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Kommentar
Nationalfeiertage im Kapitalismus
Die große kollektive Selbsttäuschung
Von Christopher Dömges

Nationalfeiertage sind die perfekte Erfindung für Systeme, die sich gern feiern lassen, obwohl sie ihre Bürger den Rest des Jahres mit Preisdruck, Leistungszwang und sozialer Kälte malträtieren. Einmal im Jahr wird die Fahne aus dem Schrank gezerrt, die Hymne abgespielt und so getan, als sei ausgerechnet dieser Staat plötzlich eine warme Gemeinschaft und kein Verwaltungsapparat mit PR-Abteilung. Das ist nicht nur pathetisch, das ist politisch nützlich – und deshalb so beliebt.

Der offizielle Sinn: Zusammenhalt, Geschichte, Stolz


So lautet jedenfalls die Legende. Nationalfeiertage sollen erinnern, verbinden, stolz machen. Sie sollen aus Untertanen Bürger machen, aus Geschichte Identität und aus einem zerfledderten Gemeinwesen ein Wir-Gefühl. Klingt edel. In der Praxis ist es oft ein Ritual für Erwachsene, die sich einmal im Jahr mit der Nation schmücken dürfen, ohne irgendetwas an den Verhältnissen zu ändern.

Denn was genau wird da eigentlich gefeiert? Freiheit? Souveränität? Demokratie? In vielen Ländern ist das historische Ereignis längst zur Kulisse verkommen. Die meisten Menschen kennen die Details kaum noch, aber das macht nichts: Hauptsache, die Symbolik sitzt. Hauptsache, die Bühne steht.

Der eigentliche Sinn: Ablenkung mit Fahnen

Im Kapitalismus sind Nationalfeiertage vor allem eines: emotionale Betriebsamkeit. Sie lenken ab von der Frage, warum Mieten steigen, Löhne stagnieren und Konzerne Rekordgewinne einfahren, während der Staat sich in Sonntagsreden als Hüter des Gemeinwohls aufspielt. Statt über Macht, Eigentum und Verteilung zu reden, schwenkt man lieber Fahnen.

Das ist kein Zufall, sondern ein Meisterstück politischer Hygiene. Wer sich an einem Feiertag mit der Nation identifiziert, stellt seltener die unangenehme Frage, wem die Nation eigentlich nützt. Und die Antwort ist oft unerquicklich: den Besitzenden, den Regierenden, den PR-Abteilungen und all jenen, die aus kollektiver Erregung Kapital schlagen.

Die Vermarktung des Patriotismus

Icke bin deutsch ein Stolzer zu sein. Kaum ein Symbol ist im Kapitalismus so leicht verwertbar wie die Nation. Aus dem Feiertag wird ein Sonderverkauf, aus dem Stolz ein zynischer Werbeslogan, aus der Geschichte ein Instagram-Filter. Überall rot-weiß-blau oder schwarz-rot-gold, je nach Land, dazu Rabattaktionen, Eventbühnen und Fernsehbilder, die so tun, als sei Konsum eine Form von Zugehörigkeit. Die AfD ist da ganz groß drin.

Das ist die eigentliche Obszönität: Der Kapitalismus frisst selbst den Nationalismus oder fördert ihn und spuckt ihn als Lifestyle aus. Patriotismus wird zur Ware, Heimat zum Branding, Erinnerung zum Merch. Wer sich darüber empört, gilt schnell als Spaßverderber. Dabei ist es genau umgekehrt: Die eigentliche Geschmacklosigkeit ist die Kommerzialisierung des Politischen.

Warum das Ganze trotzdem funktioniert

Weil Menschen nicht nur Rechnungen zahlen, sondern auch Zugehörigkeit brauchen. Weil Unsicherheit, Vereinzelung und soziale Spaltung nach Symbolen schreien. Nationalfeiertage liefern diese Symbole in industrieller Stückzahl. Sie versprechen Ordnung in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird. Sie sagen: Du gehörst dazu. Auch wenn dein Lohn nicht reicht. Auch wenn die Politik dich ignoriert. Auch wenn die Realität längst gegen das Pathos spricht.

Genau deshalb sind Nationalfeiertage so wirksam. Sie verkaufen ein Gefühl von Gemeinschaft, ohne Gemeinschaft herstellen zu müssen. Sie simulieren Einheit, wo Konkurrenz herrscht. Sie inszenieren Volk, wo Klasseninteressen regieren. Und sie tun das mit einer Choreografie, die so alt ist wie der moderne Staat selbst.

Das konservative Problem: Nation als Ersatzreligion

Nationalfeiertage sind oft die säkulare Messe des Kapitalismus. Statt Heiligen gibt es Staatsgründer, statt Liturgie Reden, statt Erlösung ein bisschen kollektive Ergriffenheit. Das Publikum nickt, applaudiert und geht anschließend wieder in sein ökonomisches Leben zurück, in dem Solidarität ein schönes Wort und Konkurrenz der Alltag ist. Nicht überall, aber größtenteils.

Die Nation wird dabei zur Ersatzreligion für eine Gesellschaft, die an sich selbst zweifelt. Je brüchiger die soziale Ordnung, desto lauter das Pathos. Je weniger echte Teilhabe, desto mehr Symbolpolitik. Je größer die Ungleichheit, desto pompöser die Fahnen.

Fazit: Nützlich, aber unerquicklich

Nationalfeiertage sind sinnlos. Sie sind gerade deshalb so wirksam, weil sie Gefühle ordnen, Kritik entschärfen und Widersprüche übertünchen. Ihr Unsinn liegt nicht in der Wahrheit, sondern in der Disziplinierung. Ihr Unsinn liegt darin, dass sie so tun, als könne man gesellschaftliche Konflikte mit Hymnen und Feuerwerk lösen.

Im Kapitalismus sind Nationalfeiertage deshalb vor allem eines: ein teurer, dekorierter und erstaunlich erfolgreicher Versuch, politische Realität in patriotische Stimmung zu verwandeln. Und genau das macht sie so verdächtig.

Neue Welt

Wir wollen eine neue Weltordnung schaffen, in der Nationalfeiertage und Nationalgrenzen unsinnig werden. Den echten Sozialismus, wo kein Mensch idealerweise Not zu leiden braucht. Hoch die internationale Solidarität!

Online-Flyer Nr. 864  vom 17.06.2026

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