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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Glossen
Glosse
KÖLNER KLÜNGEL-REGELN
von Heinrich Pachl

Der Klüngel gehört zu Köln wie das Kölsch in die Kehle des Karnevalisten. Sprachlich stammt das Wort aus dem althochdeutschen "klungelin" (Knäuel) und ist verwandt mit dem englischen to cling (sich anklammern). Klüngel ist demnach ein Zweikomponenten-Kleber, der öffentliches und privates Interesse miteinander verschweißt.

Wie aber funktioniert der kölsche Klüngel?

Da sind viele Rezepte im Umlauf, die in der Hauptstadt des Reibekuchens alle einem Grundmuster gehorchen: "Backe, backe Reibach!"

1.) War früher der Klüngel eindeutig in negativem Ruf als unlautere Machenschaft, so ist der moderne kölner Nachkriegs-Klüngel etwas, womit man sich brüstet. Als Voraussetzung musste der Klüngel vom Schatten der Korruption befreit werden. Klüngel ist demnach das Erledigen öffentlicher Interessen auf privatem Wege, Korruption hingegen das Erlangen privater Interessen auf öffentlichem Wege. Durch diese chemische Abspaltung von kriminellem Handeln kann der Klüngler seine Geschäfte als Dienst am Gemeinwohl präsentieren und diesen Ruf stärken, indem er wie ein Pate seine Beziehungen spielen läßt und Wohltaten vergibt, wenn der kleine Mann in seiner Alltagsnot sich an ihn wendet.

Grundsteinlegung Koelnmesse
Pachl hält den Klüngel im Blick


2.) "Man soll dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden!" sagt die Bibel. - Wer also für das Allgemeinwohl klüngelt, soll nicht darben und die Lust am opfervollen Tun verlieren. Daher wurde der moderne Klüngel rechtlich abgesichert. Darf keiner aus seinem öffentlichen Amt als Ratsmitglied unlautere Vorteile ziehen, so muß umgekehrt gelten, daß kein Volksvertreter aus seinem Amt unzumutbare Nachteile erleidet. Ein Rechtsanwalt als Ratsherr darf sich zwar nicht an Prozessen der Stadt bereichern, andererseits nicht von der Übernahme städtischer Prozesse ausgeschlossen werden. Also beschloß der Rat vor gut 20 Jahren die Regel, 20 % der städtischen Prozesse an Ratsmitglieder zu vergeben. Was dem Rechtsgeschäft billig, muß anderen Geschäften recht sein. So werden auch öffentliche Maleraufträge anteilig an Ratsmitglieder vergeben, usw.

3.) "Ich wasche meine Hände in Unschuld." - Da die Vermengung privater und öffentlicher Interessen immer in Gefahr ist, aufzufliegen, hat sich der moderne Kölner Nachkriegs-Klüngel ein Selbstreinigungsmittel zugelegt, das sogenannte Pilatus-Prinzip vom Händewaschen. Dazu gehört ein Waschbecken, das sich auf dem Rathausklo befindet. Wie oft konnten sich Ratsmitglieder von peinlichen Affären reinwaschen mit der Ausrede: Bei dieser Abstimmung war ich anwesend aber nicht zugegen, sondern auf dem Klo.

4.) Der Jagdschein als Notbremse. - Der moderne Klüngel hat auch für den Fall vorgesorgt, daß einem Ratsmitglied mal doch Korruption nachgewiesen wird. Dann spaltet sich der Klüngelbruder in zwei Wesen: das öffentliche und das private. Geld nahm immer der Privatmann, in Unwissenheit oder aus jugendliche Dummheit, so daß derselbe Mensch als Amtsperson die Weste rein behält. Auf diese Weise ist der vormalige Oberstadtdirektor Ruschmeier als Privatmann zur Firma Esch & Oppenheim gewechselt, der er im Amt die Filetstücke der Stadt zugeschustert hat. Normalerweise wird das psychiatrisch betreut. Im Klüngel ist die gespaltene Persönlichkeit aber so pervers wie normal.

5.) Die Reinigung durch das Opfer. - Die Basis-Formel "Man kennt sich - man hilft sich." funktioniert nur, wenn die Grundregel beachtet wird: Den Klüngel legal konstruieren. Ein Rest bleibt immer. Und in diesen 70 % lauert die Gefahr. Wenn alle Stricke reißen, müssen Opfer gebracht werden. Je härter das öffentliche Sparen, desto grösser das Gedränge an den geschrumpften Trögen, desto grausamer muß geschlachtet werden. Und das Los trifft unberechenbar - aber immer den Richtigen. Eiserne Regel: Laß dich nie erwischen und auf keinen Fall zum falschen Zeitpunkt. Damals traf es Heugel, dann Rüther, dann Schmitz. Die werden dem Volk zum Fraß vorgeworfen, auf dass es sich abreagieren kann, und damit der Klüngel überlebt. Und wer als Klüngelbruder zum Abschuß freigegeben ist, braucht sich um seinen Niedergang nicht mehr zu sorgen.

Online-Flyer Nr. 01  vom 15.08.2005

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