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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Glossen
"Sie sagen ja jetzt..." - Teil 21
Nutze den Tag!
Von Ulla Lessmann

Sie stehen in Schlangen immer vor mir. Sie stehen lange, genau wie ich. Sie hätten viel Zeit, sich seelisch, praktisch, geistig auf das vorzubereiten,  was sie am Ende der Schlange zu tun gedenken: Irgendwo hineinkommen, Bücher ausleihen oder zurückgeben, Einkäufe bezahlen, Pakete abholen.

Sie könnten während der Wartezeit schon mal die Eintrittskarten, ihr Portemonnaie oder ihren Ausweis suchen und dann bereithalten. Sie könnten! Aber sie tun es nicht. Ich weiß nicht, was sie tun, während sie vor mir und mit mir in der Schlange stehen und warten, vielleicht bewundern sie die Frisur der Frau vor sich, analysieren die Deckenkonstruktion des Raumes, beknabbern ihre Fingernägel, berechnen ihre Kontostände oder planen den Mord an ihrem Nachbarn.

Was sie keinesfalls und niemals tun, ist, sich und uns anderen Schlangestehern die Zeit zu verkürzen. Denn wenn sie dran sind, sind sie plötzlich völlig überrascht, dass sie nun wirklich dran sind. Und dann sagen sie "ja, wo hab` ich doch gleich..., wo ist nur..., eben war sie doch noch..." und dann klopfen sie sich ab, ihre Potaschen, ihre Brusttaschen, ihre Hosennahtseitentaschen, die Innentaschen ihrer Sakkos, wühlen ihren Kopf, verrenkt über hochgezogener Schulter, ins Futtertascheninnere und murmeln "also, irgendwie..., ich weiß gar nicht, wo..., ehrlich, ist es denn die Möglichkeit..." und klopfen und klopfen so lange an ihrem Körper herum, dass ich sie mit der Handtasche auf den Kopf hauen möchte, damit ihnen endlich einfällt, wo das ist, was sie jetzt brauchen und von dem sie ja während der langen Schlangensteherei genau gewußt haben, dass sie es am Ende der Schlange brauchen werden!!!

Manche werden auch neckisch und sagen unbestimmt ins Blaue "na, nun komm schon!", während sie ihre Brieftasche durchwühlen und erwarten, dass der Bibliotheksausweis kichert: "Ich bin hier, hinter der Bahncard über der Telefonkarte, ha, ha." Manche packen einfach alles aus, was sie während der Körperklopferei so an sich finden und legen es auf den Tresen und Theken und Kassen aus: Schlüsselbunde, Zigaretten, schmutzige Taschentücher, Zettelchen, Gummibänder. Und keiner sagt was.

Jedesmal will ich sagen: "Hören Sie mal, Sie Dämellack, seit 15 Minuten stehen Sie vor mir in der Schlange und da hätten Sie doch schon mal suchen können und jetzt stehlen Sie mir die Zeit." Ich persönlich spare an meiner Zeit und der meiner Mitmenschen und habe meine Sachen immer parat. Jedenfalls fast immer. Nur neulich fiel mir ein, dass ich schon länger mal gucken wollte, wann meine Kreditkarte abläuft und da ich sinnlos in einer Schlange herumstand, nutzte ich die Zeit, die Kreditkarte zu suchen und dabei ist mir die Eintrittskarte, wegen der ich in Schlange stand, irgendwo rein gerutscht, obwohl ich schwören konnte, dass ich sie nur mal eben in die Außentasche vom Mantel... .

Ulla Lessmanns"Lilien zur Erinnerung"
heißt Ulla Lessmanns neuer Kurzkrimi in: Radieschen von unten - Gartenkrimis vom Tatort Niederrhein mit mörderisch guten Gärtnertipps, Hrsg. Gesine Schulz und Ina Coelen,
Leporello Verlag, Oktober 2006

www.ulla-lessmann.de

Online-Flyer Nr. 70  vom 14.11.2006

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