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HIStory
Hitlers Erweckung in Pasewalk
Von Hermann Ploppa

Wie immer gibt es heute Geschichte zum Anfassen. Da ist zum Beispiel wieder einmal dieser Adolf Hitler. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht:  Adolf Hitler kommt einem immer reichlich mechanisch vor. Wie eine aufgezogene Puppe. Dazu ein starrer, irrer Blick. Viele Hitler-Biographien machen schon auf dem Buchdeckel auf sich aufmerksam mit diesem steifen Mann plus Popelbärtchen. Wenn ich so ein Buch bei mir im Zimmer ablege, dann möglichst immer so, dass das die Vorderseite mit dem stieren Hitler-Blick nach unten kommt. Ich empfinde diesen starren irren Blick nämlich als komplett übergriffig und unheimlich.

Das ging Zeitgenossen Hitlers auch nicht anders. Da weiß Hitlers langjähriger Gesprächspartner Rauschning zu berichten: „Jeder, der diesem Mann mal von Angesicht zu Angesicht begegnet ist, war konfrontiert mit jenem undefinierbaren Blick ohne Tiefe und ohne Wärme, mit Augen, die hart und fern aussehen, und er nahm wahr, wie dieser Blick starr wurde. Wer das gesehen hat, den befiel mit Sicherheit das ungemütliche Gefühl: der Mann ist nicht normal.“ <1>

Irgendwie ferngesteuert, der Mann. Ob der wohl hypnotisiert wurde? Das kann durchaus sein. Jedenfalls gibt es dafür jede Menge ernst zu nehmender Hinweise <2>. Ort der Hypnose ist das Marinelazarett in Pasewalk, einer Kleinstadt in Mecklenburg. Es ist Herbst 1918, also genau am Ende des Ersten Weltkriegs. Der Marinearzt Edmund Robert Forster soll hier den Gefreiten Adolf Hitler mit Hilfe der Hypnose aus einer vermeintlich eingebildeten Erblindung herausgeholt haben. Und einige Zeitzeugen sagten aus, dass Hitler nach seiner Zeit in Pasewalk völlig ausgewechselt war. Dass sie danach einem anderen Menschen in der Person Adolf Hitlers begegnet sind.

Einer seiner ehemaligen Regimentskommandanten sagte aus: „Dass er inzwischen ein Anderer geworden war, konnte ich auf den ersten Blick feststellen.“ Und Max Amann, Hitlers Kompaniefeldwebel auf dem Schlachtfeld in Ypern über die Zeit nach Pasewalk: „So hatte ich ihn vorher nie gekannt. Es war ein unbekanntes Feuer, das in ihm brannte.“

Wie es dazu kam, dass Adolf Hitler zum Pflegefall wurde, hat er selber, nicht ohne Selbstüberhöhung, in seinem Buch „Mein Kampf“ sehr plastisch geschildert:

„In der Nacht vom 13. zum 14. Oktober [1918] ging das englische Gasschießen auf der Südfront vor Ypern los; man verwendete dabei Gelbkreuz [=Senfgas], das uns in der Wirkung noch unbekannt war, soweit es sich um die Erprobung am eigenen Leibe handelte. Ich sollte es noch in dieser Nacht selbst kennenlernen. Auf einem Hügel von Mervick waren wir noch am Abend des 13. Oktober in ein mehrstündiges Trommelfeuer von Gasgranaten gekommen, das sich dann die ganze Nacht hindurch in mehr oder minder heftiger Weise fortsetzte. Schon gegen Mitternacht schied ein Teil von uns aus, darunter einige Kameraden gleich für immer. Gegen Morgen erfaßte auch mich der Schmerz von Viertelstunde zu Viertelstunde ärger, und um sieben Uhr früh stolperte und schwankte ich mit brennenden Augen zurück, meine letzte Meldung im Kriege noch mitnehmend. Schon einige Stunden später waren die Augen in glühende Kohlen verwandelt, es war finster um mich geworden.“ <3>

Ob er, schon erblindend, noch die Kraft gehabt haben kann, als Meldegänger die Post von einem Befehlsstand zum nächsten Befehlsstand zwischen Gefechtsfeuern unerschrocken überbringen zu können, wissen wir nicht. Jedenfalls hatten seine Vorgesetzten gewisse Zweifel, ob der Gefreite Hitler tatsächlich körperlich verletzt war. Schützte er nur Blindheit vor, um von der Front wegzukommen? Oder war er am Ende psychisch erkrankt? Während seine Kameraden ganz in Frontnähe, im Militärlazarett Oudenaarde zweifelsfrei wegen ihrer Augenverletzung behandelt wurden, transportierte man den Patienten Hitler über 800 Kilometer nach Nordosten. Eben in das schon erwähnte Marinelazarett Pasewalk.

Dort gab es die Station 6, in der psychisch erkrankte Soldaten wieder fit gemacht werden sollten für das Morden an der Front. Es war die Hölle, wie ein Bericht zeigt, aus dem wir jetzt ein Stück hören: „Es kamen Männer zu uns, die sich die Ohren zuhielten, weil sie das Dröhnen der schweren Mörser immer noch hörten, andere sahen die vorspritzenden Flammen der Flammenwerfer vor sich, andere schwankten, als ob die Erde bebte, und verkrochen sich in dunkle Winkel, Bettstücke wie Sandsäcke vor sich aufbauend, um sich zu decken, andere taten kein Auge zu, andere verfielen in einen so schweren Schlaf, dass man sie zu den Mahlzeiten, zur Verrichtung ihrer Bedürfnisse wecken musste, sie waren in einem Dämmerzustand, in einer Vertierung, in einem Stupor, hatten nur noch das Vegetative im Menschen, ihre Seele war so entgeistert, dass sie nicht einmal klagten oder weinten. Andere konnten die ‚Schmach‘ nicht ertragen, weinten wie Kinder, verzweifelten, versuchten sich das Leben zu nehmen, und mehr als einem gelang es. Jetzt, wo das Kriegsende nahe war!“ <4>

Aber die Militärpsychiatrie war nun einmal nicht dazu da, den armen geschundenen Soldatenseelen zu helfen. Vielmehr waren die Militärärzte mürrische, misstrauische Leute, die ihren Patienten als Erstes unterstellten, sie wären nur Simulanten. Sie hätten einfach keinen Bock, weiter an der Front zu kämpfen. Sie würden also den einfachsten Weg wählen, um zurück in das sichere Hinterland kommen. Sie ließen sich einfach krankschreiben. So der Generalverdacht der Militärpsychologen. Aus diesem Generalverdacht heraus entstanden Praktiken, die vieles mit Folter gemeinsam haben. Ein Lexikon lässt uns da nicht im Unklaren. Wir lesen dort:

„Militärpsychiatrie, hat im Kriegsfall die Aufgabe, Psyche und Verhalten der Soldaten durch gezielte Selektion, Plazierung, Ausbildungsmethoden und Psychotherapie zu optimieren und Reibungsverluste – bemessen an militärischer Effizienz – zu verhindern. Dazu zählte im 1. Weltkrieg im Falle von Kriegsneurosen der Frontsoldaten (traumatische Neurosen, Kriegshysterie: shell shock, gas neurosis) der Einsatz von weichen Therapiemethoden in den Heimlazaretten (Suggestion, Hypnose, Elektrisieren mit schwachen Strömen) bis hin zu aggressiven Therapiemethoden: der Einsatz psychischer Abstinenzkur (wochenlange totale Isolierung und weitgehender Nahrungsentzug), tagelange Dauerbäder, Scheinoperationen, stundenlange Applikation immer stärkerer elektrischer Ströme. Später folgte die u.a. von Kurt Schneider propagierte ‚frontnahe Behandlung‘ (Ziel: Durchhaltezwang aufbauen), der Aufbau spezieller Kompanien für Bettnässer und andere psychisch Irritierte.“ <5>

Hitler hatte Glück. Denn er kam in den „Genuss“ der oben erwähnten „weichen“ Therapiemethoden. Das war möglich, weil durch harte Foltermethoden wie zum Beispiel dem Elektroschock allzu viele Soldaten zu Tode gekommen waren. Seit September 1918 galt Hypnose als Königsweg, um abgeschlaffte Landser schnell wieder fit zu machen <6>. Hypnose im Militär? Aber ja doch. Irgendwann vor dreihundert Jahren begann sich die moderne Hypnose aus dem halbseidenen Kokon der Jahrmarktsattraktion und der mystischen Ekstase herauszuschälen. Hypnose wurde zum Werkzeug. Wurde seriös und herrschsüchtig zugleich. Der moderne Hypnose-Arzt machte sich über sein – meistens weibliches – Opfer her. Er suchte ihren Willen auszuschalten, um dann spitze Nadeln oder heiße Eisen auf den hypnotisierten Körper loszulassen. Und dabei ungestraft zu bleiben. Wir möchten uns gar nicht ausmalen, wie die männlichen Hypnotiseure die Wehrlosigkeit ihrer weiblichen Testpersonen ausgenutzt haben könnten. Der französische Arzt Jean Martin Charcot präsentierte seine Hypnose-Künste an jungen attraktiven Frauen im Hörsaal vor lauter jungen männlichen Medizinstudenten. Hypnose degradierte den Patienten zum vollkommen willen- und wehrlosen Objekt ärztlicher Experimentierfreude. Sigmund Freud begann seine Karriere als Psychologe ebenfalls mit Hypnose. Verwarf den hypnotischen Ansatz jedoch bald und versuchte durch die Psychoanalyse im rationalen Diskurs tief liegenden Traumata auf die Spur zu kommen. Zu Hitlers Lebzeiten wiederum erregten Hellseher wie Erik Jan Hanussen großes Aufsehen mit Hypnose-Vorführungen.

Nun war also der Gefreite Adolf Hitler im Marinelazarett Pasewalk, in der psychiatrischen Station Nummer 6, der ärztlichen Obhut des Marinearztes Edmund Robert Forster ausgesetzt. Forster hatte vor dem Krieg schon eine beachtliche wissenschaftliche Karriere gemacht und war bereits außerordentlicher Professor an der Berliner Charité. Zu Beginn des Krieges meldete er sich für die Marine, und er war die meisten Kriegsjahre an der Westfront in Militärlazaretten im deutsch besetzten Belgien tätig. Gegen Kriegsende wurde Forster nach Pasewalk versetzt. Forster galt als extrem ehrgeiziger Wissenschaftler, der seine Erfahrungen in den Lazaretten nutzte, um Material für neue wissenschaftliche Aufsätze zu sammeln. Man sagte ihm nach, er sei im Umgang mit seinen seelisch beschädigten Patienten zu ruppig und ungeduldig, ja manchmal sogar jähzornig. Bei dem vielen Leid versorgte er die meisten Patienten eher nur flüchtig. Der Gefreite Adolf Hitler faszinierte ihn allerdings als Fall. Forster bezeichnete Hitler als „Hysteriker“. Der Begriff Hysteriker ist längst veraltet. Unter „Hysterie“ versammelte man alle möglichen Symptome, die heute breit gefächert von neurotischen Erscheinungen bis zur Schizophrenie reichen.

Und Hitler war zweifellos ein gefundenes Fressen für ehrgeizige Psychologen. Der Vor-Pasewalk-Hitler war ein drolliger Knopp. Seine Kameraden beschrieben ihn als Einzelgänger und Eigenbrötler. Vor dem Krieg war Hitler auf die schiefe Bahn geraten, nachdem er das von seiner Mutter geerbte Vermögen komplett verbraucht hatte. Er musste sogar in Wiener Obdachlosen-Asylen übernachten und verdiente sein Geld zudem zeitweise als Anstreicher. Daran änderte sich auch nichts, als er nach München übersiedelte. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wendete Hitlers Situation radikal. Er heuerte beim Militär an und hatte jetzt festes Einkommen und einen Platz in einer starken Gemeinschaft. Das Verhaltensmuster des Gefreiten Adolf Hitler kann man am treffendsten mit dem Asperger-Syndrom beschreiben. Also einer dezenten Form von Autismus.

Der Vor-Pasewalk-Hitler galt als menschenscheu. Deshalb war er gerne als Meldegänger unterwegs und brachte  die Nachrichten im Gefecht von einem Befehlsstand zum anderen Befehlsstand. Lieber fuhr er mit dem Fahrrad mutterseelenallein zwischen sausenden Geschossen herum als dass er sich mit den Kameraden im Schützengraben hätte auseinandersetzen müssen. In den Gefechtspausen luden ihn die Kameraden ein: „Mensch, Addi, komm doch her und spiel mit uns Karten!“ Doch Addi saß lieber abseits mit seinem Foxterrier und zeichnete Karikaturen, mit denen er wiederum seine Kameraden erfreuen konnte. Aber die Kameraden mochten nicht Addis extrem kriecherische Unterwürfigkeit gegenüber seinen Vorgesetzten. Hitler blieb übrigens alle vier Kriegsjahre immer auf der untersten Stufenleiter der Militärhierarchie als Gefreiter. Als Unteroffizier hätte Hitler sich den ganzen Tag mit Untergebenen herumschlagen müssen. Niemand traute das dem Einzelgänger Hitler zu. Hitler kam nur in Wallung, wenn das Gespräch auf die Politik kam. Aber Hitler wollte nach dem Krieg Architekt werden. Sich in führender Position und als Inspirator in das politische Tagesgeschäft zu begeben – das fiel Addi nicht im Traum ein.

Nach Pasewalk kommt im November 1918 ein evangelischer Pastor. Er versammelt alle Patienten von Pasewalk im großen Versammlungsraum und bringt den verletzten Soldaten bei, dass Deutschland in einen Waffenstillstand eingewilligt hat. Der Kaiser muss abdanken. Wir sind der Gnade der Sieger ausgeliefert, sagt der Pastor und bricht in Tränen aus. Die Stimmung im Saal ist kaum zu beschreiben. Verzweiflung. Niedergeschlagenheit. Hitler hält es nicht aus und verkriecht sich in sein Bett. Die Sehschwäche war in den letzten Tagen schon abgeklungen. Jetzt erblindet Hitler ein zweites Mal – eine psychosomatische Erblindung.

Und nun steht er also vor dem renommierten Militärpsychologen Edmund Forster. Forster will Hitler durch Hypnose im Eilverfahren wieder gesundschreiben. Der Hypnotiseur muss eine Wellenlänge mit dem Hypnotisierten herstellen. Also sagt er Hitler, dass er ihm glaube, dass er wirklich körperlich verletzt ist vom englischen Senfgas. Und das, obwohl Forster der Meinung ist, sein Patient Hitler sei „Hysteriker“ und er sei schlimmstenfalls psychosomatisch erblindet. Forster gelingt es, Hitler zu hypnotisieren. Dieser fällt in einen längeren Tiefschlaf und wacht komplett erholt wieder auf. Schon wenige Tage später wird Hitler als „kv“ aus dem Lazarett entlassen. „Kv“ steht in diesem Falle nicht für „kannst vergessen“, sondern für „kriegsverwendungsfähig“. Ja, so nackt hieß das in der damaligen Militärsprache. Da der Krieg jetzt mit einem Schlag zu Ende ist, wird auch Hitlers Militärpsychologe Forster bereits am 15. November 1918 in das Zivilleben entlassen. Sein Patient Hitler verlässt Pasewalk am 16. November 1918.

Der hypnotische Tiefschlaf war Hitlers Damaskus-Erlebnis. So wie der Christenverfolger Saulus zum Christen-Funktionär Paulus mutierte, so war jetzt auch aus dem menschenscheuen Gefreiten Addi der antisemitische Fanatiker und Demagoge Adolf Hitler geworden. Natürlich konnte Hitler nie der Öffentlichkeit offenbaren, dass er ein psychiatrischer Patient mit „hysterischen“ Symptomen gewesen ist. Stattdessen lässt er noch einmal seine Reaktion auf die deprimierende Nachricht des Pastors Revue passieren. Und beschreibt in seinem Buch „Mein Kampf“ die Zeitspanne nach dieser Nachricht wie folgt:

„Was folgte, waren entsetzliche Tage und noch bösere Nächte – ich wußte, dass alles verloren war. Auf die Gnade des Feindes zu hoffen, konnten höchstens Narren fertig bringen oder – Lügner und Verbrecher. In diesen Nächten wuchs mir der Haß, der Haß gegen die Urheber dieser Tat. In den Tagen darauf wurde mir auch mein Schicksal bewußt. Ich musste nun lachen bei dem Gedanken an meine eigene Zukunft, die mir vor kurzer Zeit noch so bittere Sorgen bereitet hatte. War es nicht zum Lachen, Häuser bauen zu wollen auf solchem Grunde? Endlich wurde mir auch klar, dass doch nur eingetreten war, was ich so oft schon befürchtete, nur gefühlsmäßig nie zu glauben vermochte. Kaiser Wilhelm II. hatte als erster deutscher Kaiser den Führern des Marxismus die Hand zur Versöhnung gereicht, ohne zu ahnen, dass Schurken keine Ehre besitzen. Während sie die kaiserliche Hand noch in der ihren hielten, suchte die andere schon nach dem Dolche. Mit den Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder. Ich aber beschloß, Politiker zu werden.“

Plötzlich ist für den geheilten Patienten Hitler die Agenda sonnenklar. Und nun spult sich der kometenhafte Aufstieg des gewendeten Patienten Hitler wie von selbst ab. Er beginnt als Ausbilder und Analyst in der Propaganda-Abteilung der als Reichswehr neu formierten deutschen Streitkräfte. Dann als Begründer einer neuartigen faschistischen Partei. Dann als Star-Redner in immer größeren Arenen. Und sein Blick, sein Tonfall, seine Gestik – sie werden von seinen Zeitgenossen als „hypnotisch“ beschrieben. In seinen Selbstzeugnissen kommt Hitler selber immer wieder auf das Motiv der Fernsteuerung zurück. Dazu einige seiner prägnantesten Aussagen.

„Ich führe die Befehle aus, die mir die Vorsehung auferlegt hat.“

„Aber wenn die Stimme spricht, dann weiß ich, dass die Zeit zum Handeln gekommen ist.“

„Als ich im Bett lag kam mir der Gedanke, dass ich Deutschland befreien würde, dass ich es groß machen würde, und ich habe sofort gewusst, dass das verwirklicht werden würde.“

In der Frühzeit der Nazi-“Bewegung“ wird ein skeptischer Polizeibeamter schlagartig geradezu hypnotisiert: „Er [Hitler] starrte in die Augen des Polizeioffiziers mit jenem verhängnisvoll hypnotisierenden und unwiderstehlichen Blitzen, die den bedauernswerten Polizeioffizier glatt umwarfen. Nachdem der Polizeioffizier am nächsten Morgen um Aufmerksamkeit gebeten hatte, sagte er: ‚Seit letzter Nacht bin ich Nationalsozialist. Heil Hitler!“

Nun, von all dem liest man in der einschlägigen Literatur rein gar nichts. Natürlich haben die Nazis alles getan, um Spuren zu vernichten, die darauf hindeuten könnten, dass Hitler das Objekt psychologischer Behandlung gewesen ist. Wir sehen noch, dass die Nazis auch vor Mord nicht zurückscheuten, um keine Kratzer in die Heiligenlegende des Adolf Hitler zuzulassen. Und an diese Raison haben sich auch alle Hof-Historiker der Bundesrepublik gehalten. Auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia bemüht sich mit allen lauteren und unlauteren Mitteln, das Nazi-Narrativ vom psychisch nicht auffälligen Hitler aufrechtzuerhalten. Wikipedia leugnet sogar, dass der Militärpsychologe Forster überhaupt in Pasewalk tätig war. Und das, obwohl der US-amerikanische Geheimdienst der Marine sich im Zweiten Weltkrieg sogar die Mühe gemacht hatte, den Neurologen Karl Kroner in seinem isländischen Exil aufzusuchen und ihn nach der Episode in Pasewalk zu befragen <7>. Karl Kroner arbeitete zur selben Zeit wie Forster im Militärlazarett als Arzt. Die amerikanischen Geheimagenten wollten ein Psychogramm von Hitler erstellen, und sie werteten die Zeugenaussagen von Kroner aus in einem speziell angefertigten Papier, das lange Zeit verschollen war und dann in den 1970er Jahren wieder auftauchte. Karl Kroner war Jude und geriet nach den November-Pogromen von 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wurde aber wieder entlassen und es gelang ihm, nach Island auszuwandern. In dem Marine-Papier wird auch die Hypnose-Mutation erwähnt.

Es werden von Zeugen zwei weitere wichtige Protokolle der Hypnose-Behandlung Hitlers erwähnt. Zum Einen gab es selbstverständlich eine offizielle Krankenakte über Hitler im Besitz der Marine. Im Jahre 1932 ließ der damalige Reichswehrminister General Kurt von Schleicher diese Krankenakte vom Militärgeheimdienst „Abwehr“ sicherstellen. Von Schleicher wollte mit der Krankenakte Hitlers Aufstieg zur Macht verhindern und ihn öffentlich als „Hysteriker“ bloßstellen. Von Schleicher wurde sogar kurzfristig Reichskanzler, um Hitler als Kanzler zu verhindern. Der Versuch scheiterte. Und so blieb Hitlers Krankenakte aus Pasewalk weiterhin unter Verschluss. Beim so genannten „Röhm-Putsch“ am 30. Juni bis zum 1. Juli 1934 fanden dann nicht nur ranghohe SA-Funktionäre den Tod. Auch politische Rivalen sind jetzt ermordet worden. Unter ihnen auch Kurt von Schleicher und seine Frau. Hier wurden reichlich Dokumente mitgenommen und dann vermutlich vernichtet. Doch vermutlich befand sich Hitlers Krankenakte aus Pasewalk eher beim Chef der Abwehr, Ferdinand Eduard von Bredow. Auch dieser gutmütige Mann, der keiner Fliege was zu leide tat, wurde von den Gestapo-Schergen in der blutigen Röhm-Nacht zu Hause abgeholt und dann bestialisch ermordet. Seine Wohnung wurde gefilzt und alle Akten, darunter vermutlich auch Hitlers Krankenakte, mitgenommen auf Nimmerwiedersehen.

Soweit zur offiziellen Krankenakte. Professor Edmund Forster hatte ja auch noch private Aufzeichnungen von seinem „Hysteriker“ Adolf Hitler. Auch das war den Nazi-Schergen nicht verborgen geblieben. Die Nazis waren in dieser Beziehung sowieso sehr dünnhäutig. Der Professor Karl Wilmanns beispielsweise war immerhin Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg. Wilmanns hatte in seinen Vorlesungen kurz vor der Machtergreifung durch die Nazis Hermann Göring als „Morphinisten“ bezeichnet und zu berichten gewusst, dass Hitler infolge der Kriegshandlungen „hysterische Reaktionen“ gezeigt habe. Diese eher beiläufigen Bemerkungen reichten aus, um im Zuge der Einführung des „Gesetzes zur Wiedereinführung des Berufsbeamtentums“ Wilmanns mit sofortiger Wirkung fristlos zu feuern.

Auch Professor Forster sollte die Auswirkungen der Nazi-Herrschaft bald zu spüren bekommen. Zunächst war sein Assistenzarzt Dr. Julius Zádor dran. Der wurde als Jude sofort entlassen, hatte sich aber bereits eine neue Stelle in Paris besorgt. Forster fuhr Zádor in seinem PKW nach Paris. In Paris traf Forster deutsche Exilschriftsteller. Ihnen übergab er seine privaten Aufzeichnungen über Hitler in Pasewalk. Dann fuhr Forster wieder zurück nach Deutschland. Bereits im August 1933 wurde Forster zugetragen, dass die Nazis ihn auf dem Kieker hatten. Ein übereifriger Student hatte eine fünfseitige Denunziationsschrift an Forsters Vorgesetzte geschickt. Aber dessen bedurfte es eigentlich gar nicht mehr. Es reichte, dass Forster Mitwisser und Zeuge von Hitlers psychiatrischer Behandlung in Pasewalk war. Am 1. September 1933 wurde Forster aufgrund des neuen Beamtengesetzes als Professor in Greifswald beurlaubt. Am 5. September fuhr Forster nach Berlin, um im preußischen Kultusministerium persönlich die Situation zu besprechen. Vollkommen deprimiert kehrte er nach Greifswald zurück. Man hatte Forster in Berlin zu verstehen gegeben, dass er sich auf viel Schlimmeres als seine Entfernung aus dem Dienst einstellen müsse. Gefängnis oder gar Konzentrationslager? Das war nicht auszuschließen. Forster beging dann zwei Selbstmordversuche, die von einem befreundeten Professor und dann von seiner Frau vereitelt werden konnten. Dann, wieder einmal an einem 11. September, wurde Forster tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er habe sich den Revolver an die Schläfe gehalten und dann abgedrückt. Einer von vielen Selbstmorden jener Zeit.

War es wirklich Selbstmord? Der amerikanische Marinegeheimdienst kommt zehn Jahre später im oben erwähnten Bericht zu einem ganz anderen Schluss: „Kurz nach Hitlers Machtergreifung ist Professor Forster plötzlich verstorben. Als Todesursache wurde offiziell Selbstmord angegeben.

Doch traten schon damals Zweifel auf, und diese sind inzwischen zur Gewissheit geworden, denn Professor Forster war ein Mann von bester Gesundheit, in den besten Jahren, geistreich und in seiner Karriere erfolgreich. Nichts, nicht einmal Gründe von trivialster Art waren bekannt, die ihn zum Selbstmord treiben können. In kurzen Worten, es gibt keinen Zweifel in der Meinung von irgendjemand mit den Nazi-Methoden Vertrauten, dass Professor Forster ermordet worden war, und dass der vorgebliche Selbstmord eine sorgfältig geplante Täuschung gewesen ist.“

In den folgenden Jahren wurden die persönlichen Aufzeichnungen Forsters über Hitlers Pasewalk-Episode von der Exil-Gemeinschaft in Paris gelesen und ausgewertet. Der Schriftsteller und Arzt Ernst Weiß machte daraus seinen Schlüsselroman „Der Augenzeuge“, den er 1939 vollendete. Dort berichtet in der Ich-Form der Protagonist die Geschichte von Edmund Forster. Höhepunkt ist die Hypnose an dem hysterisch erblindeten A.H. aus Braunau am Inn. Gottlob hat Ernst Weiß sein Manuskript seinen Freunden übergeben. Forsters Krankenakte aus Pasewalk über Hitler behielt er leider bei sich. Am 14. Juni 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in Paris ein. Vor Schreck soll Ernst Weiß sich in seiner Badewanne umgebracht haben. Im nahegelegen Krankenhaus verstarb Weiß. Sie ahnen es schon: der Koffer mit den Manuskripten sowie Forsters Aufzeichnungen über Hitler sind seitdem verschollen. Ebenfalls ist unbekannt, wo Ernst Weiß seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Seltsam aber auch …

Doch die Nazis gaben sich mit dieser Vernichtung von Personen nicht zufrieden. Sie ließen das so genannte „Schützenhaus“ in Pasewalk, wo sich auch die Krankenstation 6 für psychisch Kranke befand, und wo die „Hysterie“ des Gefreiten Adolf Hitler festgestellt wurde, niederreißen. An derselben Stelle errichteten sie sodann neue Gebäude, die als Wallfahrtsstätte für Hitler-Anbeter genutzt wurde. Den braunen Pilgern wurde sodann die in "Mein Kampf" aufbereitete heroische Version aufgetischt: Hitler als Held an der Westfront. Hitler, der von englischen Kampfgasen erblindet war und sich mannhaft wieder zum Sehenden gemacht hatte. Und der sodann seine von der Vorsehung ihm vorgegebene Mission auf dieser Erde zielstrebig und erbarmungslos durchzusetzen weiß – zum Wohle des deutschen Volkes.

Ja, so wird Geschichte gemacht. Geschichte ist das, was den Siegern gefällt. Geschichte ist das, was die Sieger an Zeitzeugnissen der Nachwelt überlassen. Alles andere, die Geschichte der vernichteten und unterdrückten Dokumente, ist die Geschichte der Verschwörungstheoretiker. Spaß beiseite. Es gibt ja History, um die Geschichte vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Wir lernen aus der Geschichte, wie wir die Zukunft besser machen.


Fußnoten:

<1> Diese und die folgenden Originalzitate aus der Studie des US-amerikanischen Psychoanalytikers Walter Charles Langer „The Mind of Adolf Hitler“, die im Auftrag des US-amerikanischen Geheimdienstes Office of Strategic Studies (OSS) erstellt wurde. Die Zitate wurden vom Autor aus dem Englischen ins Deutsche zurück-übersetzt.
https://ia801304.us.archive.org/33/items/APsychologicalAnalysisofAdolfHitler/A%20Psychological%20Analysis%20of%20Adolf%20Hitler.pdf
<2> Es gibt eine Reihe von Publikationen zu dem Thema. Stellvertretend für viele sei hier genannt: Bernhard Horstmann, Hitler in Pasewalk – Die Hypnose und ihre Folgen. Düsseldorf 2004
<3> Adolf Hitler, Mein Kampf. München 1933. S.220/221
<4> Ernst Weiß, Der Augenzeuge. Hier zitiert nach Horstmann, S.67ff
<5> https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/militaerpsychiatrie/9748
<6> Roland Müller, Wege zum Ruhm – Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg. Das Beispiel Marburg. Köln 2001. S.31ff
<7> Bericht des US-Marine-Geheimdienst mit der Seriennummer 24-43 vom 21. März 1943. Zitiert nach Horstmann, S.26ff


Erstveröffentlichung am 23. Oktober 2023 bei apolut

Online-Flyer Nr. 821  vom 08.11.2023

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