SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Druckversion
Inland
Nach dem "Antisemitismus-Skandal" Schweigen bei den Strafantragstellern
Mit Kanonen auf Friedenstauben geschossen
Von Peter Betscher
Die Michaelsgemeinde ist in Darmstadt dafür bekannt, dass die Mitglieder sich seit langen für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen und einen multireligiösen Dialog pflegen. Pfarrer Werner pflegt den offenen Dialog in seiner Gemeinde. „Die Möglichkeit, dass kontroverse Gruppen miteinander, statt übereinander, sprechen ist für uns ein hoher Wert.“ (1) In diesem Sinne wurde am 15. und 16.12.2024 ein antikolonialer Friedensweihnachtsmarkt veranstaltet. Auf diesem Weihnachtsmarkt wurden einige Ausstellungsstücke fotografiert und ohne Rücksprache mit den Veranstaltern der BILD-Zeitung zugespielt. Die Bild-Zeitung entfachte daraufhin durch ihre Berichterstattung eine Hetzkampagne gegen die Michaelsgemeinde bis über die Grenzen der BRD hinaus. Der Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung (2) wurde von einem früheren Chefredakteur der BILD-Zeitung verfasst. Der Autor Johannes Boie war von 2019 bis 2021 Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, und von 2021 bis 2023 leitete er als Vorsitzender der Chefredaktion die BILD-Zeitung. (3)
Die Folgen
Der Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt Hanno Benz, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt e.V. (CJZ) und die Evangelische Kirche Hessen-Nassau (EKHN) stellten daraufhin Strafanzeige. Pfarrer Manfred Werner wurde vom Dienst suspendiert und erhielt Morddrohungen gegen ihn und seine Familie von mehreren Personen am Telefon und von einer Person per SMS. Bemerkenswert ist, dass die Morddrohungen gegen Pfarrer Werner außer der Erwähnung keine nennenswerten Reaktionen hervorriefen. In der Folge entließ die EKHN einen Kirchenvorstand und entzog der Gemeinde die Räumlichkeiten, indem die Schlösser ausgetauscht wurden und vor der Kirche zeitweise Sicherheitspersonal patrouillierte, obwohl die Kirchengemeinde der EKHN ein Gespräch anbot, das aber nicht wahrgenommen wurde. Sämtliche Gruppen (das Friedenscafe, ein Repaircafe, ein Seniorentreff …) wurden aufgefordert ihre Arbeitsmaterialien abzuholen. Das EKHN dekretierte, dass die Kirchengemeinde mit 1500 Mitglieder auf die umliegenden Gemeinden verteilt werden.
Die Vorwürfe
Die Fotos wurden entweder im Auftrag der Organisation „Honestly Concerned“ gemacht oder der Organisation zugespielt, da „Honestly Concerned“ auf seiner Webseite zum Melden von antisemitischen Vorwürfen aufruft (4). Man darf annehmen, dass es sich um eine konzertierte Aktion zwischen „Honestly Concerned“ und der BILD-Zeitung handelt, da der erste Artikel bereits am nächsten Tag nach dem Weihnachtsmarkt erschien. Eine seriöse Zeitung hätte vorher bei den Betroffenen nachgefragt.
Die Vorwürfe bezogen sich auf Schlüsselanhänger mit einem roten Dreieck mit der arabischen Aufschrift „Dies ist das Land der Würde, Gaza“, entworfen von der ägyptischen Designerin Hanan Soliman. Hier wurde behauptet, dass es sich um ein Symbol der Hamas handeln würde, obwohl das rote Dreieck heraldischer Bestandteil der palästinensischen Trikolore seit 1948, offiziell anerkannt von der UNO seit 1974, lange vor der Gründung der Hamas, ist. Es symbolisiert den Zusammenhalt der arabischen Völker. Weiterhin lag die Parole „From the river to the sea, Palestine will be free.” aus, was nicht generell verboten ist. Es wäre auch juristisch schwierig den Palästinensern ihren Rechtsanspruch auf ein freies Palästina in Bezug auf die völkerrechtswidrig besetzten Gebiete abzuerkennen.
Zusätzlich wurden Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „ Never again for everyone“ moniert, was als Holocaust-Leugnung denunziert wurde. Und es wurden Stofftaschen mit dem Aufdruck „Palästina“ angeboten mit den Umrissen des historischen Palästina. Das Darmstädter Friedensbündnis schrieb in ihrem offenen Brief an OB Hanno Benz: „So kann die Parole >From the river to the sea, Palestine will be free> und auch die Darstellung einer entsprechenden Landkarte für die Forderung nach einer Einstaatenlösung stehen. Demnach würden alle Menschen auf dem Gebiet des historischen Palästina in einem gemeinsamen demokratischen, vielleicht stark föderalen Staat leben“ (5). Viel Rauch um Nichts möchte man sagen, aber weder von der BILD-Zeitung noch von den Anklägern wurde bei den Betroffenen nachgefragt, stattdessen wurde sofort mit der Antisemitismus- und Holocaust-Leugnungskeule zugeschlagen und der Staatsschutz mit der Aufklärung beauftragt.
Die Gegenwehr
Einzelne Personen stellten Strafanzeige gegen die Bildzeitung und reichten eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Die Strafanzeigen wurden alle bis auf eine abgewiesen, weil die Artikel der BILD-Zeitung von der Meinungsfreiheit gedeckt seien. Der Beschwerdeausschuss des Presserats weist im vorliegenden Fall die Beschwerde mit 3 Ja- und 3 Neinstimmen ab. Das wertet Dieter Becker nicht als „Klatsche“ für die Antragssteller (6), sondern verortet den Grund in der paritätischen Besetzung des Presserats aus Verleger- und Journalistenvertretern. Die Bild titelte u.a. „Kripo jagt Judenhasser vom Kirchen-Weihnachtsmarkt“, dabei war die Polizei gar nicht anwesend. Anwesende bezeugen, dass der Weihnachtsmarkt friedlich, multireligiös und harmonisch verlief. Die Betroffenen werden nicht befragt und konnten sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
Eine Unterstützergruppe der Gemeinde startete eine Petition u.a. mit der Forderung „einen Runden Tisch einzuberufen, an dem alle Beteiligten in offenem Dialog zu den falschen, verleumderischen, vorverurteilenden Behauptungen der BILD-Zeitung, welche die Anzeigen auslösten, kritisch Stellung beziehen können, sowie zu erklären, wie sie in Zukunft das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit schützen und wie sie im Falle erneuter Hetzkampagne gemeinsam institutionell und juristisch vorzugehen gedenken.“ (7)
Der Kommunikationswissenschaftler Hartmut Vinçon dokumentiert die Skandalisierung des Friedensweihnachtsmarktes in seinem Buch „Kirche unter Druck“ akribisch durch Stellungnahmen aller Beteiligten und arbeitet die Wirkung auf alle Beteiligten heraus. Er erläutert ausführlich die Bedeutung der inkriminierten Ausstellungsstücke und wie diese absichtlich in einen falschen, angeblich antisemitischen Zusammenhang gesetzt wurden.
Am 12.03.2026 stellte Hartmut Vinçon sein Buch im vollbesetzten Naturfreundehaus in Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Prof. Martin Leiner, Versöhnungs- forscher, Dr. Muhammad Sareer Murtaza, Islamwissenschafter, muslim. Philosoph, Johannes Zang, Israel-Palästina-Experte und Michael Plöser, Rechtsanwalt vor. Der Verleger Dieter Becker moderierte die Veranstaltung. Die Veranstaltung wurde von Radio Darmstadt aufgezeichnet und ausgestrahlt.
Eine Petition, die keiner annehmen will
Die Petition wurde im April 2026 mit ca. 700 Unterschriften geschlossen und nach Übergabe-terminen angefragt. Vom OB Hanno Benz kam keine Antwort zu dem vorgeschlagenen Termin. Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN) teilte am 13. April mit:
„vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Treffen für eine Übergabe Ihrer Petition anbieten können.“ EKHN / Amt für Öffentlichkeitsarbeit. Die GCJZ teilte uns mit: „Ein Übergabeversuch der Petition während einer Kooperationsveranstaltung von Elisabeth-Langgässer-Gesellschaft Darmstadt e.V. und GCJZ Darmstadt zu Edgar Hilsenrath ist aus verschiedenen Gründen unangemessen. Keiner der Vorsitzenden wird bei der Veranstaltung anwesend sein. Mit Blick auf den angeschlagenen Gesundheitszustand der Referenten bitten wir dringend von einer Aktion abzusehen.“ Letzteres wurde befolgt und eine neue Terminanfrage gestellt, der stattgegeben wurde. Die Petition wurde am 28.05.2026 an die GCJZ Darmstadt übergeben, aber das Gesprächsangebot des Solidaritätskreises Michaelsgemeinde mit der Begründung abgelehnt, dass man sich erst vom Inhalt der ausgestellten Gegenstände distanzieren müsse.
OB Benz sollte die Petition vor der Stadtverordnetenversammlung am 16.04.2026 übergeben werden. Nachdem er angesprochen wurde, rauschte er am Eingang des Justus-Liebig-Hauses an der Gruppe mit den Worten „ich habe gesagt, dass ich es nicht annehme... Sie können es mit der Post schicken“ vorbei.
Am selben Tag fand eine Veranstaltung der Hochschule Darmstadt (h-da) mit dem Titel „Wer darf hier entscheiden: Müssen wir die Demokratie vor sich selbst schützen?“ mit Kirchenpräsidentin Prof. Dr. Christiane Tietz, Prof. Dr. Roman Poseck, Hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, und Prof. Dr. Charlotte Dany, Professorin für Entwicklungs- und Organisationskommunikation an der h_da, statt (8). Die Petition wurde Frau Tietz zu Beginn der Veranstaltung auf den Schoß gelegt, da sie eine Übergabe ablehnte. Frau Tietz ließ die Petition auf den Boden fallen und schob sie mit den Füßen unter ihren Stuhl.
Der Umgang in Deutschland mit dem Konflikt im Nahen Osten ist symptomatisch. Erinnert sei an die zahlreichen Raumverbote, Entlassungen, Hausdurchsuchungen, Kongressverbote und der politische Druck, der auf Veranstalter ausgeübt wird. Kritische Äußerungen an israelischer Politik wird reflexartig mit Antisemitismus-Vorwürfen und Verdacht der Holocaust-Leugnung delegitimiert. Der Fall der Michaelsgemeinde in Darmstadt ist kein Einzelfall, aber an diesem Fall lässt sich die Mechanik einer ausgehöhlten Demokratie und ihrer Folgen studieren. Der Solidaritätskreis Michaelsgemeinde hat Argumente vorgelegt, warum er die beanstandeten Ausstellungsstücke nicht als antisemitisch wertet.
In den Kommentaren der Petition finden sich viele Aussagen von Teilnehmern des Weihnachtsmarktes, die etwas komplett anderes schildern, als es die reißerischen BILD-Artikel suggerieren. Es war kein BILD-Reporter vor Ort. Die Staatsanwaltsschaft ermittelt nach anderthalb Jahren laut Darmstädter Echo vom 10.07.2026 (9) immer noch gegen zwei Beschuldigte. Einziger Gegenstand der Ermittlungen sei inzwischen nur noch die roten Schüsselanhänger, die als Hamas-Symbole fantasiert werden. Die damalige Ministerin des Innern und für Heimat Nancy Faeser nahm das rote Dreieck am 31.10.2024 in die Liste der verbotenen Kennzeichen auf, allerdings mit der Einschränkung, wenn es der Feindmarkierung für israelische Einrichtungen und Personen dient.
Nachdem sich der aufgewirbelte Staub gelegt hat, würde man erwarten, dass die Ereignisse aufgearbeitet werden. Stattdessen Dialog-Verweigerung.
Quellen:
(1) https://politnetz-darmstadt.de/node/35179
(2) https://www.nzz.ch/international/evangelische-kirche-in-deutschland-wenn-schwurbler-den-ton-angeben-ld.1863484
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Boie
(4) https://honestlyconcerned.info/antisemitische-vorfalle-melden/
(5) https://www.friedensbuendnis-darmstadt.de/offener-brief-michaelsgemeinde/
(6) Hartmut Vinçon „Kirche unter Druck“, AIM-Verlagshaus S. 170
(7) https://www.openpetition.de/petition/online/solidaritaet-mit-den-veranstaltern-anti-kolonialistischen-friedensweihnachtsmarkts-michaelsgemeinde
(8) https://wdc2026.org/de/events/hda-dialog-forum-demokratie-schuetzen
(9) https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/antikolonialer-weihnachtsmarkt-ermittlungen-dauern-an-5857485 (Hinter einer Bezahlschranke)
Online-Flyer Nr. 866 vom 29.07.2026
Druckversion
Inland
Nach dem "Antisemitismus-Skandal" Schweigen bei den Strafantragstellern
Mit Kanonen auf Friedenstauben geschossen
Von Peter Betscher
Die Michaelsgemeinde ist in Darmstadt dafür bekannt, dass die Mitglieder sich seit langen für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen und einen multireligiösen Dialog pflegen. Pfarrer Werner pflegt den offenen Dialog in seiner Gemeinde. „Die Möglichkeit, dass kontroverse Gruppen miteinander, statt übereinander, sprechen ist für uns ein hoher Wert.“ (1) In diesem Sinne wurde am 15. und 16.12.2024 ein antikolonialer Friedensweihnachtsmarkt veranstaltet. Auf diesem Weihnachtsmarkt wurden einige Ausstellungsstücke fotografiert und ohne Rücksprache mit den Veranstaltern der BILD-Zeitung zugespielt. Die Bild-Zeitung entfachte daraufhin durch ihre Berichterstattung eine Hetzkampagne gegen die Michaelsgemeinde bis über die Grenzen der BRD hinaus. Der Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung (2) wurde von einem früheren Chefredakteur der BILD-Zeitung verfasst. Der Autor Johannes Boie war von 2019 bis 2021 Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, und von 2021 bis 2023 leitete er als Vorsitzender der Chefredaktion die BILD-Zeitung. (3) Die Folgen
Der Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt Hanno Benz, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt e.V. (CJZ) und die Evangelische Kirche Hessen-Nassau (EKHN) stellten daraufhin Strafanzeige. Pfarrer Manfred Werner wurde vom Dienst suspendiert und erhielt Morddrohungen gegen ihn und seine Familie von mehreren Personen am Telefon und von einer Person per SMS. Bemerkenswert ist, dass die Morddrohungen gegen Pfarrer Werner außer der Erwähnung keine nennenswerten Reaktionen hervorriefen. In der Folge entließ die EKHN einen Kirchenvorstand und entzog der Gemeinde die Räumlichkeiten, indem die Schlösser ausgetauscht wurden und vor der Kirche zeitweise Sicherheitspersonal patrouillierte, obwohl die Kirchengemeinde der EKHN ein Gespräch anbot, das aber nicht wahrgenommen wurde. Sämtliche Gruppen (das Friedenscafe, ein Repaircafe, ein Seniorentreff …) wurden aufgefordert ihre Arbeitsmaterialien abzuholen. Das EKHN dekretierte, dass die Kirchengemeinde mit 1500 Mitglieder auf die umliegenden Gemeinden verteilt werden.
Die Vorwürfe
Die Fotos wurden entweder im Auftrag der Organisation „Honestly Concerned“ gemacht oder der Organisation zugespielt, da „Honestly Concerned“ auf seiner Webseite zum Melden von antisemitischen Vorwürfen aufruft (4). Man darf annehmen, dass es sich um eine konzertierte Aktion zwischen „Honestly Concerned“ und der BILD-Zeitung handelt, da der erste Artikel bereits am nächsten Tag nach dem Weihnachtsmarkt erschien. Eine seriöse Zeitung hätte vorher bei den Betroffenen nachgefragt.
Die Vorwürfe bezogen sich auf Schlüsselanhänger mit einem roten Dreieck mit der arabischen Aufschrift „Dies ist das Land der Würde, Gaza“, entworfen von der ägyptischen Designerin Hanan Soliman. Hier wurde behauptet, dass es sich um ein Symbol der Hamas handeln würde, obwohl das rote Dreieck heraldischer Bestandteil der palästinensischen Trikolore seit 1948, offiziell anerkannt von der UNO seit 1974, lange vor der Gründung der Hamas, ist. Es symbolisiert den Zusammenhalt der arabischen Völker. Weiterhin lag die Parole „From the river to the sea, Palestine will be free.” aus, was nicht generell verboten ist. Es wäre auch juristisch schwierig den Palästinensern ihren Rechtsanspruch auf ein freies Palästina in Bezug auf die völkerrechtswidrig besetzten Gebiete abzuerkennen.
Zusätzlich wurden Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „ Never again for everyone“ moniert, was als Holocaust-Leugnung denunziert wurde. Und es wurden Stofftaschen mit dem Aufdruck „Palästina“ angeboten mit den Umrissen des historischen Palästina. Das Darmstädter Friedensbündnis schrieb in ihrem offenen Brief an OB Hanno Benz: „So kann die Parole >From the river to the sea, Palestine will be free> und auch die Darstellung einer entsprechenden Landkarte für die Forderung nach einer Einstaatenlösung stehen. Demnach würden alle Menschen auf dem Gebiet des historischen Palästina in einem gemeinsamen demokratischen, vielleicht stark föderalen Staat leben“ (5). Viel Rauch um Nichts möchte man sagen, aber weder von der BILD-Zeitung noch von den Anklägern wurde bei den Betroffenen nachgefragt, stattdessen wurde sofort mit der Antisemitismus- und Holocaust-Leugnungskeule zugeschlagen und der Staatsschutz mit der Aufklärung beauftragt.
Die Gegenwehr
Einzelne Personen stellten Strafanzeige gegen die Bildzeitung und reichten eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Die Strafanzeigen wurden alle bis auf eine abgewiesen, weil die Artikel der BILD-Zeitung von der Meinungsfreiheit gedeckt seien. Der Beschwerdeausschuss des Presserats weist im vorliegenden Fall die Beschwerde mit 3 Ja- und 3 Neinstimmen ab. Das wertet Dieter Becker nicht als „Klatsche“ für die Antragssteller (6), sondern verortet den Grund in der paritätischen Besetzung des Presserats aus Verleger- und Journalistenvertretern. Die Bild titelte u.a. „Kripo jagt Judenhasser vom Kirchen-Weihnachtsmarkt“, dabei war die Polizei gar nicht anwesend. Anwesende bezeugen, dass der Weihnachtsmarkt friedlich, multireligiös und harmonisch verlief. Die Betroffenen werden nicht befragt und konnten sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
Eine Unterstützergruppe der Gemeinde startete eine Petition u.a. mit der Forderung „einen Runden Tisch einzuberufen, an dem alle Beteiligten in offenem Dialog zu den falschen, verleumderischen, vorverurteilenden Behauptungen der BILD-Zeitung, welche die Anzeigen auslösten, kritisch Stellung beziehen können, sowie zu erklären, wie sie in Zukunft das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit schützen und wie sie im Falle erneuter Hetzkampagne gemeinsam institutionell und juristisch vorzugehen gedenken.“ (7)
Der Kommunikationswissenschaftler Hartmut Vinçon dokumentiert die Skandalisierung des Friedensweihnachtsmarktes in seinem Buch „Kirche unter Druck“ akribisch durch Stellungnahmen aller Beteiligten und arbeitet die Wirkung auf alle Beteiligten heraus. Er erläutert ausführlich die Bedeutung der inkriminierten Ausstellungsstücke und wie diese absichtlich in einen falschen, angeblich antisemitischen Zusammenhang gesetzt wurden.
Am 12.03.2026 stellte Hartmut Vinçon sein Buch im vollbesetzten Naturfreundehaus in Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Prof. Martin Leiner, Versöhnungs- forscher, Dr. Muhammad Sareer Murtaza, Islamwissenschafter, muslim. Philosoph, Johannes Zang, Israel-Palästina-Experte und Michael Plöser, Rechtsanwalt vor. Der Verleger Dieter Becker moderierte die Veranstaltung. Die Veranstaltung wurde von Radio Darmstadt aufgezeichnet und ausgestrahlt.
Eine Petition, die keiner annehmen will
Die Petition wurde im April 2026 mit ca. 700 Unterschriften geschlossen und nach Übergabe-terminen angefragt. Vom OB Hanno Benz kam keine Antwort zu dem vorgeschlagenen Termin. Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Hessen Nassau (EKHN) teilte am 13. April mit:
„vielen Dank für Ihre E-Mail. Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Treffen für eine Übergabe Ihrer Petition anbieten können.“ EKHN / Amt für Öffentlichkeitsarbeit. Die GCJZ teilte uns mit: „Ein Übergabeversuch der Petition während einer Kooperationsveranstaltung von Elisabeth-Langgässer-Gesellschaft Darmstadt e.V. und GCJZ Darmstadt zu Edgar Hilsenrath ist aus verschiedenen Gründen unangemessen. Keiner der Vorsitzenden wird bei der Veranstaltung anwesend sein. Mit Blick auf den angeschlagenen Gesundheitszustand der Referenten bitten wir dringend von einer Aktion abzusehen.“ Letzteres wurde befolgt und eine neue Terminanfrage gestellt, der stattgegeben wurde. Die Petition wurde am 28.05.2026 an die GCJZ Darmstadt übergeben, aber das Gesprächsangebot des Solidaritätskreises Michaelsgemeinde mit der Begründung abgelehnt, dass man sich erst vom Inhalt der ausgestellten Gegenstände distanzieren müsse.
OB Benz sollte die Petition vor der Stadtverordnetenversammlung am 16.04.2026 übergeben werden. Nachdem er angesprochen wurde, rauschte er am Eingang des Justus-Liebig-Hauses an der Gruppe mit den Worten „ich habe gesagt, dass ich es nicht annehme... Sie können es mit der Post schicken“ vorbei.
Am selben Tag fand eine Veranstaltung der Hochschule Darmstadt (h-da) mit dem Titel „Wer darf hier entscheiden: Müssen wir die Demokratie vor sich selbst schützen?“ mit Kirchenpräsidentin Prof. Dr. Christiane Tietz, Prof. Dr. Roman Poseck, Hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz, und Prof. Dr. Charlotte Dany, Professorin für Entwicklungs- und Organisationskommunikation an der h_da, statt (8). Die Petition wurde Frau Tietz zu Beginn der Veranstaltung auf den Schoß gelegt, da sie eine Übergabe ablehnte. Frau Tietz ließ die Petition auf den Boden fallen und schob sie mit den Füßen unter ihren Stuhl.
Der Umgang in Deutschland mit dem Konflikt im Nahen Osten ist symptomatisch. Erinnert sei an die zahlreichen Raumverbote, Entlassungen, Hausdurchsuchungen, Kongressverbote und der politische Druck, der auf Veranstalter ausgeübt wird. Kritische Äußerungen an israelischer Politik wird reflexartig mit Antisemitismus-Vorwürfen und Verdacht der Holocaust-Leugnung delegitimiert. Der Fall der Michaelsgemeinde in Darmstadt ist kein Einzelfall, aber an diesem Fall lässt sich die Mechanik einer ausgehöhlten Demokratie und ihrer Folgen studieren. Der Solidaritätskreis Michaelsgemeinde hat Argumente vorgelegt, warum er die beanstandeten Ausstellungsstücke nicht als antisemitisch wertet.
In den Kommentaren der Petition finden sich viele Aussagen von Teilnehmern des Weihnachtsmarktes, die etwas komplett anderes schildern, als es die reißerischen BILD-Artikel suggerieren. Es war kein BILD-Reporter vor Ort. Die Staatsanwaltsschaft ermittelt nach anderthalb Jahren laut Darmstädter Echo vom 10.07.2026 (9) immer noch gegen zwei Beschuldigte. Einziger Gegenstand der Ermittlungen sei inzwischen nur noch die roten Schüsselanhänger, die als Hamas-Symbole fantasiert werden. Die damalige Ministerin des Innern und für Heimat Nancy Faeser nahm das rote Dreieck am 31.10.2024 in die Liste der verbotenen Kennzeichen auf, allerdings mit der Einschränkung, wenn es der Feindmarkierung für israelische Einrichtungen und Personen dient.
Nachdem sich der aufgewirbelte Staub gelegt hat, würde man erwarten, dass die Ereignisse aufgearbeitet werden. Stattdessen Dialog-Verweigerung.
Quellen:
(1) https://politnetz-darmstadt.de/node/35179
(2) https://www.nzz.ch/international/evangelische-kirche-in-deutschland-wenn-schwurbler-den-ton-angeben-ld.1863484
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Boie
(4) https://honestlyconcerned.info/antisemitische-vorfalle-melden/
(5) https://www.friedensbuendnis-darmstadt.de/offener-brief-michaelsgemeinde/
(6) Hartmut Vinçon „Kirche unter Druck“, AIM-Verlagshaus S. 170
(7) https://www.openpetition.de/petition/online/solidaritaet-mit-den-veranstaltern-anti-kolonialistischen-friedensweihnachtsmarkts-michaelsgemeinde
(8) https://wdc2026.org/de/events/hda-dialog-forum-demokratie-schuetzen
(9) https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt/antikolonialer-weihnachtsmarkt-ermittlungen-dauern-an-5857485 (Hinter einer Bezahlschranke)
Online-Flyer Nr. 866 vom 29.07.2026
Druckversion
NEWS
KÖLNER KLAGEMAUER
FILMCLIP
FOTOGALERIE






















