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Aktueller Online-Flyer vom 29. Mai 2026  

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Globales
Eine "Terra incognita", ein unbekanntes Land, scheint Belarus für viele zu sein. Dabei liegt es mitten in Europa. Eine Gruppe Deutscher hat sich auf den Weg gemacht, um es kennenzulernen.
Belarus: Ein unbekanntes Land des Friedens
Reisebericht von Tilo Gräser

Wer anderen in Deutschland sagt, dass er nach Belarus fahren will, erntet mindestens Verwunderung. Dafür sorgt nicht nur die weitverbreitete Unkenntnis über das Land. Dazu trägt ebenfalls die massenmediale Einseitigkeit in den Berichten über das Land zwischen Polen und Russland bei. Die laufen alle unter dem Stichwort «Diktatur». Wer sich in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender über Belarus informieren will, findet dort derzeit nichts anderes. Das führt dann dazu, dass diejenigen, die dennoch hinfahren, besorgt gefragt werden, ob das nicht gefährlich sei. Das wird auch ganz regierungsoffiziell befeuert. So heißt es beim bundesdeutschen Auswärtigen Amt in der «Reisewarnung» zu Belarus: «Verhaftungen und Verurteilungen können jederzeit, auch aufgrund konstruierter Vorwände, erfolgen. Sie können als politisches Druckmittel dienen; lange Haftstrafen unter harten Bedingungen sind möglich, bei schwerwiegenderen Vorwürfen (darunter ‹Sabotage gegen den Staat› oder ‹Terrorismus›) auch die Verhängung der Todesstrafe.» So gefährlich soll es in der angeblichen Diktatur von Langzeit-Präsident Alexander Lukaschenko sein. Und viele in Deutschland glauben das, wenn es doch Regierung und «Leitmedien» behaupten. Das tun diese insbesondere seit 2020. Damals kam es in dem Land zu Protesten, angeblich nur für «Demokratie» und «Freiheit».


Belarus – ein Land voller Gedenkorte an den Großen Vaterländischen Krieg, hier in Muchawjez bei Brest (Foto: Éva Peli)

Am 6. Mai dieses Jahres machte sich dennoch eine Gruppe von rund 20 Menschen aus Deutschland auf den Weg nach Belarus. Die meisten von ihnen glaubten den offiziellen Erklärungen über das unbekannte Land im Herzen Europas nicht. Und wenn ansatzweise doch, so wollten sie aber selber sehen, wie es dort ist.


Die Gruppe war die allererste aus Deutschland im 1972 eröffneten Partisanen-Freiluftmuseum «Chowanschtschina» bei Brest (Foto: Tilo Gräser)

Mit Zwischenstation Warschau auf Hin- und Rückreise blieben sie zehn Tage, mit einem vollen Programm mit Besichtigungen, Begegnungen und Gesprächen. Sie nahmen auch an den Feierlichkeiten zum «Tag des Sieges» über den Faschismus am 9. Mai in der Festung Brest teil, diesem historischen Ort.

Es waren hauptsächlich Menschen aus dem Umfeld der DKP, denen wir – meine Kollegin und Partnerin Éva Péli und ich – uns angeschlossen hatten. Mit einigen von ihnen waren wir bereits vor zwei Jahren nach Russland, nach St. Petersburg, gefahren. Anlass war damals ebenfalls der 9. Mai.

Friedlich und lebendig

Uns zeigte sich ein Land mitten in Europa, wie es tatsächlich für viele weitgehend unbekannt ist. Dabei liegt es mitten auf dem gemeinsamen Kontinent. Es hat seine Besonderheiten und Eigenheiten, aber auch ganz viele Gemeinsamkeiten mit den anderen europäischen Ländern.

Und es ist überhaupt nicht gefährlich, erst recht nicht feindlich, auch nicht arm oder ähnliches. Belarus und seine Menschen sind freundlich, besonders gegenüber Gästen. Es ist aufgeräumt und sauber, vielfältig und farbenfroh. Zugleich ist es lebendig und voller schöner Natur.

Und es ist ein Land voller Geschichte, wie wir gesehen haben – einer leidvollen Geschichte, deren schlimmste Kapitel die deutschen Faschisten von 1941 bis 1944 zu verantworten haben. Gerade mit der Erinnerung an den deutschen Überfall vor fast genau 85 Jahren und seinen etwa drei Millionen Opfern – ein Drittel der damaligen Bevölkerung der Belarussischen Sowjetrepublik – wünschen sich die Menschen dort vor allem eines: Frieden.

Das haben wir immer wieder in Gesprächen gehört, ob mit «einfachen» Menschen, wie der Buchhändlerin in Minsk, oder mit dem Direktor des Museums der Festung Brest, Alexander Korkotadse, und dessen Mitarbeitern. Auch der stellvertretende Außenminister von Belarus, Igor Sekreta, machte klar: Dieses einfache Ziel ist für die Politik der belarussischen Regierung unter Präsident Lukaschenko ebenso wichtig wie den Menschen, die in diesem Land leben.


Am 9. Mai in der Festung Brest (Foto: Tilo Gräser)

Das haben wir auch bei den Feierlichkeiten zum «Tag des Sieges» am 9. Mai in der Festung Brest erlebt. Teile ihrer Besatzung hatten nach dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 noch wochenlang Widerstand geleistet. Dort dankte während der Gedenkfeier eine der wenigen Soldatinnen der Streitkräfte von Belarus den Veteranen des «Großen Vaterländischen Krieges».

So wird der Kampf der sowjetischen Völker gegen den faschistischen deutschen Vernichtungskrieg in Belarus auch heute noch genannt. Natalja Onischuk, Oberfeldwebel bei der in Brest stationierten Fallschirmjäger-Brigade, sagte sichtlich bewegt:

«Liebe Veteranen! Sehr geehrte Landsleute! Für uns ist der 9. Mai nicht nur ein Tag des Gedenkens. Der Sieg im Jahr 1945 ist eine historische Tatsache, er ist das Fundament unseres Lebens. Wir verneigen uns vor euch, der Generation der Sieger, die unmenschliche Prüfungen überstanden hat. Euer Mut lehrt uns, stark zu sein, eure Liebe zum Vaterland lehrt uns, treu und authentisch zu sein. Wenn ich heute auf diesen friedlichen Mai blicke, versuche ich mir vorzustellen, wovon ihr in jenen stürmischen Jahren geträumt habt. Wahrscheinlich von Liebe, von Frieden. Von einer strahlenden Zukunft, für die ihr bereit wart, alles zu geben. Heute ist es unsere Pflicht, so zu leben, dass wir eures Andenkens würdig sind, eure und unsere Geschichten an die Kinder weiterzugeben. Die Wahrheit zu bewahren und niemals zu vergessen, zu welchem Preis dieser Frühling errungen wurde. Danke euch für das Leben. Danke für den Frieden und die Ruhe. Wir verneigen uns tief vor euch. Ewiger Ruhm den Helden und Siegern! Herzlichen Glückwunsch zum Feiertag!»

Ich zitiere die Soldatin vollständig, weil es auch in unserer Gruppe Diskussionen über das Gedenken gab. Dazu, ob die Art des Gedenkens in Belarus und auch in Russland nicht zu militaristisch sei. Ob das Reden vom «Sieg» nicht zu martialisch ist und der Frieden nicht anders gesichert werden müsste als durch Militär und Waffen.

Verteidigung des Friedens


Die Worte dieser Frau in Uniform machen aus meiner Sicht den Unterschied zum deutschen Militarismus deutlich. Sie sind das Gegenteil von dem, was jene Kriegstreiber von sich geben, die Deutschland wieder «kriegstüchtig» machen wollen. Sie zeigen, worum es denjenigen in Belarus und Russland geht, die aus der Erfahrung des Krieges gegen ihre Heimat und ihre Vorfahren vor mehr als 80 Jahren, bereit sind, das Land und seine Menschen zu verteidigen.


Das Gedenken an die Toten und Überlebenden des Krieges gegen den Faschismus ist für die Menschen in Belarus selbstverständlich, nicht nur wie hier am 9. Mai in Brest (Foto: Éva Péli)

Vize-Außenminister Sekreta bestätigte das in einem Gespräch mit Éva Péli und mir am 12. Mai in Minsk. Alle in Belarus, Regierung und Bevölkerung, würden Geld statt für Waffen lieber für die notwendigen Dinge des Lebens und der Gesellschaft ausgeben.

«Wir haben Wichtigeres, wofür wir unser Geld ausgeben können. Ja, wir haben eine kampfbereite Armee. Aber für uns ist es wichtiger, dass die Menschen etwas zu essen haben, dass sie sich sicher fühlen, dass Frieden herrscht und Ordnung auf den Straßen herrscht. Das ist für uns wichtiger, dass die Kinder zur Schule gehen. Das ist uns wichtig und dafür geben wir Geld aus, nicht für Bomben, Raketen und Flugzeuge.»

Der Krieg, der vor fast genau 85 Jahren über Belarus und die gesamte Sowjetunion kam, hat unzählige Narben hinterlassen. An vielen Orten wird der Opfer gedacht und an die deutschen Verbrechen erinnert. Wir haben einige von ihnen gesehen.

Wir sahen die Gedenkstätte bei der Station Bronnaja Gora im Rajon Brest, wo mehr als 50.000 jüdische Menschen aus Europa ermordet wurden. Wir waren an der Gedenkstätte für das von den deutschen Faschisten am 2. September 1942 mit seinen 196 Einwohnern vernichtete Dorf Dremljewo. Wir waren auch an dem Ort, wo einst das Dorf Chatyn stand, am 22. März 1943 samt 149 seiner Einwohner ebenfalls von Deutschen vernichtet.


Teil der Gedenkstätte für das vernichtete Dorf Dremljewo im Westen von Belarus (Foto: Tilo Gräser)

Wir haben uns von Historikern und anderen, die die Erinnerung wachhalten, erklären lassen, was jeweils genau geschehen ist. Wir waren und sind betroffen und beschämt. Nicht nur wegen der unglaublichen und unfassbaren Verbrechen. Die von Deutschen begangen wurden, oftmals mit Helfern auch aus Belarus und aus der Ukraine.

Gastfreundschaft statt Hass

Für viele unserer Gruppe war umso verblüffender und beschämender, mit welcher Freundlichkeit und Herzlichkeit wir in Belarus empfangen wurden. Das ist etwas, was einige von uns schon vor zwei Jahren beim gemeinsamen Besuch in St. Petersburg erstaunte.

Es ist umso verblüffender angesichts der gegenwärtigen Hetze und des Hasses sowie der Feindschaft und Lügen in Deutschland. Die sich nicht nur gegen Russland und alles Russische richten, sondern ebenso gegen Belarus. Wir haben dort das Gegenteil erlebt: Offenheit, Gastfreundschaft, Dialogbereitschaft, immer wieder so etwas wie Vergebung und Versöhnung sowie den Wunsch nach Miteinander und eben nach Frieden.

Mit dem gleichen Wunsch sei er nach Belarus gekommen, erklärte Hermann Kopp, Historiker und einer der Organisatoren der Reise. Gegenüber belarussischen Journalisten sagte er, es gehe ihm und den anderen darum, zu zeigen, dass es in Deutschland noch Friedenskräfte gibt. Menschen, die ebenso Frieden und Freundschaft mit den anderen Völkern wollen.


Hermann Kopp am 9. Mai in Brest im Gespräch mit Journalisten (Foto: Tilo Gräser)

Deutlich zu machen, «dass es auch ein anderes Deutschland gibt als das, was durch die jetzige Regierung repräsentiert wird». Das beschrieb Kopp als Motiv für ihn und die Gruppe, am 9. Mai in Brest dabei zu sein.

Es sei ihm wichtig, auch in Deutschland daran zu erinnern, «welche Verbrechen von der deutschen Wehrmacht, von der SS, aber eben auch von einem großen Teil unserer Bevölkerung begangen worden sind». Es sei wichtig, diese Geschichte im Gedächtnis zu behalten, um zu verhindern, dass erneut solche Verbrechen von Deutschen begangen werden.

Eine Schande

Umso beschämender waren die Berichte aus Deutschland über das Gedenken zum «Tag der Befreiung» am 8. Mai und dem «Tag des Sieges» am 9. Mai. Darüber, wie mit Verboten und Schikanen das Gedenken und die Erinnerung, aber auch die Feier des Sieges über den Faschismus vor 81 Jahren erneut eingeschränkt wurde.

«Das ist eine Schande», erklärte dazu der belarussische Vize-Außenminister Sekreta in einem Interview für die Berliner Zeitung. Das hatte Éva Péli zuvor mit ihm geführt. Es wurde am 9. Mai veröffentlicht. Er sagte dabei unter anderem:

«Die seit mehreren Jahren andauernden Versuche der deutschen Behörden und der Leitungen von Gedenkstätten, belarussische Diplomaten von Gedenkveranstaltungen zur Befreiung vom Faschismus auszuschließen, stoßen bei uns auf tiefes Unverständnis und Empörung. Das ist eine Schande. Uns wird das Niederlegen von Blumen am Denkmal der Befreier, unserer Großväter und Urgroßväter, die im Kampf gegen die braune Pest – den Nationalsozialismus – ihr Leben ließen, verweigert! Doch zugleich sieht man keinerlei Problem darin, Milliarden in die Aufrüstung und die Stationierung von Truppen an unseren Grenzen zu investieren. Wo bleibt da die Reue?»


Reisebericht Teil 2 - Belarus: Ein unbekanntes Land voller Geschichte


Die Statue von Iossif Kaminski, Überlebender des Massakers von Chatyn, mit seinem toten Sohn (Foto: Tilo Gräser)

Belarus mitten im Herzen Europas ist ein mittelgroßes Land, mit seinen 207.600 Quadratkilometern und seinen knapp 9,5 Millionen Einwohnern. Fast 81 Prozent von ihnen leben in den Städten wie Minsk, Brest, Grodno, Witebsk, Gomel und anderen. Statistisch gesehen ist es mit 46 Einwohnern je Quadratkilometer relativ dünn besiedelt.

Aber es ist ein Land mit vielen geschichtsträchtigen Orten – wobei der faschistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion von 1941 bis 1944 die tiefsten Spuren hinterließ. Die Orte der verschiedenen deutschen Todeslager für Kriegsgefangene, sowjetische Funktionäre und Bürger, jüdische Menschen aus der Sowjetunion und Europa, mit den vollständig oder teilweise zerstörten Dörfern, Siedlungen und Städten füllen die Karte des Landes aus.

Die Generalstaatsanwaltschaft von Belarus hat seit 2020 zu dem Völkermord an der belarussischen Bevölkerung eine schier unfassbare Dimension der deutschen Kriegsverbrechen ermittelt. Dabei zeigte sich, «dass das Ausmaß der Tragödie, die das belarussische Volk während der Besatzungszeit erlebt hat, wesentlich größer ist als bisher angenommen», heißt es dazu in einer Dokumentation der Justizbehörde:
  • 578 Todeslager: Konzentrationslager, Vernichtungslager, Ghettos, Lager an der Front der deutschen Verteidigung, Gefängnisse, Straf- und Arbeitslager, Kinder-Todeslager usw.; das Todeslager Trostenets und das Ghetto von Minsk sind die bekanntesten;
  • mindestens 12.585 Dörfer und Siedlungen wurden teilweise oder vollständig zerstört, darunter 290 Dörfer, die wie Chatyn zusammen mit ihren Bewohnern vollständig niedergebrannt und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut wurden;
  • über 3 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene (rund ein Drittel der Bevölkerung) wurden getötet;
  • 209 von 270 Städten zerstört, darunter Großstädte wie Minsk, Gomel, Witebsk und andere;
  • über 380.000 Menschen in deutsche Sklaverei gebracht, von denen viele aufgrund der unerträglichen Ausbeutungsbedingungen starben;
  • Kinder wurden massenhaft zu Zwangsarbeit gebracht und oft in speziellen Lagern als Blutspender für das deutsche Militär missbraucht;
  • die von den deutschen Faschisten verursachten Schäden auf dem Territorium der Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR) ergeben nach heutigem Wert einen Betrag von über 2,355 Billionen Dollar.

Der Platz, an dem das Dorf Dremljewo vor seiner Vernichtung stand (Foto: Tilo Gräser)

Bei unserem Aufenthalt in dem Land haben wir einige wenige dieser Orte der Verbrechen, des Schmerzes und des Gedenkens besucht. Wir waren an der Stelle, wo einst das Dorf Dremljewo stand. Es wurde am 2. September 1942 von den deutschen Truppen samt seiner 196 Einwohner vernichtet. Holzrahmen am Boden künden davon, dass auf dem freien Feld einst Häuser standen. Eine Skulptur mit drei Frauen – Großmutter, Mutter, Tochter – erinnern an die ermordeten Menschen verschiedener Generationen.

Ein symbolischer Ort

Dremljewo gehört zu den 290 «Schwestern von Chatyn». Diese Dörfer wurden mitsamt ihren Bewohnern niedergebrannt und sind für immer von der Landkarte des Landes verschwunden. Chatyn mit seinem eindrucksvollen Gedenkkomplex, 1969 eröffnet und inzwischen teilweise erneuert, ist der bekannteste dieser Orte.

Das Dorf im Wald, 50 Kilometer nördlich von Minsk, wurde am 22. März 1943 samt 149 seiner Einwohner ebenfalls von Deutschen vernichtet. Bei dem Massaker, das als Vergeltung für einen Partisanenangriff verübt wurde, wurden insgesamt 149 Menschen erschossen und in der Scheune verbrannt, darunter 75 Kinder und Jugendliche. Nur zwei Jungen, zwei Mädchen und der Dorfschmied Iossif Kaminski überlebten – die deutschen Täter wurden nie belangt.

Wer das Gelände erreicht, sieht nach dem Museum die Statue des überlebenden Dorfschmiedes. Er trägt auf seinen Armen seinen toten Sohn. Ein symbolischer Friedhof sowie die «Bäume des Lebens» erinnern an die anderen vernichteten belorussischen Dörfer und Siedlungen. Ein «ewiges Feuer» brennt zum Gedenken an die Opfer.


Der Freiluft-Gedenkkomplex Chatyn (Foto: Tilo Gräser)

Neben der Statue befindet sich auf dem Massengrab eine massive schwarze Granitplatte. Sie stellt das eingestürzte Dach der Scheune dar, in der die Bewohner verbrannt und erschossen wurden. Ein symbolischer Sarg aus weißem Granit trägt einen Appell der Toten an die Lebenden, die Verbrechen nie zu vergessen und Frieden in die Welt zu tragen.

Grundmauern aus Beton erinnern an die 26 ehemaligen Häuser des Dorfes. In der Mitte steht jeweils ein symbolischer Kamin, die symbolischen Eingangstore stehen überall offen. Auf der Vorderseite kündet jeweils eine kleine schwarze Gedenktafel von den Namen der Familien und ihren Mitgliedern. Eine Säule trägt eine Glocke, die alle 30 Sekunden mit ihrem dumpfen Klang zum Gedenken mahnt.

Éva Péli und ich hatten bei unserem Besuch in Chatyn die Möglichkeit, mit Anna Papko, leitende Mitarbeiterin des Gedenkkomplexes, zu sprechen. Sie zeigte uns das Anfang der 2000er Jahre eröffnete Museum mit seinen eindrucksvollen sechs Räumen. Sie stellen das Verbrechen in den Zusammenhang der belarussischen Geschichte und insbesondere des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion ab dem 22. Juni 1941.

Unfassbares Geschehen

Saal 4 ist besonders eindrucksvoll: Die Besucher stehen in einem abgedunkelten Raum, der ihnen im Ansatz vermittelt, wie es den Menschen am 22. März 1943 erging. Eine Wand bildet das Scheunentor nach, hinter dem Flammen lodern. Eine Wand zeigt die Umrisse des Landes mit den vielen «Schwestern von Chatyn» als leuchtende Punkte.

Eine andere ist voller plattgedrückter, verkohlter Kleidungsstücke, dazu Fotos von Menschen, die an anderen Orten ähnliches überlebten. An der vierten Wand lodert ununterbrochen knisternd ein Feuer. Wer ein paar Minuten in dem Raum innehält und diese Wand betrachtet, dem erscheint es, als steige die Temperatur im Raum an. Die Atemluft scheint knapp zu werden und Rauch sich auszubreiten, der Drang, den Raum zu verlassen, steigt.

Doch das ist nur das Ergebnis der visuellen und akustischen Effekte. Die Idee dazu stammte von einer Gruppe von Studenten, berichtete Anna Papko. Es sei darum gegangen, den Besuchern diese schrecklichen Ereignisse zu zeigen und nachempfinden zu lassen – soweit das überhaupt möglich ist.


Eine der vier Wände in Saal 4 des Museums (Foto: Tilo Gräser)

Die Erinnerungen der Überlebenden der vernichteten Dörfer hat Ales Adamowitsch mit Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik aufgezeichnet und in dem 1975 erstmals veröffentlichten Buch «Ich komme aus einem Feuerdorf» (deutsche Ausgabe «Feuerdörfer») festgehalten. Darin finden sich auch die Erinnerungen des Chatyn-Überlebenden Iossif Kaminski. Der Film «Geh und sieh» von Elem Klimow aus dem Jahr 1985 hat das Verbrechen von Chatyn aufgegriffen und zeigt es stellvertretend für all die anderen vernichteten Dörfer.

Zum Museum gehört ein weißer Raum, der «Saal der ewigen Erinnerung». Die Besucher stehen auf einer Glasplatte, unter der ein Feld mit Getreide zu sehen ist. Es ist das «Symbol für den wiederkehrenden Frieden auf dem belarussischen Boden», wie uns unsere Begleiterin erklärte.

Die Wände des Saales sind ganz weiß. Auf einer heben sich beim genauen Hinsehen die Namen der Orte in Belarus ab, die gemeinsam mit ihren Bewohnern vernichtet wurden. Es gibt auch eine Glocke an der Decke, doch diese schweigt, anders als jene auf dem Gedenkareal – als «ewige Schweigeminute zum Gedenken an die Gefallenen».

Eindringliche Botschaft

Wir wollten von Anna Papko wissen, wie das ist, tagtäglich mit der Erinnerung an die unfassbaren Verbrechen an den Menschen zu tun zu haben, darüber anderen zu erzählen. «Das ist sehr schwer», gestand die Frau, Mitte 30 etwa, ein und fügte hinzu: «Das ist unsere wichtigste Aufgabe: Über diesen Krieg zu berichten, damit die Schrecken des Krieges nicht in Vergessenheit geraten und sich heute nicht wiederholen.»

«Leider denken wir immer an den Krieg. Wir sprechen vom Sieg, aber nicht immer von den Opfern. In den letzten Jahren sprechen wir immer öfter über die Opfer, darüber, dass es im Krieg keine Sieger gibt, denn Krieg bedeutet immer die Zerstörung des friedlichen Lebens, immer den Tod von Menschen – das sind die Söhne von jemandem, die Brüder von jemandem, die Väter von jemandem. Unser Belarus ist ein lebendiges Zeugnis dafür, was ein schrecklicher Krieg ist, ein Krieg, der drei Jahre dauerte, während der Wiederaufbau des Landes weitere 30 Jahre in Anspruch nahm. Und die Menschen, die den Krieg überlebt haben, wurden ihr ganzes Leben lang an diesen Krieg erinnert. Doch sie kämpften nicht gegen das Böse. Sie wollten in Frieden leben, aufbauen, gestalten, neuen Menschen auf dieser Erde das Leben schenken, damit diese niemals die schrecklichen Ereignisse der Kriegsjahre erleben müssten.»


Ein Modell das Dorfes Chatyn vor seiner Vernichtung (Foto: Tilo Gräser)

Es sei die «wichtigste Aufgabe in dieser täglichen Arbeit», die Erinnerung an diese Menschen zu bewahren, betonte Papko. «Das ist unsere Dankbarkeit ihnen gegenüber. Solange wir uns an sie erinnern, lebt die Erinnerung an sie weiter.» Und sie sagte uns noch etwas, was festzuhalten ist:

«Wenn Sie durch das Gelände der Gedenkstätte gehen und den Führern zuhören, werden Sie niemals Aufrufe zu Gewalt oder Rache hören.»

In der Hymne von Belarus werde gesungen «Wir, die Belarussen, sind friedliche Menschen». Auf dem Gelände des Gedenkkomplexes über dem Massengrab, in dem die Überreste der Bewohner des Dorfes Chatyn begraben sind, ist die «Botschaft der Bewohner des untergegangenen Dorfes» zu lesen:

«Liebe Menschen, denkt daran: Wir liebten das Leben und unsere Heimat und euch, ihr Lieben. Wir sind lebendig im Feuer verbrannt. Unsere Bitte an alle: Mögen Trauer und Kummer sich in Mut und Stärke verwandeln, damit ihr für immer Frieden und Ruhe auf Erden bewahren könnt. Damit von nun an nirgendwo und niemals wieder im Feuersturm das Leben vergeht.»


Erstveröffentlichung am 19. Mai 2026 bei transition-news.org als Teil1 und Teil 2

Online-Flyer Nr. 863  vom 27.05.2026

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