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Aktueller Online-Flyer vom 31. Januar 2023  

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Kultur und Wissen
Ausstellung "Volkskunst Freihand" mit Werken von politischen Gefangenen aus Peru, Basel, April 2021
Die Kunst des Widerstandes
Von Markus Heizmann (Bündnis gegen Krieg, Basel)

Die allgemeine Situation in Peru in Kürze: Peru hat eine reiche historische und kulturelle Vergangenheit. Nach Brasilien und Argentinien ist es flächenmäßig das drittgrößte Land in Südamerika. Ab 1532 überfielen die spanischen Kolonisatoren das Land und erst 1824 gelang es die Spanier aus dem Land zu vertreiben. Wie in vielen anderen Kolonien auch, war mit der Vertreibung der Kolonisatoren die Kolonialisierung keineswegs beendet. In Peru lösten die USA die Spanier ab. Nach der Kolonialisierung installierte sich mit deren Unterstürzung erst eine Oligarchie, später wechselten sich die Militärregimes untereinander ab und schließlich kam es ab 1980 zu einer so genannten „Demokratisierung“. Diese Demokratisierung war und ist eine Farce. In Tat und Wahrheit liegt die Macht in Peru noch immer bei den ausländischen, vorwiegend US-amerikanischen Minengesellschaften, Konzernen und den US-Geheimdiensten. Peru ist reich an Bodenschätzen und Ressourcen, trotzdem der Grossteil der Bevölkerung in äußerster Armut Selbstverständlich profitierte und profitiert auch eine kleine einheimische korrupte Clique. Diese imperialistische Ausbeutung und Unterdrückung der Minenarbeiter, der Bauern, des gesamten peruanischen Volkes konnte rief massiven Widerstand hervor, es kam zur Gründung des Sendero Luminoso.


Gesamtansicht des Ausstellungsraums

Der Leuchtende Pfad

Die Ideologie des leuchtenden Pfads beruht einerseits auf den Schriften von José Carlos Mariátegui (1894–1930) (1), einem peruanischen Intellektuellen und Marxisten, anderseits auf einem – auf die Realität von Peru angewandten Maoismus. Der Sendero Luminoso wird in der transatlantischen Propaganda als Guerilla Organisation oder als „Terrororganisation“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich beim Sendero um eine Volksbefreiungsbewegung, die sich in den 1960iger Jahren unter Dr. Abimael Guzmán von der kommunistischen Partei Perus abspaltete. Guzmán begann seine politische Arbeit an der Universität von Ayacucho, wo er als Professor für Philosophie lehrte. Bei der Formulierung seiner Ideologie berief er sich ausdrücklich auf Mariátegui und auf Mao Ze Tong. Er hatte China während der Kulturrevolution bereist war tief beeindruckt von den Erfolgen der chinesischen Revolution.

Nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1980 beteiligten sich so gut wie alle Linksparteien in Peru an den Wahlen. Nicht so der Sendero Luminoso – dieser rief zum bewaffneten Kampf und zum Widerstand gegen die imperialistische Ausbeutung und Unterdrückung auf. Dieser militante Widerstand war keine spontane Aktion, sonder sorgfältig geplant. Über Jahre hinweg waren die KämpferInnen rekrutiert und ausgebildet worden. Der Aufstand begann denn auch nicht in den Metropolen sondern auf dem Land und dehnte sich von dort weiter aus. In der Folge sah die peruanische Armee in jedem Arbeiter, in jeder Bäuerin potentielle Anhänger der Bewegung und bekämpfte sie dementsprechend mit Staatsterror und Gewalt. Dies und die wachsenden militärischen Erfolge des Sendero Luminoso brachten der Bewegung mehr und mehr Anhänger.

Um das Jahr 1990 herum gehörte ungefähr die Hälfte des Landes zum befreiten Gebiet des Sendero Luminoso. Eine von keiner Großmacht unterstützte und schwach bewaffnete Organisation hätte unmöglich solche Erfolge realisieren können, wenn sie nicht die Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite gehabt hätte. Die Revolutionäre bewegten sich - dem Wort von Mao Ze Tong folgend - im Volk wie die Fische im Wasser.

Die Zerschlagung des Sendero Luminoso

Nun ging das Militär zu einer noch brutaleren Strategie der Unterdrückung über: Ganze Dörfer wurden für die angebliche Unterstützung der Guerilla bestraft, es kam zu Massakern, die Verhafteten wurden schon fast routinemäßig gefoltert. Offiziere, die Quechua (2) sprachen, wurden in der traditionellen Kleidung der Bauern in die Dörfer eingeschleust, um dort zu spionieren.

Im September 1992 wurden Abimael Guzmán und ein Grossteil des Kaders des Sendero Luminoso bei einer handstreichartigen Aktion des Militärs in Lima verhaftet. Der Sendero Luminos war zerschlagen. Die darauffolgende demütigende Zurschaustellung von Dr. Guzmán in einem gestreiften Sträflingsanzug erinnert fatal an die Hollywood-Inszenierung, welche die USA im Jahr 2005 mit Saddam Hussein veranstalteten. Hier wie dort wird die Justiz verhöhnt, die Angeklagten werden bewusst erniedrigt, es geht nicht um Gerechtigkeit, es geht um Rache, welche das System an denen übt, die es wagen, Widerstand zu leisten. Mit einem Wort: Mit solchen Prozessen sollen Exempel statuiert werden.

Dr. Abimael Guzmán und unzählige seiner GenossInnen sind noch immer in Haft. Egal welche „demokratisch gewählte“ Regierung in Peru gerade die Interessen der imperialistischen Konzerne vertritt, die Gefangenen bleiben gefangen, der Rechtsstaat bleibt eine Illusion. (3)

Die Kunst zu überleben

Wir wissen von Langzeitgefangenen, dass Kultur, Musik, Literatur und Malerei für sie innerhalb der Mauern überlebenswichtig sind. Im den Knästen der Türkei gründete sich die revolutionäre Band Grup Yorum. Die Briefe von Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis sind Literatur. Die Langzeitgefangenen in den Kerken von Peru haben angefangen, sich künstlerisch zu betätigen und ihre Bilder und Skulpturen durch Angehörige und GenossInnen aus den Zellen geschmuggelt. All dies ist nicht einfach ein Weg, sich zu artikulieren, es ist ein Weg, den Kampf mit andern Mitteln fortzusetzen, es zeigt dem System und uns allen: „Seht her, es ist ihnen nicht gelungen uns zu brechen!“

Politische Gefangene, die zu 25 Jahren und länger verurteilt wurden und nach Ablauf dieser Zeit auf unbestimmte Zeit weiter einsitzen, malen Bilder, die unglaublich präsent sind: Bilder aus dem Alltag des peruanischen Volkes, Bauern welche die Saat ausbringen, Frauen die Waren auf den Markt tragen, Kinder, welche die Hoffnung auf die Zukunft ausdrücken sind Motive dieser Werke. So unterschiedlich die Bilder auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Wer sie betrachtet, spürt die Macht und die Energie, die von ihnen ausgeht. Da ist nichts von Resignation oder Schmach, da ist der ungebrochene Wille zum Kampf, der ungebrochene Wille zur Freiheit.

Ausstellung Volkskunst „Freihand“

Das Baseler Bündnis gegen den imperialistischen Krieg hatte vom 9. bis 18. April 2021 in Basel Gelegenheit, gemeinsam mit GenossInnen aus Peru Werke der politischen Gefangenen zu zeigen. Der Titel der Ausstellung „Volkskunst Freihand“ ist gut gewählt. In der Tat bekam das Publikum hier Kunst, gemacht vom Volk für das Volk zu sehen. Nicht nur zahlreiche Bilder wurden ausgestellt, sondern auch gebrannte Keramik-Skulpturen. Dass die Mitglieder dieses Volkes, die KünstlerInnen, allesamt in peruanischen Gefängnissen zum Teil drakonische Strafen absitzen, ist ein Abbild der peruanischen Realität. Peruanische GenossInnen, während den Öffnungszeiten immer anwesend, erklärten den BesucherInnen fachkundig die Umstände, unter denen die Werke entstanden und nach Europa gebracht worden waren. So hörten wir zum Beispiel, dass die Keramik-Werke ganz besonders wertvoll sind und zwar nicht im Sinn des Kunstmarktes. Eine Gefangene, die so eine Skulptur erschafft, weiss nie, ob es das Werk auch wirklich bis zum Brennofen schafft oder ob es nicht als „Strafmassnahme“ zerstört wird. Wir erfuhren auch, dass die Bilder anlässlich einer Ausstellung in einem Privathaus in Lima gezeigt wurden. Diese Ausstellung wurde von der Polizei gestürmt. Es ist jedoch gelungen, die Bilder zu retten. Die Leinwände wurden danach von den Rahmen entfernt, zusammengerollt, nach Europa verbracht und hier neu gerahmt.

Die Werke

Jedes einzelne der ausgestellten Werke hat eine eigene Geschichte, sowohl eine Entstehungsgeschichte, als auch eine Geschichte, die nach der Vollendung des Werkes spielt. Ebenso wie die KünstlerInnen sollen auch deren Werke möglichst aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden. Einige der Bilder weisen denn auch, bei genauerer Betrachtung, Spuren auf, die auf das „Leben der Bilder im Untergrund“ zurück zu führen sind: Leichte Beschädigungen, auf welche die meisten BetrachterInnen erst aufmerksam gemacht werden müssen.

Eine kleine Auswahl der gezeigten Werke seien hier vorgestellt:


Der Hausierer, Acryl auf Holz (23 x 27.5 cm)
Anonymer Künstler
Informelle Arbeit der armen Massen für den täglichen Lebensunterhalt ihrer Kinder. Diese Menschen stehen in aller Frühe auf und verkaufen Waren bzw. Lebensmittel am Straßenrand. Anfangs der Pandemie wurde Ausgangssperre, vor allem in Lima aufs härteste durchgesetzt. Diese Menschen hungerten zu Hause oder sie liefen Gefahr auf der Strasse von Polizei oder Militär erschossen zu werden. (Was auch immer wieder geschah).


Ewige Kette, Acryltechnik auf Leinwand (60 x 90 cm)
Pilar Meneses, 2017, politische Gefangene, verurteilt zu 35 Jahren Gefängnis ohne Strafmilderung.
Das Werk prangert ausdrucksstark die illegalen Gerichtsprozesse an. Nur wer schon anders denkt, hat mit 12, 15, oder wie im Fall von Pilar Meneses mit 25 Jahren Gefängnis zu rechnen.


Die Zukunft gehört uns, Öl auf Leinwand (120 x 180 cm)
Gemeinschaftswerk von drei Frauen. „Wie Samen sprießen sie den Wiesen, die neue Generation erhebt sich kraftvoll unter dem blauen Himmel, um den immerwährenden Frühling einzuläuten. So sehr man die Blumen auch abschneidet, niemand kann den Frühling aufhalten!


Die Denkerin, Keramik
Elena Yparraquirre Revoredo. Die Mitkämpferin, Lebensgefährtin und schließlich Ehefrau von Dr. Dr. Abimael Guzmán wurde zu zweimal lebenslänglich verurteilt. „Die Denkerin“ Terrakotta ist unter dem Eindruck der langen Gefangenschaft, inklusive der Isolationsfolter entstanden. Elena war während dieser Zeit 23 Stunden im Tag in ihrer Einzelzelle eingeschlossen, eine Stunde Hofgang wurde ihr zugestanden, oft wurde ihr auch das verweigert.

Widerstand ist Hoffnung

Es ist kein Zufall, dass ein wichtiger Tag der Ausstellung auf den 17. April, den internationalen Tag für die politischen Gefangen fiel. Anlässlich dieses Tages, der überall in der Welt begangen wird, wurden Grußbotschaften an die politischen Gefangenen weltweit verlesen: Peru war der Ausgangspunkt, die Solidarität jedoch ist international, sie geht nach Palästina, in die USA, insbesondere zu den Gefangenen des afroamerikanischen Widerstandes, die zahllosen politischen Gefangenen der Türkei, namentlich Ali Osman Köse sie wurden ebenso gegrüßt wie Julian Assange, George Ibrahim Abdallah und viele andere. Solidarisch erwähnt wurden auch die vom Imperialismus angegriffenen Länder, Jemen, Afghanistan, Libyen, Syrien und andere. Syrien wurde aus mehreren Gründen genannt: Der 17. April ist gleichzeitig auch der Unabhängigkeitstag der Syrisch Arabischen Republik. (4) Ausserdem herrscht im Norden des Landes die noch immer andauernde illegale Besatzung durch die USA und deren Lakaien, ebenso die illegale, mörderische Blockade gegen das syrische Volk. Diese imperialistischen Angriffe verurteilten die Anwesenden scharf und sie solidarisierten sich gleichzeitig mit den angegriffenen Ländern ebenso wir mit den politischen Gefangenen.

Die an der Ausstellung gezeigten Werke zeugen vom Widerstand der politischen Gefangenen in den peruanischen Gefängnissen. Dieser Widerstand wird unter schlimmsten Bedingungen geleistet, die sich ein Mensch überhaupt vorstellen kann. Dieser Widerstand manifestiert sich in den geschaffenen Werken, in den Liedern der Grup Yorum, in jedem Atemzug, in jedem Herzschlag der Gefangenen. Dieser Widerstand macht Hoffnung.

Corona ist überall!

Die Ausstellung in Basel fand auf private Initiative und auf privatem Grund statt. Die OrganisatorInnen achteten bewusst darauf, Türen und Fenster des Ausstellungsraumes offen zu halten. Zu keiner Zeit waren in den Räumlichkeiten mehr Menschen anwesend, als es die Schweizer Covid-Befehle erlaubten. So blieben wir denn auch von den Ordnungsmächten unbehelligt. Der Ausstellungsraum liegt an einer Wohnstrasse und ist von außen her gut einsehbar. Es kam immer wieder vor, dass spontan Leute, die wir nicht persönlich eingeladen hatten, herein schauten. Dies war während der ganzen Dauer der Ausstellung kein Problem. Ausgerechnet am letzten Tag kam eine Dame, Hygienemaske vor dem Gesicht, in den Raum und verlangte lautstark zu wissen, weshalb hier niemand eine Maske trage. Wir erklärten ihr geduldig, dass dies hier nicht notwendig sei, es handle sich um eine private, nicht um eine öffentliche Veranstaltung, die Luftzirkulation und die Abstandsregeln seien gewährleistet. Sie ereiferte sich immer mehr, Corona sei überall, wusste sie zu berichten, und solche Veranstaltungen wie hier könnten wir dann vielleicht mal machen, wenn alle geimpft seien.(!) Die Diskussion mit ihr dauerte bestimmt eine Viertelstunde, dann stieg sie auf ihr Rad und verschwand. Die Angelegenheit wäre nicht wert, hier erwähnt zu werden, indes handelt es sich bei der Dame um eine stadtbekannte Politikerin des linksalternativen Spektrums und um eine langjährige Gewerkschaftssekretärin. Das sich so jemand, anlässlich einer solidarischen Veranstaltung für politische Gefangene genötigt sieht, wie eine Blockwartin aufzutreten, ist doch erwähnenswert – und beängstigend.


Ausstellungsraum von außen


Die Fischerin, Keramik, anonyme Künstlerin


Nieder mit dem unterdrückerischen kapitalistischen Staat und dem korrupten Polizeiapparat!


Die Ummantelung des Lebens, Keramik, anonyme Künstlerin

Die in Basel gezeigte Ausstellung kann nach deren Abbau ausgeliehen werden. Kontaktadresse ist: buendnis.gegenkrieg@gmx.net


Fussnoten:

1 José Carlos Mariátegui: Sieben Versuche, die peruanische Wirklichkeit zu verstehen, Erstauflage Lima, 1928, hier: Berlin 1986 (Exodus Verlag)
2 Quechua, im östlichen Tiefland Perus und in Ecuador, ist eine Gruppe eng miteinander verwandter indigener Sprachvarianten, die im Andenraum Südamerikas gesprochen werden.
3 Siehe dazu auch: „Das internationale Recht aus der Sicht eines juristischen Laien“
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26912
(Letzter Zugriff April 2021)
4 http://sana.sy/en/?p=230108 und http://sana.sy/en/?p=230102
(Zugriff jeweils April 2021)

Online-Flyer Nr. 766  vom 28.04.2021

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