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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XX
"Niemandsland"
von Wolfgang Bittner

Der Roman führt zurück in die achtziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsdozent, gerät in eine Sinnkrise und Depression, aus der er sich durch das Erfassen seiner eigenen Geschichte zu befreien versucht. Er hat sich einen Standort geschaffen, doch die scheinbare Geborgenheit wird nach und nach in Frage gestellt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit lähmt und läßt zugleich ahnen, daß die Ursache der Depression ein tiefes unterbewußtes Entsetzen ist. Fast zwanghaft spürt der Erzähler diesem unbestimmten Gefühl nach, nähert sich dem Ursprung seiner Angst. Ein Mosaik entsteht. Lesen Sie Kapitel XX Die Reise (erster Teil)
Es ist heiß, und auch das Duschen hat keine Abkühlung gebracht, die andauerte. Draußen sind vierzig Grad Cel­sius im Schatten, für einen Europäer eine ungewöhnliche Temperatur. Ich halte das Fenster und die Vorhänge ge­schlossen, habe mich ausgezogen auf das Bett gelegt. Im Halbdunkel verwischt sich die Umgebung, aber hoch über mir erkenne ich die graue Stuckdecke des Hotelzim­mers, an der unerreichbar, als schwarze Punkte, die Mücken sitzen. Aus der Ecke das nervtötende Geräusch der tropfenden Dusche. Die Klimaanlage ging früher einmal, jetzt ist sie ein verrosteter Kasten im Oberteil des Fen­sters. Das Laken saugt den Schweiß auf. Nach Valladolid sind es 40, nach Merida 120 Kilometer. Seit Tagen schon geht mir diese sentimentale Melodie nicht aus dem Kopf: Will you still need me, will you still feed me, when I´m sixtyfour.

Ein paar Stunden Schlaf. Nachts stehe ich auf, um das Fenster zu öffnen. Dann liege ich wieder auf dem Bett, aber der Schlaf will nicht zurückkommen. Draußen wird es allmählich hell, der Verkehr auf der Straße vor dem Hotel nimmt zu. Ich bin in Yucatán, das wird mir langsam wieder klar. Rasch ziehe ich mich an, packe die Reiseta­sche und gehe hinunter, wo es zum Frühstück Kaffee, Spiegeleier, Fladenbrot und Bohnen gibt. Kurz darauf sitze ich im Bus, der schnell die Maisfelder und Agaven­plantagen der kleinen Ortschaft hinter sich läßt. Über dem Monte, dem Buschwald, umkreisen schwarze Vögel die gewaltigen Steintempel der alten Ruinenstädte. Erbaut von den Mayas, erobert von den Tolteken, später den Spaniern, untergegangen und wieder ausgegraben. Auf den 364 Stufen der Kukulcanpyramide ersteigt die Sonne das Himmelsgewölbe; an einem bestimmten Tag des Jahres kommt der Schlangengott zur Erde herab, atemlos beobachteten Zehntausende seinen sich neben der Treppe abzeichnenden Schatten. Die Ballspiele in tol­tekischer Zeit wurden mit der Opferung der unterlegenen Mannschaft beendet.

Gegen den Durchfall ein Mittel aus der Apotheke, das innerhalb zweier Tage Erleichterung verschafft. Das Ho­tel in Merida heißt Casa del Balam, die Klimaanlage funk­tioniert. Am späten Nachmittag gehe ich durch die basar­artigen Ladenstraßen zur Plaza, setze mich auf eine Bank unter dem Laubdach der Bäume und schaue den alten Männern zu. »Yo no habla español«, ich spreche nicht Spanisch, »soy alemán«, ich bin Deutscher. Vor mir die Kathedrale und der Palast des Eroberers Montejo. Die Menschen, denen ich begegne, sind freundlich. Zum Abendessen gibt es gebackene Krabben und Truthahn in Molesoße.

Die Luftfeuchtigkeit muß außerordentlich hoch sein. Mittags regnet es regelmäßig etwa eine Stunde. Ein wol­kenbruchartiger Regen, der im Nu die Straßen und Plätze mit ausufernden Lachen überzieht, in die das ununter­brochen vom Himmel stürzende Wasser hineinschlägt. Vor dem Auge eine Wand aus Nässe. Danach Sonne, Wasserdunst, sofort ist alles wieder trocken. Nachts er­neute Güsse. Die Mückenstiche jucken, immer neue. Zur Malariaprophylaxe täglich eine Resochin?Tablette.

Bis in die Nacht hinein lese ich in dem Buch des Chronisten Bernal Diaz del Castillo über die Eroberung Mexi­kos. Das Rauschen der Klimaanlage wird übertönt von einem Summen im Kopf. Es verliert sich, je länger ich lese. Draußen staut sich die auch nachts nicht nachlassende Hitze.

Die Schiffe werden zerstört, um etwaige Meutereien von vornherein zu unterbinden. Mitte August 1519 bricht Hernán Cortés mit 452 Männern, 15 Pferden und sechs Geschützen auf, die Hauptstadt des Aztekenreiches zu erobern. Der Aztekenkaiser Moctezuma hatte bereits durch Boten von der Ankunft der Fremden erfahren und ihnen, um sie zu beeindrucken und ihnen seine Machtfül­le vor Augen zu führen, um sie vielleicht auch zu besänfti­gen, eine große Sonne aus purem Gold und einen Mond aus Silber als Geschenke übersandt; zugleich bat er sie, in ihre Heimat zurückzukehren. Doch der Anblick der Schätze steigert die Habgier der Eroberer ins Maßlose.

Unterwegs kämpft Cortés gegen die Tlaxcateken, die ihm 50.000 Krieger entgegenstellen. Soweit das Auge reicht, 25 Quadratkilometer in einer Ebene, indianische Krieger; sie tragen Baumwollpanzer, hohe Federbüsche, schwingen ihre Fahnen, trommeln und trompeten. Da­zwischen der kleine Haufen der Spanier, die sich zu einem Karree zusammengeschlossen haben, mit ihren indiani­schen Hilfstruppen aus der Küstenregion. Der Boden ist bedeckt von Spießen, Pfeilen und Schleudersteinen. Die Reiter sind angewiesen, nur im Galopp zu attackieren und nach den Gesichtern und besonders den Augen zu stechen. Musketieren und Armbrustschützen ist befoh­len, pelotonweise zu schießen, und zwar jeweils dann, wenn die zu Schuß gekommene Reihe gerade nachlädt. Die Konquistadoren sind kampferprobte Experten.

Nach dem Sieg werden Tribute erwartet, aber die Tlaxcateken sind ein armes Volk. Sie werden als Bundes­genossen gewonnen und schließen sich Cortés mit ihren restlichen Truppen an, denn sie sind mit den Azteken verfeindet. Als die Spanier mit Hilfe ihrer indianischen Verbündeten und nach heftigen Auseinandersetzungen mit den Chololteken das Gebirge überschritten haben, liegt vor ihnen in der fruchtbaren Hochebene ein mächti­ges, wohlgeordnetes Reich.

Am 8. November 1519 zieht Cortés in Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko?City ein, wo er ohne Kampf mit allen Ehren empfangen wird. Man hält ihn auf Grund alter Prophezeiungen für den heimkehrenden Priestergott Quetzalcoatl. Ein weiter See und darin auf einer Insel die Kaiserstadt. »Der Anblick dieses Zauberreichs ver­schlug uns den Atem, es erschien uns fast so unwirklich wie die Paläste in dem Ritterbuch des Amadis. Hoch und erhaben ragten die festgefügten steinernen Türme, Tem­pel und Häuser mitten aus dem Wasser. Manche von uns glaubten an eine Sinnestäuschung. Wie im Traum mar­schierten wir durch diese Herrlichkeit.«

Der Aztekenherrscher Moctezuma zieht den Spaniern mit seinem Hofstaat auf der Straße, die über einen Damm aus der Stadt herausführt, entgegen. »O unser Herr!« begrüßt der Kaiser den Cortés, dem er kurz zuvor das weitere Vordringen verboten hatte. »Mühsal und große Anstrengungen hat es dich gekostet, in deine Stadt Te­nochtitlán zu gelangen, um auf deiner Matte, deinem Stuhl Platz zu nehmen, den ich nur eine kleine Weile für dich gehütet habe. Möchte doch einer von denen, die vor mir die Stadt beherrscht haben, wiederkommen und staunend sehen, was jetzt über mich gekommen ist, was ich nun sehe, den sie zurückgelassen haben. Denn ich träume nicht, ich fahre nicht aus dem Schlaf auf, ich sehe es nicht im Traum, ich träume nicht, dich gesehen, dir ins Antlitz geschaut zu haben. Ich war bekümmert, eine ganze Reihe von Tagen ... Nun sei wohl angekommen, ruhe dich aus! Besuche deinen Palast!«

Die Spanier bewohnen als Gäste des Aztekenherr­schers den Palast seines Vorgängers. Cortés und seine Leute werden königlich bewirtet. Es gibt die köstlichsten Früchte, erlesene Gerichte, einen braunen süßen Saft aus den Bohnen des Kakaobaumes, »Chocolatl« genannt, Ta­bak und Wein. Aber auch das Menschenblut auf den Opfer-steinen der Pyramidentempel, grauenerregende Götterbilder. Die vielen kostbaren Geschenke aus Gold und Edelsteinen, deren Wert immer gleich in Piastern errechnet wird. Die Gier wächst von Tag zu Tag. Am 14. November 1519 nimmt Cortés den Gastgeber in seinem eigenen Palast gefangen und in den folgenden Tagen vier weitere aztekische Fürsten als Geiseln.

Da kommen beunruhigende Nachrichten von der Kü­ste. Der kubanische Gouverneur Diego Velasquez, be­sorgt über die wachsende Eigenständigkeit des Eroberers, hat eine Flotte von 18 Schiffen entsandt, um Cortés abzusetzen. Der eilt mit dem größten Teil seiner Mann­schaft zur Küste zurück und überfällt in der Nacht des 28. Mai 1520 seinen Gegenspieler Panfilo de Narvaez, dessen Leute zum Sieger übergehen.

Zurück in Eilmärschen in die Hauptstadt Tenochtitlán, wo der Stellvertreter des Cortés 600 aztekische Adlige während eines Festes ermorden ließ. Ein Aufstand gegen die Besatzungsmacht ist ausgebrochen, und Moctezuma wird von seinen eigenen Untertanen getötet. Die Stadt läßt sich nicht halten. Der Rückzug über die Dammstra­ße, alle Geschütze verloren, die meisten Pferde, die erbeu­teten Schätze, zwei Drittel der Mannschaft. Dennoch Sieg, mit Hilfe der indianischen Bundesgenossen, am 14. Juli 1520 bei Otumba. Immer wieder setzen sich die Spa­nier gegen eine unvorstellbare Übermacht durch. Mit ihren Obsidianschwertern, Spießen und Pfeilen konnten die Indianer gegen die gepanzerten, feuerspeienden Ein­dringlinge und deren Reiterei nicht viel ausrichten. Mehr noch als Stahl, Musketen, Armbrüste und Kanonen wü­teten unter ihnen die eingeschleppten Pocken.

Schon morgens sitze ich im Innenhof des Hotels und lese weiter. Kaum, daß Zeit bleibt für einen Imbiß, das Buch liegt neben dem Teller. »Eines der eindrucksvollsten Zeugnisse europäischer Kolonialpolitik«, sagt der gegen­über sitzende Japaner in fließendem Deutsch, ein Ethno­loge aus Kioto. Am Vortage machte er Fotoaufnahmen von den Reliefs in einem Tempel der Ruinenstadt Uxmal.

Die Achselhöhlen sind schweißnaß. Ein Bild fügt sich zusammen. »Der größte Turm ist höher als der große Turm von Sevilla - ein großer, von Säulenhallen umgebe­ner Platz, der größer als der zu Salamanca war - ein befestigtes Militärlager, größer, stärker und besser ausge­baut als das feste Schloß von Burgos - ich kann nichts anderes sagen, als daß in Spanien nichts Vergleichbares existiert.« Im Palast des Moctezuma werden die Teller angewärmt und die Speisen auf kleinen, mit Glut gefüll­ten Kohlenbecken serviert. »Gar manch arme Leute trei­ben sich auf den Straßen und Märkten umher und betteln die reichen an, wie dies auch in Spanien und anderen gesitteten Ländern geschieht.« Gold, Sklaven, Frauen. Die spanischen Eroberer sind habgierig, triebhaft, bigott und grausam. Aber auch die von den Azteken unterdrückten Völker klagen über die Grausamkeit ihrer Herren.

Der Japaner war schon mehrfach in Deutschland. »Die Pünktlichkeit der Züge«, erklärt er mir, »so wie in Japan. Unsere Völker haben überhaupt viele Gemeinsamkei­ten.« Ich höre meinen Geschichtslehrer, den ehemaligen Kapitänleutnant sagen: »Die Preußen des Ostens!« Wie fest eingeprägt das alles ist. Ein Film, allerdings ein ameri­kanischer, über den Krieg in der Südsee fällt mir ein. Wie lange es dauert, wieviele Informationen man benötigt, um diese Prägungen zu erkennen. Wie lange man braucht, um diese Klischees und Widersprüch-lichkeiten, diese Verfälschungen, Lügen und Vorurteile zu begreifen, die unser Leben und das Leben ganzer Völker so oft entschei­dend beeinflussen. »Wir haben sogar gemeinsam einen Krieg verloren«, sagt der Japaner lächelnd, »aber wir ha­ben wenig Gelegenheit gehabt, daraus zu lernen.«

Die Spanier verboten Götzendienst - und stellten das Standbild der Madonna auf. Sie verboten Menschenopfer - und hängten, verstümmelten und verbrannten nach »or­dentlichen« Gerichtssitzungen ihre Widersacher. Sie ver­boten Kannibalismus und Sodomie - und bestrichen ihre Wunden mit Menschenfett und fingen sich hübsche Frau­en ein. Aber nur wenige Eroberer sahen ihre Heimat wieder oder konnten sich ihres Reichtums erfreuen.

Der Konquistador Gonzalo de Sandoval liegt wenige Tage nach seiner Landung in Spanien, es war im Jahre 1527, schwerkrank bei einem Handwerker im Haus. Von seinem Sterbelager muß er mit ansehen, wie ihm sein Wirt aus einer Kiste dreizehn Goldbarren stiehlt. Er gibt keinen Laut, denn er muß fürchten, daß der Dieb ihn mit Kissen ersticken würde. »Sandoval verfiel von Tag zu Tag mehr. Der Dieb flüchtete so rasch nach Portugal, daß man ihn nicht mehr einholen konnte, um ihm die Beute abzunehmen.« Halsabschneider unter sich oder auch: der Raub des Geraubten.

»Heute findet der Kolonialismus andere, subtilere Mit­tel«, sagt der japanische Professor. »Ich meine zum Bei­spiel die Aktivitäten der großen Konzerne. Oder sehen Sie sich die Amerikanisierung in unseren Ländern an, die wenigsten merken das noch.«

Die Kaziken trommelten alle Zeichendeuter und Prie­ster zusammen, um feststellen zu lassen, ob die Eindring­linge wirklich Götter seien, oder ob man sie besiegen könne. Moctezuma opferte täglich mehrere Knaben in der Hoffnung, Aufschluß zu erhalten. Jahrhunderte zu­vor hatten die Azteken, ein aus dem Norden gekommener kriegerischer Stamm, das Hochtal von Mexiko erobert und sich die benachbarten Völker tributpflichtig ge­macht. Nur die Tlaxcateken, mit denen sich Cortés ver­bündete, hatten zu widerstehen vermocht. Aber sie lebten in ständiger Abwehrbereitschaft und in vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen, denn ihr Gebiet war steinig und karg.

»Wenn Sie bei der heutigen Popmusik einmal genau hinhören«, sagt der japanische Professor, »spüren Sie deutlich den Marschrhythmus heraus - damit sind immer noch Millionen zu begeistern. Übrigens war bei uns der Applaus nach dem israelischen Sechstagekrieg gegen Ägypten genau so groß wie bei Ihnen.« Er wischt sich mit einem großen weißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn, es ist außerordentlich heiß. »Wissen Sie«, fügt er sehr sachlich und zurückhaltend hinzu, »meine Eltern sind bei dem Einsatz der ersten Atombombe in Hiroschi­ma ums Leben gekommen, manchmal habe ich große Angst.«

Unter der Regierung des weisen und gütigen Priester­fürsten Quetzalcoatl hatte es eine segensreiche Epoche des Friedens und der unblutigen Götterkulte gegeben. Nach der Überlieferung ist er von den blutdürstigen Stammesgöttern vertrieben worden und auf dem Meer des Ostens verschwunden, jedoch sollte er zurückkom­men. Eine bärtige hellhäutige Männergestalt. Sein in ei­nen Felsen gemeißeltes Bild ist bis heute erhalten, darun­ter fand sich sein Geburtsjahr in aztekischer Zeit­rechnung: Ein Rohr (Ce Acatl), was dem Jahre 947 unserer Zeitrechnung entspricht. Seine Anhänger warteten in je­dem Ein?Rohr?Jahr, das sich alle zweiundfünfzig Jahre wiederholte, auf die Rückkehr des Gottes. Und nach elf mal zweiundfünfzig Jahren, 1519, landete Cortés an der Ostküste. Die Ankunft der bärtigen Männer in ihren Wasserhäusern.

Schon ein Jahrzehnt vorher, im Jahr »Zwölf Haus«, war Nacht für Nacht eine hohe Flamme zum Osthimmel aufgestiegen, ihr Feuer war wie aus einer blutenden Wun­de in Tropfen zur Erde herabgefallen. Ein böses Omen. Der Tempel des Kriegsgottes Huitzilopochtli war abge­brannt; ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel hatte den Tempel des Feuergottes zerstört. Der Salzsee um die Hauptstadt kochte bei Windstille hoch auf und überflutete die halbe Stadt. Feurige Kometen wurden gesichtet. Diese beunruhigenden, bösen Vorzeichen! Konnte der Kaiser Moctezuma, der ein Eingeweihter war, dies alles für Zufall halten?

»Ich glaube nicht«, sagt der japanische Professor, »daß sich die Russen mit der Aufstellung dieser neuen ameri­kanischen Raketenwaffen abfinden können. Wir müssen uns einmal in ihre Lage hineinversetzen und das militär­strategisch sehen.« Er blickt mich nachdenklich an. »Ich möchte Sie nicht beunruhigen«, setzt er mit einem Lä­cheln hinzu, als wolle er sich entschuldigen, »vielleicht gibt es ja Verhandlungen, womöglich Annäherungen - die Zeit wäre reif dafür.« Geschickt ißt er eine Mango, die auf den langen Mittel­zinken einer Gabel aufgespießt serviert wird.

Ich muß meine Reisetasche packen. Am Nachmittag besuchen wir noch gemeinsam das Archäologische Mu­seum mit der beeindruckenden Sammlung von Maya­kunstwerken. Wir tauschen unsere Adressen aus; abends um acht Uhr geht der Bus, und ich habe schon eine Fahrkarte gekauft. Sofort ziehe ich das Buch aus der Tasche und lese weiter.

Am 30. Oktober 1520 schreibt Cortés an Kaiser Karl V.: »Die Hauptstadt Tenochtitlán liegt in einem salzigen Landsee und hat viele öffentliche Plätze, auf denen be­ständig Markt gehalten wird. Alles ist in großen Mengen vorhanden. Längs des einen der in die Stadt führenden Steindämme laufen zwei Röhren von Mörtelwerk, jede etwa zwei Schritte breit und eine Manneslänge hoch. Durch die eine fließt ein mannsdicker Strahl sehr guten süßen Wassers bis mitten in die Stadt, und alle bedienen sich dessen und trinken es. Die andere, leere Röhre, wird nur benutzt, wenn die erste gereinigt werden muß.« Von Apotheken ist die Rede, von Barbierstuben, wo Köpfe gewaschen und Haare geschnitten werden, von Gaststät­ten, Ladenstraßen, Basaren. Von feinsten Baumwollstof­fen, Papier, Büchern, Schmuck, Malerfarben, Baustoffen, Gemüse, Wild, Heilkräutern, Pasteten und gebackenem Kuchen. Vor allem von Gold, Silber und Edelsteinen. Die Indianer aber, die schon bald ihren schwerwiegenden Irrtum von den weißen Göttern begriffen, schilderten folgendes: »Als die Spanier das Gold sahen, funkelten ihre Augen vor Vergnügen; sie waren entzückt. Wie Affen griffen sie danach, befingerten es, waren hingerissen vor Freude. Sie hungerten und dürsteten nur nach Gold, sie wühlten wie hungrige Schweine nach Gold.«

Ich lese, bis die Buchstaben in der Dämmerung vor meinen Augen verschwimmen. Der Bus fährt durch aus­gedehnte Sisalfelder, vorbei an weißen Mauern und fen­sterlosen strohgedeckten Häusern, in denen sich die Men­schen zur Ruhe begeben. Die Früchte der Palmen sehen aus wie die Brüste schwangerer Frauen. Langsam verhüllt die Dunkelheit das Land und entzieht es dem Blick. Ich stelle den Sitz zurück, um zu schlafen.

In Villahermosa, nahe der Golfküste, herrscht bei der Ankunft stockdunkle Nacht, und das Thermometer zeigt noch dreißig Grad Celsius. Es geht schon auf den Morgen zu. Als erstes kaufe ich mir am Schalter des Busbahnhofs, der erstaunlicherweise besetzt ist, eine Fahrkarte nach Tuxtla Gutiérrez in der Provinz Chiapas, Abfahrt acht Uhr morgens. Im Wartesaal sitzen nur Einheimische; ich setze mich dazu, lege meine Füße auf die Reisetasche und schlafe noch ein wenig. Gegen halb sieben belebt sich der Raum. Kisten, Körbe, Taschen, Kartons, Bündel und Koffer werden herangeschleppt, die Kleinkinder schreien, neben mir nimmt eine Mutter ihren Säugling an die Brust. Die Sonne steht schon wieder hoch am Himmel. In dieser Gegend, so habe ich mir sagen lassen, verdient ein Arbeiter auf dem Lande fünfzig bis hundert Pesos am Tag, das sind fünf bis zehn Mark. Falls er eine Arbeit findet.

Das Buch liegt auf dem Schoß. Am 13. August 1521 wird die Hauptstadt Tenochtitlán nach wochenlangen schwersten Kämpfen endgültig erobert. Etwa 300.000 Menschen sollen dabei umgekommen sein, allein 15.000 an diesem letzten Kampftag. Kaum ein Stein bleibt auf dem anderen, und auch die Spanier und ihre indianischen Verbündeten erleiden hohe Verluste. Denn die Azteken setzen sich verzweifelt und todesverachtend zur Wehr. Ihr neuer Kaiser, Cuauhtemoc, der auf einem mit den Herrschaftsinsignien reich geschmückten Schiff inmitten seiner Vertrauten zu fliehen versucht, fällt in die Hände der Spanier. Er beschwert sich bei Cortés darüber, daß spanische Offiziere und Soldaten ihnen die Frauen und Töchter geraubt hätten. Um ihn zu zwingen, das Versteck seines Goldschatzes zu verraten, werden seine Füße in siedendes Öl getaucht. Aber der unermeßliche Schatz bleibt verschollen. 1531 erscheint dann der Legende nach die Jungfrau Maria, die braune Virgen de Guadalupe, dem Indianer Juan Diego; die Eingeborenen treten zu Millionen zum katholischen Glauben über.

Bernal Diaz del Castillo, der Konquistador, soll 89 Jahre alt geworden sein. Im Alter hat er alle Einzelheiten der Entdeckung und Eroberung Mexikos gewissenhaft aufgeschrieben. Er war ein gottesfürchtiger Mann, wie alle Konquistadoren. Aber zweiundzwanzig Jahre nach dem Eroberungszug des Cortés schreibt der Mönch Bar­tolomeo de Las Casas über die Tätigkeit seiner Landsleute in der »Neuen Welt«: »Sie haben in diesen vierzig Jahren nichts anderes getan und tun auch heute nichts anderes als zerreißen, töten, ängstigen, quälen, foltern und ver­nichten. Und das alles in solchem Maße, daß auf der Insel Haiti von drei Millionen Seelen heute keine 200 Eingebo­rene mehr da sind. Ich wage zu erklären, daß in der Zeit jener vierzig Jahre, da die Spanier in diesen Ländern ihre Schreckensherrschaft ausübten, mehr als zwölf Millionen Menschen unbillig ausgerottet worden sind. Statt Frieden und Recht bringen sie Gewalt, statt des Evangeliums Mord und Raub um des Goldes willen.«

Der Überlandbus arbeitet sich ratternd und ächzend in das Gebirge hinein. Neben dem Fahrer sitzt auf einer Coca?Cola?Kiste seine Frau oder Freundin, zu ihren Füßen einen kunstledernen Kosmetikkoffer. Die schmale Straße führt durch tropische Landschaft. Vor den strohgedeckten Hütten spielen Kinder; magere Hunde, schwarzgefleckte Schweine, Truthähne und bunte Hühner laufen umher. Die Männer tragen riesige Hüte, sie reiten auf knochigen Pferden und Eseln. Un­terwegs steigen weitere Fahrgäste zu. Bald habe ich einen Sack Zwiebeln unter dem Sitz und eine Kiste Gemüse unter den Füßen, neben mir eine alte Frau mit ihrer Enkeltochter, die einen ausgewachsenen Hahn unter dem Arm trägt. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen. »Norteamericano?« fragt jemand. »No, ale­mán.« Von vorn wird mir eine Apfelsine gereicht, von hinten eine Banane. Die Leute lachen mir freundlich zu. Alemania, ein fernes kleines Land.

Es ist wie im Traum. Ein Schwebezustand. Vielleicht, weil ich allein bin und die Landessprache nicht beherr­sche. Ich beobachte, was vorgeht, ich verständige mich, esse, trinke, schlafe, reise. Alles mit einer merkwürdigen, mir neuartigen Distanz zu meiner Umgebung und zu mir. Die Tage laufen ab. Als müsse alles so sein und nicht anders. Ich überlege, wohin ich fahren werde, ich kaufe eine Fahrkarte, ich fahre, ich komme an. Mehrmals, und immer wie im Traum. Niemals vorher bin ich so gereist..


Wolfgang Bittner-Niemandsland

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München









Der Autor

Wolfgang BittnerWolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. 
www.wolfgangbittner.de

Online-Flyer Nr. 68  vom 31.10.2006

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