NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2021  

zurück  
Druckversion

Inland
Wie Berlin die EU-Ratspräsidentschaft durch die "Großgliederung Europas" vorbereitet
Deutsches Imperium Europa
Von Hans Georg

Am Vorabend der neuen EU-Ratspräsidentschaft werden deutsche Kartenwerke für eine "Großgliederung Europas" bekannt. Die Kartierungen sind aufgrund einer Anforderung des Auswärtigen Amtes entstanden und sind für politische und administrative Zwecke deutscher Behörden gedacht. In den Darstellungen beherrscht Deutschland als bevölkerungsreichster Staat das kontinentale Zentrum, das "Mitteleuropa" genannt wird. Davon ausgegrenzt sind Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande.

Auch Dänemark, Spanien, Italien und Portugal gehören nicht zu "Mitteleuropa", wohl aber das ehemalige Jugoslawien bis zur albanischen Grenze und mindestens 13 weitere Staaten im Osten des Kontinents. "Bestimmend" für den "Kulturraum Mitteleuropa" seien "historische Herrschaftsbereiche dominant deutschsprachiger Staaten", heißt es in den Ausarbeitungen über "Mitteleuropa". Die begleitenden Karten ordnen Teile Frankreichs, Dänemarks, das gesamte Luxemburg, die Schweiz sowie Oberitalien der politischen Fiktion eines deutsch definierten Zentrums zu. Wie selbstverständlich werden auch Polen, die Tschechische Republik und Ungarn vereinnahmt. Über mehrere Gebiete wird behauptet, sie gehörten zu "Mitteleuropa", da sie ursprünglich im Besitz des Deutschen Reiches waren, "ganz abgesehen" von ihrer späteren Unterwerfung durch NS-Truppen. Der Kartenausriss zeigt eine beängstigende Ähnlichkeit mit Projektionen staatlicher Vorläufer der Bundesrepublik Deutschland.

Die aktuellen Kartierungen gehen auf eine "konkrete Anfrage" [1] des Auswärtigen Amtes (AA) zurück, dem eine "Stellungnahme zur Gliederung Europas in Großregionen" übermittelt werden sollte. Das Vorhaben wurde im "Ständigen Ausschuss für geographische Namen" (StAGN) erörtert, einem bisher nur in Fachkreisen bekannten Gremium, dem unter anderem der Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde (Leipzig) angehört.[2] Die Institution erfreut sich staatlicher Finanzierung und veröffentlicht maßgebliche Regularien für politisch-geographische Zwecke. Die deutschen Ordnungswissenschaftler, angebliche Geographen, sind wiederholt mit Arbeiten hervorgetreten, die hoheitliche Rechte fremder Staaten berühren. In den Darbietungen des Instituts ist unter anderem von "Lebensraum" die Rede.[3]
 
Kompakt

Die "Großgliederung Europas" sei "ohne national-politische Absichten" [4] verfasst worden, heißt es über die überstaatlichen Interessen der Ausarbeitung, die einer staatlichen Behörde zur national-politischen Nutzung vorgelegt wurde. Über mehrere Seiten zeichnet der Entwurf ein germanozentrisches Europa-Bild, in dem Deutsche als Siedler und Kulturstifter auch "außerhalb der heute deutschsprachigen Gebiete" auftreten. In völliger Verkennung des historischen Wandels nationalstaatlicher Identitäten wird behauptet, "Deutsche" hätten "ab dem 11. und 12. Jahrhundert kompakt oder inselhaft in weiten Teilen des heutigen Polen, im Baltikum, in den Sudeten- und Karpatenländern sowie in den slowenischen Gebieten und in Oberitalien" gesiedelt.
 
Tragend

Mit penibler Systematik werden Territorialteile der europäischen Nachbarnationen dem deutschen Verständnis von "Mitteleuropa" zugeschlagen, so Gebiete "Rumäniens innerhalb des Karpatenbogens", die "Bukowina", ukrainische Bezirke Galiziens, "Transkarpatien", das "Gebiet von Grodno im Nordwesten Weißrusslands", ja selbst "die heutige russische Exklave Kaliningrad". Über die Baltischen Staaten heißt es, sie "gehörten wie Ostpreußen vom 13. bis ins 15. Jahrhundert zum Deutschen Orden". Die antislawische Ausrottungsfeldzüge des "Deutschen Ordens" werden einer Erwähnung nicht für wert befunden. Stattdessen ist in dem "Mitteleuropa"-Text für das Auswärtige Amt von kulturellen Verdiensten der Deutsch-Balten die Rede, die "eine tragende gesellschaftliche Rolle spielte(n)".

Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006
Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien;
Europa Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006



Provokation

Deutsche dominieren die "Mitteleuropa"-Fiktion auch im Westen: so in "Nordschleswig" (Dänemark) und Luxemburg. Belgien wird um seine "deutschen Gebiete" erleichtert, Frankreich um das Elsass und Lothringen. Die "Region" (Alsace und Lorraine) sei "heute stark französisch geprägt", heißt es über das französische Staatsterritorium, dessen Prägemasse einer "authochthonen Bevölkerung" angehören soll - gemeint sind angebliche Quasi-Deutsche alemannischer Sprache. "Immerhin", so die stolze Erklärung, "gehörte" die Region (Alsace und Lorraine) "zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und war von 1871 bis 1918 Teil des Deutschen Reichs, ganz abgesehen von der Kriegssituation im Zweiten Weltkrieg." Dass die kriegerische Aggression und die Aneignung der Nachbargebiete durch deutsche Truppen niemals eine "kulturräumliche" Eingemeindung rechtfertigen kann, sondern im Gegenteil verbietet, erneute Ansprüche zu stellen, wird von den Autoren ignoriert. Insbesondere wegen des Bezugs auf die NS-Okkupation des Elsass und Lothringens handelt es sich um eine bisher nur von Rechtsextremisten und ausgewiesenen Revisionisten bekannte Provokation, die umso schwerer wiegt, da das Auswärtige Amt als Auftraggeber firmiert.
 
Mittelalterlich

Ausdrücklich wird festgestellt, dass die "Großraumgliederung" "für politische und administrative Zwecke" deutscher Behörden gedacht ist. Damit steht das revisionistische Regelwerk in der Nachfolge ähnlicher deutscher Versuche, hegemoniale Ansprüche auf eine Vormachtstellung in Europa mit mittelalterlichen Hervorbringungen germanischen Wesens zu begründen. Einen Höhepunkt erreichten diese Versuche, denen sich die Elite deutscher Geographen stets bereitwillig zur Verfügung stellte, in der NS-Zeit. Wie Untersuchungen belegen [5], kam es dabei zur direkten Zusammenarbeit mit dem AuswärtigenAmt und anderen Stellen des Htiler-Regimes. Die Kartenwerke wurden unter anderem bei den Planungen für den Überfall auf Polen benutzt und halfen anschließend bei Ausrottungsaktionen gegen die polnische Bevölkerung.[6] Auch über die Opfer der NS-Okkupation Polens, das als Sklavenreservoir für ein teutonisches "Mitteleuropa" vorgesehen war, gehen die neuen "Mitteleuropa"-Kartierungen hinweg.
 
Hintergründe

Dass "Mitteleuropa" zu einem "Synonym für 'völkisch'-eugenetische 'Lebensraum'-Vorstellungen und wirtschaftliche Ausbeutung" [7] wurde, scheint den heutigen Planern für das Auswärtige Amt unbekannt oder - was schlimmer wäre - muss verleugnet werden. So finden sich zur "Historische(n) Entwicklung des Mitteleuropabegriffs" [8] Ausführungen, die im Jahr 1916 abbrechen und mit Betrachtungen über die Zeit nach 1945 wieder aufgenommen werden. Die Ausblendung der nationalsozialistischen Europa-Diktatur unter dem Signum von "Mitteleuropa" erspart es den Urhebern, auf die wirtschaftlichen und militärischen Hintergründe der in Deutschland erneut aufkommenden "Mitteleuropa"-Fiktion hinzuweisen.

'Deutsches Reich: Verbreitung germanischen Blutes bzw. Blutsbeimischungen in Europa.' In: Meyers Lexikon 1937, 1324
'Deutsches Reich: Verbreitung germanischen Blutes bzw. Blutsbeimischungen in Europa.' In: Meyers Lexikon 1937, 1324


Imperium

Wie internationale Standardwerke lapidar feststellen, steht das deutsche "Mitteleuropa"-Programm seit über hundert Jahren für eine ökonomische Herrschaftsweise, "bei der die nördlichen, südlichen und westlichen Ränder des Kontinents um das Schwerkraftzentrum kreisen" sollen [9] - um Deutschland mit seinen angegliederten Satelliten in Ost- und Südosteuropa. Übereinstimmend heißt es, Ziel der "Mitteleuropa"-Projektionen sei die Schaffung eines "informellen europäischen Imperiums" ohne Zollgrenzen, so dass der deutschen Industrie ein maximales Absatz- und Ressourcengebiet zur Verfügung steht. Angesichts dieser Inhalte nimmt die Neuauflage der "Mitteleuropa"-Entwürfe im Auswärtigen Amt nicht wunder - und kommt rechtzeitig zur Präsidentschaft des vereinigten Deutschland über den Rest der EU.

Weitere Kartenausrisse finden Sie hier.

[1] Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006
[2] s. auch Raum im Werden, Aus der Tiefe des Raums, Herrscher im Raum und Räumliche Progression
[3] s. dazu "Mitteleuropa": Deutscher "Lebensraum"
[4] Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006
[5] Werke von Michael Fahlbusch und Ingo Haar
[6] Mechthild Rössler: "Wissenschaft und Lebensraum". Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Berlin 1990. Mechthild Rössler/Sabine Schleiermacher: Der "Generalplan Ost". Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik. Berlin 1993
[7] Richard G. Plaschka et al.: Mitteleuropa-Konzeptionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wien 1995
[8] Großgliederung Europas nach kulturräumlichen Kriterien; Europa Regional 04/2005, ausgeliefert im November 2006
[9] John Laughland: The Tainted Source. The Undemocratic Origins of the European Idea. London 1997

Mehr unter www.german-foreign-policy.com


Online-Flyer Nr. 76  vom 26.12.2006

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE