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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XXI
"Niemandsland"
Von Wolfgang Bittner

Der Roman führt zurück in die achtziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsdozent, gerät in eine Sinnkrise und Depression, aus der er sich durch das Erfassen seiner eigenen Geschichte zu befreien versucht. Er hat sich einen Standort geschaffen, doch die scheinbare Geborgenheit wird nach und nach in Frage gestellt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit lähmt und läßt zugleich ahnen, daß die Ursache der Depression ein tiefes unterbewußtes Entsetzen ist. Fast zwanghaft spürt der Erzähler diesem unbestimmten Gefühl nach, nähert sich dem Ursprung seiner Angst. Ein Mosaik entsteht. Lesen Sie Kapitel XXI Rückstände

Wieder die Kladde. Ich sitze in einem Hotelzimmer in Tuxtla Gutiérrez, vor mir ein wackliger Tisch. Die nähere und die fernere Vergangenheit wachsen allmählich zu-sammen, und auch die räumlichen Entfernungen werden bedeutungslos. Wir nehmen uns mit, wohin wir auch gehen; das ist mir gerade in den letzten Wochen immer klarer geworden. Ich muß meine Vergangenheit beschreiben, sie nachvoll-ziehen und damit begreifen lernen. Dann erst wird es mir gelingen, zu mir zu kommen, mich anzunehmen. Wir können Opfer sein, bedeutet das, aber auch Täter.

Als Kind gewöhnte ich mich an eine Welt, in der keinem zu trauen und alles um mich herum einem ständigen Wechsel ausgesetzt war. Nichts hatte Bestand. Zuerst wohnten wir in einer Großstadt, dann einige Monate auf dem Lande bei Prenzlau, schließlich in der Kleinstadt. Einmal fehlte es an nichts, ein anderes Mal gab es nicht einmal satt Brot zu essen. Die ersten bewußten Eindrücke waren kaputte Häuser, Soldatenuniformen, Flüchtlings-kolonnen, aufgelaufene Füße. Auf der Straße sah man die Kriegskrüppel. Vor den Geschäften standen Schlangen. Abends berichteten die Männer von ihren Heldentaten, die Frauen von ihrem Martyrium. Wie im Dreißigjähri-gen Krieg. Oder in dem von den Spaniern eroberten Tenochtitlán. Zu den ersten öffentlichen Maßnahmen gehörten die Wiederherstellung von Wasserversorgung, Straßen, Brücken und Wohnquartieren.
Denke ich zurück, habe ich das Lager vor Augen. Eini-ge Baracken weiter wohnte Frau Nickel, eine verhärmte, hagere Frau Anfang Fünfzig Sie lebte allein und wackelte beim Sprechen mit dem Kopf, weswegen wir sie Frau Wackel nannten. Hatte sie Unterstützung abgeholt, buk sie hellbraunes duftendes Hefebrot; und obwohl ich sie manchmal gemeinsam mit den anderen Kindern geneckt hatte, rief sie mich dann herein, um mir eine Scheibe frisches Brot mit Margarine zu bestreichen. Es schmeckte wie Kuchen.
Ihre Stube war eng, darin standen nur das Bett, ein Militärspind, Ofen, Waschständer, Tisch und zwei Stühle. Die Mäuseplage bekämpfte sie mittels komplizierter selbst-gebastelter Vorrichtungen, die aus Bindfäden, Brettchen und halbgefüllten Wassereimern bestanden. Morgens wur-den die Leichen gezählt und boten Anlaß zu zeitweiliger Befriedigung und nachbarlicher Unterhaltung. Frau Nickel stammte aus Danzig. Mein Vater sagte, sie habe dort ein gutgehendes Lebensmittelgeschäft besessen. Neben dem Fenster hatte sie ein Stück Packpapier hängen, auf dem Fotografien befestigt waren. Als ich danach frag-te, erklärte sie mir: »Das ist mein Mann, in Bessarabien gefallen - das ist mein Ältester, in der Schlacht um El--Alamein gefallen - das ist meine Tochter, bei einem Bomben-angriff verschüttet - das ist der Jüngste, über England abge-schossen.« Ich erfuhr, daß Bessarabien in der Sowjetunion liegt, El-Alamein in Nordafrika, daß ein schweres Gefecht »Schlacht« und sterben im Krieg »fallen« genannt wird.
Der Winter von 1946 auf 1947 war so kalt, daß die Wasserrohre platzten. Und im heißen Sommer 1947 trock-nete der Brunnen im Lager aus, so daß wir Wasser aus der Stadt holen mußten. Die Natur schien sich den extre-men menschlichen Verhältnissen angepaßt zu haben. Wir überwinterten, wir hielten uns am Leben, indem wir we-der erfroren noch verhungerten. Die Menschen warteten ab. Manche verdienten schon wieder, einige nicht einmal schlecht. Die meisten aber hofften auf andere, bessere Zeiten. In der »Linde« an der Landstraße gab es jeden Abend Tanz zu Akkordeonmusik. Auch englische Besat-zungssoldaten verkehrten dort. Schwester Beate, die im Lazarett gearbeitet hatte, und Fräulein Berger aus der Siedlung trugen echte Nylonstrümpfe und hochhackige Schuhe.
Vor der Schule ging ich mit den anderen Kindern zum Müllabladeplatz in der Nähe des Lagers, um Schrott zu sammeln. Begehrt waren sogenannte Buntmetalle wie Kupfer, Zink, Aluminium, Messing, Blei. Was wir fanden, versteckten wir in den Büschen. Nach der Schule brachten wir die Sachen zum Schrotthändler, der uns je nach Menge und Qualität dafür eine Kleinigkeit bezahlte. Wenn der Appetit unabweisbar wurde, kaufte ich mir ein oder sogar zwei Rosinenbrötchen. Herr Kaminski behauptete, Muskeln seien aus Eisen. Er beugte den Arm, ließ seinen Bizeps schwellen, den ich hin und wieder betasten durfte, und sagte: »Kolossal, was!?« Wenn er getrunken hatte, war er besonders stark und verprügelte der Reihe nach die ganze Familie. Als entdeckt wurde, daß er zur Wachmannschaft eines Konzentrationslagers gehört hatte und er von der Militärpoli-zei abgeholt werden sollte, hängte er sich auf. Wir fanden ihn beim Herumstöbern, als wir durch ein Fenster seines Holzschuppens blickten. Er war schon steif, hatte einen Schuh verloren und aufgerissene stiere Augen. Seine Zunge hing ihm blauschwarz unwahrscheinlich lang aus dem Mund.

Beim Frühstück erzählten wir unsere Träume, die nach überlieferten Kriterien entschlüsselt wurden. Kam zum Beispiel Wasser vor, würde es Kummer geben. Kohle stand für Hunger, und Zähne bedeuteten Krankheit. Wer von Blut oder Kot träumte, hatte Geld zu erwarten. Wurde dagegen jemand im Traum von einem Pferd gebissen, mußte er bald sterben. Manche Traumdeutungen beunru-higten mich tagelang, bis sie durch die Auslegung neuer Traumgesichte aufgehoben wurden, deren Wirkung wie-derum mehrere Tage vorhielt.
Nachmittags trieben wir uns auf den Trümmergrund-stücken herum, in leerstehenden Lagerschuppen und Mannschaftslatrinen oder in den umliegenden Feldern. Aus verschraubbaren Herdputzdosen, die mit Karbid und Wasser gefüllt wurden, ließen sich äußerst wirksame Ex-plosivkörper herstellen. Warf man solche Sprengsätze in den Fluß vor der Stadt, zerplatzten die Schwimmblasen der Fische, die leblos an die Wasseroberfläche kamen. Wir brieten sie über dem Lagerfeuer und dazu gestohlene Kartoffeln. Manchmal kochten wir uns in einer alten Kon-servendose Eier, die aus den Hühnerställen der näheren Umgebung besorgt wurden. Aus dem Feuerlöschteich fischten wir bei Kriegsende weggeworfene Waffen, mit denen wir Krieg spielten. Wen kümmerten schon Verbote. Daß Unfälle vorgekommen waren, wußten wir. Man mußte sich eben vorsehen und aufpassen, daß man nicht geschnappt wurde.
Wollte man vom Lager in die Siedlung, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befand, mußte man einen längeren Umweg über die Landstraße machen. Eine Ab-kürzung führte über den Hof eines Bauern, aber dieser Weg durfte nur von Einheimischen benutzt werden. Der Bauer, der Toben hieß, paßte auf, besonders abends. Den-noch schlich ich mich, wenn ich von einem Schulkamera-den kam und schnell heim mußte, dort entlang, denn man sparte fast zehn Minuten. Toben paßte mich eines Abends ab. »Hab´ ich dich endlich, du Lump!« schrie er, gab mir mehrere Ohrfeigen und trat nach mir, daß ich meterweit fortgeschleudert wurde. Heulend lief ich nach Hause und berichtete meinen Eltern. Ein Auge war blau angeschwollen, das Hemd zerrissen. Mein Vater stand vom Abendbrotstisch auf und ging hinüber zu Toben, ihn zur Rede zu stellen. Als er nach kurzer Zeit zurückkam, war er fürchterlich aufgebracht und stieß wilde Drohungen aus. »Den Hund müßte man totschlagen!« rief er erregt, unternahm jedoch nichts weiter, auch nicht an den folgenden Tagen. »Der Kerl ist mit Vorsicht zu genießen«, meinte er.
Meine Wut verwandelte sich in abgrundtiefen Haß, der alle Gedanken einzunehmen begann. Peter Koralla besaß, wie ich, eine Nullacht. Ich wußte, daß er sich auch Muni-tion dafür beschafft hatte, die er sorgfältig versteckt hielt. Es gelang mir, vier Patronen von ihm gegen mein Bajonett einzutauschen, das ich im Bombentrichter hinter dem Lager gefunden hatte. Dann nahm ich die Pistole mit in den Wald, lud sie und schoß zur Probe zweimal auf einen Baumstamm. Obwohl ich schrecklich aufgeregt war, saß der zweite Schuß im Ziel.
Der Abend kam, und ich lag neben dem Feldweg, der zu Tobens Scheune führte. Vom Melken kam er dort vor-bei, jeden Abend. Ich wartete. Als er zu sehen war, kroch ich unter ein Schlehdorngestrüpp und entsicherte die Pi-stole; ich zitterte am ganzen Körper. Toben schob einen Karren mit Milchkannen vor sich her, langsam kam er näher, genau im Visier. >Das Herz sitzt links<, sagte ich mir, >also muß ich nach rechts halten.< Kurz vor dem Gebüsch blieb er stehen, um seine Pfeife zu stopfen. >Jetzt mußt du abdrücken<, dachte ich, >jetzt ist der richtige Zeitpunkt.< Ich war auf einmal ganz ruhig, mir ging das Lied durch den Kopf, das wir morgens in der Schule gelernt hatten: »Es dunkelt schon in der Heide, nach Hause laßt uns geh´n...« Ich hielt den Finger am Abzug. Toben hatte jetzt seine Pfeife gestopft und zündete sie an. Dann schob er den Milchkarren an mir vorbei, noch immer hatte ich ihn genau im Visier. Bis er hinter der Scheunenecke verschwand. Das genügte, um es zu vergessen.
In der Schule lernte ich, wie man sich am besten ver-stellt, um etwas zu erreichen. Und sei es, daß die Lehrer einen in Ruhe ließen. Das war nicht einfach, wenn die Eltern weder zu den Einheimischen gehörten noch sonst etwas aufzuweisen hatten. Aber ich sprach einwandfreies Hochdeutsch, ein großer Vorteil. Viele der Einheimischen wie auch der Flüchtlingskinder sprachen Dialekt und mußten sich erst umstellen. Bei manchen dauerte es meh-rere Jahre, und einigen gelang es nie. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Langstreckenläufer zu werden und übte monatelang, indem ich Tag für Tag mindestens einmal im Dauerlauf um das ganze Lager hetzte. So steigerte ich meine Kondition und meinen Hun-ger. Dann stellte sich bei einer Reihenuntersuchung heraus, daß ich Schatten auf der Lunge hatte. Es gab Zuschüsse für Butter, und nach einem halben Jahr waren die Schat-ten wieder verschwunden. Ich begann mich nach der Schule in den Wald abzusetzen, wo ich bis zum Abend herumstromerte. Das blieb so, bis ich die Schule beendet hatte.
Und immer wieder kein Geld. Diese bedruckten Pa-pierlappen, für die man sich alles kaufen kann. Hat man sie, ist das wie selbstverständlich: ein Gefühl der Sicher-heit, der Erhabenheit. Deswegen will man sie sich besor-gen. Ich habe Kabel verlegt, Straßen aufgehackt, Bäume gepflanzt, Taxi gefahren, an der Heißmangel oder mit dem Preßlufthammer gearbeitet. Was damit zu verdienen war, reichte gerade für den notwendigen Lebensunterhalt. Will man mehr, muß es anders angefangen werden. Das begriff ich bald. - Dabei braucht es gar nicht viel, um einigermaßen menschenwürdig leben zu können.
Aber wer viel hat, will noch mehr, und reich werden kann man nur auf Kosten anderer. Auch das lernten wir in der Schule, wenn auch eher indirekt, zum Beispiel im Heimatkundeunterricht. In der Nachbarschaft herrschte im sechzehnten Jahrhundert ein Häuptling mit Namen Balthasar, der sich auf die Seefahrt verlegt hatte, beson-ders auf das Aufbringen in Seenot geratener Schiffe der Hanseaten; gelegentlich half er dabei nach. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich die Kaufleute der vor allem betroffenen Hansestadt Bremen, die solche Beschäftigung mit gewissem Recht als Seeräuberei betrachteten, dagegen zu schützen versuchten. Und Bremen war eine mächtige Stadt, ein Zentrum des Welthandels, mit gutausgerüsteten Soldaten. Aber weit weg, über hundert Kilometer. Balthasar warb einen Kapitän an, der sich auf sein Handwerk verstand, übertrug ihm das Kommando über die aus drei Schiffen bestehende Flotte und stellte ihm einen Kaperbrief aus, wie es damals nicht unüblich war. Nach »alden Szerechten«, so stand in der gesiegelten Urkunde. 1539 wurden den Bremern vor ihren Toren auf der Weser zehn Schiffe abgenommen und fortgeführt. Das wollten sie sich nicht bieten lassen, das sollte sich nicht wiederholen.
Auf einer Insel, die zu Balthasars Herrschaftsbereich gehörte, brannten sie 19 Häuser nieder; darüber konnte er nur lachen, denn die Bewohner hatten sich vorher auf das Meer gerettet. In Bremen wurden jetzt Fahrzeuge geringeren Tiefgangs auf Kiel gelegt, die den Smacken und Hukbooten der Peiniger in die flachen Küstengewässer folgen konnten - das war schon bedenklicher. Kurz darauf wurden in der Ossenbalge die drei Schiffe der Kaperflotte auf Grund gesetzt und die Besatzungen gefangen genom-men; das war zum Haareausraufen. Doch dabei blieb es nicht. 71 Männer waren zu Bremen festgesetzt und in den Block geschlossen. Zwar gelang es einer der Schiffsmannschaften auszubrechen. Nicht ohne erhebliche Verletzungen an Händen und Füßen, konnten sich die Gefan-genen aus dem Holz befreien. Sie stiegen durch das Dach und ließen sich mit selbstgedrehten Stricken zur Weser hinunter, um auf einem Kahn zu entkommen. Aber an der Huntemündung wurden die Flüchtenden von Bremer Schiffern gestellt, zurückbefördert und vor dem Ansgaritor mit dem Schwerte hingerichtet, wie zuvor in Ham-burg schon die Likedeeler unter ihrem Hauptmann Störtebeker. Die abgeschlagenen Köpfe nagelte man zur Abschreckung anderer Frevler an einen vor dem Ort Walle aufgerichteten Galgen. Doch auch damit nicht genug. Der Seeweg nach Westen mußte frei bleiben für einen schwunghaften Handel mit England, Portugal und Spanien, die sich inzwischen in Übersee festgesetzt hatten, und deren Kaufleute reiche Warenangebote bereithielten. Die Bremer schickten ihre Streitmacht hinaus und belagerten Balthasar im Jahr darauf in seiner Stadt, wo er am zehnten Tage der Beschießung mit 24 Kanonen über-raschend an seines »Herzens Bitterigkeit« verstarb. So wurde es uns berichtet. Ich erinnere mich genau. Und wer sich Gedanken darüber machte, konnte viel daraus lernen. Daß, wer raubt, auch die Macht haben muß, das Geraubte zu behalten



Niemandsland

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München








Der Autor

BittnerWolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«.
www.wolfgangbittner.de

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