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Krieg und Frieden
Krieg und Gender - Folge 2 - Maria Baumeister:
"Krieg zur Förderung der Frauenfreiheit"
Von Marilena Thanassoula
Im ersten Artikel der Folge "Krieg und Gender" wurde der Begriff "schöpferische Zerstörung" erläutert. Der Aktivist Detlef Hartmann hatte dort in einer Veranstaltung der Kölner Gruppe "Bundeswehr-Wegtreten" den Prozess der "Positivierung" des Krieges in Verbindung mit den wirtschaftlichen Zielen der Angreifer gebracht. In derselben Veranstaltung hatte Maria Baumeister einen Vortrag über die Geschlechterkonstruktion, die der Krieg herstellt, gehalten. Im Gespräch mit der NRhZ stellt sie uns jetzt zunächst die Gruppe "Bundeswehr-Wegtreten" vor, in der sie seit langem aktiv ist:
"Die Feierlichkeiten der Bundeswehr zu ihrem 50jährigen Bestehen wurden in Köln von einer Gegendemonstration beantwortet. Vier Aktivisten spannten über den Haupteingang vom Dom und später am Abend am Balkon eines Hotels zwei Transparente gegen den Krieg. Sie wurden deshalb vom in Köln stationierten Oberkommando der Luftwaffe und vom Bauamt wegen Volksverhetzung, Volksbeleidigung und Hausfriedensbruch angezeigt. Daraufhin bildeten Aktivisten die Gruppe "Bundeswehr-Wegtreten", die die Bürger sowohl über die Missionen der Bundeswehr informiert, als auch über den Gerichtstermin, das am 26. Oktober stattfindet.
Es werde oft propagiert, dass Krieg Vorteile für die Zivilbevölkerung bringe, habe ich Maria Baumeister gefragt. Sie beantwortet die Frage mit einer beeindruckenden Statistik: "Im ersten Weltkrieg waren die Toten zu 95 Prozent Soldaten und nur zu fünf Prozent Zivilisten. Schon im zweiten Weltkrieg war das Verhältnis völlig verändert: 55 Prozent der Toten waren Soldaten, 45 Prozent Zivilisten. In den Kriegen unserer Zeit sind die Toten zu 90 Prozent Zivilisten." Dies sei ist kein Zufall und habe nichts mit Technik zu tun, erklärt Maria Baumeister. Es sei ein Ziel der Kriege, die Bevölkerung zu terrorisieren und zu vernichten, damit die bestehenden sozialen Strukturen zerstört durch neue ersetzt würden, die der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen dienen. Krieg sei der schnellste Weg, um einen sozialen Umbruch zu vollziehen.
Auf die Frage, was dies für Irak bedeutet, erwähnt Maria Baumeister zunächst, dass 55 bis 60 Prozent der irakischen Bevölkerung Frauen sind, die immer noch so gut wie nie in der Berichterstattung vorkommen. Sie unterstreicht die Kooperation der USA mit Saddam Husseyn vor dem Krieg und sieht in diesem Zusammenhang den Krieg auch als Fortsetzung dieser, von den USA später geleugneten Kooperation. Am Beispiel Irak werde das Ziel des sozialen Umbruchs deutlich: Gewerkschaften, Lohnarbeit und Bürgerinitiativen wurden vollkommen zerstört, so dass die Bevölkerung mittlerweile um ihr Überleben kämpfen müsse. Das ganze Land werde wie ein Lager gehalten, sagt Maria Baumeister, und erwähnt als überzeugendes Beispiel der gewollten Abhängigkeit die Nahrungsmittelrationierung. Für die Frauen bedeute der Krieg, dass sie zu 50 Prozent ihre Arbeit verloren hätten. Ehemals arbeitende Frauen wurden zurück in die traditionelle Rolle der Mutter, Ernährerin und Schützerin der Familie gezwungen. Die Analphabetenrate sei von 5 auf 45 Prozent gestiegen. Vor allem Mädchen würden von der Schule ferngehalten und zugleich von der Strasse überhaupt, denn die Gefahr der Vergewaltigung habe drastisch zugenommen. Da die alten sozialen Strukturen zerstört sind, gebe es nicht nur kein Geld, sondern auch kein Vertrauen, was für die Frauen mehr Arbeit bedeutet. Aktivistinnen in Irak sähen diese Situation des Landes als ein Resultat des Krieges und der Besatzung.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
"Welche Rolle spielen die Geschlechterverhältnisse im Krieg?" habe ich gefragt. Ihre Antwort: "Die Ziele des Krieges werden immer geschlechtslos formuliert, aber der Krieg und das Militär bauen auf den Geschlechtsdualismus. Im Militär wird Aggression und Gehorsam gefördert und gefordert: Aus Männern werden richtige Männer. Die Konstruktion der Männlichkeit besteht aus Tapferkeit, Geduld, wegen der hohen Technisierung auch aus berechnender Rationalität. Es gibt auch eine Hierarchie der Männlichkeit innerhalb des Militärs, so gelten zum Beispiel Jet-Piloten als die "männlichsten" und im Gegensatz Hubschrauber-Piloten als die "Weicheier". Sexuelle Metaphern verbinden Angriff und Zerstörung mit der Erregung, die dabei nach Angaben der Soldaten selbst entsteht." Im Gegensatz dazu werde die Weiblichkeit beschrieben: "Frauen sind grundsätzlich unterlegen und hilfsbedürftig. Gleichzeitig erlaubt die Realität des Krieges plündernden Männer-Banden eine Spur von Vergewaltigung und Tod hinter sich zu verbreiten. Diese Männerbanden werden von den Kriegführenden oft durch Waffen unterstützt. Oft kommt es zu einer parallelen Ökonomie der Männer, zu der Frauen überhaupt keinen Zugang haben."
Dazu komme, so Maria Baumeister, dass die Stationierung von Truppen unmittelbar zur Prostitution führe. Sie erwähnt ein paar Beispiele: "In Kambodscha nahm die Zahl der Prostituierten nach der Stationierung der "Peace-keeping" Truppe von 6.000 auf 20.000 zu. In Kroatien wurde während und nach dem Krieg die Sexindustrie die größte Wachstumsbranche des Landes. In Kosovo blüht der Handel mit Frauen aus den ehemaligen osteuropäischen Ländern, das Land ist das Zentrum der Sexindustrie in Südeuropa geworden."
Offiziell werde das Problem der Prostitution nicht thematisiert oder als Einzelfälle und "Kavaliersdelikte" präsentiert. Die Realität, über die Frauen und manche Soldaten von Sex-Parties und Drogenexzessen berichten, erreiche nicht die öffentliche Meinung. "Die Vergewaltigung ist eine Kriegsstrategie", meint Maria Baumeister. "Sie ist der sexualisierte Ausdruck von Aggression. Diese Form von Aggression nimmt auch in den kriegführenden Nationen während des Krieges zu. Im Mittelpunkt stehen die Erniedrigung des Gegners und die Vergewisserung von Macht. Dazu kommen die Ängste der Soldaten, die offenbar durch Vergewaltigung abgebaut werden." Dazu komme: "Vergewaltigung wird für die öffentliche Meinungsbildung instrumentalisiert. Sie wird wie eine allgemeine Bedrohung der Bevölkerung, wie eine Verletzung des Besitzes thematisiert. Die Realität der Frauen wird nicht berücksichtigt."
Erinnert sei in diesem Zusammenhang, dass sogar die Genfer-Konvention Vergewaltigung als Angriff gegen die Ehre determiniert, nicht als Angriff gegen den Körper.
Sind Frauen im Krieg nur Opfer? "Nein", sagt Maria Baumeister, "die Opferrolle gehört zur patriarchalen Konstruktion, die unter anderem den Krieg bedingt. Frauen sind durchaus aktiv für ihre Söhne, Brüder, Ehemänner, sind auch für den Krieg da. Sie unterstützen sie, emotional und logistisch, sie führen auch selbst Krieg, sie zeigen dabei ihren Stolz und Entschlossenheit. Dies ist kein Widerspruch zur patriarchalen Konstruktion, sondern gehört unbedingt dazu."
Maria Baumeister beendet das Gespräch mit einem Zitat von Foucault: "Krieg besteht nicht aus Kampfhandlungen, sondern ist ein Zeitraum, dies ist der Kriegszustand". "Der Krieg beginnt nicht mit dem Griff an den Waffen", sagt Maria Baumeister, "er beginnt mit der Herstellung einer Normalität. Die eigene Norm ist die einzig richtige Wirklichkeit. Alle andere Normen werden verleumdet. Der Andere wird konstruiert, um dann zerstört zu werden. Die Überlegenheit über den Anderen wird stets unterstrichen. Zu dieser Überlegenheit gehören Sexismen und Rassismen, die den Krieg bedingen."
Im nächsten Flyer der NRhZ gilt die dritte Folge von "Krieg und Gender" dem Thema "Frauen im deutschen Militär".
Siehe auch: "Krieg als schöpferische Zerstörung"
Online-Flyer Nr. 65 vom 10.10.2006
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Krieg und Frieden
Krieg und Gender - Folge 2 - Maria Baumeister:
"Krieg zur Förderung der Frauenfreiheit"
Von Marilena Thanassoula
Im ersten Artikel der Folge "Krieg und Gender" wurde der Begriff "schöpferische Zerstörung" erläutert. Der Aktivist Detlef Hartmann hatte dort in einer Veranstaltung der Kölner Gruppe "Bundeswehr-Wegtreten" den Prozess der "Positivierung" des Krieges in Verbindung mit den wirtschaftlichen Zielen der Angreifer gebracht. In derselben Veranstaltung hatte Maria Baumeister einen Vortrag über die Geschlechterkonstruktion, die der Krieg herstellt, gehalten. Im Gespräch mit der NRhZ stellt sie uns jetzt zunächst die Gruppe "Bundeswehr-Wegtreten" vor, in der sie seit langem aktiv ist:
"Die Feierlichkeiten der Bundeswehr zu ihrem 50jährigen Bestehen wurden in Köln von einer Gegendemonstration beantwortet. Vier Aktivisten spannten über den Haupteingang vom Dom und später am Abend am Balkon eines Hotels zwei Transparente gegen den Krieg. Sie wurden deshalb vom in Köln stationierten Oberkommando der Luftwaffe und vom Bauamt wegen Volksverhetzung, Volksbeleidigung und Hausfriedensbruch angezeigt. Daraufhin bildeten Aktivisten die Gruppe "Bundeswehr-Wegtreten", die die Bürger sowohl über die Missionen der Bundeswehr informiert, als auch über den Gerichtstermin, das am 26. Oktober stattfindet.
Es werde oft propagiert, dass Krieg Vorteile für die Zivilbevölkerung bringe, habe ich Maria Baumeister gefragt. Sie beantwortet die Frage mit einer beeindruckenden Statistik: "Im ersten Weltkrieg waren die Toten zu 95 Prozent Soldaten und nur zu fünf Prozent Zivilisten. Schon im zweiten Weltkrieg war das Verhältnis völlig verändert: 55 Prozent der Toten waren Soldaten, 45 Prozent Zivilisten. In den Kriegen unserer Zeit sind die Toten zu 90 Prozent Zivilisten." Dies sei ist kein Zufall und habe nichts mit Technik zu tun, erklärt Maria Baumeister. Es sei ein Ziel der Kriege, die Bevölkerung zu terrorisieren und zu vernichten, damit die bestehenden sozialen Strukturen zerstört durch neue ersetzt würden, die der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen dienen. Krieg sei der schnellste Weg, um einen sozialen Umbruch zu vollziehen.
Auf die Frage, was dies für Irak bedeutet, erwähnt Maria Baumeister zunächst, dass 55 bis 60 Prozent der irakischen Bevölkerung Frauen sind, die immer noch so gut wie nie in der Berichterstattung vorkommen. Sie unterstreicht die Kooperation der USA mit Saddam Husseyn vor dem Krieg und sieht in diesem Zusammenhang den Krieg auch als Fortsetzung dieser, von den USA später geleugneten Kooperation. Am Beispiel Irak werde das Ziel des sozialen Umbruchs deutlich: Gewerkschaften, Lohnarbeit und Bürgerinitiativen wurden vollkommen zerstört, so dass die Bevölkerung mittlerweile um ihr Überleben kämpfen müsse. Das ganze Land werde wie ein Lager gehalten, sagt Maria Baumeister, und erwähnt als überzeugendes Beispiel der gewollten Abhängigkeit die Nahrungsmittelrationierung. Für die Frauen bedeute der Krieg, dass sie zu 50 Prozent ihre Arbeit verloren hätten. Ehemals arbeitende Frauen wurden zurück in die traditionelle Rolle der Mutter, Ernährerin und Schützerin der Familie gezwungen. Die Analphabetenrate sei von 5 auf 45 Prozent gestiegen. Vor allem Mädchen würden von der Schule ferngehalten und zugleich von der Strasse überhaupt, denn die Gefahr der Vergewaltigung habe drastisch zugenommen. Da die alten sozialen Strukturen zerstört sind, gebe es nicht nur kein Geld, sondern auch kein Vertrauen, was für die Frauen mehr Arbeit bedeutet. Aktivistinnen in Irak sähen diese Situation des Landes als ein Resultat des Krieges und der Besatzung.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
"Welche Rolle spielen die Geschlechterverhältnisse im Krieg?" habe ich gefragt. Ihre Antwort: "Die Ziele des Krieges werden immer geschlechtslos formuliert, aber der Krieg und das Militär bauen auf den Geschlechtsdualismus. Im Militär wird Aggression und Gehorsam gefördert und gefordert: Aus Männern werden richtige Männer. Die Konstruktion der Männlichkeit besteht aus Tapferkeit, Geduld, wegen der hohen Technisierung auch aus berechnender Rationalität. Es gibt auch eine Hierarchie der Männlichkeit innerhalb des Militärs, so gelten zum Beispiel Jet-Piloten als die "männlichsten" und im Gegensatz Hubschrauber-Piloten als die "Weicheier". Sexuelle Metaphern verbinden Angriff und Zerstörung mit der Erregung, die dabei nach Angaben der Soldaten selbst entsteht." Im Gegensatz dazu werde die Weiblichkeit beschrieben: "Frauen sind grundsätzlich unterlegen und hilfsbedürftig. Gleichzeitig erlaubt die Realität des Krieges plündernden Männer-Banden eine Spur von Vergewaltigung und Tod hinter sich zu verbreiten. Diese Männerbanden werden von den Kriegführenden oft durch Waffen unterstützt. Oft kommt es zu einer parallelen Ökonomie der Männer, zu der Frauen überhaupt keinen Zugang haben."
Dazu komme, so Maria Baumeister, dass die Stationierung von Truppen unmittelbar zur Prostitution führe. Sie erwähnt ein paar Beispiele: "In Kambodscha nahm die Zahl der Prostituierten nach der Stationierung der "Peace-keeping" Truppe von 6.000 auf 20.000 zu. In Kroatien wurde während und nach dem Krieg die Sexindustrie die größte Wachstumsbranche des Landes. In Kosovo blüht der Handel mit Frauen aus den ehemaligen osteuropäischen Ländern, das Land ist das Zentrum der Sexindustrie in Südeuropa geworden."
Offiziell werde das Problem der Prostitution nicht thematisiert oder als Einzelfälle und "Kavaliersdelikte" präsentiert. Die Realität, über die Frauen und manche Soldaten von Sex-Parties und Drogenexzessen berichten, erreiche nicht die öffentliche Meinung. "Die Vergewaltigung ist eine Kriegsstrategie", meint Maria Baumeister. "Sie ist der sexualisierte Ausdruck von Aggression. Diese Form von Aggression nimmt auch in den kriegführenden Nationen während des Krieges zu. Im Mittelpunkt stehen die Erniedrigung des Gegners und die Vergewisserung von Macht. Dazu kommen die Ängste der Soldaten, die offenbar durch Vergewaltigung abgebaut werden." Dazu komme: "Vergewaltigung wird für die öffentliche Meinungsbildung instrumentalisiert. Sie wird wie eine allgemeine Bedrohung der Bevölkerung, wie eine Verletzung des Besitzes thematisiert. Die Realität der Frauen wird nicht berücksichtigt."
Erinnert sei in diesem Zusammenhang, dass sogar die Genfer-Konvention Vergewaltigung als Angriff gegen die Ehre determiniert, nicht als Angriff gegen den Körper.
Sind Frauen im Krieg nur Opfer? "Nein", sagt Maria Baumeister, "die Opferrolle gehört zur patriarchalen Konstruktion, die unter anderem den Krieg bedingt. Frauen sind durchaus aktiv für ihre Söhne, Brüder, Ehemänner, sind auch für den Krieg da. Sie unterstützen sie, emotional und logistisch, sie führen auch selbst Krieg, sie zeigen dabei ihren Stolz und Entschlossenheit. Dies ist kein Widerspruch zur patriarchalen Konstruktion, sondern gehört unbedingt dazu."
Maria Baumeister beendet das Gespräch mit einem Zitat von Foucault: "Krieg besteht nicht aus Kampfhandlungen, sondern ist ein Zeitraum, dies ist der Kriegszustand". "Der Krieg beginnt nicht mit dem Griff an den Waffen", sagt Maria Baumeister, "er beginnt mit der Herstellung einer Normalität. Die eigene Norm ist die einzig richtige Wirklichkeit. Alle andere Normen werden verleumdet. Der Andere wird konstruiert, um dann zerstört zu werden. Die Überlegenheit über den Anderen wird stets unterstrichen. Zu dieser Überlegenheit gehören Sexismen und Rassismen, die den Krieg bedingen."
Im nächsten Flyer der NRhZ gilt die dritte Folge von "Krieg und Gender" dem Thema "Frauen im deutschen Militär".
Siehe auch: "Krieg als schöpferische Zerstörung"
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