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Lokales
Jugendschicksale in Köln - Folge 2
Siegfried
Von Rudi Rute
Siegfried ist Roma und inzwischen sechzehn Jahre alt, sein Bruder Muradem acht. Seine Eltern sind damals unter dramatischen Unständen vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen, und er kann sich noch sehr genau an diese Zeit und die schrecklichen Bilder erinnern, als man Tante und Onkel im Dorf vor seinen Augen erschlagen hat.
Seit zehn Jahren lebt er in Deutschland
Zuerst wurden Siegfried und seine Eltern in einem Containerlager, dann auf einem Schiff, und zuletzt in einem völlig runtergekommenen Übergangsheim in Porz untergebracht. Laut Aktenlage gehört Siegfried zu den so genannten "Klaukids", die am 22. August 2002 vom EXPRESS mit dieser Überschrift und mit 50 Polizeifotos wie die Sau durchs Dorf getrieben wurden - ohne Interesse für die sozialen Hintergründe dieser Kinder. Der ROM e.V. beschwerte sich darüber beim Deutschen Presserat. Zur Schule gehen konnte Siegfried trotzdem nie. Außer als kleiner Junge in seiner alten Heimat mal kurz ins erste Schuljahr - denn für ihn gab es keine "Schulpflicht" in NRW.
Seine Eltern war es stets verboten, in Deutschland zu arbeiten, da sie als so genannte Staatenlose gelten. Der Grund: Teile des ehemaligen Jugoslawien erkennen bis heute die Roma nicht als Staatsbürger an, und Deutschland gibt ihnen seit 10 Jahren ebenfalls keine Staatsbürgerschaft. Die Bargeldleistungen der Ämter waren immer sehr eingeschränkt, meistens gab es nur Essensgutscheine, sodass seine Eltern es sich nie leisten konnten, ihm mal ein Taschengeld zu geben oder irgendeinen Wunsch - wie ein Fahrrad - legal zu erfüllen. Von Handy, Playstation oder ein paar Markenturnschuhen, die für die meisten Kinder in seinem Alter normal waren, konnte er nur träumen.
Großvater war noch in der Wehrmacht
Die engen Räume, in denen Siegfried anfangs mit sieben Geschwistern und drei Erwachsenen leben musste, erinnern an Unterkünfte in der Dritten Welt. Von der Familie ist ihm inzwischen nur noch sein kleinerer Bruder Muradem geblieben, alle anderen wurden in einer Nacht- und Nebelaktion festgenommen und abgeschoben. Das letzte was er von ihnen über eine Cousine gehört hat, ist, dass sein Vater nach der Abschiebung "zuhause" auf der Straße erschossen wurde. Der hatte immer gesagt: "Der Krieg ist für uns Roma dort noch nicht zu Ende." Er hatte deutsche Vorfahren. Siegfrieds Großvater hatte im ersten Weltkrieg noch in der Wehrmacht gedient, war dann in den Wirren des zweiten Weltkriegs vor den Nazis mit seiner Familie nach Jugoslawien geflohen. Damals war sein Vater auch noch ein Kind, erzählt Siegfried und dokumentiert die deutschen Wurzeln seines Vaters stolz mit seinem Nachnamen "Prinz"
Prinzen ohne Heimat
Siegfried und Muradem hatten Glück, denn in der Nacht, als die Polizei die Familie aus den Betten riss, um sie mit Gewalt in ein unsicheres Gebiet nach Bosnien abzuschieben, hatten sie bei ihrer Cousine übernachtet, die mit einem deutschen Rom verheiratet ist und selbst die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Lange haben beide auf der Fahndungsliste der Polizei gestanden, bis seine Cousine den kleinen Bruder adoptierte, der sich seither legal bewegen kann.
Siegfried hingegen schlägt sich seit etwa einem Jahr als obdachloser Illegaler vor allem mit kleinen Diebstählen und der unregelmäßigen finanziellen Unterstützung seiner verbliebenen Sippe durch. Würde er sich offiziell irgendwo melden, um eine Unterstützung zu bekommen, würde er im Abschiebeknast landen. Schulabschluss, Lehre oder legale Arbeit sind für ihn deshalb nicht möglich. Ein "Klaukid" sei er nicht mehr, sagt er von sich selbst, denn im Laufe der Jahre sei er schlauer geworden und würde in der Innenstadt keinen mehr "abziehen", weil es viel zu gefährlich sei, erwischt zu werden. Früher sei ihm das egal gewesen, denn als er noch nicht 14, also nicht strafmündig war, brachte man ihn immer wieder zurück zu seinen Eltern.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Märchen von Presse und Polizei
Geklaut habe er für sich. Nur wenn was übrig war, habe er seinen Eltern etwas abgegeben. "Das gab aber immer ein großes Theater zu Hause", sagt Siegfried, da seine Eltern nicht wollten, dass er stiehlt, und weil vor allem seine kranke Mutter immer große Angst hatte, seinetwegen abgeschoben zu werden. Einmal habe sein Vater ihn deshalb so verprügelt, dass er zuhause nichts mehr abgab und auch nichts sagte, wenn er mal wieder fette Beute gemacht hatte. Dass seine Eltern ihn jemals zum Klauen gezwungen hätten, oder dass sie gar einer organisierten Bande angehörten, nennt Siegfried Märchen von Presse und Polizei.
Alles das ist für Siegfried "früher", denn seit der Abschiebung seiner Eltern hat er sich neu organisieren müssen. Dazu zählt, möglichst nicht mehr als Zigeuner aufzufallen und seine Herkunft zu verleugnen. Er trägt einen roten Skippie mit Kapuze, die er über sein Baseballkäppi tief ins Gesicht zieht. Mit seinem Rucksack in der Hand erinnert er mich an das Outfit der Graffitysprayer - nicht eben allzu unauffällig, finde ich, um nicht doch "präventiven" Polizeikontrollen ausgesetzt zu sein.
Illegale Zigaretten ein Kavaliersdelikt
Freimütig erzählt er, dass er sich inzwischen auf Kioskeinbrüche spezialisiert hat und mit Zigaretten dealt. Zum Beweis zeigt er mir stolz die Stangen Marlboro und Camel, die er in seinem Rucksack hat, und bietet sie mir zum Spottpreis an - was ich dankend ablehne. Er konnte sich einen kleinen Vertriebsweg über Kneipen und Wiederverkäufer aufbauen, da inzwischen der Kauf von illegalen Zigaretten für viele Bürger Kavaliersdelikt geworden ist - was wohl mit den hohen Tabaksteuern zu tun hat. Ich merke sachte, wie es in mir arbeitet, da ich zwischen meiner Empörung über seine Kriminalität und fehlende Alternativen zu seiner Illegalität hin und her gerissen bin. Ausgerüstet mit einer Palette von Hilfsangeboten dieser Stadt fällt es mir andererseits schwer, ihm die ans Herz zu legen: wenn er sich offiziell meldet, wird er festgenommen und abgeschoben. Der offenbar undurchdringliche Kreislauf von Angst und Zwangskriminalität lässt in mir Verständnis für sein Verhalten aufkommen und seine Entscheidungen - aus seiner Perspektive - durchaus als logisch sehen.
"Ein ehrenvolles Leben als deutscher Roma"
Als ich Siegfried auf seinen jüngeren Bruder anspreche, der bis dahin schweigend neben ihm sitzt, erhebt sich seine Stimme und er droht dem Kleinen: wenn er zu klauen anfange, bekäme er von ihm Prügel. Schließlich müsse er auf ihn aufpassen. Und da Muradem durch die Adoption nun legal in Deutschland lebe und regelmäßig zur Schule gehe, habe er das auch nicht nötig und könnte ein "ehrenvolles Leben" als Roma leben - zumal er in Deutschland geboren und schon allein deshalb ein "deutscher Roma" sei.
Siegfried projiziert offenbar alle eigenen Wüsche, die ihm unerreichbar scheinen, auf den kleinen Bruder. Der solle einen Schulabschluss machen und später studieren, eine große Familie gründen, viel Geld verdienen und die Tradition der Angesehenen der Sippe fortführen. Ob es denn nicht besser wäre, wenn er selbst diese Aufgabe als der ältere Bruder übernehmen würde, um so noch etwas aus seinem Leben zu machen? Siegfrieds Augen flackern kurz. Ich habe ihn offenbar an seinem Stolz gepackt; und so verspreche ich ihm, mit einigen mir bekannten Sozialarbeitern zu sprechen, um ihm vielleicht anonyme Hilfe, vielleicht sogar einen Rechtsbeistand, ja vielleicht sogar legale Arbeit zu besorgen.
"Ich traue keinem Sozialarbeiter"
Wir verabreden uns für den nächsten Tag an der gleichen Stelle, doch Siegfried taucht nicht auf. Wochen später sehe ich ihn wieder in der Innenstadt, doch als ich ihn darauf anspreche, wiegelt er nur ab. "Ich traue keinem Sozialarbeiter", sagte er, und legale Arbeit ohne Papiere gebe es nicht - womit er nicht ganz unrecht hat, von ein paar wenigen "Steuerinseln" bei Unternehmern mal abgesehen, die mir zum Glück bekannt sind. Ich hatte wohl die ganze Zeit vergessen, ihm zu sagen, das der Straßenmusiker, der da vor ihm stand, "nebenberuflich" zu eben diesen Sozialarbeitern gehört, denen er "eigentlich" nicht traut.
So entschloss ich mich, ihm dies in den nächsten Wochen mal schonend beizubringen - hoffend, ihm doch noch helfen zu können, ohne dabei als unfreiwilliger Handlanger einer Politik zu agieren, deren Umgang mit Staatenlosen genau dahin führt, wo Siegfried "zu Lasten unserer Inneren Sicherheit" gestrandet ist. Im Wissen, dass ich mit dieser Gratwanderung zwischen den Welten unserer Stadt nicht allein stehe, bin ich guter Hoffnung, ihm schon bald über soziale Träger, Rechtsanwälte und engagierte Vereine wie den ROM e.V. Angebote machen zu können, um Schlimmeres zu verhindern - bis sich die Gesetzeslage ändert. Das ist ja schließlich mein Job im Sinne der Gesellschaft oder...?
Online-Flyer Nr. 63 vom 26.09.2006
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Jugendschicksale in Köln - Folge 2
Siegfried
Von Rudi Rute
Siegfried ist Roma und inzwischen sechzehn Jahre alt, sein Bruder Muradem acht. Seine Eltern sind damals unter dramatischen Unständen vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen, und er kann sich noch sehr genau an diese Zeit und die schrecklichen Bilder erinnern, als man Tante und Onkel im Dorf vor seinen Augen erschlagen hat.
Seit zehn Jahren lebt er in Deutschland
Zuerst wurden Siegfried und seine Eltern in einem Containerlager, dann auf einem Schiff, und zuletzt in einem völlig runtergekommenen Übergangsheim in Porz untergebracht. Laut Aktenlage gehört Siegfried zu den so genannten "Klaukids", die am 22. August 2002 vom EXPRESS mit dieser Überschrift und mit 50 Polizeifotos wie die Sau durchs Dorf getrieben wurden - ohne Interesse für die sozialen Hintergründe dieser Kinder. Der ROM e.V. beschwerte sich darüber beim Deutschen Presserat. Zur Schule gehen konnte Siegfried trotzdem nie. Außer als kleiner Junge in seiner alten Heimat mal kurz ins erste Schuljahr - denn für ihn gab es keine "Schulpflicht" in NRW.
Seine Eltern war es stets verboten, in Deutschland zu arbeiten, da sie als so genannte Staatenlose gelten. Der Grund: Teile des ehemaligen Jugoslawien erkennen bis heute die Roma nicht als Staatsbürger an, und Deutschland gibt ihnen seit 10 Jahren ebenfalls keine Staatsbürgerschaft. Die Bargeldleistungen der Ämter waren immer sehr eingeschränkt, meistens gab es nur Essensgutscheine, sodass seine Eltern es sich nie leisten konnten, ihm mal ein Taschengeld zu geben oder irgendeinen Wunsch - wie ein Fahrrad - legal zu erfüllen. Von Handy, Playstation oder ein paar Markenturnschuhen, die für die meisten Kinder in seinem Alter normal waren, konnte er nur träumen.
Großvater war noch in der Wehrmacht
Die engen Räume, in denen Siegfried anfangs mit sieben Geschwistern und drei Erwachsenen leben musste, erinnern an Unterkünfte in der Dritten Welt. Von der Familie ist ihm inzwischen nur noch sein kleinerer Bruder Muradem geblieben, alle anderen wurden in einer Nacht- und Nebelaktion festgenommen und abgeschoben. Das letzte was er von ihnen über eine Cousine gehört hat, ist, dass sein Vater nach der Abschiebung "zuhause" auf der Straße erschossen wurde. Der hatte immer gesagt: "Der Krieg ist für uns Roma dort noch nicht zu Ende." Er hatte deutsche Vorfahren. Siegfrieds Großvater hatte im ersten Weltkrieg noch in der Wehrmacht gedient, war dann in den Wirren des zweiten Weltkriegs vor den Nazis mit seiner Familie nach Jugoslawien geflohen. Damals war sein Vater auch noch ein Kind, erzählt Siegfried und dokumentiert die deutschen Wurzeln seines Vaters stolz mit seinem Nachnamen "Prinz"
Prinzen ohne Heimat
Siegfried und Muradem hatten Glück, denn in der Nacht, als die Polizei die Familie aus den Betten riss, um sie mit Gewalt in ein unsicheres Gebiet nach Bosnien abzuschieben, hatten sie bei ihrer Cousine übernachtet, die mit einem deutschen Rom verheiratet ist und selbst die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Lange haben beide auf der Fahndungsliste der Polizei gestanden, bis seine Cousine den kleinen Bruder adoptierte, der sich seither legal bewegen kann.
Siegfried hingegen schlägt sich seit etwa einem Jahr als obdachloser Illegaler vor allem mit kleinen Diebstählen und der unregelmäßigen finanziellen Unterstützung seiner verbliebenen Sippe durch. Würde er sich offiziell irgendwo melden, um eine Unterstützung zu bekommen, würde er im Abschiebeknast landen. Schulabschluss, Lehre oder legale Arbeit sind für ihn deshalb nicht möglich. Ein "Klaukid" sei er nicht mehr, sagt er von sich selbst, denn im Laufe der Jahre sei er schlauer geworden und würde in der Innenstadt keinen mehr "abziehen", weil es viel zu gefährlich sei, erwischt zu werden. Früher sei ihm das egal gewesen, denn als er noch nicht 14, also nicht strafmündig war, brachte man ihn immer wieder zurück zu seinen Eltern.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Märchen von Presse und Polizei
Geklaut habe er für sich. Nur wenn was übrig war, habe er seinen Eltern etwas abgegeben. "Das gab aber immer ein großes Theater zu Hause", sagt Siegfried, da seine Eltern nicht wollten, dass er stiehlt, und weil vor allem seine kranke Mutter immer große Angst hatte, seinetwegen abgeschoben zu werden. Einmal habe sein Vater ihn deshalb so verprügelt, dass er zuhause nichts mehr abgab und auch nichts sagte, wenn er mal wieder fette Beute gemacht hatte. Dass seine Eltern ihn jemals zum Klauen gezwungen hätten, oder dass sie gar einer organisierten Bande angehörten, nennt Siegfried Märchen von Presse und Polizei.
Alles das ist für Siegfried "früher", denn seit der Abschiebung seiner Eltern hat er sich neu organisieren müssen. Dazu zählt, möglichst nicht mehr als Zigeuner aufzufallen und seine Herkunft zu verleugnen. Er trägt einen roten Skippie mit Kapuze, die er über sein Baseballkäppi tief ins Gesicht zieht. Mit seinem Rucksack in der Hand erinnert er mich an das Outfit der Graffitysprayer - nicht eben allzu unauffällig, finde ich, um nicht doch "präventiven" Polizeikontrollen ausgesetzt zu sein.
Illegale Zigaretten ein Kavaliersdelikt
Freimütig erzählt er, dass er sich inzwischen auf Kioskeinbrüche spezialisiert hat und mit Zigaretten dealt. Zum Beweis zeigt er mir stolz die Stangen Marlboro und Camel, die er in seinem Rucksack hat, und bietet sie mir zum Spottpreis an - was ich dankend ablehne. Er konnte sich einen kleinen Vertriebsweg über Kneipen und Wiederverkäufer aufbauen, da inzwischen der Kauf von illegalen Zigaretten für viele Bürger Kavaliersdelikt geworden ist - was wohl mit den hohen Tabaksteuern zu tun hat. Ich merke sachte, wie es in mir arbeitet, da ich zwischen meiner Empörung über seine Kriminalität und fehlende Alternativen zu seiner Illegalität hin und her gerissen bin. Ausgerüstet mit einer Palette von Hilfsangeboten dieser Stadt fällt es mir andererseits schwer, ihm die ans Herz zu legen: wenn er sich offiziell meldet, wird er festgenommen und abgeschoben. Der offenbar undurchdringliche Kreislauf von Angst und Zwangskriminalität lässt in mir Verständnis für sein Verhalten aufkommen und seine Entscheidungen - aus seiner Perspektive - durchaus als logisch sehen.
"Ein ehrenvolles Leben als deutscher Roma"
Als ich Siegfried auf seinen jüngeren Bruder anspreche, der bis dahin schweigend neben ihm sitzt, erhebt sich seine Stimme und er droht dem Kleinen: wenn er zu klauen anfange, bekäme er von ihm Prügel. Schließlich müsse er auf ihn aufpassen. Und da Muradem durch die Adoption nun legal in Deutschland lebe und regelmäßig zur Schule gehe, habe er das auch nicht nötig und könnte ein "ehrenvolles Leben" als Roma leben - zumal er in Deutschland geboren und schon allein deshalb ein "deutscher Roma" sei.
Siegfried projiziert offenbar alle eigenen Wüsche, die ihm unerreichbar scheinen, auf den kleinen Bruder. Der solle einen Schulabschluss machen und später studieren, eine große Familie gründen, viel Geld verdienen und die Tradition der Angesehenen der Sippe fortführen. Ob es denn nicht besser wäre, wenn er selbst diese Aufgabe als der ältere Bruder übernehmen würde, um so noch etwas aus seinem Leben zu machen? Siegfrieds Augen flackern kurz. Ich habe ihn offenbar an seinem Stolz gepackt; und so verspreche ich ihm, mit einigen mir bekannten Sozialarbeitern zu sprechen, um ihm vielleicht anonyme Hilfe, vielleicht sogar einen Rechtsbeistand, ja vielleicht sogar legale Arbeit zu besorgen.
"Ich traue keinem Sozialarbeiter"
Wir verabreden uns für den nächsten Tag an der gleichen Stelle, doch Siegfried taucht nicht auf. Wochen später sehe ich ihn wieder in der Innenstadt, doch als ich ihn darauf anspreche, wiegelt er nur ab. "Ich traue keinem Sozialarbeiter", sagte er, und legale Arbeit ohne Papiere gebe es nicht - womit er nicht ganz unrecht hat, von ein paar wenigen "Steuerinseln" bei Unternehmern mal abgesehen, die mir zum Glück bekannt sind. Ich hatte wohl die ganze Zeit vergessen, ihm zu sagen, das der Straßenmusiker, der da vor ihm stand, "nebenberuflich" zu eben diesen Sozialarbeitern gehört, denen er "eigentlich" nicht traut.
So entschloss ich mich, ihm dies in den nächsten Wochen mal schonend beizubringen - hoffend, ihm doch noch helfen zu können, ohne dabei als unfreiwilliger Handlanger einer Politik zu agieren, deren Umgang mit Staatenlosen genau dahin führt, wo Siegfried "zu Lasten unserer Inneren Sicherheit" gestrandet ist. Im Wissen, dass ich mit dieser Gratwanderung zwischen den Welten unserer Stadt nicht allein stehe, bin ich guter Hoffnung, ihm schon bald über soziale Träger, Rechtsanwälte und engagierte Vereine wie den ROM e.V. Angebote machen zu können, um Schlimmeres zu verhindern - bis sich die Gesetzeslage ändert. Das ist ja schließlich mein Job im Sinne der Gesellschaft oder...?
Online-Flyer Nr. 63 vom 26.09.2006
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