NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 03. Juli 2022  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Der Holocaust und die Nakba unteilbar verbunden
Von Evelyn Hecht-Galinski

Anlässlich des 77. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945 begeht der Bundestag seine alljährliche Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022 nun zum 26. Mal. Darauf lohnt es sich gerade in der heutigen Zeit hinzuweisen, erleben wir doch aktuell eine Zeit der ungebremsten Konfrontation und des Hasses gegenüber Russland. Auf der Rednerliste der Gedenkstunde stehen die Namen der 87jährigen Holocaustüberlebenden Inge Auerbacher, einer deutschen Jüdin, sowie des Präsidenten des israelischen Parlaments, der Knesset, Mickey Levy, ein Israeli kurdischer Abstimmung. Besonders an diesem Gedenktag erinnere ich mich an die Worte meines Vaters Heinz Galinski, selbst ein Holocaust- und Auschwitzüberlebender: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen“.

Das palästinensische Volk: das vergessene Opfer der Naziherrschaft

Sollte man nicht anlässlich dieses 27. Januar die Gelegenheit nutzen, auf den unteilbaren Zusammenhang des Leids der Juden und der Palästinenser hinzuweisen? Das wäre überfällig und längst nötig .Denn das Leid der Palästinenser wäre ohne den Holocaust an den Juden nicht denkbar, weshalb die Deutschen auch eine Verantwortung für das Palästinensische Volk haben, den vergessenen Opfern der Naziherrschaft! Die Aufarbeitung der Geschichte ist so wichtig – für Palästinenser und Juden.

Nur durch das Anerkennen der Leidensgeschichte des anderen, als Teil der eigenen, wird es eine Befreiung von Traumata geben. Eine grausame Geschichte hat unschuldige Palästinenser und unschuldige Juden gegeneinander aufgehetzt. Beide erlebten niederträchtiges Unrecht – europäischen Rassismus gegen Juden und den Kolonialismus gegen Palästinenser.

Der Holocaust und die Nakba bleiben immer das traumatische Ereignis der jüdischen und der palästinensischen Geschichte. Sie sind nicht gleich, aber in der Tragweite vergleichbar. Schließlich hält die Nakba, die „Katastrophe“, für die Palästinenser bis heute an – sie bedeutet den Verlust des Landes, des Eigentums und steht für ethnische Säuberung. Mit der Staatsgründung des „jüdischen Staats“ 1948 begann das unsagbare Leid der Palästinenser. Sie wurden zu Opfern des Holocaust. Dieser Zusammenhang wurde nie anerkannt, und weder Deutschland mit seiner „Staatsräson“ für den „jüdischen Staat“, noch Israel stellen sich dieser Geschichte.

Schreckliches Ablenkungsmanöver von Gräueltaten des „jüdischen Staats“

Israels "Existenzrecht“ verwandelt Unrecht in Recht, "veredelt" einen Staat ohne feste Grenzen, der nur auf Grundlagen der Expansion und Vertreibung aufgebaut wurde. Ein solches Israel darf weder deutsche Staatsräson noch ein Anrecht auf Anerkennung haben.

Nun brachten Deutschland und Israel zum 80. Jahrestag der Wannseekonferenz, auf der am 20. Januar 1942 die „Endlösung“ der Judenfrage und die systematische Ausrottung der Juden beraten wurde, vor der UN eine Resolution gegen Holocaust-Leugnung ein. Dies ist eine weitere Instrumentalisierung des Gremiums und ein schreckliches Ablenkungsmanöver von Gräueltaten des „jüdischen Staats“.

Auf der Wannseekonferenz kamen am 20. Januar 1942 fünfzehn Hochrangige der nationalistischen Reichsregierung und SS-Behörden unter dem Vorsitz des SS-Obergruppenführers Heydrich zusammen. Der Hauptzweck dieser Konferenz war übrigens nicht, die „Endlösung“ zu beschließen, der Holocaust war schon seit 1941 seit dem Angriff auf die Sowjetunion im Gange, sondern es ging hauptsächlich um die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung, diese und die Zusammenarbeit der Beteiligten zu organisieren.

Der Begriff „Wannseekonferenz“ kam nach Kriegsende auf, in Anlehnung an den Tagungsort, dem Gästehaus der Nazi-Sicherheitspolizei „Am Großen Wannsee“, der ehemaligen „Villa Marlier“. Heute ist die Wannseevilla eine Holocaustgedenkstätte.

Plan „Dalet“: Masterplan für die Eroberung Palästinas

Was Palästina betrifft muss – ohne gleichzusetzen – an den Plan „Dalet“, den Masterplan für die Eroberung Palästinas, erinnert werden. Zwei Monate vor dem Ende der britischen Verwaltung Palästinas im Auftrag der UN, am 10. März 1948, trifft sich im Roten Haus in Tel Aviv, dem Hauptquartier der Untergrundmiliz Hagana, eine Runde hochrangiger zionistischer Politiker. Eingeladen hat David Ben Gurion, der spätere Ministerpräsident Israels. Mit dabei sind Politiker und Militärführer, unter anderem Yigal Allon (später Außenminister), Moshe Dayan (später Verteidigungs- und Außenminister), Yigael Yadin (später stellvertretender Ministerpräsident) und Yitzchak Rabin (später Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger). Sie verabredeten die Endfassung eines Masterplans zur Vertreibung der arabischen Bevölkerung: "Plan Dalet" (Plan D). Das Land - nur zu elf Prozent im Besitz der jüdischen Einwanderer, die nicht einmal ein Drittel der Einwohner stellten - sollte systematisch freigemacht werden für eine endgültige jüdische Besiedelung, und hierzu war jedes Mittel recht. (Die ethnische Säuberung Palästinas von Ilan Pappe)

In diesem „Roten Haus“ in Tel Aviv wurde die Judaisierung Palästinas vorbereitet. Allerdings gibt es für diesen 10.März 1948 weder eine Erinnerung, noch eine Gedenkstätte des „Roten Hauses“. Während Holocaust-Leugnung und -Trivialisierung geächtet sind, steht die Nakba-Leugnung weder unter Strafe noch findet dieser Begriff Unterstützung in der UN. Mit dieser einseitigen Sicht der Geschichte versucht der Apartheid-Besatzer Staat mit allen Mitteln, seine „Einzigartigkeit“ zu bewahren – gegen alle Erkenntnisse.

Die Schrecken, die rassistische Ideologien für die Menschheit darstellen, bestehen weiter, werden negiert und verharmlost, wenn es sich um zionistischen Rassismus handelt. Auf diese Weise hat sich Deutschland aktiv an der illegalen Besatzung Palästinas beteiligt. Mit „Zwangsbesuchen“ in Konzentrationslagern und Gedenkstätten für Lehrer und Schüler, wie sie der „Antisemitismusbeauftragte“ der Bundesregierung Klein fordert, erreicht man nur ein „Zwangserinnern“ ohne Empathie. Nur mit einer der wahren Geschichte gemäßen Aufklärung wird Erinnerungsarbeit erfolgreich werden.

Israel: ein rassistischer Apartheidstaat – Zeit für BDS!

Fakt ist: Die israelischen Massaker sind der Preis für einen jüdischen Staat in Palästina. Westliche Liberale haben merkwürdigerweise zu Israels Massaker an unbewaffneten Männern, Frauen und auch Kindern, die für ihre Rechte demonstrierten, geschwiegen. Die deutsche Ampel-Koalition, die an ihrem „Aufbruch“ gemessen wird, täte gut daran, sich an Taten messen zu lassen und endlich so zu agieren, wie sie es mit anderen Staaten tun. Der Kampf für die Freiheit Palästinas und ein Ende der Besatzung muss oberste Priorität bekommen. Das wäre ein Zeichen! Allerdings scheint diese neue Ampel-Koalition genau das Gegenteil zu machen und weiter einseitig den „jüdischen Staat“ zu hofieren und seine Forderungen zu erfüllen. Das ist schändlich und gefährlich!

Wir alle wissen, dass Israel ein rassistischer Apartheidstaat ist, der täglich Palästinenser kaltblütig ermordet. Es ist an der Zeit, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und den Palästinensern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

So ist der palästinensische legale Widerstand zur Erlangung der Freiheit und eine Rückkehr in ihre Heimat so wichtig und unterstützenswert. So ist es undenkbar, unmoralisch und ungerecht, weiter ständig von der israelischen Militärbesatzung unterdrückt und gedemütigt zu werden. Und sie werden niemals vor den erniedrigenden Bedingungen Israels kapitulieren. In der modernen Geschichte gibt es keinen Präzedenzfall, in dem ein Volk dem Raub seiner Heimat tatenlos zuschaut, ohne sich zu wehren, was völlig legitim ist! Das palästinensische Volk hat 73 Jahre lang bewiesen, dass es keine Ausnahme ist.

Der Holocaust und die Nakba unteilbar verbunden. Es ist Zeit für Boykott, Desinvestition und Sanktionen.
 

Ich will mich erinnern


dass ich nicht vergessen will
denn ich will ich sein
Ich will mich erinnern
dass ich vergessen will
denn ich will nicht zuviel leiden
Ich will mich erinnern
dass ich nicht vergessen will
dass ich vergessen will
denn ich will mich kennen
Denn ich kann nicht denken
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht wollen
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht lieben
denn ich kann nicht hoffen
denn ich kann nicht vergessen
ohne mich zu erinnern
Ich will mich erinnern
an alles was man vergisst
denn ich kann nicht retten
ohne mich zu erinnern
auch mich nicht und nicht meine Kinder
Ich will mich erinnern
an die Vergangenheit und an die Zukunft
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen muss
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen sein werde

Erich Fried

 
Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.


Online-Flyer Nr. 785  vom 26.01.2022

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE