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Kultur und Wissen
Ein Gespräch aus Anlass der Arbeiterfotografie-Gründung vor hundert Jahren
Über Vergangenheit und Zukunft: Arbeiterfotografie 1926 – 2026 – 2126
Rudolph Bauer – interviewt von "Die Arbeiterfotografie"
1926 war das Jahr, in dem auf Initiative von Willi Münzenberg, Herausgeber der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung, die "Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands" ins Leben gerufen wurde. Aus diesem Anlass hat "Die Arbeiterfotografie" ein fiktives Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Rudolph Bauer geführt.
Herr Professor Bauer, lieber Rudolph, Du bist Autor der Neuen Rheinischen Zeitung und gehörst als Kunstschaffender dem Bundesverband Arbeiterfotografie an, der seine historischen Wurzeln vor einem Jahrhundert hat. Aus diesem Anlass möchten wir uns mit Dir darüber unterhalten, wie Du Dir die Zukunft vorstellst. Wie hätte sie auszusehen? Wie ist sie beschaffen? Was denkst Du über die Zukunft: über die Zukunft der Gesellschaft, die Zukunft der Welt?
Das Zukunftsthema steht in einem geschichtlichen Zusammenhang. Der Vorschlag, aus der Perspektive von heute die Vergangenheit – ein Jahrhundert Arbeiterfotografie – in den Blick zu nehmen und sich zugleich die Entwicklung in den nächsten einhundert Jahren vorzustellen, lässt erkennen, dass die Gegenwart, das Heute, die Schnittstelle von Gestern und Morgen ist. Die Gegenwart prägt sowohl das Bild von der Vergangenheit, aber auch das Bild von der Zukunft. Aktuelle Probleme der Gegenwart schärfen den Blick auf bestimmte Themen des schon Gewesenen und des noch Kommenden.
Prägt umgekehrt aber nicht auch die Vergangenheit die heutige Sichtweise und unseren Blick auf das Morgen. Fußen nicht auch die Vorstellungen, was in einem Jahrhundert der Fall sein wird, auf dem Wissen über die Vergangenheit? Marx hatte es im Vorwort des Ersten „Kapital“-Bandes 1867 so formuliert: „Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererblicher Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolge von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten. Le mort saisit le vif!“ (1)
Es stimmt: „Der Tote packt den Lebenden!“ Das ist in jenem Ausmaß der Fall, in dem frühere Produktionsweisen noch fortbestehen. Im Sinne von Marx sprechen wir hier und heute, in der kapitalistischen Gesellschaft und angesichts des als Globalisierung getarnten Imperialismus, vom gegenwärtigen „Überleben“ (in Anführungszeichen) bzw. der Wiederkehr sowohl feudalistischer Spuren (2) als nicht zuletzt auch der Sklaverei. Wir Heutigen leiden darunter. Die Toten haben uns Notstände vererbt, die neben den Notständen der Gegenwart fortwirken. Das stimmt. Zugleich aber gilt es zu bedenken, dass das Bewusstsein der Menschen sich weiterentwickelt hat. Der Schweizer Philosoph Jean Gebser spricht in seinem zweibändigen Werk „Ursprung und Gegenwart“ davon, dass sich im Werden der Menschheit „deutlich unterscheidbare Welten abheben, deren Entfaltung sich in Bewusstseinsmutationen vollzogen hat“ (3). Sprich: Weltgeschichtlich lassen sich Veränderungen des Bewusstseins, Bewusstseinsbrüche, beobachten.
Stehen Marx und Gebser aber nicht in einem fundamentalen Gegensatz zueinander: Marx, der Materialist? Gebser, der Idealist? Marx, für den die Produktionsweise das Allesentscheidende ist; das Sein bestimmt das Bewusstsein. Gebser hingegen setzt auf das Bewusstsein; das Bewusstsein sei seins-bestimmend?
Wenn ich die Dialektik von Marx richtig interpretiere und angemessen anwende, stehen materielle Produktionsweise und das Bewusstsein in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander wie These und Antithese. Eine Synthese aus diesem Widerspruch ergibt sich in Form revolutionärer Umbrüche: Der Untergang der kapitalistischen Produktionsweise ermöglicht die Entfaltung eines revolutionären neuen Bewusstseins. Beziehungsweise das neue Bewusstsein drängt auf eine Revolutionierung der Produktionsweise. Es kommt also darauf an, dass dieser Umschlag, dieser wechselseitige Prozess, erfolgt: der Umschlag von der bisherigen zu einer neuen Produktionsweise, vom bisherigen zu einem neuen Bewusstsein.
Das von Dir verwendete Wort Umschlag hat auch eine Schutz- und eine medizinisch-therapeutische Bedeutung. Es meint nicht nur eine plötzliche Veränderung, etwa einen plötzlichen Umschlag des Wetters, der Stimmung, der Quantität in Qualität. Sondern man versteht darunter zum einen den Schutz: den Schutz eines Briefes, der in einem Umschlag befördert wird. Zum anderen bezeichnet man medizinische Kompressen als Umschläge, die zu Heilzwecken um einen Körperteil gelegt werden.
So gesehen ist Revolution eine Maßnahme des Schutzes und der Heilung. Genau diese Einsicht ist entscheidend – die Erkenntnis, dass es bei einer Revolution um Schutz und Heilung geht. Bei den fundamentalen Veränderungen gesamtgesellschaftlichen und weltgesellschaftlichen Ausmaßes sind Schutz und Heilung jedoch keine neutralen Erscheinungen, die uneingeschränkt allen zugutekommen. Es herrscht Klassenkampf. Allerdings gelingt es der herrschenden Klasse, den sogenannten Eliten weltweit, die Mehrheit der Bevölkerung bei Laune zu halten und über die wahren Verhältnisse hinwegzutäuschen.
Wenn wir Dich richtig verstehen, Rudolph, bedeuten Schutz und Heilung für die herrschende Klasse etwas Anderes als für die geknechtete Klasse.
Wenn wir unseren Überlegungen das Bild vom Herrn und vom Knecht zugrunde legen, werden die Gegensätze der beiden Hauptklassen und ihr Widerspruch zueinander deutlich erkennbar. Schutz und Heilung bedeuten für die herrschende Klasse, dass deren Mitglieder mit allen Mitteln darauf drängen, ihren Status und ihren Herrschaftsanspruch zu erhalten. Auch und nicht zuletzt, wenn es um den Fortbestand ihres Ausbeutersystems geht, das durch Krisen und den Widerstand der Geknechteten bedroht ist. In dieser Lage – wir erleben es gegenwärtig – greift die herrschende Klasse zu den diktatorischen Mitteln totalitärer Herrschaft. Sie stützt sich auf den faschistischen Polizeistaat und auf das zerstörerische Militärkommando der Kriegswirtschaft.
Das Stagnieren der Profite und das den Herrschenden damit drohende Ende des Kapitalismus und seiner imperialen Weltdominanz haben Reaktionen zur Folge, die einmünden in Kriege nach innen und nach außen.
Was den Krieg im Inneren betrifft, genügt es, wenn wir uns an den Corona-Polizeistaat mit Lockdown und „Impf“-Regime erinnern. Das war eine Kriegsübung unter dem Vorwand einer Pandemie. Beispiele für die Kriege nach außen liefern aktuell – um die wichtigsten zu nennen – der Stellvertreterkrieg in der Ukraine mit Unterstützung der Nato-Staaten, Israels genozidales Kriegswüten in Gaza und in den Nachbarländern, sowie der Angriff Israels und der USA im Iran.
Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema unseres Interviews, zur Frage: Was denkst Du über die Zukunft, über die Zukunft der Gesellschaft, die Zukunft der Welt? Welche Zukunft zeichnet sich ab, falls – wie wir hoffen – die herrschende Klasse unterliegt und die Geknechteten sich befreien. Wohin führt der Weg in die Zukunft, wenn die Kriege nach innen und außen dem herrschenden System keinen Fortbestand sichern? Wohin führt der Weg der Herrschaftsklasse, wenn die dystopisch-dramatischen Entwicklungen keine Heilung des Ausbeuter- und Profitsystems zur Folge haben. Wir sprechen von Verhältnissen und Prozessen, mit denen Du selbst Dich eingehend beschäftigt hast (4) und die der schwedische Autor Jacob Nordangard in Büchern wie „Der globale Staatsstreich“ (5) und „Die digitale Weltkontrolle“ (6) beschreibt.
Für die Massen der geknechteten Klasse kann der revolutionäre Umschlag, können Schutz und Heilung nicht dasselbe bedeuten wie für die Creme der herrschenden Klasse. Die Geknechteten retten sich nicht durch diktatorischen Terror und zerstörerische Kriege. Ein ganz anderes, ein humanistisches Verständnis von Revolution kann sich ereignen und das Leben der Menschheit im Verlauf der kommenden hundert Jahre bestimmen. Das bedeutet für unser Thema dennoch, dass keiner von uns – auch kein Dritter oder Vierter – in der Lage ist, vorauszusagen oder gar zu bestimmen, wie genau die Zukunft der Menschheit aussieht.
Worauf kommt es denn jetzt an? Warten auf Godot? Sich dem Schicksal anvertrauen? Geduld, Geduld. Tee trinken? Fernsehen? Oder eine Partei gründen? Oder arbeiterfotografisch dokumentieren, was der Fall ist? Oder die Verhältnisse zum Tanzen bringen, wie Marx das so schön formuliert hat?
Die Verhältnisse zum Tanzen bringen! Und das Bewusstsein neu entfalten! Das ist es. Metaphorisch gesprochen, heißt das: Eine Tanzkapelle muss her, mit Instrumenten und Noten. Vielleicht reicht auch eine CD mit Tanzmusik. [Lacht.] Und Tanzvolk braucht es vor allem: Frauen und Männer, Junge und Alte. Musiker und Tänzer aus der Klasse der Geknechteten. Wohlgemerkt, es geht nicht darum, die aktuell noch bestehenden Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Das besorgen schon die Herrschenden selbst und sehr konkret und auf satanische Weise. Sondern neue Verhältnisse müssen zum Tanzen gebracht werden. Es braucht Komponisten und Musiker. Solche, die den Ton vorgeben: Konzepte entwickeln, kooperative Arbeits- und Gesellschaftsformen erfinden, räterepublikanische Entscheidungen in der Politik institutionalisieren, eine Wirtschaftsweise der bedürfnisangemessenen Produktion erfinden, neue Wege der Bildung, der Kunst und der Forschung entwerfen, neue Lebensweisen der gegenseitigen Achtung, der Liebe und des Glücks. Es ist viel zu tun. Lasst hundert Blumen blühen!
Und es braucht die Tänzer. Wo sind sie, die Tänzerinnen und Tänzer, die sich weigern, nach der kapitalistischen Melodie der Entfremdung zu tanzen? Unsere Erfahrung ist doch die, dass die übergroße Mehrheit der Menschen nach den Melodien des Herrschaftssystems tanzt. Oder treffender gesagt: Die meisten Menschen schauen den Tänzen zu, die im Fernsehen und in den Sozialen Medien, bei Kirchentagen und bei Rockkonzerten, an den Universitäten und bei Preisverleihungen vorgeführt werden von Politikern, Journalisten, Prominenten, Wissenschaftlern, Sportlern, Heidi Klums usw.. Der Kapellmeister spielt „Zeitenwende“, und alle tanzen den Kriegstüchtigkeit-Foxtrott.
Eure Frage lautet, wo sind die Tänzerinnen und Tänzer, die sich weigern, nach der kapitalistischen Melodie der Entfremdung, des Konsums und der Maloche, der Fremdbestimmung und der Angst zu tanzen? Ich antworte: Es werden die Geknechteten sein. Es müssen die Geknechteten sein. Ich sagte schon: Keiner von uns – auch kein Dritter oder Vierter – ist in der Lage, vorauszusagen oder gar zu bestimmen, ob und wann und wie genau der Umschlag sich ereignet, wie die Zukunft der Menschheit aussehen wird. Ich kann Hoffnungen äußern und bekräftigen. Eine meiner Hoffnungen lautet, dass es einen revolutionären Umschlag geben wird, der einen Schutz bedeutet und eine Heilung für die Geknechteten.
Da „Hundert Jahre Arbeiterfotografie“ der Anlass für unser Gespräch ist, kommt uns in den Sinn, dass sich das Medium der Fotografie seit 1926 in einer Art und Weise verändert hat, die vor einem Jahrhundert kaum vorstellbar war. Was früher an Techniken beherrscht werden musste, um den sperrigen Fotoapparat richtig einzustellen und dann den Film zu entwickeln und Abzüge zu machen, kann man heute vergessen. Das Fotografieren erfordert keine besondere Qualifikation. Das Gerät, mit dem man Aufnahmen macht, verlangt nur noch den Klick, und schon ist ein Foto – Gänsefüßchen – „geschossen“.
Das Beispiel der Fotografie macht deutlich, dass die Entwicklung den Geknechteten das nötige Werkzeug – modisch formuliert: die Tools – an die Hand gibt. Wir, die Geknechteten, können erkennen: Es gibt Veränderungen, die uns Menschen, uns geknechtete Menschen, mit Handlungsmöglichkeiten ausstatten, derer wir zum Zweck der Heilung und zu unserem Schutz bedürfen.
Ist das nicht zu sehr blauäugig gedacht? Wenn Du mit dem Handy ein Foto machst, produzierst Du Daten. Du wirst überwacht. Du bist gläsern. Du bist manipulierbar. Die Menschen – Du und wir und alle, alle Geknechteten – werden noch dienstbarer gemacht. Sie werden zu digitalen Knechten. Oder sie werden ausgerottet, weil sie überflüssig sind. Das Beispiel Fotografie ist doch – wie viele andere Erfindungen und Neuerungen – eher eine Warnung vor dem, was der Menschheit droht in der “kybernetischen Zukunft“, von der die österreichische Wirtschaftshistorikerin Andrea Komlosy spricht (7).
Stopp! Das ist richtig, solange Du linear denkst. Solange Ihr davon ausgeht, dass die einmal eingeschlagene Richtung der digitalen Kontrolldiktatur sich fortsetzt, indem sie sich steigert und weiter steigert und unendlich weiter steigert. Das ist auch die Denkweise der Herrschenden und ihrer transhumanistischen Ideologen, etwa eines Klaus Schwab (8) und der Rockefeller-Bande (9). Aber, nehmen wir einmal an, dass die Erkenntnis dieser Bedrohung, von der Ihr zu Recht sprecht, erst allmählich, dann aber verstärkt in das Bewusstsein von immer mehr und mehr Menschen Eingang findet. Dass immer mehr und mehr Menschen, vor allem auch die Jugendlichen erkennen, was sie erleiden, was ihnen geschieht und wie ihnen mitgespielt wird. Werden alle sich dann widerstandslos zur Schlachtbank führen lassen? Werden sie nicht erkennen wollen, dass ein neues Zeitalter anbricht, befreit von Lohnarbeit und Knechtschaft? Und wenn sie es schon nicht selbst erkennen, wird nicht irgendjemand irgendwo auf der Welt in einer wie auch immer überzeugenden Weise den Samen oder schon das Pflänzchen der Erkenntnis finden und verbreiten. Nicht auszuschließen ist auch, dass diejenigen, die sich der Erkenntnis verweigern, mitsamt dem herrschenden System untergehen werden.
Du meinst also, dass es den Herrschenden nicht gelingen wird, ihre Agenda durchzusetzen? Aber sind sie nicht schon längst dabei, die gesamte Menschheit noch gründlicher, noch raffinierter, noch gnadenloser, noch technokratischer zu knechten?
Zunächst einmal, was ich denke und sage, ist zum einen ein Ausdruck von Hoffnung. Ich hoffe es. Zum anderen weigere ich mich, von einer linearen Steigerung dessen auszugehen, was gegenwärtig der Fall ist. Wie die Geschichte, ja, wie schon die eigene Biografie zeigt: Es gibt Brüche, es gibt Mutationen, es gibt revolutionäre Umschläge. Wir sollten uns das lineare Denken der Herrschenden, ihrer Wissenschaftler und Ideologen nicht zu Eigen machen. Das drückt uns nieder, das deprimiert, das schwächt uns. Das beflügelt uns nicht.
Müssen wir nicht vielmehr aufklären und aufzeigen, was die Herrschenden planen, weil sie die Absicht haben, auf Biegen und Brechen ihre Interessen durchzusetzen und auf Kosten der gesamten Menschheit mächtig zu bleiben.
Ja, aber damit verbinden sollten wir die Aussicht darauf, dass die Menschheit – ein großes Wort! – Schutz und Heilung findet, wenn es wahr ist, dass die Geknechteten von den Herrschenden sich zu befreien vermögen. Dazu sind sie, die Geknechteten, in der Lage. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens vermögen sie – aus eigener Anschauung und durch Erfahrung am eigenen Leib und am eigenen Verstand – zu erkennen, dass das herrschende System, um selbst zu überleben, ihnen nichts anderes zu bieten hat als Knechtschaft, Dröhnung oder den Tod. Zweitens erlaubt der Stand der Entwicklung der Produktivkräfte ein Leben – ich zitiere Marx –, „wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, (wo) die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, weil ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“ (10).
Welch ein schönes Schlusswort! Aber mal ehrlich, das klingt doch eher nach bukolischem Landleben. Eine Idylle für Träumer, ein Traum für Naive. Bist Du wirklich davon überzeugt?
Die technologische Entwicklung wird dazu führen, dass viele Tätigkeiten, die früher und bisher eines geknechteten, für Lohn arbeitenden Menschen bedurften, automatisiert erledigt werden. Die Menschen werden die heilende Chance bekommen, ihre Fähigkeiten und ihre Talente vielfältiger Art zu entwickeln: Musisch-künstlerische Fähigkeiten wie ein Instrument zu spielen, zu dichten, einen Film zu drehen, einen Kinderchor zu leiten, usw.; handwerkliche Fähigkeiten, für Reparaturen, Tischlerarbeiten, Schneiderei, Kochen, Wein zu keltern oder Bier zu brauen, usw.; wissenschaftliche und Ingenieurfähigkeiten; Sport; Tierpflege; Gärtnern; Reisen; Yoga; Philosophie; spirituelle Erfahrungen. Usw., usf.. Wenn erst einmal große Anteile der entfremdeten und entfremdenden Arbeit wegfallen, wenn sich die menschliche Phantasie frei entfalten darf, wenn die Menschen kooperieren statt zu konkurrieren; wenn ich damit glücklich bin, Euch und die Anderen glücklich zu wissen … ist das eine naive Idylle für Träumer? Denn natürlich wird es auch weiterhin Konflikte geben, werden Tränen fließen, kann man sich ein Bein brechen, oder was auch immer. Aber wenn die Menschen sich erst einmal befreit haben von den Zwängen ihrer Knechtschaft, werden sie zunehmend auch in der Lage sein, ihre vielfältigen Potenziale zu entfalten, auch die Potenziale im Austausch von Gedanken und im friedlichen Umgang miteinander.
Danke, Rudolph, für dieses Gespräch.
Fußnoten:
1 MEW 23, Berlin 1962, S. 15; auf deutsch: Der Tote packt den Lebenden.
2 Jürgen Habermas spricht in seinem Frühwerk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) von der „Refeudalisierung der öffentlichen Sphäre“. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler verwendet den Begriff „Refeudalisierung der Gesellschaft“ zur Charakterisierung der Akteure der neoliberalen Globalisierung.
3 Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. Erster Band. Stuttgart 1949, S. 4.
4 Rudolph Bauer: Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus. 4 Hefte. Bergkamen 2024-2025.
5 Jacob Nordangard: Der globale Staatsstreich. Die Agenda, die Akteure und die Methoden hinter der weltweiten Machtübernahme. Rottenburg 2026.
6 Jacob Nordangard: Die digitale Weltkontrolle. Die UN-Agenda, der Zukunftspakt und die Aufgabe der Freiheit. Swalmen/NL 2026.
7 Siehe Andrea Komlosy: Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft. Wien 2022.
8 Klaus Schwab und Thierry Malleret: Das große Narrativ. Für eine bessere Zukunft. Cologny/Genf 2022.
9 Jacob Nordangard: Rockefeller. Das Spiel kontrollieren. Rottenburg 2024. – E. Richard Brown: Rockefeller Medizinmänner. Medizin und Kapitalismus in Amerika, Rottenburg 2024.
10 „Die deutsche Ideologie; in: MEW 3, S. 33.
Online-Flyer Nr. 863 vom 27.05.2026
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Ein Gespräch aus Anlass der Arbeiterfotografie-Gründung vor hundert Jahren
Über Vergangenheit und Zukunft: Arbeiterfotografie 1926 – 2026 – 2126
Rudolph Bauer – interviewt von "Die Arbeiterfotografie"
1926 war das Jahr, in dem auf Initiative von Willi Münzenberg, Herausgeber der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung, die "Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands" ins Leben gerufen wurde. Aus diesem Anlass hat "Die Arbeiterfotografie" ein fiktives Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Rudolph Bauer geführt.Herr Professor Bauer, lieber Rudolph, Du bist Autor der Neuen Rheinischen Zeitung und gehörst als Kunstschaffender dem Bundesverband Arbeiterfotografie an, der seine historischen Wurzeln vor einem Jahrhundert hat. Aus diesem Anlass möchten wir uns mit Dir darüber unterhalten, wie Du Dir die Zukunft vorstellst. Wie hätte sie auszusehen? Wie ist sie beschaffen? Was denkst Du über die Zukunft: über die Zukunft der Gesellschaft, die Zukunft der Welt?
Das Zukunftsthema steht in einem geschichtlichen Zusammenhang. Der Vorschlag, aus der Perspektive von heute die Vergangenheit – ein Jahrhundert Arbeiterfotografie – in den Blick zu nehmen und sich zugleich die Entwicklung in den nächsten einhundert Jahren vorzustellen, lässt erkennen, dass die Gegenwart, das Heute, die Schnittstelle von Gestern und Morgen ist. Die Gegenwart prägt sowohl das Bild von der Vergangenheit, aber auch das Bild von der Zukunft. Aktuelle Probleme der Gegenwart schärfen den Blick auf bestimmte Themen des schon Gewesenen und des noch Kommenden.
Prägt umgekehrt aber nicht auch die Vergangenheit die heutige Sichtweise und unseren Blick auf das Morgen. Fußen nicht auch die Vorstellungen, was in einem Jahrhundert der Fall sein wird, auf dem Wissen über die Vergangenheit? Marx hatte es im Vorwort des Ersten „Kapital“-Bandes 1867 so formuliert: „Neben den modernen Notständen drückt uns eine ganze Reihe vererblicher Notstände, entspringend aus der Fortvegetation altertümlicher, überlebter Produktionsweisen, mit ihrem Gefolge von zeitwidrigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten. Le mort saisit le vif!“ (1)
Es stimmt: „Der Tote packt den Lebenden!“ Das ist in jenem Ausmaß der Fall, in dem frühere Produktionsweisen noch fortbestehen. Im Sinne von Marx sprechen wir hier und heute, in der kapitalistischen Gesellschaft und angesichts des als Globalisierung getarnten Imperialismus, vom gegenwärtigen „Überleben“ (in Anführungszeichen) bzw. der Wiederkehr sowohl feudalistischer Spuren (2) als nicht zuletzt auch der Sklaverei. Wir Heutigen leiden darunter. Die Toten haben uns Notstände vererbt, die neben den Notständen der Gegenwart fortwirken. Das stimmt. Zugleich aber gilt es zu bedenken, dass das Bewusstsein der Menschen sich weiterentwickelt hat. Der Schweizer Philosoph Jean Gebser spricht in seinem zweibändigen Werk „Ursprung und Gegenwart“ davon, dass sich im Werden der Menschheit „deutlich unterscheidbare Welten abheben, deren Entfaltung sich in Bewusstseinsmutationen vollzogen hat“ (3). Sprich: Weltgeschichtlich lassen sich Veränderungen des Bewusstseins, Bewusstseinsbrüche, beobachten.
Stehen Marx und Gebser aber nicht in einem fundamentalen Gegensatz zueinander: Marx, der Materialist? Gebser, der Idealist? Marx, für den die Produktionsweise das Allesentscheidende ist; das Sein bestimmt das Bewusstsein. Gebser hingegen setzt auf das Bewusstsein; das Bewusstsein sei seins-bestimmend?
Wenn ich die Dialektik von Marx richtig interpretiere und angemessen anwende, stehen materielle Produktionsweise und das Bewusstsein in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander wie These und Antithese. Eine Synthese aus diesem Widerspruch ergibt sich in Form revolutionärer Umbrüche: Der Untergang der kapitalistischen Produktionsweise ermöglicht die Entfaltung eines revolutionären neuen Bewusstseins. Beziehungsweise das neue Bewusstsein drängt auf eine Revolutionierung der Produktionsweise. Es kommt also darauf an, dass dieser Umschlag, dieser wechselseitige Prozess, erfolgt: der Umschlag von der bisherigen zu einer neuen Produktionsweise, vom bisherigen zu einem neuen Bewusstsein.
Das von Dir verwendete Wort Umschlag hat auch eine Schutz- und eine medizinisch-therapeutische Bedeutung. Es meint nicht nur eine plötzliche Veränderung, etwa einen plötzlichen Umschlag des Wetters, der Stimmung, der Quantität in Qualität. Sondern man versteht darunter zum einen den Schutz: den Schutz eines Briefes, der in einem Umschlag befördert wird. Zum anderen bezeichnet man medizinische Kompressen als Umschläge, die zu Heilzwecken um einen Körperteil gelegt werden.
So gesehen ist Revolution eine Maßnahme des Schutzes und der Heilung. Genau diese Einsicht ist entscheidend – die Erkenntnis, dass es bei einer Revolution um Schutz und Heilung geht. Bei den fundamentalen Veränderungen gesamtgesellschaftlichen und weltgesellschaftlichen Ausmaßes sind Schutz und Heilung jedoch keine neutralen Erscheinungen, die uneingeschränkt allen zugutekommen. Es herrscht Klassenkampf. Allerdings gelingt es der herrschenden Klasse, den sogenannten Eliten weltweit, die Mehrheit der Bevölkerung bei Laune zu halten und über die wahren Verhältnisse hinwegzutäuschen.
Wenn wir Dich richtig verstehen, Rudolph, bedeuten Schutz und Heilung für die herrschende Klasse etwas Anderes als für die geknechtete Klasse.
Wenn wir unseren Überlegungen das Bild vom Herrn und vom Knecht zugrunde legen, werden die Gegensätze der beiden Hauptklassen und ihr Widerspruch zueinander deutlich erkennbar. Schutz und Heilung bedeuten für die herrschende Klasse, dass deren Mitglieder mit allen Mitteln darauf drängen, ihren Status und ihren Herrschaftsanspruch zu erhalten. Auch und nicht zuletzt, wenn es um den Fortbestand ihres Ausbeutersystems geht, das durch Krisen und den Widerstand der Geknechteten bedroht ist. In dieser Lage – wir erleben es gegenwärtig – greift die herrschende Klasse zu den diktatorischen Mitteln totalitärer Herrschaft. Sie stützt sich auf den faschistischen Polizeistaat und auf das zerstörerische Militärkommando der Kriegswirtschaft.
Das Stagnieren der Profite und das den Herrschenden damit drohende Ende des Kapitalismus und seiner imperialen Weltdominanz haben Reaktionen zur Folge, die einmünden in Kriege nach innen und nach außen.
Was den Krieg im Inneren betrifft, genügt es, wenn wir uns an den Corona-Polizeistaat mit Lockdown und „Impf“-Regime erinnern. Das war eine Kriegsübung unter dem Vorwand einer Pandemie. Beispiele für die Kriege nach außen liefern aktuell – um die wichtigsten zu nennen – der Stellvertreterkrieg in der Ukraine mit Unterstützung der Nato-Staaten, Israels genozidales Kriegswüten in Gaza und in den Nachbarländern, sowie der Angriff Israels und der USA im Iran.
Kommen wir zurück zum eigentlichen Thema unseres Interviews, zur Frage: Was denkst Du über die Zukunft, über die Zukunft der Gesellschaft, die Zukunft der Welt? Welche Zukunft zeichnet sich ab, falls – wie wir hoffen – die herrschende Klasse unterliegt und die Geknechteten sich befreien. Wohin führt der Weg in die Zukunft, wenn die Kriege nach innen und außen dem herrschenden System keinen Fortbestand sichern? Wohin führt der Weg der Herrschaftsklasse, wenn die dystopisch-dramatischen Entwicklungen keine Heilung des Ausbeuter- und Profitsystems zur Folge haben. Wir sprechen von Verhältnissen und Prozessen, mit denen Du selbst Dich eingehend beschäftigt hast (4) und die der schwedische Autor Jacob Nordangard in Büchern wie „Der globale Staatsstreich“ (5) und „Die digitale Weltkontrolle“ (6) beschreibt.
Für die Massen der geknechteten Klasse kann der revolutionäre Umschlag, können Schutz und Heilung nicht dasselbe bedeuten wie für die Creme der herrschenden Klasse. Die Geknechteten retten sich nicht durch diktatorischen Terror und zerstörerische Kriege. Ein ganz anderes, ein humanistisches Verständnis von Revolution kann sich ereignen und das Leben der Menschheit im Verlauf der kommenden hundert Jahre bestimmen. Das bedeutet für unser Thema dennoch, dass keiner von uns – auch kein Dritter oder Vierter – in der Lage ist, vorauszusagen oder gar zu bestimmen, wie genau die Zukunft der Menschheit aussieht.
Worauf kommt es denn jetzt an? Warten auf Godot? Sich dem Schicksal anvertrauen? Geduld, Geduld. Tee trinken? Fernsehen? Oder eine Partei gründen? Oder arbeiterfotografisch dokumentieren, was der Fall ist? Oder die Verhältnisse zum Tanzen bringen, wie Marx das so schön formuliert hat?
Die Verhältnisse zum Tanzen bringen! Und das Bewusstsein neu entfalten! Das ist es. Metaphorisch gesprochen, heißt das: Eine Tanzkapelle muss her, mit Instrumenten und Noten. Vielleicht reicht auch eine CD mit Tanzmusik. [Lacht.] Und Tanzvolk braucht es vor allem: Frauen und Männer, Junge und Alte. Musiker und Tänzer aus der Klasse der Geknechteten. Wohlgemerkt, es geht nicht darum, die aktuell noch bestehenden Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Das besorgen schon die Herrschenden selbst und sehr konkret und auf satanische Weise. Sondern neue Verhältnisse müssen zum Tanzen gebracht werden. Es braucht Komponisten und Musiker. Solche, die den Ton vorgeben: Konzepte entwickeln, kooperative Arbeits- und Gesellschaftsformen erfinden, räterepublikanische Entscheidungen in der Politik institutionalisieren, eine Wirtschaftsweise der bedürfnisangemessenen Produktion erfinden, neue Wege der Bildung, der Kunst und der Forschung entwerfen, neue Lebensweisen der gegenseitigen Achtung, der Liebe und des Glücks. Es ist viel zu tun. Lasst hundert Blumen blühen!
Und es braucht die Tänzer. Wo sind sie, die Tänzerinnen und Tänzer, die sich weigern, nach der kapitalistischen Melodie der Entfremdung zu tanzen? Unsere Erfahrung ist doch die, dass die übergroße Mehrheit der Menschen nach den Melodien des Herrschaftssystems tanzt. Oder treffender gesagt: Die meisten Menschen schauen den Tänzen zu, die im Fernsehen und in den Sozialen Medien, bei Kirchentagen und bei Rockkonzerten, an den Universitäten und bei Preisverleihungen vorgeführt werden von Politikern, Journalisten, Prominenten, Wissenschaftlern, Sportlern, Heidi Klums usw.. Der Kapellmeister spielt „Zeitenwende“, und alle tanzen den Kriegstüchtigkeit-Foxtrott.
Eure Frage lautet, wo sind die Tänzerinnen und Tänzer, die sich weigern, nach der kapitalistischen Melodie der Entfremdung, des Konsums und der Maloche, der Fremdbestimmung und der Angst zu tanzen? Ich antworte: Es werden die Geknechteten sein. Es müssen die Geknechteten sein. Ich sagte schon: Keiner von uns – auch kein Dritter oder Vierter – ist in der Lage, vorauszusagen oder gar zu bestimmen, ob und wann und wie genau der Umschlag sich ereignet, wie die Zukunft der Menschheit aussehen wird. Ich kann Hoffnungen äußern und bekräftigen. Eine meiner Hoffnungen lautet, dass es einen revolutionären Umschlag geben wird, der einen Schutz bedeutet und eine Heilung für die Geknechteten.
Da „Hundert Jahre Arbeiterfotografie“ der Anlass für unser Gespräch ist, kommt uns in den Sinn, dass sich das Medium der Fotografie seit 1926 in einer Art und Weise verändert hat, die vor einem Jahrhundert kaum vorstellbar war. Was früher an Techniken beherrscht werden musste, um den sperrigen Fotoapparat richtig einzustellen und dann den Film zu entwickeln und Abzüge zu machen, kann man heute vergessen. Das Fotografieren erfordert keine besondere Qualifikation. Das Gerät, mit dem man Aufnahmen macht, verlangt nur noch den Klick, und schon ist ein Foto – Gänsefüßchen – „geschossen“.
Das Beispiel der Fotografie macht deutlich, dass die Entwicklung den Geknechteten das nötige Werkzeug – modisch formuliert: die Tools – an die Hand gibt. Wir, die Geknechteten, können erkennen: Es gibt Veränderungen, die uns Menschen, uns geknechtete Menschen, mit Handlungsmöglichkeiten ausstatten, derer wir zum Zweck der Heilung und zu unserem Schutz bedürfen.
Ist das nicht zu sehr blauäugig gedacht? Wenn Du mit dem Handy ein Foto machst, produzierst Du Daten. Du wirst überwacht. Du bist gläsern. Du bist manipulierbar. Die Menschen – Du und wir und alle, alle Geknechteten – werden noch dienstbarer gemacht. Sie werden zu digitalen Knechten. Oder sie werden ausgerottet, weil sie überflüssig sind. Das Beispiel Fotografie ist doch – wie viele andere Erfindungen und Neuerungen – eher eine Warnung vor dem, was der Menschheit droht in der “kybernetischen Zukunft“, von der die österreichische Wirtschaftshistorikerin Andrea Komlosy spricht (7).
Stopp! Das ist richtig, solange Du linear denkst. Solange Ihr davon ausgeht, dass die einmal eingeschlagene Richtung der digitalen Kontrolldiktatur sich fortsetzt, indem sie sich steigert und weiter steigert und unendlich weiter steigert. Das ist auch die Denkweise der Herrschenden und ihrer transhumanistischen Ideologen, etwa eines Klaus Schwab (8) und der Rockefeller-Bande (9). Aber, nehmen wir einmal an, dass die Erkenntnis dieser Bedrohung, von der Ihr zu Recht sprecht, erst allmählich, dann aber verstärkt in das Bewusstsein von immer mehr und mehr Menschen Eingang findet. Dass immer mehr und mehr Menschen, vor allem auch die Jugendlichen erkennen, was sie erleiden, was ihnen geschieht und wie ihnen mitgespielt wird. Werden alle sich dann widerstandslos zur Schlachtbank führen lassen? Werden sie nicht erkennen wollen, dass ein neues Zeitalter anbricht, befreit von Lohnarbeit und Knechtschaft? Und wenn sie es schon nicht selbst erkennen, wird nicht irgendjemand irgendwo auf der Welt in einer wie auch immer überzeugenden Weise den Samen oder schon das Pflänzchen der Erkenntnis finden und verbreiten. Nicht auszuschließen ist auch, dass diejenigen, die sich der Erkenntnis verweigern, mitsamt dem herrschenden System untergehen werden.
Du meinst also, dass es den Herrschenden nicht gelingen wird, ihre Agenda durchzusetzen? Aber sind sie nicht schon längst dabei, die gesamte Menschheit noch gründlicher, noch raffinierter, noch gnadenloser, noch technokratischer zu knechten?
Zunächst einmal, was ich denke und sage, ist zum einen ein Ausdruck von Hoffnung. Ich hoffe es. Zum anderen weigere ich mich, von einer linearen Steigerung dessen auszugehen, was gegenwärtig der Fall ist. Wie die Geschichte, ja, wie schon die eigene Biografie zeigt: Es gibt Brüche, es gibt Mutationen, es gibt revolutionäre Umschläge. Wir sollten uns das lineare Denken der Herrschenden, ihrer Wissenschaftler und Ideologen nicht zu Eigen machen. Das drückt uns nieder, das deprimiert, das schwächt uns. Das beflügelt uns nicht.
Müssen wir nicht vielmehr aufklären und aufzeigen, was die Herrschenden planen, weil sie die Absicht haben, auf Biegen und Brechen ihre Interessen durchzusetzen und auf Kosten der gesamten Menschheit mächtig zu bleiben.
Ja, aber damit verbinden sollten wir die Aussicht darauf, dass die Menschheit – ein großes Wort! – Schutz und Heilung findet, wenn es wahr ist, dass die Geknechteten von den Herrschenden sich zu befreien vermögen. Dazu sind sie, die Geknechteten, in der Lage. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens vermögen sie – aus eigener Anschauung und durch Erfahrung am eigenen Leib und am eigenen Verstand – zu erkennen, dass das herrschende System, um selbst zu überleben, ihnen nichts anderes zu bieten hat als Knechtschaft, Dröhnung oder den Tod. Zweitens erlaubt der Stand der Entwicklung der Produktivkräfte ein Leben – ich zitiere Marx –, „wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, (wo) die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, weil ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“ (10).
Welch ein schönes Schlusswort! Aber mal ehrlich, das klingt doch eher nach bukolischem Landleben. Eine Idylle für Träumer, ein Traum für Naive. Bist Du wirklich davon überzeugt?
Die technologische Entwicklung wird dazu führen, dass viele Tätigkeiten, die früher und bisher eines geknechteten, für Lohn arbeitenden Menschen bedurften, automatisiert erledigt werden. Die Menschen werden die heilende Chance bekommen, ihre Fähigkeiten und ihre Talente vielfältiger Art zu entwickeln: Musisch-künstlerische Fähigkeiten wie ein Instrument zu spielen, zu dichten, einen Film zu drehen, einen Kinderchor zu leiten, usw.; handwerkliche Fähigkeiten, für Reparaturen, Tischlerarbeiten, Schneiderei, Kochen, Wein zu keltern oder Bier zu brauen, usw.; wissenschaftliche und Ingenieurfähigkeiten; Sport; Tierpflege; Gärtnern; Reisen; Yoga; Philosophie; spirituelle Erfahrungen. Usw., usf.. Wenn erst einmal große Anteile der entfremdeten und entfremdenden Arbeit wegfallen, wenn sich die menschliche Phantasie frei entfalten darf, wenn die Menschen kooperieren statt zu konkurrieren; wenn ich damit glücklich bin, Euch und die Anderen glücklich zu wissen … ist das eine naive Idylle für Träumer? Denn natürlich wird es auch weiterhin Konflikte geben, werden Tränen fließen, kann man sich ein Bein brechen, oder was auch immer. Aber wenn die Menschen sich erst einmal befreit haben von den Zwängen ihrer Knechtschaft, werden sie zunehmend auch in der Lage sein, ihre vielfältigen Potenziale zu entfalten, auch die Potenziale im Austausch von Gedanken und im friedlichen Umgang miteinander.
Danke, Rudolph, für dieses Gespräch.
Fußnoten:
1 MEW 23, Berlin 1962, S. 15; auf deutsch: Der Tote packt den Lebenden.
2 Jürgen Habermas spricht in seinem Frühwerk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) von der „Refeudalisierung der öffentlichen Sphäre“. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler verwendet den Begriff „Refeudalisierung der Gesellschaft“ zur Charakterisierung der Akteure der neoliberalen Globalisierung.
3 Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. Erster Band. Stuttgart 1949, S. 4.
4 Rudolph Bauer: Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus. 4 Hefte. Bergkamen 2024-2025.
5 Jacob Nordangard: Der globale Staatsstreich. Die Agenda, die Akteure und die Methoden hinter der weltweiten Machtübernahme. Rottenburg 2026.
6 Jacob Nordangard: Die digitale Weltkontrolle. Die UN-Agenda, der Zukunftspakt und die Aufgabe der Freiheit. Swalmen/NL 2026.
7 Siehe Andrea Komlosy: Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft. Wien 2022.
8 Klaus Schwab und Thierry Malleret: Das große Narrativ. Für eine bessere Zukunft. Cologny/Genf 2022.
9 Jacob Nordangard: Rockefeller. Das Spiel kontrollieren. Rottenburg 2024. – E. Richard Brown: Rockefeller Medizinmänner. Medizin und Kapitalismus in Amerika, Rottenburg 2024.
10 „Die deutsche Ideologie; in: MEW 3, S. 33.
Online-Flyer Nr. 863 vom 27.05.2026
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