NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Der Fern-Seher - Folge 4
Mehr wagen!
Von Ekkes Frank

Die Freiheit nehm ich mir! Auf- und angeregt durch der neuen Kanzlerin Regierungserklärung wage ich es hiermit, ihre zentrale Devise "Mehr Freiheit wagen" nicht nur auf- und ernst zu nehmen, sondern schöpferisch weiterzuentwickeln. Auch ich möchte dabei sein, wenn "wir uns alle damit überraschen, was wir können". Großartig, Frau Merkel, diese Hommage an Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen"!

Ich sehe sie vor mir, die protestantische Naturwissenschaftlerin, wie sie am Bleistift knabbert - nein, wahrscheinlich eher an der kabellosen Maus - und überlegt, was sie denn nun mal wagen könnte. Und dann kommen natürlich zuerst einmal so naheliegende Überlegungen wie "Mehr Personenkraft-wagen", wobei zur Vermeidung wütender Proteste des betroffenen Gewerbes sofort angefügt werden muss, dass es selbstverständlich auch um "mehr Last-wagen" gehen muss. Einmal auf diesem zukunftsweisenden Weg angekommen, fließt das Ideenrinnsal munter fort: "Mehr Kinder-, mehr Güter- mehr Boller- mehr Bei- mehr Speise-, ja und warum denn auch nicht: mehr Hoch-auf-dem-gelben-wagen!"

Ich spüre förmlich die Begeisterung nach, welche die tief in der Nacht und in ihrer einsamen Studierstube an der Erklärung ihrer Regierung herumbrütende Frischkanzlerin erfasst. Das ist es doch! Das muss doch mitreißen! Da wird doch selbst der düpierte Duzfreund Guido Westerwelle beschämt das vorbereitete kritische Entgegnungsmanifest mit dem Ruf "Auch ich habe ein Herz für Schwache!" wieder wegpacken und zugeben, dass auch er noch heute von der Erfindung des Aspirin zehrt bzw. noch mehr von der ebenfalls so deutschen Erfindung des Autos.

Und die Rentnerinnen und Rentner und die Arbeitslosen draußen im Lande werden begreifen, dass sie gemeint sind mit den "Starken, die alle mitziehen", und die dann - wie es die Kanzlerin ausführt - "den Schwachen etwas abgeben" können, also den notleidenden Unternehmern und Managern, welche dann endlich "die zweiten Gründerjahre" auf den Weg und damit das Geld in die so leeren Haushaltskassen bringen, das wir so dringend brauchen, wenn wir nicht nur mehr Freiheit wagen, sondern diese auch effektiv am Hindukusch verteidigen wollen.
Welch eine Regierungserklärung! Alles drin! Außer vielleicht dem für die deutsche Landwirtschaft so wichtigen Bekenntnis: "Wir wollen mehr Mist-wagen". Aber das versteht sich vermutlich von selbst.


Online-Flyer Nr. 21  vom 07.12.2005

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie