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Aktueller Online-Flyer vom 29. September 2020  

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Wirtschaft und Umwelt
Interview mit der Preisträgerin von "ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie"
"Warum ich Umwelt-Aktivistin wurde"
Von Christina Ledermann

Die Fischerin Diane Wilson aus Seadrift, Texas, ist die wohl bekannteste amerikanische Chemie-Aktivistin. Sie ist 57 Jahre alt und hat fünf Kinder. Am Wochenende wurde ihr in Berlin der Blue Planet Award von "ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie" verliehen. Hier ihr Grußwort anlässlich der Preisverleihung. Die Redaktion.

Christina Ledermann: Diane - wie kamst du dazu, dein Leben nur noch dem Kampf gegen Umweltverschmutzung zu widmen?

Diane Wilson: Im Jahre 1989 drückte mir ein Freund einen Zeitungsartikel in die Hand. Darin stand, dass Calhoun County - meine Heimatregion - das verseuchteste Gebiet der ganzen USA ist. Wir haben die größte Dichte von Chemiefabriken. Die Buchten waren damals mit braunen, grünen und roten Algen verseucht. Nirgendwo in den USA war die Mortalitätsrate der Delphine höher. Nirgendwo starben so viele Menschen an Krebs. In dem Moment als ich den Artikel las, wurde mir bewusst, dass ich um das kämpfen muss, was ich liebe - die Buchten, die Tiere und die Menschen von Seadrift.

Es heißt, du hättest aus Protest dein eigenes Boot versenkt?

Ja, das war für eine Fischerin eine wirklich schmerzvolle Entscheidung. Es ist, wie wenn ein Landwirt seinen Hof anzündet. Aber ich wollte ein Zeichen setzen, dass eine intakte Natur das Wertvollste ist, was wir besitzen. Ich hatte schon so viel gegen die Chemie-Emissionen von Formosa Plastics ins Meer unternommen, also blieb mir nichts anderes übrig. Ich kann mir ein neues Boot kaufen - aber eine Bucht ist unersetzlich.

Hat es denn etwas genützt?

Erst sah es schlecht aus: nach meiner Festnahme drohten die Behörden damit, mich für 19 Jahre einzusperren. Aber dann solidarisierten sich meine Fischerkollegen mit mir und blockierten mit ihren Booten die Hauptwasserstraße. Plötzlich sprach man sogar in Houston von der Protestaktion. Kurze Zeit später bekam Formosa Plastics die Auflage, seine Emissionen drastisch zu senken, und auch der Firma Alcoa Aluminium wurde die Einleitung giftiger Abwässer verboten.

Kämpft seit 20 Jahren gegen die Umweltverschmutzung am Golf von Mexiko -Diane Wilson
Kämpft seit 20 Jahren gegen die Umweltverschmutzung am Golf von Mexiko -Diane Wilson
Foto: ethecon


Du warst bestimmt nicht besonders beliebt bei den Chemiefirmen?

Das kann man sagen! Es kommt immer noch vor, dass ich Briefe mit Morddrohungen in meinem Briefkasten oder unter dem Scheibenwischer meines Wagens finde. Einmal kreiste plötzlich ein Hubschrauber über meinem Haus. Es wurde geschossen. Sie haben meinen Hund erwischt. Ich bin sicher, dass diese Leute von den Chemiebossen angeheuert wurden. Sie sollen mich einschüchtern, aber das schaffen sie nicht.

Du hast deine Protestaktionen auch auf andere Bereiche ausgeweitet. Was tust du, wenn du nicht gerade in Deutschland bist, um einen Umweltpreis entgegenzunehmen?

Ich mache alles Mögliche. Ich bin zum Beispiel auf den Kühlturm von Union Carbide geklettert. Dort habe ich ein Transparent aufgehängt, auf dem stand: "DOW - Verantwortlich für Bhopal". Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass eine Chemiekatastrophe wie in Bhopal auch bei uns jederzeit passieren könnte. Außerdem wollte ich dagegen protestierten, dass sich die Verantwortlichen seit zwanzig Jahren weigern, vor indischen Gerichten zu erscheinen. Außerdem habe ich verschiedene Projekte mitgegründet: Zum Beispiel das "Texas Jail Project", das sich für bessere Haftbedingungen für Frauen einsetzt und die Kinder der Inhaftierten unterstützt. Oder die "Unresonable Women of the earth" - eine Frauenorganisation, die zur Rettung der Erde unkonventionelle Aktionen macht. Zuletzt haben wir eine Störaktion bei einer Fundraising-Veranstaltung gegen Vizepräsident Dick Cheney gemacht. Ich war auch im Irak, Syrien und im Libanon, wo wir als menschlicher Konvoi Lebensmittel zu ausgebombten Gemeinden gebracht haben.

Du hast auch viele Hungerstreiks durchgeführt - um was ging es bei dem letzten?

Das letzte Mal ging es um die Kohlekraftwerke, die Texas zum weltweit größten Produzenten von klimafeindlichen Gasen machen.

Wie schaffst du es, trotz mancher Rückschläge immer dabei zu bleiben?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit genügend Engagement auch gegen übermächtige Gegner etwas erreichen kann.

Online-Flyer Nr. 73  vom 05.12.2006

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