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Kommentar
Brot und Spiele für die Massen
Die WM-Gelddruckmaschine
Von Christopher Dömges
Brot und Spiele für die Massen – die Formel ist alt, aber sie wirkt noch immer. Die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko lässt sich schon jetzt als globales Mega-Spektakel lesen, das mit Sport wirbt, aber vor allem als Maschine für Aufmerksamkeit, Macht und Geld funktioniert. Auf dem Rasen geht es um Titel, Träume und nationale Mythen. Dahinter aber geht es um TV-Milliarden, Sponsorenrechte, VIP-Pakete, Sicherheitsapparate, Immobilieninteressen und die totale Vermarktung eines Gefühls, das einmal schlicht Fußball hieß.
Die Erzählung ist perfekt inszeniert: ein Turnier der Superlative, größer als alles zuvor, mehr Teams, mehr Spiele, mehr Märkte, mehr Reichweite. Genau darin liegt das Problem. Denn wo Funktionäre von Wachstum sprechen, meinen sie fast immer Umsatz. Wo Partner von globaler Begeisterung reden, meinen sie Konsumentenbindung. Und wo vom „Fest der Völker“ die Rede ist, steht im Hintergrund längst die Kalkulation, wie sich jede Minute, jeder Jubel, jede Krise und jede Träne in verwertbare Bilder verwandeln lässt.
Die WM 2026 ist nicht einfach nur ein Sportereignis. Sie ist ein Produkt. Ein gigantisches, bis ins letzte Detail durchkommerzialisiertes Produkt, zugeschnitten auf Werbekunden, Streaming-Plattformen, Wettanbieter, Hospitality-Märkte und geopolitische Selbstdarstellung. Der Fan soll sich dabei als Herzstück fühlen – tatsächlich ist er oft nur Zielgruppe, Datensatz, Käufer, Kulisse. Er darf singen, pilgern, posten und bezahlen. Seine Leidenschaft ist der Rohstoff, aus dem andere Rendite machen.
Natürlich war Fußball nie unschuldig. Schon lange bevor von „Content“ und „Brand Experience“ die Rede war, war der Profisport ein Geschäft. Aber die Dimension hat sich verändert. Die WM 2026 treibt eine Entwicklung auf die Spitze, in der das Spiel selbst zur Begründung eines ökonomischen Überbaus wird, der immer größer, teurer und aggressiver wird. Mehr Teams bedeuten nicht nur mehr Chancen für kleinere Nationen. Sie bedeuten vor allem mehr Spiele – und damit mehr Sendefläche, mehr Tickets, mehr Werbeplätze, mehr Sponsoring, mehr Verwertungsfenster.
Die offizielle Sprache klingt dabei stets edel. Man spricht von Inklusion, globaler Teilhabe, Entwicklung des Fußballs, neuen Märkten, Inspiration für die Jugend. Das mag in Teilen sogar stimmen. Doch es verdeckt, dass die Logik dieses Turniers nicht zuerst sportlich ist, sondern ökonomisch. Der Fußball dient als moralisch aufgeladenes Transportmittel, um ein Geschäftsmodell sympathisch erscheinen zu lassen. Das ist die eigentliche Raffinesse moderner Sportpolitik: Sie verkauft Profit als Leidenschaft und Expansion als Fortschritt.
Gerade die USA als Hauptbühne passen perfekt in dieses Bild. Dort ist Sport längst ein hochgradig durchkapitalisiertes Entertainment-System, in dem Show, Marke und Monetarisierung untrennbar miteinander verbunden sind. Die WM trifft auf eine Infrastruktur, die jedes Ereignis in ein Premium-Erlebnis verwandeln kann – für jene, die es sich leisten können. Wer genug zahlt, bekommt Nähe, Komfort, Exklusivität und Zugang. Wer nicht genug zahlt, bekommt Warteschlangen, astronomische Preise und das Versprechen, wenigstens Teil von etwas Großem gewesen zu sein.
Und so wird auch die soziale Frage des Fußballs neu gestellt. Wem gehört dieses Spiel noch? Den Kindern auf staubigen Plätzen? Den Fans auf den billigen Rängen? Den Menschen, die Vereine und Nationalteams über Jahrzehnte emotional getragen haben? Oder längst den Verbänden, Agenturen, Investoren und Konzernen, die aus dem Spiel ein weltweit handelbares Spektakel gemacht haben? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Fußball gehört heute denen, die seine Bilder kontrollieren, seine Rechte besitzen und seine Reichweite in Geld übersetzen.
Besonders perfide ist dabei der moralische Schutzschild des Sports. Wer Kritik übt, gilt schnell als Zyniker, Spielverderber oder Kulturpessimist. Dabei ist die Kritik nicht gegen den Fußball gerichtet, sondern gegen seine systematische Ausbeutung. Gegen eine Industrie, die Emotionen industrialisiert und Gemeinschaftserlebnisse in Bezahlmodelle presst. Gegen ein Turnier, das Menschen mit Pathos lockt und sie dann mit Preisen, Werbung und künstlich erzeugter Dauererregung überzieht.
Die WM 2026 wird Bilder liefern, die Millionen bewegen: Außenseitersiege, Tränen, Hymnen, Helden, Zusammenhalt. Genau deshalb ist sie so wirksam. Das Spektakel lebt davon, dass seine ökonomische Basis hinter echten Emotionen verschwindet. Nichts verkauft sich besser als Authentizität im industriellen Maßstab. Der Fußball produziert sie verlässlich – und die Vermarktungsmaschine saugt sie auf, verpackt sie neu und verkauft sie zurück an jene, die sie ursprünglich erzeugt haben: die Fans.
Hinzu kommt der politische Mehrwert. Solche Turniere sind immer auch Schaufenster. Staaten präsentieren sich modern, offen, leistungsfähig. Städte polieren ihr Image. Unternehmen kaufen sich in ein positives Weltgefühl ein. Funktionäre inszenieren sich als Architekten globaler Verständigung. Doch unter dem Glanz liegen Sicherheitskosten, Interessenkonflikte, Verdrängungseffekte und eine Eventlogik, die öffentliche Räume und öffentliche Aufmerksamkeit für private Verwertung nutzbar macht. Die WM ist damit auch ein Lehrstück darüber, wie eng Unterhaltung, Politik und Kapital inzwischen verschmolzen sind.
Und der Fan? Er macht mit – oft wider besseres Wissen. Nicht, weil er naiv wäre, sondern weil Fußball etwas kann, was kaum ein anderes Massenphänomen schafft: Er stiftet Bedeutung. Er verdichtet Herkunft, Hoffnung, Erinnerung und Identität in 90 Minuten. Genau deshalb ist er so wertvoll. Genau deshalb wird er so gnadenlos ausgeschlachtet. Wer Menschen emotional bindet, kann wirtschaftlich abschöpfen. Der moderne Fußball hat diese Formel perfektioniert.
Man kann die WM 2026 also lieben und trotzdem ihr System verachten. Man kann Spiele genießen und zugleich sehen, dass dieses Turnier in seiner gegenwärtigen Form vor allem ein Monument der Kommerzialisierung ist. Ein Fest, ja – aber eines mit Preisschild an jedem Eingang. Ein globales Gemeinschaftserlebnis, dessen Dramaturgie von Marktinteressen durchzogen ist. Brot und Spiele eben, nur im 21. Jahrhundert: mit Streamingrechten statt Tribünenplätzen, mit Markenpartnerschaften statt Lorbeerkränzen und mit einem Geschäftsmodell, das aus jeder Leidenschaft eine Einnahmequelle macht.
Am Ende bleibt die unangenehme Frage, ob der Fußball hier noch Zweck ist – oder nur noch Mittel. Mittel zur Profitmaximierung, zur Imagepflege, zur politischen Selbstdarstellung. Wenn ein Turnier immer größer werden muss, um erfolgreich zu sein, wenn jede Erweiterung als Fortschritt verkauft wird, obwohl sie vor allem den Kassen dient, dann ist Misstrauen keine Verbitterung, sondern Vernunft. Die WM 2026 wird ein rauschendes Fest werden. Aber sie wird auch zeigen, wie weit sich der Weltfußball von seiner romantischen Erzählung entfernt hat. Nicht der Ball regiert diese kapitalistische Weltmeisterschaft, sondern die Bilanz.
Im echten Sozialismus wird es unter dem Motto FREUNDSCHAFT IM WETTKAMPF auch Spiele geben. Denn es ist wichtig, dass die sozialistische Welt fit bleibt. Geld wird keine Rolle spielen – denn es ist als Zahlungsmittel abgeschafft. Einzig wird’s im Sozialismus darum gehen, unter internationalem Jubel den Sportsgeist verschiedener Erdteile als Vorbild anzunehmen. Warum nicht WM? Warum nicht Olympia? Der Sozialismus selbst ist eine sportliche Herausforderung. Hoch die internationale Solidarität!
Online-Flyer Nr. 864 vom 17.06.2026
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Brot und Spiele für die Massen
Die WM-Gelddruckmaschine
Von Christopher Dömges
Brot und Spiele für die Massen – die Formel ist alt, aber sie wirkt noch immer. Die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko lässt sich schon jetzt als globales Mega-Spektakel lesen, das mit Sport wirbt, aber vor allem als Maschine für Aufmerksamkeit, Macht und Geld funktioniert. Auf dem Rasen geht es um Titel, Träume und nationale Mythen. Dahinter aber geht es um TV-Milliarden, Sponsorenrechte, VIP-Pakete, Sicherheitsapparate, Immobilieninteressen und die totale Vermarktung eines Gefühls, das einmal schlicht Fußball hieß.Die Erzählung ist perfekt inszeniert: ein Turnier der Superlative, größer als alles zuvor, mehr Teams, mehr Spiele, mehr Märkte, mehr Reichweite. Genau darin liegt das Problem. Denn wo Funktionäre von Wachstum sprechen, meinen sie fast immer Umsatz. Wo Partner von globaler Begeisterung reden, meinen sie Konsumentenbindung. Und wo vom „Fest der Völker“ die Rede ist, steht im Hintergrund längst die Kalkulation, wie sich jede Minute, jeder Jubel, jede Krise und jede Träne in verwertbare Bilder verwandeln lässt.
Die WM 2026 ist nicht einfach nur ein Sportereignis. Sie ist ein Produkt. Ein gigantisches, bis ins letzte Detail durchkommerzialisiertes Produkt, zugeschnitten auf Werbekunden, Streaming-Plattformen, Wettanbieter, Hospitality-Märkte und geopolitische Selbstdarstellung. Der Fan soll sich dabei als Herzstück fühlen – tatsächlich ist er oft nur Zielgruppe, Datensatz, Käufer, Kulisse. Er darf singen, pilgern, posten und bezahlen. Seine Leidenschaft ist der Rohstoff, aus dem andere Rendite machen.
Natürlich war Fußball nie unschuldig. Schon lange bevor von „Content“ und „Brand Experience“ die Rede war, war der Profisport ein Geschäft. Aber die Dimension hat sich verändert. Die WM 2026 treibt eine Entwicklung auf die Spitze, in der das Spiel selbst zur Begründung eines ökonomischen Überbaus wird, der immer größer, teurer und aggressiver wird. Mehr Teams bedeuten nicht nur mehr Chancen für kleinere Nationen. Sie bedeuten vor allem mehr Spiele – und damit mehr Sendefläche, mehr Tickets, mehr Werbeplätze, mehr Sponsoring, mehr Verwertungsfenster.
Die offizielle Sprache klingt dabei stets edel. Man spricht von Inklusion, globaler Teilhabe, Entwicklung des Fußballs, neuen Märkten, Inspiration für die Jugend. Das mag in Teilen sogar stimmen. Doch es verdeckt, dass die Logik dieses Turniers nicht zuerst sportlich ist, sondern ökonomisch. Der Fußball dient als moralisch aufgeladenes Transportmittel, um ein Geschäftsmodell sympathisch erscheinen zu lassen. Das ist die eigentliche Raffinesse moderner Sportpolitik: Sie verkauft Profit als Leidenschaft und Expansion als Fortschritt.
Gerade die USA als Hauptbühne passen perfekt in dieses Bild. Dort ist Sport längst ein hochgradig durchkapitalisiertes Entertainment-System, in dem Show, Marke und Monetarisierung untrennbar miteinander verbunden sind. Die WM trifft auf eine Infrastruktur, die jedes Ereignis in ein Premium-Erlebnis verwandeln kann – für jene, die es sich leisten können. Wer genug zahlt, bekommt Nähe, Komfort, Exklusivität und Zugang. Wer nicht genug zahlt, bekommt Warteschlangen, astronomische Preise und das Versprechen, wenigstens Teil von etwas Großem gewesen zu sein.
Und so wird auch die soziale Frage des Fußballs neu gestellt. Wem gehört dieses Spiel noch? Den Kindern auf staubigen Plätzen? Den Fans auf den billigen Rängen? Den Menschen, die Vereine und Nationalteams über Jahrzehnte emotional getragen haben? Oder längst den Verbänden, Agenturen, Investoren und Konzernen, die aus dem Spiel ein weltweit handelbares Spektakel gemacht haben? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Fußball gehört heute denen, die seine Bilder kontrollieren, seine Rechte besitzen und seine Reichweite in Geld übersetzen.
Besonders perfide ist dabei der moralische Schutzschild des Sports. Wer Kritik übt, gilt schnell als Zyniker, Spielverderber oder Kulturpessimist. Dabei ist die Kritik nicht gegen den Fußball gerichtet, sondern gegen seine systematische Ausbeutung. Gegen eine Industrie, die Emotionen industrialisiert und Gemeinschaftserlebnisse in Bezahlmodelle presst. Gegen ein Turnier, das Menschen mit Pathos lockt und sie dann mit Preisen, Werbung und künstlich erzeugter Dauererregung überzieht.
Die WM 2026 wird Bilder liefern, die Millionen bewegen: Außenseitersiege, Tränen, Hymnen, Helden, Zusammenhalt. Genau deshalb ist sie so wirksam. Das Spektakel lebt davon, dass seine ökonomische Basis hinter echten Emotionen verschwindet. Nichts verkauft sich besser als Authentizität im industriellen Maßstab. Der Fußball produziert sie verlässlich – und die Vermarktungsmaschine saugt sie auf, verpackt sie neu und verkauft sie zurück an jene, die sie ursprünglich erzeugt haben: die Fans.
Hinzu kommt der politische Mehrwert. Solche Turniere sind immer auch Schaufenster. Staaten präsentieren sich modern, offen, leistungsfähig. Städte polieren ihr Image. Unternehmen kaufen sich in ein positives Weltgefühl ein. Funktionäre inszenieren sich als Architekten globaler Verständigung. Doch unter dem Glanz liegen Sicherheitskosten, Interessenkonflikte, Verdrängungseffekte und eine Eventlogik, die öffentliche Räume und öffentliche Aufmerksamkeit für private Verwertung nutzbar macht. Die WM ist damit auch ein Lehrstück darüber, wie eng Unterhaltung, Politik und Kapital inzwischen verschmolzen sind.
Und der Fan? Er macht mit – oft wider besseres Wissen. Nicht, weil er naiv wäre, sondern weil Fußball etwas kann, was kaum ein anderes Massenphänomen schafft: Er stiftet Bedeutung. Er verdichtet Herkunft, Hoffnung, Erinnerung und Identität in 90 Minuten. Genau deshalb ist er so wertvoll. Genau deshalb wird er so gnadenlos ausgeschlachtet. Wer Menschen emotional bindet, kann wirtschaftlich abschöpfen. Der moderne Fußball hat diese Formel perfektioniert.
Man kann die WM 2026 also lieben und trotzdem ihr System verachten. Man kann Spiele genießen und zugleich sehen, dass dieses Turnier in seiner gegenwärtigen Form vor allem ein Monument der Kommerzialisierung ist. Ein Fest, ja – aber eines mit Preisschild an jedem Eingang. Ein globales Gemeinschaftserlebnis, dessen Dramaturgie von Marktinteressen durchzogen ist. Brot und Spiele eben, nur im 21. Jahrhundert: mit Streamingrechten statt Tribünenplätzen, mit Markenpartnerschaften statt Lorbeerkränzen und mit einem Geschäftsmodell, das aus jeder Leidenschaft eine Einnahmequelle macht.
Am Ende bleibt die unangenehme Frage, ob der Fußball hier noch Zweck ist – oder nur noch Mittel. Mittel zur Profitmaximierung, zur Imagepflege, zur politischen Selbstdarstellung. Wenn ein Turnier immer größer werden muss, um erfolgreich zu sein, wenn jede Erweiterung als Fortschritt verkauft wird, obwohl sie vor allem den Kassen dient, dann ist Misstrauen keine Verbitterung, sondern Vernunft. Die WM 2026 wird ein rauschendes Fest werden. Aber sie wird auch zeigen, wie weit sich der Weltfußball von seiner romantischen Erzählung entfernt hat. Nicht der Ball regiert diese kapitalistische Weltmeisterschaft, sondern die Bilanz.
Im echten Sozialismus wird es unter dem Motto FREUNDSCHAFT IM WETTKAMPF auch Spiele geben. Denn es ist wichtig, dass die sozialistische Welt fit bleibt. Geld wird keine Rolle spielen – denn es ist als Zahlungsmittel abgeschafft. Einzig wird’s im Sozialismus darum gehen, unter internationalem Jubel den Sportsgeist verschiedener Erdteile als Vorbild anzunehmen. Warum nicht WM? Warum nicht Olympia? Der Sozialismus selbst ist eine sportliche Herausforderung. Hoch die internationale Solidarität!
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