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Aktueller Online-Flyer vom 02. Dezember 2020  

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Kultur und Wissen
Menschen mit Mut
Lifestreamen statt TV glotzen
Thomas Gauer (BewegWas) – interviewt von Andrea Drescher

Der Bürokaufmann Thomas Gauer erblickte 1977 in Mainz das Licht der Welt. Bis 2018 hätte er sich nie träumen lassen, dass er jemals „Widerstand“ als Hobby nennen würde. Er beschäftigte sich mit ganz bürgerlichen Themen wie Lesen & Musik, Oldie- und Seifenkisten Autorennen; jetzt betreibt er gemeinsam mit Partnern die Youtube- und Facebook-Channels BewegWas. Ursprünglich dem eher konservativ-patriotischen Lager nahestehend, positioniert sich der Kanal heute klar auf der linken Seite und erreicht je nach Thema zwischen 1000 und über 900.000 Zuschauer.

Seit wann sind Sie im Widerstand?

Bis 2018 war ich ziemlich mainstream. Mit den Friedensmahnwachen 2014 kamen erste Impulse und ich stellte das Fernsehen ab, um mich der Propaganda zu entziehen. Ich hatte schon länger eine Abneigung bezüglich des sinkenden Niveaus im Fernsehen, wollte meine Lebenszeit nicht mit Talkshows und Werbeeinblendungen vergeuden. Man lockt die Menschen mit Programm – um dann diesen „geistigen Dünnschiss“ in die Hirne einzupflanzen. Ich habe verstärkt Online-Medien konsumiert und dachte mir immer, „70.000 von 83 Millionen schauen sich das an, wir sind nur sehr wenige“. Man fühlt sich sehr allein. Die eigene Partnerin denkt, „Du und deine Geschichten, Du und Deine Verschwörungstheorien …“ Es war schon ziemlich schmerzlich, wenn man nicht ernst genommen wird.

Bei den Mahnwachen waren Sie nie aktiv?

Nein, leider war ich war nie live dabei, habe das Geschehen nur online über die sozialen Medien beobachtet. Hätte ich Menschen wie Owe Schattauer oder Bodo Schickedanz von der Mahnwache Mainz persönlich kennenlernt, hätte ich gewusst, dass ich nicht allein bin, und wäre sicher früher aktiv geworden. Ich wurde aber zunehmend unzufriedener.

Warum?

Der andere Blick, geprägt durch Online-Medien, baut Verdruss auf. Bei den Widersprüchen zwischen den sogenannten Leitmedien und den Alternativen, hatte ich immer das Gefühl, dass es Satire war. Die Bundestagswahl 2017 gab dann den Ausschlag. Laut Martin Schulz sollte es keine weitere Koalition mit der CDU von Angela Merkel geben. Er wollte die GroKo nicht fortsetzen und einen vernünftigen Richtungswechsel sicherstellen. Nach dem Wahlverlust rechnete ich mit Jamaika oder Neuwahlen. Aber als es um die Macht ging, war das nicht mehr relevant. Im Februar 2018 gab es dann Sondierungsgespräche zwischen SPD und CDU und mir wurde klar: egal was ich wähle, ich werde nur nach Strich und Faden belogen.

Dann sind Sie aktiv geworden?

Ja.

Worin bestand Ihr Aktivismus?

Ich stellte mich als Einpersonen-Demo mit Schild „Merkel muss weg“ am 26.02.2018 in Mainz auf den Bahnhof. Ich hatte mich sehr über das offensichtliche Framing der „Merkel-muss-weg-Demo“ in Hamburg aufgeregt. Diese bot Menschen aus der Mitte der Gesellschaft eine Plattform, gehört zu werden. Maurer, Bäcker, H4-Empfänger, Anwälte – alle möglichen Menschen äußerten am offenen Micro ihre Unzufriedenheit – und auf einmal waren das alles Rechtsradikale.

War es denn keine rechte Demo?

Ja und nein. Dort kamen auch rechte Themen zur Sprache. Aber es waren mehrheitlich Menschen aktiv, die vom System ungerecht behandelt wurden und ihrem Unmut Luft machen wollten. Sie wollten die Probleme in ihrer kleinen persönlichen Welt thematisieren. Als ich sah, wie diese Menschen bekämpft, wie sie verängstigt und eingeschüchtert wurden, dachte ich mir: die kriegen Ärger, weil sie ihre eigene Wahrnehmung aussprechen. Das geht nicht. Ich wollte den Menschen in Hamburg zeigen, es gibt in Mainz auch jemanden, der die gleiche Haltung hat. Auch unter dem Motto Merkel muss weg. Dass das ein „rechtes“ Branding war, war mir zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst. Ich war ja anfangs wirklich unpolitisch.

Haben Sie das länger gemacht?

Die Demos in Mainz gingen bis September 2019. Zunächst stand ich montags allein am Bahnhof, habe mit Interessierten diskutiert und alles mit Kamera für Youtube eingefangen. Es gab nie Gegenproteste. Am 19.3 kamen drei ältere Damen dazu, extra um mich zu unterstützen, und ab diesem Moment wurde es mehr. Die Woche drauf kamen aufgrund der Anmeldung bei der Versammlungsbehörde rund 100 Teilnehmer und ca. 80 Gegenprotestler vonseiten der ANTIFA zum Bahnhof. Viele Menschen kamen auf mich zu und dankten mir für meinen Mut. Da wusste ich noch nicht, welche Ausmaße es annehmen würde, wenn man gegen die Regierung protestiert. Viele AFD-Mitglieder waren dabei, zwar in „zivil“, ohne Fahne, aber namhaft – und gleich passend dazu auch mehrere Fotografen. Im Nachhinein kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Demo gezielt unterlaufen und in die rechte Ecke gedrückt werden sollte.

Im April 2018 hatten wir zwei sehr gute Demos mit 80.000 Aufrufen des Lifestreams auf Facebook – daraus entstand zunächst der Kanal Merkel-muss-weg-Mainz auf Youtube und Facebook. Der Name erschien aber bald unpassend, denn wir wollen in der Gesellschaft etwas bewegen, einen Dialog anstoßen, Menschen aktivieren, etwas zum Guten verändern – und nicht nur eine Regierung loswerden. So entstand der Name BewegWas.

Und ihr wart eher rechts verortet?

Naja, bis Mai ging es nie um Themen wie Migration, sondern um Kritik an der Regierung. Dann wurden wir als BewegWas nach Kandel eingeladen – wo auf einer rechten Demo aufgrund der Vergewaltigungen von jungen Mädchen gegen Flüchtlinge demonstriert wurde. Wir haben in unser Rede sehr deutlich thematisiert, dass Flüchtlinge ebenfalls Opfer sind, dass mit der Flucht nur Geschäft gemacht wird und wir alle – Entschuldigung – verarscht werden. Viele Demoteilnehmer haben uns zugestimmt. Ich habe versucht, einen Gesamteinblick über den Raubtierkapitalismus zu geben, damit die Hetze gegen Menschen aufhört. Die Kritik am kapitalistischen System wurde von den Demo-Organisatoren aber nicht sonderlich geschätzt und wir waren nicht mehr willkommen.

Bei uns im Orga-Team gab es dann im August 2018 eine Spaltung, da wir uns nicht von rechts vereinnahmen lassen wollten. Für andere waren wir dann „der linke Kanal“. Die Rede „Geschäftsmodell Migration“ haben wir im September in Hamburg wiederholt. Und auch da die gleichen Reaktionen: Positive Rückmeldungen der Demonstranten, Ärger mit der Orga.

Bei rechten Demos stehen immer die gleichen Protagonisten vorne und steuern das Ganze. Sie sorgen dafür, dass der Unmut über die Migration hervorgehoben und alles andere kategorisch abgeblockt wird. Man scheint nicht zu wollen, dass die Menschen aufgeklärt werden.

Ende September 2018 in Chemnitz wurde es dann aber abstrus. Wir waren vor Ort, haben mit dem Orga-Team von Pro-Chemnitz gesprochen. Das waren teilweise linke Punks, die als Rechtsradikale hingestellt werden. Man legte es darauf an, gewalttätige Bilder zu provozieren, das gelang aber nicht. Der Chefordner, ein Deutsch-Russe und selbst Punk, hat auf dem Marsch unter den 10.000 Menschen fünf eingeschleuste NPD-ler entdeckt. Als die anfingen ätzend zu skandieren, hat er sie aufgefordert, ihre eigene Demo zu machen, da Rechte nicht erwünscht waren, und sie einzeln von der Demo entfernt. Ca. 1000 Demonstranten haben über diesen Rauswurf gejubelt. Darüber wurde zwar nie von den Leitmedien berichtet, ich habe das Video aber gespeichert. Seitdem ist mir bewusst, wie der Staat agiert. Die Leitmedien berichten falsch und der Staat provoziert, um passende Bilder zu bekommen. Dem muss man klaren Protest entgegensetzen.

Warum haben Sie in Mainz dann Schluss gemacht?

Der Gegenprotest wurde immer gewalttätiger – so wurde u.a. eine Opernsängerin auf eine zweispurige Schnellstrasse geschubst. Dass an diesem Tag sämtliche Überwachungskameras in der Gegend ausgefallen sind und wir juristisch dagegen nicht vorgehen konnten, war wohl reiner Zufall. Das war die letzte offizielle Demo, da wir als Orga die Verantwortung nicht übernehmen konnten. 2019 haben wir uns im März offiziell aus dem patriotischen Lager verabschiedet.

Wie ging es mit Ihrem Widerstand weiter?

Wir haben Videos für andere erstellt und verstärkt mit anderen Aktivisten zusammengearbeitet. Das Video „Ich schweige für die Meinungsfreiheit“, mit dem gegen die Löschung des Youtube-Kanals von Nuoviso protestiert wurde, haben wir geschnitten. Journalisten, Blogger und Youtuber von links bis rechts haben dabei mitgemacht. Mitte 2019 war ich erstmals bei „Koblenz in Dialog“ dabei, da begann ein sehr befruchtender Austausch mit Menschen wie Sabiene Jahn, Wolfgang Effenberger, Dirk Pohlmann oder Hermann Ploppa. Wir hatten aber auch Kontakte in die Q-Anon-Szene.

Wie würden Sie diese einschätzen?

Ähnlich wie die rechte Szene. Sie sind erst sehr nett und freundlich, werden aber autoritär, wenn man ihrem Narrativ nicht folgt. Und gerade in der Q-Anon-Szene haben wir festgestellt, dass – wie in der rechten Szene übrigens auch – viele aktiv sind, die ihren Aktivismus als Geschäftsmodell betreiben. Recherchiert man, stellt man auch fest, dass viele ursprünglich aus der rechten Szene stammten. Keiner weiß, welche Intentionen das Q-Netzwerk hat, aber in meinen Augen sind Q-Anons bestenfalls Kaffeesatzleser. Wir haben uns sehr schnell davon fern gehalten, auch wenn die Angebote – höhere Verbreitung über die großen Telegram-Kanäle – sehr verlockend waren.

Sie haben jetzt aber auch schon gute eigene Reichweite?

Stimmt. 2020 war aber auch heftig. Im Februar habe ich zwei Aktivisten von Kündigt Ramstein kennengelernt und der Kampagne die Unterstützung seitens BewegWas angeboten. Die Geradlinigkeit und Herzlichkeit der beiden Aktivisten, denen ich in Koblenz begegnete, hat mich überzeugt. Zwei Videos zur Mobilisierung wurden von uns erstellt und am 30.5. haben wir den Lifestreams von Mainz aus organisiert.

Im April und Mai gab es bei den Corona-Demos in Frankfurt wieder Konflikte mit der ANTIFA. Aufgrund von Bedrohungen haben wir uns daher wieder zurückgezogen. Für mich ist es völlig unverständlich, wie manche dort agieren. Auf den Demos gab es sehr scharfe Kapitalismuskritik, weil viele die Corona-Maßnahmen nicht als Ursache, sondern nur Mittel zum Zweck für die aktuellen Probleme sehen. Also eigentlich klassische ANTIFA-Themen. Es gibt wohl nicht DIE ANTIFA – es gibt solche und solche. Auch da muss man differenzieren, nicht nur bei „rechten“ Demos.

Am 1.8. und 29.8 waren wir gemeinsam mit Kündigt Ramstein Airbase und Netzwerk Impfentscheid auf dem LKW im Demozug in Berlin – von dort gab es unsere Livestreams. Und auch am 10.10. beim Schweigemarsch bin ich mitgelaufen.

War das nicht anstrengend, Sie sind doch schwerbehindert?

Ja – aber was soll ich machen? Ich muss doch etwas tun. Außerdem bin ich schon hart im nehmen und hatte – als ich wirklich nicht mehr konnte – richtig Glück.

Inwiefern?

Nach ca. der Hälfte der Strecke war ich fertig und wollte mir einen E-Roller organisieren. Da gab es aber technische Schwierigkeiten. Ein Berliner sah, dass ich mit Klappstuhl, Rucksack, Tasche, Regenschirm und den Geräten für den Livestream unterwegs war und Probleme hatte und sprach mich an. Ich erzählte ihm, dass ich zum Endpunkt an die Siegessäule kommen muss. Daraufhin hat er mich mit seinem Motorroller `rübergefahren und wollte dafür keinen Cent. Er meinte nur: „Nee Leute, es ist geil, was ihr macht. Und wenn du zur Orga gehörst, ist es das mindeste was ich machen konnte.“ und ist wieder gefahren. Ein Fremder half mir, weil er der Meinung war, es ist wichtig, was ich tue. So was macht Mut, weiter zu machen, auch wenn die Situation nicht immer erfreulich ist.

Was bedeutet denn Mut für Sie?

Mut ist eine Eigenschaft, die man aktiv erwirbt. Der Mutmuskel muss trainiert werden. Aber es fühlt sich auch unglaublich gut an, wenn man es trotz Angst, trotz möglicher Repressalien, gemacht hat. Das weiß man aber erst, wenn es hinter einem liegt. Ich bin sehr froh, dass ich im Februar 2018 den ersten Schritt gegangen bin.

Danke für Ihren Mut – weitermachen!


Online-Flyer Nr. 755  vom 23.10.2020

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