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Aktueller Online-Flyer vom 19. Juni 2024  

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Globales
Ein Blick zurück auf den 24. April 1955
Die Konferenz von Bandung
Referat von Dr. Karam Khella - transkribiert von Markus Heizmann (Bündnis gegen Krieg, Basel)

Am 24. April 1955 fand in Bandung, Indonesien, eine Konferenz statt, deren Bedeutung noch heute für uns alle wegweisend ist. Die Prinzipien, welche anlässlich dieser Konferenz formuliert wurden, könnten den Weltfrieden herbeiführen und garantieren – wenn sie denn umgesetzt würden. Das nicht umgesetzt werden, nicht umgesetzt werden können ist die Schuld der imperialistischen NATO Staaten. Einer der das schon in den Anfängen erkannt hat, ist der am 7. September 2022 in Hamburg verstorbene Universal Wissenschaftler Dr. Karam Khella. Am 6. April 2017 hielt Dr. Khella in Hamburg eines seiner letzten Referate, in dem er die Konferenz von Bandung würdigte. Diese Konferenz ist – auch innerhalb der Friedensbewegungen – weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu unrecht, wie das das Transkript der Veranstaltung von Dr. Khella belegt. Die in Bandung formulierten Prinzipien sind aktueller den je. In der aktuellen Weltlage bekommt der von Khella anlässlich seines Referates geäusserte Satz «Die Existenz der NATO ist eine Kriegserklärung an die Völker der Welt» erneut eine eindrückliche Brisanz. Diese Klarheit vermissen wir heute leider auch bei vielen friedensbewegten Menschen. Frieden werden wir nicht erreichen, indem wir auch die andere Wange hinhalten, sondern nur indem wir die Aggressoren klar benennen: Es sind die PolitikerInnen und VertreterInnen des Kapitals in den NATO Staaten. Keine anderen Mächte als diejenigen der USA und Europas bedrohen den Weltfrieden. Sie bedrohen die Existenz von uns allen, sie gilt es zu stoppen. Die Teilnehmenden der Konferenz von Bandung haben das erkannt. Wann erkennen wir es?

Anlässlich der Konferenz von Bandung am 24. April 1955 wurden die folgenden zehn Prinzipien formuliert. In seinem Referat geht Karam Khella auf einzelne dieser Prinzipien ein und erläutert deren Aktualität angesichts der damals wie heute laufenden Aggressionen seitens der USA und der NATO.
  1. Achtung der Grundrechte gemäss der UN-Charta.
  2. Achtung der Souveränität und territorialen Integrität aller Nationen.
  3. Anerkennung der Gleichheit aller Rassen und Nationen, groß und klein.
  4. Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes. (Selbstbestimmung der Völker)
  5. Achtung des Rechts jeder Nation, sich individuell und kollektiv gemäß der UN-Charta zu verteidigen.
  6. Weigerung, sich an kollektiven Verteidigungsvorbereitungen zu beteiligen, die den besonderen Interessen der Supermächte dienen sollen.
  7. Unterlassung jeglicher Handlung oder Androhung von Aggression oder Gewaltanwendung gegen die territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit eines anderen Landes.
  8. Beilegung aller internationalen Konflikte mit friedlichen Mitteln (Verhandlungen und Schlichtungen, Schlichtung durch internationale Schiedsgerichte) im Einklang mit der UN-Charta.
  9. Anregung gegenseitiger Kooperationsinteressen.
  10. Achtung der Gerechtigkeit und internationaler Verpflichtungen.   
Teilnehmende Staaten und Leiter der Delegationen:
  • Ägypten: Gamal Abdel Nasser
  • Äthiopien: Aklilu Habte-Wold
  • Afghanistan: Mohammad Naim Khan
  • Birma: U Nu
  • Kambodscha: Norodom Sihanouk
  • Ceylon: John Lionel Kotalawela
  • Goldküste: Koio Botsio
  • Indien: Jawaharlal Nehru, Krishna Menon
  • Indonesien: Sukarno, Ali Sastroamidjojo, Ruslan Abdulgani
  • Irak: Muhammad Fadhel al-Jamali
  • Iran: Ali Amini, Djalal Abdoh
  • Japan: Takasaki Tatsunosuke
  • Jemen: Hassan ibn Yahya
  • Jordanien: Walid Salah
  • Laos: Katay Don Sasorit
  • Libanon: Sami Solh
  • Liberia: Momolu Dukuly
  • Libyen: Mahmoud Bey Muntasser
  • Nepal: Sovag Jung Thapa
  • Pakistan: Muhammad Ali Bogra
  • Philippinen: Carlos P. Rómulo
  • Saudi-Arabien: Faisal ibn Abd al-Aziz
  • Sudan: Ismail al-Azhari
  • Syrien: Chalid al-Azm
  • Thailand: Wan Waithayakon
  • Türkei: Fatin Rüstü Zorlu
  • Nordvietnam: Pham Van Dong
  • Südvietnam: Nguyen Van Thoai
  • Volksrepublik China: Zhou Enlai, Chen Yi, Qiao
  • Guanhua, Huang Hua

Transkript des Referates von Dr. Karam Khella:

Prinzipien von Bandung


Unser Anliegen ist es, die Idee des Weltfriedens zu realisieren. Natürlich sind vor uns viele Anstrengungen gemacht worden, und es ist wichtig und korrekt, zu erfahren, wie weit man gekommen ist. Worauf also bauen wir weiter auf? Wir befassen uns heute mit Bandung, einer Stadt in Indonesien, in welcher am 24. April 1955 die erste Konferenz der asiatisch-afrikanischen Staaten stattfand. An ihr nahmen Vertreter von 29 Staaten Asiens und Afrikas teil, die zusammen etwas mehr als die Hälfte der damaligen Weltbevölkerung repräsentierten.

Das müssen wir herausstellen: Wenn sich europäische Staaten treffen, dann geht es darum, wie sie gemeinsam Krieg und Aggressionen durchführen können. Wenn sich die afrikanisch–asiatischen Staaten treffen, geht es darum, wie der Frieden realisiert werden kann.

So müssen wir uns hier und heute die Frage stellen: «Wie weiter?» Als erstes wollen wir die Leistung von Bandung erklären und würdigen: Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg versammelten sich die Delegierten der afrikanisch-asiatischen Staaten. Die Idee «Nie wieder Krieg!» war lebendig. Es ging bei dieser Konferenz darum, den Krieg zu verhindern.

Die Idee von Bandung war, Prinzipien für die Außenpolitik aufzustellen. Diese 10 Prinzipien sollten für jeden Staat gültig sein. Sie sollten dafür sorgen, dass Spannungen vermieden werden und dass sich ein bleibender Friede etabliert. Die Ideen sind nach wie vor aktuell und sollen hier dargestellt werden und einige dieser Prinzipien sollen hier diskutiert werden.

Ein Prinzip lautet: Alle Staaten sind gleichberechtigt. Jeder Staat, egal ob groß oder klein, ist souverän und darf also von keinem anderen Staat angetastet werden. Kein Staat hat das Recht, in einem anderem Staat zu intervenieren. Die Gleichheit aller Staaten der Welt ist also das erste Prinzip.

Ein anderes Prinzip von Bandung ist, das Staaten territorial integriert bleiben müssen. Dieses Prinzip richtet sich gegen die Versuche der USA, die Staaten in einen US-hörigen und in einen souveränen, widerständigen Staat zu teilen. Als Beispiele aus dieser Zeit seien Korea und Vietnam genannt. Durch diese Politik der Teilung werden stabile und existenzfähige grosse Staaten aufgeteilt und so instabil und angreifbar gemacht. Diese Teilungspolitik der USA hat nicht nur Vietnam und Korea sondern auch sehr vielen anderen Staaten sehr geschadet, vielerorts ist sie aber auch gescheitert. Die territoriale Integrität aller Staaten ist wichtig, all die bereits vollzogenen Spaltungen sollen rückgängig gemacht werden.

Aktuelle Bezüge

Sämtliche Prinzipien von Bandung sind nach wie vor aktuell und realisierbar. Konflikte zwischen Staaten sollen ausschließlich am Verhandlungstisch gelöst werden, ohne Anwendung von Waffen. Das hat auch in der Praxis funktioniert.

All die Rückschläge, deren Zeugen wir nach Bandung geworden sind, die Auflösung der Sowjetunion, die Zerschlagung des Iraks, die Zerschlagung Libyens, das waren vor ihrer Zerschlagung Realität gewordene Utopien. All diese Rückschläge, die auf Betreiben der USA erfolgten, müssen wieder ins Bewusstsein gerückt werden.

Hüten wir uns vor Euphorie! Hier in Europa haben wir falsch gehandelt. Statt zum Beispiel alles zu tun, um den Krieg gegen Irak zu verhindern, wird über Saddam Hussein und seine angebliche Diktatur gesprochen. Diese Fantasien und Legenden werden durch die Medien verbreitet. Es gibt einen Bedarf nach mehr Erkenntnis, es gibt einen Bedarf, die Welt kennen zu lernen und sie zu verstehen. Auch Libyen war eine reale Utopie!

Diese reale Utopie konnte zerschlagen werden, auch weil wir das zugelassen haben. Der Irak war auch eine reale Utopie und konnte zerschlagen werden, ebenfalls weil wir es zugelassen haben. Syrien ist ein stabiler politisch handelnder Staat, der von außen, von den USA, von der NATO, von der Türkei destabilisiert wird. All dies wird von den Medien befeuert. Das sollen wir erkennen und bekämpfen. Auch die Ausgabe 8 der Risala LÜGE-MACHT-KRIEG (1) behandelt dieses Thema und fordert von uns diesbezüglich Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.

Bleiben wir kurz beim Thema Syrien: Das Problem in Syrien aktuell, 2017, ist nicht die militärische Situation. Das Problem zur Zeit ist die Blockade. Syrien wird boykottiert, von den USA, von der EU, auch von Deutschland. Darunter leidet Syrien: Mangel an Nahrungsmitteln, Mangel an Medikamenten, Mangel an allen notwendigen Gütern.

Wir sehen, dass vieles passiert und ermöglicht wird durch unser Schweigen. Dieses Schweigen wollen wir brechen. Der Medienkrieg gegen Syrien hat den Begriff «Bürgerkrieg» erfunden. Es gibt keinen «Bürgerkrieg» in Syrien. So wird der Krieg gegen Syrien gerechtfertigt und gemacht.

Den Krieg ächten

Wir bedauern diese Entwicklungen sehr, und wir haben sie nicht verhindern können. Weder die Zerschlagung Libyens, noch die Zerschlagung des Iraks, noch die laufenden Provokationen und Versuche der Destabilisierung gegen Syrien. Wir bemühen uns, durch unsere Informationen ein Bewusstsein der Solidarität zu fördern und zu schaffen. Dies tun wir durch Buchpublikationen, durch Besuche in den betroffenen Ländern, auch durch Veranstaltungen wie dieser hier soll ein Bewusstsein geschaffen werden.

Zurück zu unserem Thema Bandung. Der offizielle Name des Treffens war «Konferenz für afrikanisch-asiatische Solidarität». Ebenfalls als Prinzip wurde in Bandung der Krieg als Mittel der Politik oder als Mittel, die Politik durchzusetzen, geächtet. Wir brauchen Bandung auch heute noch als Leitlinie für die Außenpolitik der Staaten. So nannte sich denn auch die Erklärung von Bandung genau so: «Leitlinie für die Außenpolitik».

Keine Theorie, sondern Praxis

Bandung bezieht seine Kraft aber auch aus der Zeit, in welcher die Konferenz stattfand. Persönlichkeiten, welche damals in Bandung teilgenommen und die Weltpolitik mitbestimmt haben, waren u.a. Zhou Enlai von China, Gamal Abdel Nasser von Ägypten, Jawaharlal Nehru von Indien. Diese Persönlichkeiten und die von ihnen vertretenen Staaten, das war die Welt. So wurde in Bandung nicht nur eine Theorie vertreten, sondern eine reale Praxis eingeleitet. Eine Praxis, die von den erwähnten Teilnehmern von Bandung getragen war. In der Realität hatte Bandung also Gewicht und Macht.

Dies hat Auswirkungen bis heute, und daran wollen wir uns erinnern: Eine friedliche Welt ist in der Realität möglich! In der Folge kam es in Afrika und in Asien zu einer friedlichen Entwicklung, die natürlich von den USA und von den NATO-Staaten gestört wurde. Gute Versorgung, Ausbildung, allgemeiner Wohlstand waren in den afro-asiatischen Regionen die Folgen dieses Prozesses. Die Staaten waren in der Lage, Fortschritt zu realisieren. Diese Entwicklungen waren die direkten Folgen der Konferenz von Bandung.

Frieden in den Mittelpunkt stellen!

Das Thema Frieden bzw. Weltfrieden soll im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen. Wir versuchen das mit Hilfe des geschriebenen und des gesprochenen Wortes zu verwirklichen.

Bei den afrikanischen und asiatischen Staaten, die sich in Bandung versammelt hatten, kam natürlich automatisch auch die Forderung nach einem Verteidigungspakt. Das wurde abgelehnt mit der Begründung, militärische Bündnisse würden einen Krieg präjudizieren. So wurde jede Maßnahme zur Bildung von militärischen Maßnahmen verboten. Das muss wirklich so verstanden werden, wie es die Teilnehmer von Bandung verstanden haben: Es ist ein Widerspruch, ein militärisches Bündnis zu gründen und dann zu behaupten, dies sei jetzt ein Bündnis für den Frieden. Das ist Betrug und Selbstbetrug. Aus diesem Grund hat die Konferenz einen militärischen Verteidigungspakt abgelehnt, stattdessen sollte der Frieden gefördert und realisiert werden.

In der Folge ist ein relativer Friede eingetreten. Das heißt, all diese Staaten untereinander regelten fortan ihre Differenzen im Sinn der Konferenz am Verhandlungstisch. Aggressionen und Kriege kamen indes von außen, seitens der USA und der NATO.

Die Existenz der NATO ist eine Kriegserklärung an die Völker der Welt!

So haben wir hier in einem wichtigen NATO-Land, in Deutschland, die Aufgabe, aufzuklären. Allein schon die Existenz der NATO ist eine Kriegserklärung an die Völker der Welt.

Die NATO hat keinerlei Legitimation. Wer bedroht eigentlich Deutschland?  Wer bedroht Europa? Deutschland, Europa, die EU, die NATO, sie bedrohen die Welt, nicht umgekehrt. Aktuell gibt es auf der ganzen Welt keine einzige Situation, die zu einem Krieg herausfordert. Andererseits kann natürlich auch jede Situation zu einem Krieg provoziert und eskaliert werden. Ich persönlich habe den Irak vor den Aggressionen, und ich habe Libyen vor den Aggressionen besucht. Deshalb kann ich wiederholen: Die Gesellschaften dort, das waren gelebte Utopien. Der Irak und Libyen haben eine Situation realisiert, in welcher der materielle Wohlstand für alle Menschen gesichert war. Medizinische Versorgung für alle, Bildung für alle, Recht auf Wohnung, recht auf Arbeit - all das war Realität. Die Lügenpropaganda, welche über die Oberhäupter dieser und anderer Staaten hereinbricht, kann wirklich nicht ernst genommen werden. Wer immer dieser Presse glauben schenkt, hat sich als kritischer Beobachter der Medienszene selbst disqualifiziert. Wir werden mit dummen Parolen bearbeitet, und es ist unsere Aufgabe, dieser Propaganda etwas entgegen zu halten.

Hier endet die Audio Aufnahme von Karam Khellas Vortrag.


Fußnoten:

1 Gemeint ist das «Jahrbuch Risala» hier die Nummer 8, in welcher unter dem Titel LÜGE-MACHT-KRIEG verschiedene AutorInnen eine ausführliche anti imperialistische Medienkritik präsentieren.

Online-Flyer Nr. 804  vom 30.12.2022

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