NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 29. Mai 2024  

zurück  
Druckversion

Literatur
Aus dem Roman "Am Kornsand", Leseprobe 1
Rheinufer
Von Ute Bales

Zum Inhalt: Der 18-jährige Hans Kaiser lässt sich im März 1945, nur ein paar Stunden bevor die Amerikaner kommen, am Rheinufer bei Nierstein (Am Kornsand) zu einer unfassbaren Tat überreden. Seine spätere Familie weiß nichts davon, bis 40 Jahre später der Stern darüber berichtet. Neben der Geschichte des Täters wird die seiner Tochter Helga erzählt. Helga leidet an einer Hautkrankheit, die Ende der 1970er Jahre in einem Verschickungsheim auf der Insel Föhr kuriert werden soll. Im Verschickungsheim ist sie vom ersten Tag an der Brutalität der Erzieherinnen ausgesetzt. Mit tiefen seelischen Narben kehrt sie nach Hause zurück. Jahre später wird sie mit der Tat ihres Vaters konfrontiert. Der Roman beschäftigt sich mit Schuld, mit der Unmöglichkeit von Sühne und mit den Fragen, wer ist Opfer, wer ist Täter? Dabei zeigt sich, dass Schuld individuell ist und persönlich getragen werden muss. Hintergrund ist das historisch verbriefte Kornsandverbrechen. Es folgt Leseprobe 1 (Rheinufer).

Die Geschichte fängt an, lange bevor Helga geboren wird, und sie hat kein Ende. Sie fängt auch nicht mit Helgas Eltern an, eher mit den Großeltern, aber das ist ungewiss. Jedenfalls fußt die Geschichte auf einem ganzen Jahrhundert, aber wie Jahrhunderte so sind, verraten sie immer erst aus großer Entfernung, dass das, was passiert, mit allem verknüpft ist, was vorher war und sich mit allem verknüpft, was nachher kommt.

Der 21. März 1945 war ein kalter, aber sonniger Tag und er begann vielversprechend. Die Alliierten hatten die letzten von deutschen Truppen gehaltenen Teile des Westwalls durchbrochen und den Rhein erreicht. Der Brückenkopf Nierstein-Oppenheim war in der Nacht von deutschen Truppen geräumt worden. Weiter nördlich waren amerikanische Truppen von ihren Positionen in der Eifel zum Rhein vorgerückt. Zuvor hatten die sich zurückziehenden deutschen Truppen die Eisenbahnbrücke bei Mainz gesprengt, dann die Rheinbrücke in Gernsheim, von Nierstein aus gesehen ein Stück flussaufwärts. Bad Kreuznach war den US-Truppen kampflos übergeben worden. Kampfkommandanten, Stäbe und Ortsgruppenleiter hatten das linksrheinische Gebiet verlassen. Der Krieg war auf dieser
Seite des Rheins beendet.

Was sich an diesem 21. März gegen 15 Uhr am Kornsand, der anderen Rheinseite, abspielte, geschah nur ein paar Stunden zu früh.
Etwas später, und es wäre gar nicht geschehen.
Nachdem es aber geschehen war, schlug man einem jungen Mann auf die Schulter.
Gut gemacht.
So jung und so tapfer.
Weiter so.
Danach war die Schnapsflasche herumgereicht worden.

In diesen Tagen nahm kaum jemand Notiz vom Geschehen am Kornsand. Denn in diesen Tagen trieben kleine Dosen mit Sardinen oder Blutwurst, ein Kanten Brot, etwas Mehl oder eine Handvoll Kartoffeln die Menschen zum Wahnsinn. Unzählige Häuser lagen zerstört, auch Straßen und Bahnlinien. Über allem der üble Geruch von Brand. Plünderer, Fremdarbeiter, Flüchtlinge, Kahlgeschorene, Zerlumpte, Schreiende, Hungernde, Obdachlose in Kellern und Erdlöchern, streunende Kinder zwischen Schuttbergen, Leichen und Ratten waren nicht zu zählen. Typhus, Fleckfieber, Ruhr, Krätze, Läuse plagten. Überall gab es Opfer von Gewalt, überall Täter. Es gab keine Schulen mehr, keine Schwimmbäder, keine Cafés, keine Parks mit Blumenbeeten, keine Kinos, keine Theater. Auch keine Banken, keine Verwaltungen, keine Läden. Wer etwas brauchte oder anzubieten hatte, hielt sich an dunklen Straßenecken oder in zweideutigen Kneipen auf. Das Radio funktionierte nur manchmal. Es fuhren keine Züge mehr, kaum Autos, man konnte nicht telefonieren, Briefe wurden nicht befördert. Fabriken produzierten nicht mehr, es gab kein Baumaterial und kein Werkzeug. Es gab kein Recht und keine Ordnung, auch keine Moral. Stattdessen Chaos und Verrohung. Gerechtigkeit war in diesen Tagen eine einseitige Angelegenheit. Der Stärkere hatte das Sagen.

Alles das hatte mit dummen Sprüchen, mit Fingerzeigen, mit Drill und Gehorsamsübungen, dem Gebrüll von Machthabern und mit Verleumdungen angefangen. Als es endete, gab es niemanden, der nicht in irgendeiner Form beigetragen hatte, auch wenn er meinte, er hätte nichts getan.


Ute Bales: Am Kornsand



Rhein-Mosel-Verlag, Zell 2023, ISBN: 9 78 3898014656, gebunden, mit Schutzumschlag, 200 Seiten, 22,80 Euro


Siehe auch:

Zu ihrem neuen Roman "Am Kornsand"
Was Vergangenheit mit Gegenwart macht
Von Ute Bales
NRhZ 810 vom 26.04.2023
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28583

Online-Flyer Nr. 811  vom 17.05.2023

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE