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Aktueller Online-Flyer vom 10. Juni 2026  

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Arbeit und Soziales
"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!"
BAYER  Tor 1
Von Manfred Demmer

Zum fünften Mal versammelten sich am Montag vor Tor 1 des Bayer-Werks in Leverkusen mehrere hundert Beschäftigte der bedrohten Bayer Industry Services  (BIS), um für den Erhalt der Arbeitsplätze, gegen Lohndrückerei und weitere unsoziale Pläne der Geschäftsleitung zur Steigerung der "Wettbewerbsfähigkeit" zu protestieren. Auch KollegInnen des Klinikums und aus anderen Betrieben waren wieder solidarisch dabei. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!" skandierten sie während der Demonstration, die sich vom Bayer-Haupttor in die Leverkusener City bewegte.

Kritik am IG BCE-Vorsitzenden Schmoldt

Mehrere Redner hatten auf der Kundgebung deutlich gemacht, dass in den Verhandlungen von Betriebsräten und Geschäftsführung die Kapitalseite bisher keinen Millimeter von ihrem nur auf Höchstprofit orientierten Standpunkt abweichen will. In Gesprächen am Rande der Montagsdemonstration, die zunehmend das solidarische Interesse auch der Leverkusener Bürger und der kleinen Geschäftsleute findet, gab es kritische Stimmen gegen den Vorsitzenden der IG BCE, Hubertus Schmoldt, der von den Kollegen aufgefordert worden war, endlich mal bei einer der Montagsdemonstrationen zu erscheinen. Die anfängliche Zurückhaltung örtlicher Gewerkschaftsfunktionäre sei dagegen, wie ein Kollege meinte, durch den Druck der Monttags-Aktivitäten positiv Richtung Solidarität verändert worden. Zu den von den alternativen "Basisbetriebsräten" aufgerufenen Aktionen kommen inzwischen immer mehr IG BCE-Mitglieder und IG BCE-Betriebsräte.

Der von Bayer-Chef Wenning am gleichen Tag auf der Quartals-Bilanz-Pressekonferenz verkündete "operative Ergebnisschub" - ein neues Wort für gestiegenen Profit - durch den 2006 laut Wenning "eines der prägendsten Jahre in der Bayer-Geschichte" wurde, veranlasste einige der Kollegen vor Tor 1 laut über härtere Kampfmassnahmen nachzudenken. Ob allerdings der von Vertretern der MLPD geforderte Streik aktuell Erfolg bringen würde, wurde angesichts der noch zu geringen Demo-Beteiligung von vielen bezweifelt.

Am Donnerstag waren immerhin zu einer offiziellen IG BCE-Kundgebung mehrere tausend Mitarbeiter aus BIS-Standorten auf dem Wiesdorfer Marktplatz zusammen gekommen. Neben den Beiträgen von Betriebsräten ragte dabei besonders die kämpferisch-solidarische Rede des DGB-Regionsvorsitzenden von Köln-Leverkusen-Erft-Berg, Wolfgang Uellenberg-van Dawen heraus. Hier einige Zitate aus seiner immer wieder von Beifall unterbrochenen Rede:

Basisbetriebsräte bei der Montagsdemo
Basisbetriebsräte bei der Montagsdemo
Foto: Basisbetriebsräte



"Milliarden Gewinne haben sie eingesackt"

"Die Gewerkschaften stehen an Eurer Seite. BIS muss eine Zukunft haben, und Ihr habt eine Zukunft, wenn Ihr kämpft... Ich bin empört, ich bin entsetzt, was das Bayer-Management mit Euch macht. Das haben wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch nie erlebt, dass sich hoch bezahlte Manager hinstellen und sagen: 600 Leute weg! Zweieinhalbtausend werden an irgendwelche Menschenhändler verkauft und der Rest kann kucken, wo er bleibt! In welchem Land leben wir denn hier eigentlich? Haben diese Leute vergessen, wer den Reichtum der Bayer-AG und ihrer Aktionäre in über hundert Jahren geschaffen hat? Milliarden Gewinne haben sie eingesackt, noch zwei, drei Milliarden vor einigen Jahren. Dafür wurde tapfer gearbeitet, fleißig wurde gearbeitet, man ist in die stinkende Fabrik gegangen, hat gefährliche Arbeiten geleistet, hat sich angestrengt, hat sich ausgebildet, hat ordentliche Tarifverträge gemacht, hat manchmal die Schnauze gehalten und die Faust in der Tasche geballt und hat um des Fortbestands des Unternehmens willen gesagt: "Kucken wir mal so genau nicht hin." Und jetzt geht dieses Bayer-Management hin und sagt: "Das war´s! Das interessiert uns einen Scheißdreck!" Kuckt wo ihr bleibt!" Das wollen und werden wir nicht hinnehmen. Auch Bayer hat eine Verantwortung."

'Weil man uns die Zukunft klaut!'
'Weil man uns die Zukunft klaut!'
Foto: Basisbetriebsräte


Uellenberg erinnerte mit seiner Rede auch an persönliche Erfahrungen - er selbst lebte 25 Jahre in Leverkusen, seine Mutter hat 42 Jahre bei Bayer gearbeitet - und fuhr dann fort: "Wir erwarten angesichts einer Politik, die das Rentenalter immer höher ziehen will, obwohl ältere Menschen kaum Arbeit finden, dass dieses Management Euch nicht in die Altersarmut entlässt, sondern die Altersteilzeit vernünftig regelt. Und wir erwarten auch, dass dieses Management seine Verantwortung für die Städte Leverkusen, Dormagen, Wuppertal und Krefeld wahrnimmt. Man muss doch nur einmal durch diese Stadt gehen, um zu sehen, wohin es führt, wenn der größte Gewerbesteuerzahler das Geld lieber an den Börsen verscherbelt, anstatt hier Schulen, Rathäuser und andere Dinge zu finanzieren. Das kann doch wohl nicht angehen."

Erfolg durch Solidarität auch bei Allianz

Zum Schluß machte Uellenberg den BIS-KollegInnen Mut, indem er sie auf die durch Solidarität erkämpften Erfolge der KollegInnen bei der Kölner Allianz-Versicherung verwies, "die bei weitem nicht so gut organisiert sind, wie ihr hier", und die es durch konsequenten Kampf gegen den Weltkonzern geschafft hätten, ihren Standort zu erhalten. "Und was denen bei Allianz gelungen ist, werdet Ihr hier allemal schaffen, mit der Unterstützung der IG BCE, wo wir als DGB gemeinsam mit Euch jetzt nach vorne sehen: BIS hat eine Zukunft!"

Ganz im Gegensatz zu Uellenberg hatte sich zuvor Leverkusens Oberbürgermeister Ernst Kühler immer mal wieder öffentlich an die Seite der Arbeitsplatzvernichter und Lohndrücker gestellt und sich gegen "Klassenkampfparolen" gewandt. Dem SPD-Bundestagsabgeordneten war daraufhin in einem Flugblatt der Kulturvereinigung Leverkusen e.V. vorgeworfen worden, sich am "Zerschreddern der Sozialleistungen des Staates" zu beteiligen und damit dem Klassenkampf von oben, der rigoros von den Konzernbossen geführt wird, Munition gegeben zu haben. Auf diese Haltung des Sozialdemokraten Kühler bezog sich offenbar auch der Betriebsratsvorsitzende des städtischen Klinikums, Wolfgang Stückle: "Die machen Klassenkampf von oben, dann kriegen sie es halt von unten!"

'Wir als DGB gemeinsam mit Euch!'
'Wir als DGB gemeinsam mit Euch!'
Foto: NRhZ-Archiv



"Die wirklichen Verfassungsfeinde"

In einem fünften Extrablatt der Zeitung der DKP für die Belegschaften der Bayer-Chemieparks "die Pille" heißt es in einer Solidaritätserklärung der Bezirksaktivtagung der DKP Rheinland-Westfalen vom 25.November: "Oft wurden die Kommunisten als Verfassungsfeinde diffamiert, weil sie sich für die Erhaltung der Grundrechte einsetzten. Wer die wirklichen Verfassungsfeinde sind, zeigt sich bei einem Blick in die Verfassung zum Beispiel von NRW: "Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens steht das Wohl des Menschen. Der Schutz seiner Arbeitskraft hat den Vorrang vor dem Schutz materiellen Besitzes. Jedermann hat ein Recht auf Arbeit." - Gegen Lohndumping, Arbeitsplatzvernichtung und andere Schweinereien der Konzernbosse gilt es gemeinsam zu kämpfen. Dabei versichern wir, aktiv an Eurer Seite zu stehen. Ein alter Spruch der Arbeiterbewegung heißt: "Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will."

Neben anderen Organisationen und Vereinigungen haben sich inzwischen auch die Kreissynode der Evangelischen Kirche und die KAB (Katholische Arbeiterbewegung) aktiv in die Demonstrationen eingebracht. Und die Kulturvereinigung Leverkusen e.V. hat am Wochenende alle Kulturschaffenden der Region aufgefordert, zu überlegen, wie und in welcher Form dieser Kampf um die Arbeitsplätze bei Bayer-BIS und im städtischen Klinikum unterstützt werden kann. Der IG BCE und anderen gewerkschaftlichen Organisationen und Gruppen hat sie gleichzeitig angeboten, mit einem kleinen Kulturprogramm den Kampf zu unterstützen.

www.kulturvereinigung.de, www.basisbetriebsraete.de

Online-Flyer Nr. 72  vom 28.11.2006

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