NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 19. Juni 2024  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Zu Immanuel Kants 300. Geburtstag am 22. April 2024 (Teil 2)
Reiseimpressionen aus Kaliningrad (ehemals Königsberg)
Von Wolfgang Effenberger

Am 22. April 2024, dem 300. Geburtstag von Immanuel Kant, sollte neben anderen Veranstaltungen die 1. Internationale Konferenz “Zum ewigen Frieden” in Königsberg / Kaliningrad stattfinden. Wolfgang Effenberger war eingeladen, einen Kurzvortrag zur aktuellen Lage und zu Kants Vision eines Weltfriedens zu halten. Die Philosophin und ehemalige BR-Sprecherin Beate Himmelstoß hatte einen Vortrag zum philosophischen Aspekt von Kants Friedensschrift vorbereitet. Und der Komponist Rainer Bartesch hatte für diese Konferenz die eigens dafür komponierte orchestrale Tondichtung, “Aurora Pacis – Morgenröte des Weltfriedens” beigesteuert, die das Kaliningrader Sinfonieorchester unter der Leitung von Arkady Feldman uraufführen wollte. Keine zwei Tage vor Abreise wurde die Veranstaltung vom Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow abgesagt. Was tun? Fahrkarten und Visum verfallen lassen? Nein, das wäre zu schade!



Also traf sich die kleine Gruppe aus Bayern am Abend des 19. April mit ihrem Ansprechpartner Uli Hoppe („Berliner Freunde der Völker Russlands“) und dem Liedermacher Tino Eisbrenner in Berlin, um sich dann am Morgen darauf im Kleinbus des Sängers und unter sachkundiger Führung von Ulrich Hoppe auf den Weg nach Kaliningrad (ehemals Königsberg) zu machen. Trotz deutlicher Verzögerungstaktik an der polnisch-russischen Grenze, die zu einer insgesamt 5-stündigen Wartezeit führte, blieb die Stimmung im Team ungetrübt.

Der 21. April wurde nun zum Ausflug in das mondäne Seebad Selenogradsk (bis 1947 deutsch Cranz) genutzt, ein Badeort an der Samlandküste in der russischen Oblast Kaliningrad, im ehemaligen Ostpreußen. Einblicke in das russische Leben vermittelte Olga Sholmova, unsere russische Fremdenführerin und Kant-Expertin.

Spätabends fand zu Ehren Kants im Kaliningrader Dom für 300 geladene Gäste eine musikalisch begleitete Lesung “Kant und die Musik” statt. Um Mitternacht wurde gemeinsam mit Sekt auf Kants Geburtstag angestoßen. Zudem konnten die Zuhörer das in den 1990er Jahren im Dom auf mehreren Etagen eingerichtete Kant-Museum besichtigen.

Am nächsten Tag, Kants 300. Geburtstag, trafen sich weitere Berliner Freunde Russlands, um auf dem Campus der Kant-Universität am Kant-Denkmal Blumen abzulegen.

Nachdem sich der Vorplatz geleert hatte, hielt Wolfgang Effenberger am Denkmal von Kant bei leichtem Schneeregen spontan seinen für die Konferenz vorbereiteten 15-minütigen Redebeitrag, der von Rainer Bartesch aufgezeichnet wurde. Er ist überschrieben:

“Die UN-Charta – Anspruch und Wirklichkeit”

Dieses Thema wurde gewählt, da sich die Kantischen Vorschläge zum internationalen Völkerrecht durch die UN-Charta ziehen, obwohl sich diese an keiner Stelle explizit auf Kant beruft.

Im April 1945 – kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs – hatten sich Vertreter von 51 Staaten im Opernhaus von San Francisco versammelt, um die Gründung der Vereinten Nationen vorzubereiten.

In der Einladung zur Gründungskonferenz war das Ziel dieser zu schaffenden Organisation fest umrissen: „Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“. (1)

Doch wie sollte etwas aufrechterhalten werden, was es bis dahin noch nicht gegeben hatte?

Für Weltfrieden und internationale Sicherheit musste erst ein neuer Rahmen geschaffen werden: die “Charta der Vereinten Nationen” – ein Regelwerk, in dem sich die beteiligten Nationen bei offizieller Gleichberechtigung zu einer friedlichen Regelung aller internationalen Streitfragen verpflichteten.

Mit Recht kann die UN-Charta als „juristische Ausformulierung Kantischer Gedanken“ (2) bezeichnet werden. „Kants Friedensschrift bildet einen wesentlichen Teil der Theoriegeschichte von Völkerbund und Vereinten Nationen.“ (3) Kants Friedensentwurf leitete eine breite Friedensdiskussion in Deutschland und im Ausland ein. Bereits in den Folgejahren nach seiner Erscheinung 1795 wurde die deutsche Ausgabe ins Französische, Englische und Dänische übersetzt. Allein während der Romantik beteiligten sich 75 namhafte Autoren wie Fichte, Schlegel und Hegel sowie Jean Paul, Herder, Novalis und Hölderlin am Diskurs um Kants Schrift.

Die Charta der Vereinten Nationen gab Hoffnung, dass der ewige Frieden „keine leere Idee, sondern eine Aufgabe ist, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele […] beständig näher kommt[..]“ (4).

Doch diese Hoffnung war kaum mehr als trügerischer Schein. Bereits am 19. Dezember 1949, wenige Monate nach Gründung der NATO im April 1949, setzten die USA den Kriegsplan DROPSHOT in Kraft. Er sollte 1957 – mit der Remilitarisierung Westdeutschlands – umgesetzt werden: Die umfassende Zerstörung der Sowjetunion.

Als dann 1957 die Sowjets den Satelliten Sputnik in eine Umlaufbahn bringen konnten, wurde der Krieg vertagt. Weitere Kriegsplanungen folgten und führten zum Teil zu Stellvertreterkriegen (Vietnam, Afghanistan, Irak, Syrien …).

Nur wenige Monate nach dem Maidan-Putsch im Februar 2014 wurde im darauffolgenden September das US-Langzeitstrategiedokument „Win in a Complex World 2020-2040“ verabschiedet. Darin erhielten die US-Streitkräfte den Auftrag, die Bedrohung durch Russland und China abzubauen. Im Oktober 2022 bekräftigte Biden diese Vorgaben noch durch die Absicht, weltweit einen dauerhaften Vorteil zu sichern. Die Welt strebt nun unaufhörlich einem heute kaum vorstellbaren Inferno zu.


Wolfgang Effenberger vor dem Kant-Denkmal auf dem Campus der Kant-Universität in Kaliningrad (http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29096)

Am Morgen des 23. April trafen sich der Komponist Rainer Bartesch, Tino Eisbrenner und Ulrich Hoppe in der Kaliningrader lutherischen Auferstehungskirche mit dem Bischof Sergei Holzwerth und Arkady Feldman, dem Dirigenten des Kaliningrader Sinfonie-Orchesters, um dennoch die Möglichkeit der Uraufführung der sinfonischen Dichtung sowie einer künftigen Zusammenarbeit anzudenken. Spontan wurde für den Abend ein Konzert von Tino Eisbrenner in der Auferstehungskirche eingeplant.

Am Nachmittag wurde eine Wanderung auf der Kurischen Nehrung unternommen – einem gut 40 km langen, schmalen Landstreifen (0,3 Kilometer bis 3,6 Kilometer breit) zwischen Haff und Ostsee, der sich im Süden ans Festland (Samland) anschließt und im Norden an die Mündung der Memel grenzt. Eine atemberaubende Dünenlandschaft tat sich auf.

Spontankonzert von Tino Eisbrenner

Am Abend trat dann Tino Eisbrenner in der Auferstehungskirche auf. Zur Überraschung hatten sich einige Gemeindemitglieder, sowie zwei junge Damen aus Moskau eingefunden, die der Nachfolgeorganisation der “deutsch-sowjetischen Freundschaft” angehören und exzellent deutsch sprachen. Auch der Erzbischof war anwesend.


Tino Eisbrenner kurz vor seiner Erklärung

Die von Tino Eisbrenner vorgetragenen Lieder bewegten die Besucher. Unvergessen wird allen Eisbrenners Ausführung sein, aus welcher Motivation heraus er die russischen Lieder übersetzt und in Deutschland bekannt macht (Femida S. übersetzte spontan ins Russische):

„Ich möchte kurz erklären, warum ich das mache, die russischen Lieder – vor allem im Moment russische Lieder ins Deutsche zu übersetzen. Wir haben im Moment eine sehr schwierige politische Situation, die begann schon vor mehr als zehn Jahren. Plötzlich merkte ich als Künstler und als Mensch, dass eine Kultur, die ich als Kind kennengelernt hatte, weil ich in der DDR geboren bin, nämlich die russische Kultur, von der wir sehr viel erfahren haben – wir kannten die Bücher, wir kannten die Filme, wir kannten die Kultur – in Deutschland immer weniger wurde und weniger und weniger. Und wir wissen, wenn man etwas nicht kennt, dann kommt die Angst vor dem Unbekannten. Und deswegen dachte ich, man muss als Künstler, die Kunst muss verhindern, dass die russische Kultur in Deutschland verschwindet, dass sie unbekannt wird.

Genauso wie es wichtig ist und auch zum Beispiel in großen Konflikten, wie z. B. im zweiten Weltkrieg, wichtig war, dass die deutsche Kultur in Russland bekannt war; die deutsche Kultur hat uns eigentlich gerettet, z.B. im zweiten Weltkrieg.

Weil die Russen wussten, oder die Sowjets wussten, es sind nicht nur Barbaren, diese Deutschen, sondern wir haben auch Bach und Beethoven, Schiller, Goethe…

Und um diese Brücke zu erhalten, habe ich also angefangen, russische Lieder, sowjetische Lieder ins Deutsche zu übersetzen.

Ein großer Erfolg in Deutschland ist natürlich, wenn Leute zu mir kommen und sagen “Ah, was war denn das für ein schönes Lied?” la-la-la-la-laaaa-la-laaaa

Und ich sage: “ein russisches!”

Und so habe ich also in diesem Jahr auch mich mit Puschkin beschäftigt und ein Puschkin – Programm, mit einem Musiker zusammen ein Puschkin-Programm entworfen, weil Puschkin 225 Jahre alt geworden wäre.

Und ich glaube, dass es wichtig ist, wenn es Orte auf der Welt gibt, wo man Puschkin-Denkmäler kaputt macht und wegnimmt, dass dann Puschkin selbst zu Wort kommen kann, ob nun in Russland oder in Deutschland, oder überall auf der Welt – die Kunst kann helfen, diese Brücke zu bauen.

Und so möchte ich jetzt ein Lied singen, das eigentlich gar kein Lied war, sondern ein Gedicht von Puschkin. Ich hab das in unsere Sprache, ins Deutsche übersetzt, dann kam eine Melodie dazu – und nun ist es ein Lied, und es ist zum Geburtstag von Puschkin am 6.6. in diesem Jahr.“

Besuch des Kant-Museum in Wessjolowka (ehemals Judtschen)

Am letzten Tag der Reise nach Kaliningrad sollte es über Tschernjachowsk (ehemals Insterburg) in der russischen Oblast Kaliningrad zum Kant-Museum in Wessjolowka (ehemals Judtschen – von 1938-1946 Kanthausen) gehen.

Als Kants Vater 1744 schwer erkrankte und 1746 verstarb, musste Kant nicht nur für sein eigenes Auskommen, sondern auch für das zweier jüngerer Geschwister sorgen. Der „Studiosus philosophiae“ verließ 22jährig Königsberg und nahm Anstellungen als Hauslehrer an, zunächst bis etwa 1750 bei dem reformierten Prediger Daniel Ernst Andersch (tätig 1728–1771 in Judtschen (gehörte damals zu Gumbinnen), einer Schweizer Kolonie meist französisch sprechender Siedler. (5) Die Kirche in Judtschen gilt als erste französisch-reformierte Kirche (6) in Preußen. Der Gottesdienst wurde zweisprachig abgehalten.) Der Student unterrichtete auch die Söhne des dortigen Schulmeisters Johann Jacob Challet. Judtschen war einer der wenigen Orte außerhalb Königsbergs, die Kant im Verlauf seines Lebens besucht hat. Nach 1945 wurde das Gotteshaus landwirtschaftlich genutzt und später als Steinbruch für Schweinestall- und Straßenbau. 1985 wurden die letzten Reste abgetragen. Als russische Medien 2013 über das verfallene Pfarrhaus berichteten, reagierte Russlands Präsident Wladimir Putin sofort.


Das Pfarrhaus von 1865 („Kanthaus“) in Judtschen im Jahre 2013

Putin schlug vor, Kant zu einem Symbol des Kaliningrader Gebiets zu machen. Das russische Staatsoberhaupt erklärte, dass der Philosoph nicht nur in der Region, sondern für ganz Europa zu einer Symbolfigur geworden sei. Umgehend wurde beschlossen, das mehr als eine Autostunde von Königsberg entfernt gelegene Haus als Teil einer dem Philosophen gewidmeten Kultureinrichtung wieder aufzubauen. Das alte Pfarrhaus in Judtschen wurde in die Liste der in Russland vorhandenen Kulturerbe-Objekte aufgenommen.


Links versetzt das neue Gästehaus (Fertigstellung zum 300. Geburtstags Kants)

Die gelungenen Rekonstruktionsarbeiten hat eine Spezialfirma aus Moskau ausgeführt. Im August 2018 konnte das Museum eröffnet werden. Und rechtzeitig zu Kants 300. Geburtstag wurde das einladende Gästehaus in Fachwerkbauweise fertiggestellt. Diese positive Entwicklung hat leider bisher nur wenig Aufmerksamkeit bzw. gar keine in der deutschen Öffentlichkeit gefunden.



Die profunde Ausstellung überraschte mit Seiten von Kant, die vielen von uns nicht bekannt waren. So die technischen Zeichnungen und akribischen Naturbeobachtungen.

Auch wurden Kants Zeitgenossen ins Bild gerückt:
  • Gotthelf Ephraim Lessing (1729-1781)
  • Johann Gottfried Herder (1744-1803)
  • Johann Christoph Schiller (1759-1805)


Leider gibt es keine deutschen Texte, sondern neben den russischen nur wenige englische Erklärungen. (…)

Der Besuch dieses Kant-Museums war sicherlich eine der Überraschungen auf den Besichtigungen in und um Kaliningrad:

„Ein wunderbar konzipiertes Haus der Kontemplation und der Besinnung auf unsere Wurzeln – vielen Dank dafür. Wir wünschen diesem Haus und seinem Gästehaus viele interessierte Besucher und ein reges Geistesleben!“ (7)


Eintrag in das Gästebuch im Kant-Museum

Nur schade, dass dieses über eine Autostunde von Kaliningrad entfernte Juwel aufgrund der Entfernung und der negativen Äußerungen des Gouverneurs über Kant wohl nicht den verdienten touristischen Zuspruch hat.


Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete “atomare Gefechtsfeld” in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020) sowie “Die unterschätzte Macht” (2022)


Fußnoten:

1) Siehe auch Wolfgang Effenberger: Geo-Imperialismus Die Zerstörung der Welt. Rottenburg 2016, Unterkapitel Immanuels Kants philosophischer Entwurf eines respektvollen Völkerrechts, S. 313-325
2) „Höffe, Otfried (Hg.) (1995): Zum ewigen Frieden., Berlin 1995, S. 250
3) Ebda., S.114
4) Kant, Immanuel (1795): Zum ewigen Frieden; in: Weischedel, Wilhelm (1977), S. 251
5) Später war er bis etwa 1753 Hauslehrer auf dem Gut des Majors Bernhard Friedrich von Hülsen auf Groß-Arnsdorf bei Mohrungen (etwa 44 Kilometer südöstlich von Elbing (Elblag) und 38 Kilometer nordwestlich von Allenstein (Olsztyn). Seine dritte Stelle fand er nahe Königsberg auf dem Schloss Waldburg-Capustigall bei der Familie Keyserlingk, die ihm auch Zugang zur höheren Gesellschaft Königsbergs ermöglichte
6) Die Kirche in Judtschen in Ostpreußen wurde von 1725 bis 1727 als Ziegelbau mit Holzturm errichtet.
7) Gästebucheintrag der Philosophin Beate Himmelstoß vom 24. April 2024


Teil 1: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29115

Online-Flyer Nr. 831  vom 31.05.2024

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE