgegnete Felix. »Hab ich schon. Aber ich schreibe nur in Mathe ab. Nein, ich will Zeitzeugen befragen, diesen Kostümonkel Wilhelm …«
Frau Grabner zuckte zusammen. »Onkel Wilhelm? Der ist sicher lange tot, Felix.«
»Dann eben andere, die damals dabei waren!«
Der Gast hatte eine Idee. »Andere, die damals dabei waren? In unserer Stadt heißt eine Straße nach dem Spanienkämpfer Manfred Stern. Vielleicht leben noch Verwandte oder Nachkommen? Ich glaube, ich habe mal was von einem Bruder gehört.«
Telefone sind eine ständige Versuchung.
Felix, nach dem »Kaffeetheater« endlich wieder allein in seinem Zimmer, wehrte sich vergeblich. Alexander am anderen Ende der Verbindung wollte angeblich ebenfalls gerade anrufen.
Felix erzählte von seinem Plan.
»Sophie macht mit!«
»Und ich?«
Felix überlegte nicht lange. »Na klar, wenn du willst.«
»Und zur Verteidigung der Arbeit ziehst du dir das Kostüm von Onkel Wilhelm an!«
Dem Wäldchen imWesten der Stadt haben die Verantwortlichen schon vor Jahrzehnten ein Stück abgeschnitten und zur Bebauung frei gegeben. Die entstandenen Häuser gehörten immer besonderen Bewohnern und stehen inmitten großer Gärten. Felix hatte die Adresse der Familie Stern im Adressbuch gefunden und ihren Besuch telefonisch angemeldet. Sophie musste zum Arzt.
Herr Dr. Stern, ein sehr »wissenschaftlich« aussehender Mann, öffnete. Er bat die beiden jungen Männer in ein geräumiges Zimmer voller antiker Möbel und bot ihnen einen Platz an.
Er selbst blieb unschlüssig stehen und kam sofort auf ihr Anliegen zu sprechen.
»Mein Onkel lebt ja leider nicht mehr, wie ich Ihnen schon am Telefon sagte.
Aber ich, ja, ich lebe noch. Ach wissen Sie, ehrlich gesagt, also ich habe meinen Onkel nie kennen gelernt, und er war auch kein Thema bei uns.«
»So ein berühmter Onkel und kein Thema?«, wunderte sich Felix, und Alexander ergänzte, »sogar eine Straße in unserer Stadt trägt seinen Namen.«
»Ja, ja.« Herr Stern winkte nervös ab. »Das weiß ich natürlich. Aber ist Ihnen bekannt, wo mein Onkel gestorben ist?«
»In Spanien, vermute ich mal.«
»Leider nicht, Herr … Felix, so war doch ihr Name, oder?«
»Leider nicht in Spanien?«
Herr Stern wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und was er sagte, klang sehr nach Ende des Gespräches. »Also, ich kann Ihnen da wirklich nicht weiter helfen, was ich übrigens sehr gern tun würde, ehrlich. Ich weiß von diesem Bürgerkrieg nicht mehr, als im Internet oder in diversen Büchern steht, das heißt, so viel weiß ich natürlich überhaupt nicht. Ja, also …«
Felix stand enttäuscht auf. Alexander gab nicht so schnell klein bei. »Kennen Sie jemanden, der uns weiter helfen könnte?«
Dr. Stern zögerte. »Meine Mutter vielleicht …«
»Die lebt noch?«
»Ja, aber …«
»Dürfen wir mit ihr reden?«
»Im Prinzip selbstverständlich, aber … Sie ist 92 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund. Ich, ich könnte natürlich mit ihr reden. Vorsichtig«, Herr Stern bewegte seine Hände, als hätte er etwas Zerbrechliches darin. »Vielleicht rufen Sie mich in ein paar Tagen noch einmal an. Aber versprechen kann ich Ihnen wirklich nichts. Ja, es tut mir leid …«
»Kapierst du das?«, fragte Alexander kopfschüttelnd, als sie wieder auf der Straße standen. »Da hat einer so einen berühmten Onkel und sich angeblich nie für ihn interessiert. War kein Thema bei uns. Ich kam mir vor wie im falschen Film.«
»Interessierst du dich für deine Onkels?«, fragte Felix.
Alexander grinste. »Hab nur einen. Von dem kriege ich ab und zu mal ein paar Euros.«
»Du meinst, weil dieser Typ nichts von seinem Onkel gekriegt hat …«
»Nein, Felix, da muss mehr dahinter stecken. Leider nicht in Spanien gestorben…«
»Wir sollten im Internet gezielt suchen.«
Alexander, schon auf seinem Fahrrad, nickte. »Okay. Sollten wir.«
»Bei dir oder bei mir?«
»Wir werden's früh genug erfahren. Katja und Ulrike sind am Kanal. Du denkst mehr an Sophie. Ich weiß. Aber …«
»Was aber?«
»Hol dich ein, Felix! Sophie sagt Ja und meint Nein.«
»Bei dir auch?«
Alexander lachte. »Das weißt du also schon! Vergiss es! Ich war total zu. Reichlich kompliziert das Mädchen. Wenn Katja und Ulrike Nein sagen, meinen sie meistens Ja. Na los, komm schon. Bist ja nicht dazu verpflichtet, eine zu fragen.«
8.
Katja hatte am Kanal über Alex Anmache nur gelacht. Ulrike musste nicht Ja oder Nein sagen, niemand hatte sie gefragt. Felix hatte es vorgezogen, die meiste Zeit mit geschlossenen Augen da zu liegen, und über seine Gefühle für Sophie nachzudenken.
Für den nächsten Nachmittag hatte Alex eine Theaterprobe im Musikzimmer der Schule angesetzt. Die Gartenszene: Faust, Mephisto, Marthe, Gretchen.
»Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhält, als alle Weisheit dieser Welt.«
Felix senkte den Kopf und küsste ungeschickt Sophies Hand.
Die hatte Mühe nicht zu lachen. Konstanze als Marthe hielt sich die Hand vor den Mund. »Inkommodiert euch nicht«, brachte sie mühsam raus und fuhr stockend fort: »Wie könnt ihr sie nur küssen? Sie ist so garstig, ist so rauh! Was hab ich nicht schon alles schaffen müssen!«
»Schluss mit lustig!«, schrie Alexander und sprang wütend auf. »Es reicht. Sucht euch einen anderen Regisseur. Ihr liegt total daneben! Ein Blick von dir«, äffte er Felix nach, »mehr als alle Weisheit dieser Welt, das nimmt dir doch keiner so ab, mein Freund! Du stehst neben Sophie, als wäre die deine kranke Großmutter! Danke!« Alexander verbeugte sich nach allen Seiten. »Das war's denn wohl!«
Er verließ wortlos den Raum.
Die drei anderen blieben wie versteinert zurück. Nur die Sonne schien weiter unbeeindruckt durchs Fenster.
Felix lief neben Sophie mit hängendem Kopf zum Fahrradständer. Im Stillen gab er dem Freund Recht. Er konnte wirklich nicht öffentlich verführerisch und verliebt Sophies Hand küssen.
Alex wartete auf sie am Fahrradständer, um seineWut wegen der verunglückten Probe noch einmal so richtig raus zu lassen. Sophie und Felix verteidigten sich nicht. Alle drei trampelten schließlich unschlüssig herum und beäugten sich misstrauisch von der Seite.
Sophie trug ein weißes T-Shirt mit einem gelben Mond. Der schien zu lächeln, wenn sie sich bewegte. Das Mädchen unterbrach endlich das Schweigen und erkundigte sich nach dem Erfolg bei Dr. Stern. »Kannst du voll vergessen «, winkte Felix ab. »Hast nichts verpasst. Er will seine Mutter befragen.«
»Vorsichtig befragen«, Alexander machte Sterns Handbewegung nach. »Die ist 92 …« Übrigens …Ich habe gestern mit der Kalbstein gesprochen. Die Historiker…«
»Sind sich noch nicht einig«, unterbrach ihn Felix gereizt. »Ich weiß. Wir werden Zeitzeugen …«
»Zeitzeugen? Auf Friedhöfen wohl? Vergiss es! Lasst uns gemeinsam etwas über die ehemalige DDR zusammenkratzen. Da sind wir auf der sicheren Seite.«
Sophie spielte gelangweilt mit ihren Haaren. »Und was ist mit Herrn Silbermann?«
fragte sie plötzlich mit leichtem Triumph in der Stimme. Sie blickte die beiden Jungen nacheinander herausfordernd an und fuhr, in gleicher Tonart fort. »Georg Silbermann, 92 Jahre alt, hat am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen und wohnt im Dorf Kaltenberg.«
Alexander grinste. »Georg Silbermann! Im Dorf Kaltenberg! Genial Sophie!«
»Woher hast du das alles?« erkundigte sich Felix.
»Aus der Zeitung. Kaltenberg ist ein kleines Nest. Nicht weit. Kein Problem den Silbermann dort zu finden!«
»Zweiundneunzig!« Alexander kniff die Augen zusammen. »Mein Opa ist erst 82 und spielt mit meinem alten Bauernhof. Ich befrage lieber Pappautos und Staatssicherheitsopfer.«
Felix biss sich ärgerlich auf die Lippen. Sophie sah ihn plötzlich so an, wie's Alex auf der Theaterbühne gern von ihr gesehen hätte, und der gelbe Mond auf ihrer Brust lächelte dazu.
»Silbermann. Kaltenberg.« Felix blickte auf seine Uhr. »Okay. Fahren wir.«
Das Dorf Kaltenberg liegt in einem kleinen Tal und besteht aus zwei, durch eine breite Asphaltstraße getrennten Teilen: Links sind neue Einfamilienhäuser in Reih und Glied aufmarschiert, rechts um die Kirche verstreut, stehen ehemalige Bauernhöfe und Landarbeiterwohnungen. Der Bus aus der Stadt hält in der Mitte.
Die drei jungen Leute waren die einzigen Fahrgäste, die ausstiegen. Kein Mensch weit und breit. Alexander blickte nach links, dann nach rechts und schließlich schadenfroh Sophie an.
»Null Problem deinen Silbervogel zu finden«, spottete er. Sie liefen schweigend nebeneinanderher in Richtung Kirche.
Die Rutsche eines neuen Spielplatzes glänzte einsam in der Mittagssonne.
»Wieso hat jetzt niemand hier draußen irgendwas zu tun?« stöhnte Felix entnervt.
Kurze Zeit später kamen ihnen drei junge Männer entgegen. Sie trugen tief in die Stirn gezogene schwarze Baseballmützen und trotz deswarmenWetters lange Armeehosen, die von breiten Gürteln gehalten wurden. Auf Felix Frage nach der Wohnung von Herrn Silbermann spuckten sie, statt zu antworten, vor ihnen aus, und liefen wortlos weiter. Schließlich drückte Sophie entschlossen auf die Klingel am nächsten Hoftor. Zunächst antwortete wütendes Hundegebell.
Dann öffnete sich das Fenster und eine ältere Frau steckte vorsichtig ihren Kopf heraus.
»Entschuldigung. Wissen Sie, wo Herr Silbermann wohnt?«
»Was wollen Sie von ihm?«, fragte die Frau misstrauisch. »Sind Sie von der Zeitung?«
»Sehen wir so aus?« Alexander lachte und fragte ungeduldig: »Also, wissen Sie es nun oder nicht?«
Die Frau zog ruckartig ihren Kopf zurück. »Hallo, Hallo«, rief Sophie, aber das Fenster öffnete sich nicht noch einmal.
Ein alter Mann schlurfte auf der anderen Straßenseite vorüber. Felix lief ihm nach.
»Natürlich weiß ich, wo Herr Silbermann wohnt, ob ich dir das aber verrate, steht auf einem anderen Blatt.«
Felix bemühte sich um einen besonders höflichen Ton. »Wir sind nicht von der Zeitung.«
»Das sehe ich.« Der Alte blickte Felix prüfend an. »Aber vielleicht von der Sportgruppe Werner Mölders?«
Alexander und Sophie traten näher. Auch sie wurden erst abschätzend betrachtet, bevor der Mann, ein bisschen freundlicher fragte: »Was wollt Ihr denn vom alten Silbermann?«
Sophie klärte ihn auf.
»Na gut«, lenkte er schließlich ein. »Geht links die Straße runter in Richtung Sportplatz. Im vorletzten Haus rechts wohnt euer Mann. Aber sagt ihm nicht, dass ihr das von mir wisst.«
Der Alte schlurfte weiter.
Alexander bewegte die rechte Handfläche vor seinem Gesicht hin und her.
»Dorfluft macht dumm, wie?«
Die drei jungen Burschen kamen zurück und blieben stehen. »Na, alles klar?«,
fragte einer aggressiv und schob seine Baseballmütze noch tiefer in die Stirn.
»Logo!«
»Und was wollt Ihr von dem alten Juden?«
Felix ballte unwillkürlich eine Faust in der Tasche. Alexander wich einen Schritt zurück. Sophie antwortete furchtlos: »Interviewen. Der war Soldat im Spanischen Bürgerkrieg.«
»Scheiß-Spanien!«, brummte der Längste von den dreien verächtlich und wie
auf Kommando spuckten alle drei erneut vor ihnen aus.
"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück",
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de
Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Online-Flyer Nr. 77 vom 10.01.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 3
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
7.
Frau Grabner bummelte zu Hause Überstunden ab. Ein gepflegter älterer Herr saß, die Beine bequem übereinander geschlagen, im Wohnzimmer. Er hieß Dietmar Wolfensteiner. Felix geriet beim Anblick dieses Langweilers immer schlagartig in Krisenstimmung. Er hätte seiner Mutter einen besseren Geschmack zugetraut! Beim gemeinsamen Kaffeetrinken fühlten sich alle Beteiligten verpflichtet, krampfhaft Theater zu spielen: Felix – »wohlerzogener Sohn«, die Erwachsenen – »nur gute Freunde«. Der Gast hatte früher Tankanlagen konstruiert, heute versuchte er sie, meist vergeblich, zu verkaufen.
Er zeigte außerdem »sehr viel Verständnis für die Jugend«. Felix hatte keinen Bock auf viel Verständnis und ließ die Frage nach der Schule einfach unbeantwortet.
»Kennen Sie das Lied – Spaniens Himmel breitet seine Sterne …?«, fragte er stattdessen unvermittelt.
Herr Wolfensteiner hob überrascht den Kopf. »Aber ja doch! Lernt ihr das jetzt wieder in der Schule?«
»Nein, aber ich werde meine Jahresarbeit in Geschichte über den Spanischen Bürgerkrieg schreiben.«
Der Freund der Mutter pfiff überrascht durch die Zähne. »Über den Spanischen Bürgerkrieg? Das dürfte ein heißes Eisen für dich werden.«
»Hat meine Lehrerin auch gemeint.«
»Dann lass die Finger davon!«
Felix fiel ärgerlich aus der Rolle. »Du immer mit deiner Angst, irgendwo anzuecken, Mama. Ich arbeite doch in keiner Bank. Der Spanische Bürgerkrieg ist ein interessantes Thema.«
Frau Grabner blickte hilfesuchend zu dem Gast.
Der fühlte sich ungemütlich zwischen den Fronten. »Dieses Spanienlied haben wir früher oft mit großer Begeisterung gesungen. Es hat so eine …, eine … mitreißende Melodie.«
»Ja und?«
HerrWolfensteiner strich verlegen die spärlichen grauen Haare an den Schläfen mit beiden Händen glatt.
»Ich weiß auch nicht, ich meine nur, wie deine Mutter, du solltest dich lieber für ein anderes Thema entscheiden. Das ist aber mehr so ein Gefühl.«
»Ein heißes Gefühl, vermute ich mal.«
»Ja, wenn du so willst. Nein … aber, weil man doch heute manches ein bisschen anders singt als früher.«
»Spaniens Himmel breitet seine Euros?«
Herr Wolfensteiner ließ sich nicht aus der Reserve locken. »Guck doch einfach mal ins Internet.«
»Internet«, entgegnete Felix. »Hab ich schon. Aber ich schreibe nur in Mathe ab. Nein, ich will Zeitzeugen befragen, diesen Kostümonkel Wilhelm …«
Frau Grabner zuckte zusammen. »Onkel Wilhelm? Der ist sicher lange tot, Felix.«
»Dann eben andere, die damals dabei waren!«
Der Gast hatte eine Idee. »Andere, die damals dabei waren? In unserer Stadt heißt eine Straße nach dem Spanienkämpfer Manfred Stern. Vielleicht leben noch Verwandte oder Nachkommen? Ich glaube, ich habe mal was von einem Bruder gehört.«
Telefone sind eine ständige Versuchung.
Felix, nach dem »Kaffeetheater« endlich wieder allein in seinem Zimmer, wehrte sich vergeblich. Alexander am anderen Ende der Verbindung wollte angeblich ebenfalls gerade anrufen.
Felix erzählte von seinem Plan.
»Sophie macht mit!«
»Und ich?«
Felix überlegte nicht lange. »Na klar, wenn du willst.«
»Und zur Verteidigung der Arbeit ziehst du dir das Kostüm von Onkel Wilhelm an!«
Dem Wäldchen imWesten der Stadt haben die Verantwortlichen schon vor Jahrzehnten ein Stück abgeschnitten und zur Bebauung frei gegeben. Die entstandenen Häuser gehörten immer besonderen Bewohnern und stehen inmitten großer Gärten. Felix hatte die Adresse der Familie Stern im Adressbuch gefunden und ihren Besuch telefonisch angemeldet. Sophie musste zum Arzt.
Herr Dr. Stern, ein sehr »wissenschaftlich« aussehender Mann, öffnete. Er bat die beiden jungen Männer in ein geräumiges Zimmer voller antiker Möbel und bot ihnen einen Platz an.
Er selbst blieb unschlüssig stehen und kam sofort auf ihr Anliegen zu sprechen.
»Mein Onkel lebt ja leider nicht mehr, wie ich Ihnen schon am Telefon sagte.
Aber ich, ja, ich lebe noch. Ach wissen Sie, ehrlich gesagt, also ich habe meinen Onkel nie kennen gelernt, und er war auch kein Thema bei uns.«
»So ein berühmter Onkel und kein Thema?«, wunderte sich Felix, und Alexander ergänzte, »sogar eine Straße in unserer Stadt trägt seinen Namen.«
»Ja, ja.« Herr Stern winkte nervös ab. »Das weiß ich natürlich. Aber ist Ihnen bekannt, wo mein Onkel gestorben ist?«
»In Spanien, vermute ich mal.«
»Leider nicht, Herr … Felix, so war doch ihr Name, oder?«
»Leider nicht in Spanien?«
Herr Stern wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und was er sagte, klang sehr nach Ende des Gespräches. »Also, ich kann Ihnen da wirklich nicht weiter helfen, was ich übrigens sehr gern tun würde, ehrlich. Ich weiß von diesem Bürgerkrieg nicht mehr, als im Internet oder in diversen Büchern steht, das heißt, so viel weiß ich natürlich überhaupt nicht. Ja, also …«
Felix stand enttäuscht auf. Alexander gab nicht so schnell klein bei. »Kennen Sie jemanden, der uns weiter helfen könnte?«
Dr. Stern zögerte. »Meine Mutter vielleicht …«
»Die lebt noch?«
»Ja, aber …«
»Dürfen wir mit ihr reden?«
»Im Prinzip selbstverständlich, aber … Sie ist 92 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund. Ich, ich könnte natürlich mit ihr reden. Vorsichtig«, Herr Stern bewegte seine Hände, als hätte er etwas Zerbrechliches darin. »Vielleicht rufen Sie mich in ein paar Tagen noch einmal an. Aber versprechen kann ich Ihnen wirklich nichts. Ja, es tut mir leid …«
»Kapierst du das?«, fragte Alexander kopfschüttelnd, als sie wieder auf der Straße standen. »Da hat einer so einen berühmten Onkel und sich angeblich nie für ihn interessiert. War kein Thema bei uns. Ich kam mir vor wie im falschen Film.«
»Interessierst du dich für deine Onkels?«, fragte Felix.
Alexander grinste. »Hab nur einen. Von dem kriege ich ab und zu mal ein paar Euros.«
»Du meinst, weil dieser Typ nichts von seinem Onkel gekriegt hat …«
»Nein, Felix, da muss mehr dahinter stecken. Leider nicht in Spanien gestorben…«
»Wir sollten im Internet gezielt suchen.«
Alexander, schon auf seinem Fahrrad, nickte. »Okay. Sollten wir.«
»Bei dir oder bei mir?«
»Wir werden's früh genug erfahren. Katja und Ulrike sind am Kanal. Du denkst mehr an Sophie. Ich weiß. Aber …«
»Was aber?«
»Hol dich ein, Felix! Sophie sagt Ja und meint Nein.«
»Bei dir auch?«
Alexander lachte. »Das weißt du also schon! Vergiss es! Ich war total zu. Reichlich kompliziert das Mädchen. Wenn Katja und Ulrike Nein sagen, meinen sie meistens Ja. Na los, komm schon. Bist ja nicht dazu verpflichtet, eine zu fragen.«
8.
Katja hatte am Kanal über Alex Anmache nur gelacht. Ulrike musste nicht Ja oder Nein sagen, niemand hatte sie gefragt. Felix hatte es vorgezogen, die meiste Zeit mit geschlossenen Augen da zu liegen, und über seine Gefühle für Sophie nachzudenken.
Für den nächsten Nachmittag hatte Alex eine Theaterprobe im Musikzimmer der Schule angesetzt. Die Gartenszene: Faust, Mephisto, Marthe, Gretchen.
»Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhält, als alle Weisheit dieser Welt.«
Felix senkte den Kopf und küsste ungeschickt Sophies Hand.
Die hatte Mühe nicht zu lachen. Konstanze als Marthe hielt sich die Hand vor den Mund. »Inkommodiert euch nicht«, brachte sie mühsam raus und fuhr stockend fort: »Wie könnt ihr sie nur küssen? Sie ist so garstig, ist so rauh! Was hab ich nicht schon alles schaffen müssen!«
»Schluss mit lustig!«, schrie Alexander und sprang wütend auf. »Es reicht. Sucht euch einen anderen Regisseur. Ihr liegt total daneben! Ein Blick von dir«, äffte er Felix nach, »mehr als alle Weisheit dieser Welt, das nimmt dir doch keiner so ab, mein Freund! Du stehst neben Sophie, als wäre die deine kranke Großmutter! Danke!« Alexander verbeugte sich nach allen Seiten. »Das war's denn wohl!«
Er verließ wortlos den Raum.
Die drei anderen blieben wie versteinert zurück. Nur die Sonne schien weiter unbeeindruckt durchs Fenster.
Felix lief neben Sophie mit hängendem Kopf zum Fahrradständer. Im Stillen gab er dem Freund Recht. Er konnte wirklich nicht öffentlich verführerisch und verliebt Sophies Hand küssen.
Alex wartete auf sie am Fahrradständer, um seineWut wegen der verunglückten Probe noch einmal so richtig raus zu lassen. Sophie und Felix verteidigten sich nicht. Alle drei trampelten schließlich unschlüssig herum und beäugten sich misstrauisch von der Seite.
Sophie trug ein weißes T-Shirt mit einem gelben Mond. Der schien zu lächeln, wenn sie sich bewegte. Das Mädchen unterbrach endlich das Schweigen und erkundigte sich nach dem Erfolg bei Dr. Stern. »Kannst du voll vergessen «, winkte Felix ab. »Hast nichts verpasst. Er will seine Mutter befragen.«
»Vorsichtig befragen«, Alexander machte Sterns Handbewegung nach. »Die ist 92 …« Übrigens …Ich habe gestern mit der Kalbstein gesprochen. Die Historiker…«
»Sind sich noch nicht einig«, unterbrach ihn Felix gereizt. »Ich weiß. Wir werden Zeitzeugen …«
»Zeitzeugen? Auf Friedhöfen wohl? Vergiss es! Lasst uns gemeinsam etwas über die ehemalige DDR zusammenkratzen. Da sind wir auf der sicheren Seite.«
Sophie spielte gelangweilt mit ihren Haaren. »Und was ist mit Herrn Silbermann?«
fragte sie plötzlich mit leichtem Triumph in der Stimme. Sie blickte die beiden Jungen nacheinander herausfordernd an und fuhr, in gleicher Tonart fort. »Georg Silbermann, 92 Jahre alt, hat am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen und wohnt im Dorf Kaltenberg.«
Alexander grinste. »Georg Silbermann! Im Dorf Kaltenberg! Genial Sophie!«
»Woher hast du das alles?« erkundigte sich Felix.
»Aus der Zeitung. Kaltenberg ist ein kleines Nest. Nicht weit. Kein Problem den Silbermann dort zu finden!«
»Zweiundneunzig!« Alexander kniff die Augen zusammen. »Mein Opa ist erst 82 und spielt mit meinem alten Bauernhof. Ich befrage lieber Pappautos und Staatssicherheitsopfer.«
Felix biss sich ärgerlich auf die Lippen. Sophie sah ihn plötzlich so an, wie's Alex auf der Theaterbühne gern von ihr gesehen hätte, und der gelbe Mond auf ihrer Brust lächelte dazu.
»Silbermann. Kaltenberg.« Felix blickte auf seine Uhr. »Okay. Fahren wir.«
Das Dorf Kaltenberg liegt in einem kleinen Tal und besteht aus zwei, durch eine breite Asphaltstraße getrennten Teilen: Links sind neue Einfamilienhäuser in Reih und Glied aufmarschiert, rechts um die Kirche verstreut, stehen ehemalige Bauernhöfe und Landarbeiterwohnungen. Der Bus aus der Stadt hält in der Mitte.
Die drei jungen Leute waren die einzigen Fahrgäste, die ausstiegen. Kein Mensch weit und breit. Alexander blickte nach links, dann nach rechts und schließlich schadenfroh Sophie an.
»Null Problem deinen Silbervogel zu finden«, spottete er. Sie liefen schweigend nebeneinanderher in Richtung Kirche.
Die Rutsche eines neuen Spielplatzes glänzte einsam in der Mittagssonne.
»Wieso hat jetzt niemand hier draußen irgendwas zu tun?« stöhnte Felix entnervt.
Kurze Zeit später kamen ihnen drei junge Männer entgegen. Sie trugen tief in die Stirn gezogene schwarze Baseballmützen und trotz deswarmenWetters lange Armeehosen, die von breiten Gürteln gehalten wurden. Auf Felix Frage nach der Wohnung von Herrn Silbermann spuckten sie, statt zu antworten, vor ihnen aus, und liefen wortlos weiter. Schließlich drückte Sophie entschlossen auf die Klingel am nächsten Hoftor. Zunächst antwortete wütendes Hundegebell.
Dann öffnete sich das Fenster und eine ältere Frau steckte vorsichtig ihren Kopf heraus.
»Entschuldigung. Wissen Sie, wo Herr Silbermann wohnt?«
»Was wollen Sie von ihm?«, fragte die Frau misstrauisch. »Sind Sie von der Zeitung?«
»Sehen wir so aus?« Alexander lachte und fragte ungeduldig: »Also, wissen Sie es nun oder nicht?«
Die Frau zog ruckartig ihren Kopf zurück. »Hallo, Hallo«, rief Sophie, aber das Fenster öffnete sich nicht noch einmal.
Ein alter Mann schlurfte auf der anderen Straßenseite vorüber. Felix lief ihm nach.
»Natürlich weiß ich, wo Herr Silbermann wohnt, ob ich dir das aber verrate, steht auf einem anderen Blatt.«
Felix bemühte sich um einen besonders höflichen Ton. »Wir sind nicht von der Zeitung.«
»Das sehe ich.« Der Alte blickte Felix prüfend an. »Aber vielleicht von der Sportgruppe Werner Mölders?«
Alexander und Sophie traten näher. Auch sie wurden erst abschätzend betrachtet, bevor der Mann, ein bisschen freundlicher fragte: »Was wollt Ihr denn vom alten Silbermann?«
Sophie klärte ihn auf.
»Na gut«, lenkte er schließlich ein. »Geht links die Straße runter in Richtung Sportplatz. Im vorletzten Haus rechts wohnt euer Mann. Aber sagt ihm nicht, dass ihr das von mir wisst.«
Der Alte schlurfte weiter.
Alexander bewegte die rechte Handfläche vor seinem Gesicht hin und her.
»Dorfluft macht dumm, wie?«
Die drei jungen Burschen kamen zurück und blieben stehen. »Na, alles klar?«,
fragte einer aggressiv und schob seine Baseballmütze noch tiefer in die Stirn.
»Logo!«
»Und was wollt Ihr von dem alten Juden?«
Felix ballte unwillkürlich eine Faust in der Tasche. Alexander wich einen Schritt zurück. Sophie antwortete furchtlos: »Interviewen. Der war Soldat im Spanischen Bürgerkrieg.«
»Scheiß-Spanien!«, brummte der Längste von den dreien verächtlich und wie
auf Kommando spuckten alle drei erneut vor ihnen aus.
"Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück",
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Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Tel.: 0228/63 23 06 Fax 0228/63 49 68, Email: prv@che-chandler.com, www.pahl-rugenstein.de
Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
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