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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2022  

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Krieg und Frieden
US-Raketen bedrohen von Deutschland aus Moskau
Kalter Krieg Reloaded
Von Wolfgang Effenberger

Nach dem vom Westen orchestrierten Putsch in Kiew Ende Februar 2014 wurde im Oktober 2014 das U.S. Army Training and Doctrine Command (TRADOC)Pamphlet 525-3-1 „Win in a Complex World: 2020-2040“ verabschiedet. In diesem Zeitraum sollen die US-Streitkräfte vordringlich die Bedrohung durch Russland und China abbauen. Seither reißen die US-/NATO-Manöver vor Russlands Haustür nicht ab. Am 8. November 2021 wurde erstmals nach dem Ende des Kalten Krieges das 56. US-Artilleriekommando reaktiviert – ein Großverband der United States Army mit Sitz im Ortsbezirk Mainz-Kastel der Stadt Wiesbaden, der einem Zwei-Sterne-General untersteht. Der Befehlshaber, Generalmajor Stephen Maranian, erklärte am 3. November 2021: "Die Reaktivierung des 56. Artilleriekommandos wird den US-Streitkräften in Europa und Afrika bedeutende Fähigkeiten für multidomäne Operationen bieten... Es wird außerdem die Synchronisierung von gemeinsamen und multinationalen Feuern und Wirkungen sowie den Einsatz künftiger Boden-Boden-Langstreckenfeuer ermöglichen“ (1). Am 10. November 2021 berichtete die britische Zeitung „The Sun“ unter dem Titel „Dark Eagle has landed“ von einem zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg reaktivierten nuklearen mit Hyperschall-Langstreckenraketen vom Typ "Dark Eagle" ausgerüsteten Verband der USA in Deutschland.


Die USA aktivieren eine Atomeinheit in Deutschland. (Screenshot via The Sun) (2)

Nach Angaben der US-Army sollen die Multi-Domain Operations (MDO) dafür sorgen, dass die gemeinsamen Streitkräfte [Heer, Marine, Luftwaffe, Marineinfanterie und Weltraumstreitkräfte] „einem nahezu gleichwertigen Gegner, der in der Lage ist, die USA in allen Bereichen [Luft, Land, See, Weltraum und Cyberspace] anzugreifen, sowohl im Wettbewerb als auch im bewaffneten Konflikt begegnen und ihn besiegen können“ (3). Weiter wird in dem Konzept beschrieben, wie die US-Bodentruppen als Teil des gemeinsamen und multinationalen Teams im Zeitraum 2025-2050 Gegner abschrecken und hochgradig fähige, gleichwertige Gegner besiegen können. Dazu sollen die Multi-Domain Operations den Befehlshabern zahlreiche Optionen „für die Durchführung gleichzeitiger und aufeinander folgender Operationen unter Einsatz von Überraschungseffekten und der raschen und kontinuierlichen Integration von Fähigkeiten in allen Bereichen bieten, um den Gegner in mehrere Dilemmas zu stürzen und so physische und psychologische Vorteile sowie Einfluss und Kontrolle über das operative Umfeld zu gewinnen“. (4)

Wir erleben heute einen Rückfall in eine der gefährlichsten Phasen des Kalten Krieges, als Anfang der 80er Jahre der Nachrüstungsbeschluss durchgepeitscht wurde und die veralteten Pershing I-Raketen durch die Pershing II ersetzt wurden. Die Reichweitensteigerung von 800 auf 1200 Kilometer war für den Laien nicht dramatisch, wohl aber für die Fachleute im Kreml. Denn nun konnten die verbunkerten Befehlsstände rund um Moskau in nur wenigen Minuten ausgeschaltet werden. Reagans Traum vom Enthauptungsschlag war Wirklichkeit geworden. In Washington geisterte die Vision "Victory is possible" durch die Hallen des Capitols.
 
Ein bekannter Verfechter einer mit Atomwaffen umzusetzenden Angriffskriegsstrategie war der britisch-amerikanische Militärstratege und Professor für Internationale Beziehungen und Strategische Studien an der University of Reading, Colin Spencer Gray. Sein Credo seit 1980:
 
„Sowjetische Führer werden erst durch eine glaubwürdige amerikanische Siegesstrategie beeindruckt sein. Eine solche Lehre müsste den Tod des Sowjetstaates ins Auge fassen. Die Vereinigten Staaten sollten planen, die Sowjetunion zu besiegen, und dies zu einem Preis, der die Wiedergenesung der USA nicht verhindert. Washington sollte Kriegsziele verfolgen, die letzten Endes die Zerstörung der sowjetischen politischen Autorität anstreben sowie die Entstehung einer Weltordnung, die mit westlichen Wertvorstellungen vereinbar ist.“ (5)

Tausende demonstrierten 1983 gegen gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von amerikanischen Raketen vom Typ Pershing 2 in Mutlangen. Sogar Soldaten der Bundeswehr waren mit flotten Sprüchen dabei - in voller Uniform. (6) Gegen den Willen der Bevölkerung und ungeachtet aller Proteste billigte der Bundestag am 22. November 1983 die Stationierung der "Pershing 2"-Raketen und Marschflugkörper.

In Zeiten von Corona – oder ist es die permanente Kriegspropaganda gegen Russland? – wurde die vor allem für Deutschland gefährliche Aufstellung der Moskau bedrohenden Raketensysteme kaum zur Kenntnis genommen.

Wenige Tage nach der Neuaufstellung, am 15. November 2021, warnte der britische Premier Boris Johnson bei einem Bankett vor Würdenträgern der Londoner City Deutschland, Frankreich, Italien und andere europäische Regierungen: „Wir hoffen, dass unsere [europäischen] Freunde erkennen, dass sie bald vor der Wahl stehen, sich entweder immer mehr russische Kohlenwasserstoffe durch riesige neue Pipelines in die Venen zu spritzen oder sich für die Ukraine einzusetzen und die Sache des Friedens und der Stabilität zu unterstützen.“ (7)

Boris Johnson hat keine Skrupel, in Europas Gashandel mit Russland eher eine schmutzige Drogensucht als eine gegenseitige Handelspartnerschaft zu sehen. Folgerichtig rät Johnson, der den Kriegsführer Winston Churchill zu seinen politischen Helden zählt, Europa solle auf die Lieferung von Erdgas aus Russland verzichten und stattdessen die Ukraine und Polen verteidigen. Stolz verweist er in diesem Zusammenhang auf die an der polnisch-belarussischen Grenze Stacheldrahtzäune bauenden britischen Soldaten, um den Flüchtlingsstrom aus Weißrussland zu stoppen, und stellt es im Orwellschen Neu-Sprech als Beispiel für die „Verteidigung Europas“ hin. Die militärische Eskalation seit dem vom Westen inszenierten Staatsstreich in der Ukraine hat sich in den letzten Jahren rasant gesteigert und befindet sich nun auf einem gefährlichen Höhepunkt.

Hoffen wir nur, dass dieser kleinen US/UK-kriegstreiberischen Elite noch in die Speichen gegriffen werden kann. Es wäre äußerst tragisch, wenn das in der Präambel zur UNO-Charta am 26. Juni 1945 in San Francisco im Namen der Völker abgegebene feierliche Versprechen, Toleranz zu üben und miteinander in guter Nachbarschaft zu leben, endgültig im Mülleimer der Geschichte landen würde. Die UN von 1945 wie auch der Völkerbund von 1919 sind aus dem strategischen Denken der Sieger entstanden. Im Gegensatz zum Westfälischen Frieden von 1648 fehlte nach beiden Weltkriegen der Wille zum Frieden und zur Versöhnung. So wundert es nicht, dass nach über hundert Jahren einerseits die nicht verheilten Wunden des Ersten Weltkriegs überall wieder aufbrechen und andererseits von den USA eine weltweite imperiale Geopolitik speziell in Europa verfolgt wird.

Dieses Ziel hat der Gründer und Direktor der weltweit führenden privaten US-Denkfabrik auf dem Gebiet Geopolitik STARTFOR (Abk. Strategic Forecasting), George Friedman, am 3. Februar 2015 für alle Welt deutlich gemacht: "Das primäre Interesse der USA, wofür wir seit einem Jahrhundert die Kriege führen - Erster und Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg (8) - waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Weil vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann, und unser Interesse war es immer, sicherzustellen, dass das nicht eintritt." (9)

Vor diesem Hintergrund ist die Reaktivierung des 56. US-Artilleriekommando logisch und die von Deutschland ausgehende Bedrohung für Russland zwingend. Die Folgen eines Dritten Weltkrieges werden für Deutschland und Russland alles Leid und Elend des 20. Jahrhunderts bei weitem übersteigen.

Es ist an der Zeit, endlich eine aus dem Willen zum Frieden erwachsene Völkergemeinschaft zu bilden. Das wird nur möglich sein, wenn sich die Menschen nicht mehr verängstigen lassen und anfangen, alles zu hinterfragen und sich von einer einseitigen Erinnerungskultur verabschieden, die in Wahrheit der Deckmantel des Vergessens und eine Brutstätte der Beschwichtigung ist.(10) An dieser Stelle möchte ich an Joseph Fischer erinnern, der den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Serbien mit „Nie wieder Ausschwitz“ rechtfertigte.

Ohne Wahrhaftigkeit gegenüber der Geschichte kann es keinen nachhaltigen Frieden geben. Für ein friedliches Miteinander der europäischen Staaten muss den imperialen Plänen einer kleinen plutokratischen US/UK-Elite Einhalt geboten werden.


Anmerkungen:

1) https://www.janes.com/defence-news/news-detail/us-army-reactivates-56th-artillery-command-in-europe
2) https://www.thesun.co.uk/news/16695568/us-nuclear-germany-eagle-hypersonic-missiles-moscow/
3) https://sgp.fas.org/crs/natsec/IF11409.pdf
4) https://sgp.fas.org/crs/natsec/IF11409.pdf
5) Artikel von Gray Victory is possible in der Zeitschrift Foreign Policy, Sommerausgabe 1980, S. 22
6) https://www.spiegel.de/geschichte/25-jahre-proteste-gegen-nachruestung-a-947980.html
7) https://www.theguardian.com/politics/2021/nov/15/west-must-choose-between-russian-gas-and-supporting-ukraine-pm-warns
8) Vgl. Wolfgang Effenberger: Das amerikanische Jahrhundert Die verborgenen Seiten des Kalten Krieges. Norderstedt 2011
9) The Chicago Council on Global Affairs
https://www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc&t=0s
10) Vgl. Christian von Krockow: Einspruch gegen den Zeitgeist, Hamburg 2002, S. 32

Online-Flyer Nr. 782  vom 08.12.2021

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