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Aktueller Online-Flyer vom 13. April 2021  

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Globales
Eine Betrachtung aus Österreich
Der philozionistische Antisemitismus
Von Hubert Krammer

Es gibt seit längerem einen auffälligen Schulterschluss, der in den westlichen Ländern und insbesondere in den Nazinachfolgestaaten Österreich und Deutschland beinahe sämtliche systemrelevante Fraktionen miteinander vereint. Staatliche und nichtstaatliche Akteure, Parteien, NGOs und Einzelpersonen von den Grünen und der Linken bis zur AFD und der FPÖ, Reaktionäre, Rechtsradikale, Autonome, Liberale und Neoliberale haben einen seltsamen Konsens gefunden: die Solidarität mit Israel und das Klagen über einen angeblichen linken, einen antiimperialistischen oder auch einen muslimisch/ arabischen Antisemitismus, eingeschleppt durch die Migration, durch die „Horden“ aus den islamischen Ländern. Medien und Intellektuelle gelten als Multiplikatoren dieser Botschaft und die Justiz wird immer öfter zu ihrem Vollstrecker. Wäre es nicht so absurd und tragisch, wäre es zum Lachen. Selbst angebliche Linke klagen über einen linken Antisemitismus, während bekannte Holocaustleugner in Yad Vashem weiterhin Kränze niederlegen dürfen. Im deutschen Bundestag wurde ein entschlosseneres Vorgehen gegen die BDS-Bewegung beschlossen, die wieder einmal mit dem inflationären Antisemitismusvorwurf belegt wurde. Keine Partei forderte gegen die BDS („Boykott, Divestment and Sanctions“ - „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“)- Bewegung härtere Maßnahmen als die rechtsradikale AFD [1], die Israelkritiker am liebsten im Knast sehen möchte. Aber im Grunde genommen unterscheidet sich ihre Position nur in Nuancen von dem Standpunkt aller Parteien links von der AFD bis hin zu den proisraelischen EtikettenschwindlerInnen, die den ehrenwerten Begriff „Antifa“ für sich beansprucht und damit in den Schmutz gezogen haben. Jegliche Kritik an israelischer Siedlungs- und Besatzungspolitik und jeder Hinweis auf Apartheid gelten mittlerweile als antisemitisch. Diffamierungen und Rufmord als die noch gemäßigten Varianten zionistischen Vorgehens ist das Mindeste, das den KritikerInnen Israels daraufhin widerfährt. Worüber aber keiner redet, ist der philozionistische Antisemitismus, obwohl es sich dabei um den aktuell am stärksten verbreiteten und effektivsten Antisemitismus handelt. Unter dem Deckmantel des angeblichen Antiantisemitismus wird Apartheid, Vertreibung und Siedlerkolonialismus zum sakrosankten zionistischen Privileg erklärt: wer daran zweifelt, soll  sich nach dem Willen einflussreicher politischer Kreise bald strafbar machen, sobald die bereits formulierten und angekündigten Gesetzesänderungen aus der Schublade geholt werden. Aber das ganze Kartenhaus des Philozionismus ist instabil und alle warten auf das Kind aus dem Märchen, das feststellt, dass der Kaiser nackt ist. Dieser Artikel bemüht sich daher um eine vernachlässigte Perspektive auf das Phänomen des Antisemitismus.

Stille Post

Als unter der Initiative der österreichischen rechtspopulistischen Regierung im Spätherbst 2018 der „Gipfel gegen Antisemitismus und Antizionismus“ abgehalten wurde, erhielt Kanzler Kurz einen Brief von 34 jüdisch-israelischen AkademikerInnen und KünstlerInnen. Die UnterzeichnerInnen des Briefs protestierten gegen die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus und erklärten die Unterschiede so einfühlsam, dass sie selbst einem aufgrund seines jugendlichen Alters politisch unerfahrenen Laien nachvollziehbar werden sollten. Wundert es Sie nicht, dass Sie bisher nichts von diesem Brief gehört haben? Oder vom Brief, den 240 ebenfalls israelische Wissenschaftler an den deutschen Bundestag geschrieben haben, um gegen die Verurteilung der BDS-Bewegung zu protestieren? Die jüdische Kritik am Philozionismus ist nicht neu, eher überrascht der Umstand, dass sie trotz Indoktrination und den Privilegien der Apartheidgesellschaft auch von jüdischen Israelis geäußert wird. Etwa 70 Jahre zuvor war ein weiterer Brief von jüdischen Intellektuellen ignoriert worden, der aber immerhin am 4.12.1948, also bereits ein halbes Jahr nach der Gründung des zionistischen Staates, in der New York Times veröffentlicht worden war. Prominente WissenschaftlerInnen wie Albert Einstein und Hannah Arendt hatten darin gegen die Einreise von Menachem Begin in die USA protestiert und ihm vor allem wegen dem Massaker in Deir Yassin vorgeworfen, Mitglied einer faschistischen Partei zu sein. Damit meinten sie die Herut (Cherut), die sogenannte Freiheitspartei, der Vorgänger der heutigen Likud-Partei von Netanyahu. Die Cherut war ihrerseits die politische Nachfolgeorganisation der Irgun, eine rechtszionistische Terrororganisation, die unter anderem 1946 den Bombenanschlag auf das King David Hotel in Jerusalem durchführte. Die AkademikerInnen beklagen in dem Brief, dass sich die Partei als Nachfolger dieser paramilitärischen Organisation namens Irgun Zwai Leumi gegründet hatte und zählten einige ihrer bekanntesten Verbrechen auf. Inhaltlich hätten „sie eine Mischung von Ultranationalismus, religiösem Mystizismus und rassistischer Überlegenheit gepredigt“ und es sei unakzeptabel, dass die US-Regierung eine solche faschistische Gruppierung unterstütze oder deren Vertreter empfange.[2] Nun wissen wir, dass sich der Likud in den letzten Koalitionsregierungen mit Parteien verbündet hat, die noch nationalistischer und rechtsradikaler sind als er selbst, so dass er mittlerweile als Partei der Mitte angesehen wird (obwohl er seit Begins Zeiten kontinuierlich nach rechts gerückt ist. Im Vergleich zum heutigen Likud wirkte die damalige Cherut vom steckbrieflich gesuchten Begin jedenfalls eher gemäßigt).

Die jüdische Kritik am Zionismus ist so alt wie der Zionismus selbst und blieb bis zur Gründung Israels die dominierende Strömung im Judentum. Auch heute noch handelt es sich dabei um eine laute Stimme gegen Rassismus und Kolonialherrschaft. Doch während der jüdische Antizionismus totgeschwiegen werden konnte, wurde die israelische Agenda in den westlichen Ländern zur Staatsräson erklärt und die antisemitische Gleichsetzung von Zionismus und Judentum vorangetrieben, um jegliche Kritik an israelischer Apartheid und am zionistischen Siedlerkolonialismus zu verhindern.

Deshalb ist es gar nicht so leicht, die Steine zu finden, aus denen das Mosaik des philozionistischen Antisemitismus zusammengesetzt ist. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wird daher versucht, in diesem Artikel einige seiner wichtigsten Kennzeichen zu sammeln.

Die israelische Haltung zum Rechtsradikalismus - Wie rechts ist Israel?

Manchmal leistet sich Israel aus Imagegründen - und auch, um den eigenen Mythos zu polieren - eine verbale Distanzierung von europäischen Rechtsradikalen, während in der Realität eine gänzlich andere Haltung zu beobachten ist: Alle rechtsnationalistischen Parteienvertretungen pilgern in unregelmäßigen Abständen nach Israel und besuchen auch die israelischen Gedenkstätten zum Holocaustgedenken. Außer ein paar wenigen Kellernazis sieht die gesamte rechtsradikale oder „rechtspopulistische“ Bewegung in Israel einen Verbündeten gegen den Islam und gegen die bereits von Herzl beklagte Barbarei. [3] Ob Identitäre, ob die rassistische Homepage „political incorrect“, ob die Rechtsnationalen von Marine Le Pen bis zu Geert Wilders oder dem früheren österreichischen Rechtsaußen H.C. Strache... alle rassistischen Bewegungen und Einzeltäter sind heute prozionistisch. Während es noch immer Mitglieder der Autonomen Antifa gibt, die denken, ihr Engagement für Israel sei irgendwie antifaschistisch, trifft sich die israelische Regierung in unregelmäßigen Abständen mit „rechtskonservativen“ oder eher rechtsradikalen Parteien. Bolsonaro in Brasilien, Orban aus Ungarn, Trump oder die 2019 gesprengte rechtsrechte österreichische Regierungskoalition gelten etwa alle als Netanyahus beste Freunde. Und tatsächlich sind sie alle nur Waisenkinder im Vergleich zur letzten israelischen Regierung unter Netanyahu, die fast durchgehend aus rechtsradikalen Mitgliedern bestand. Miri Regev etwa, die Kulturministerin, die sagte: „Ich bin stolz, eine Faschistin zu sein.“ Zuvor hatte sie sudanesische Flüchtlinge mit einem Krebsgeschwür verglichen und damit Pogrome gegen afrikanische Flüchtlinge ausgelöst. Die darauffolgende Entschuldigung richtete sich ausdrücklich nur an die Krebskranken, während Regev betonte, sie wollte keinesfalls die Sudanesen mit menschlichen Wesen gleichsetzen. Nach einer Umfrage des Israelischen Demokratie Instituts (IDI) stimmten damals 52% der Israelis Regevs rassistischen Statements zu. [4] Es sagt einiges über die israelische Kultur aus, dass eine Politikerin mit derart primitiven Ansichten zur Kulturministerin ernannt wurde.

Diese Regierung bildete aber gar keine Ausnahme, sondern repräsentierte die zionistische Politik, die seit über 70 Jahren gegenüber den PalästinenserInnen und den arabischen Nachbarn  in aller Brutalität angewendet wird, unabhängig davon, welche Partei gerade an der Macht war. In den wesentlichen Punkten verfolgten alle bisherigen Regierungen die gleiche Linie, egal ob es sich um die Arbeiterpartei oder die zuletzt rechteste Regierung in der israelischen Geschichte handelte. Es ist nicht zu erwarten, dass sich das mit der nächsten Regierung ändern wird, die sich gerade neu gründet und durch die Koalitionsbildung zeigt, dass für die Besatzung das jeweilige Parteiprogramm keine Rolle spielt.

Jedenfalls zeigt sich, dass sich die aktuelle Parteienlandschaft in Israel durch einen starken Rechtsradikalismus auszeichnet, der die erwähnten neofaschistischen Freunde der letzten israelischen Regierung wie Salvini, Orban, Bolsonaro oder Le Pen vor Neid erblassen lässt. Will ein Wahlwerber wie Netanyahu einen anderen Parteienvertreter um Stimmen bringen, genügt meistens der Vorwurf, dieser sei zu links. Als links galt deshalb auch der jetzige Partner Benny Gantz, der im Wahlkampfvideo ganz stolz seine Kriegsverbrechen vom Krieg gegen Gaza 2014 präsentierte. In seinen Ansprachen prahlte er damit, dass er den Gazastreifen „in die Steinzeit zurückgebombt hat“. [5] Die Kamera schwenkte im Video über die zerstörten Wohnhäuser der palästinensischen Zivilbevölkerung. So was mögen die Siedler, damit kommen KandidatInnen gut an. Der Slogan seines Wahlkampfs lautete übrigens: „Israel über alles“. [6] Wenn das die Linken sind, wie sind dann erst die Rechten? Und nicht nur Netanyahus Kulturministerin war stolz darauf, eine Faschistin zu sein. Auch seine Justizministerin, die dafür geworben hatte, alle palästinensischen Mütter zu töten, damit sie keine Terroristen mehr auf die Welt bringen können und sie mit Schlangen verglichen hatte, warb in einem Wahlvideo damit, sich mit dem Parfum “Fascism“ einzusprühen, das für sie wie Demokratie riecht. [7] Und Minister wie Liebermann oder Naftali Bennett hatten wie die Mehrheit ihrer WählerInnen überhaupt kein Problem damit, als rechtsradikal bezeichnet zu werden. Aktuell ist Israel vermutlich das politisch am stärksten rechtsorientierte Land dieses Planeten.

Für die PalästinenserInnen selbst ist diese Diskussion aber von geringerer Bedeutung. Sie sagen, dass einige der größten Massaker, die gegen das palästinensische Volk begangen wurden, unter der israelischen Arbeiterpartei passierten und es deshalb unerheblich sei, wie rechts oder links eine zionistische Partei angeblich sei. Sie hätten alle gleich menschenverachtend regiert und so etwas wie ein „linker Zionismus“ sei ein Mythos, ein Paradoxon.

Israel als Projektionsfläche – Evangelikale, Antideutsche, Hasbarah und andere Trolle

Im vorgeblich aufgeklärten Westen wird das meistens anders gesehen. Raul Hilberg beschrieb in seinem Wälzer „The destruction of the European Jews“, wie erstaunt alle waren, dass die Deutschen, die sich gerade noch an antisemitischen Pogromen beteiligt hatten, nach Kriegsende in Massen ein „... merkwürdiges Verhalten an den Tag zu legen. –sie lobten und priesen die Juden. ... Der Gegensatz zwischen diesem Phänomen und allem, was ihm vorausgegangen war, war so stark, dass Beobachter nicht umhin konnten, in dieser Zurschaustellung von Gefühlen etwas geradezu Unheimliches zu entdecken. Es schien fast so, als würden die Deutschen zu weit gehen. Das war nicht bloß Reue; gleich ihren germanischen Vorfahren waren die Deutschen drauf und dran, die Erschlagenen zu vergöttern.“ [8]

Aber hier findet sich tatsächlich nur die andere Seite der Medaille: Antisemiten schaffen es nicht, jüdischen Menschen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen – entweder sie betrachten sie als „Untermenschen“ oder sie glorifizieren sie. Das ist beim philozionistischen Antisemitismus nicht anders und die totale Begeisterung kann ähnlich wie in neurotischen Liebesbeziehungen leicht ins Gegenteil umschlagen. Ein Beispiel dafür sind die evangelikalen Christen, zu denen prominente Vertreter der Israellobby wie die gesamte neokonservative Nomenklatura der USA gehören und die so gerne zu AIPAC [9] -Kongressen pilgern. Sie sehen in Israel einfach die Bestätigung einer Bibelstelle, die mit der jüdischen Rückkehr nach Palästina am Ende der Zeiten zu tun hat; und tatsächlich reicht ihre philozionistische Unterstützung nur bis zur Erfüllung dieser Prophezeiung. Danach müssen die jetzt mit Zähnen und Klauen vergötterten jüdischen zionistischen SiedlerInnen geschlossen zum Christentum übertreten und unter der Herrschaft von Jesus „Christus“ wird das tausendjährige Reich (sic!) eröffnet. Anders ausgedrückt wird Israels jüdische Bevölkerung bis zum Armageddon verteidigt, um dann kollektiv abgeschafft zu werden. [10] Wer sich nicht bekehrt, wird zur Hölle fahren, die nicht bekehrten jüdischen Menschen genauso wie alle anderen „Falschgläubigen“ – Hindus, Muslime, Buddhisten und die Atheisten sowieso. Unter allen antisemitischen Freunden Israels gehören diese Evangelikalen sicher zu den radikalsten, aber auch zu den mächtigsten Verbündeten. Diese Freaks bilden das eigentliche Rückgrat der Israel-US-amerikanischen Achse.

Der Einwand ist berechtigt, dass es sich bei deren Theorien nur um theologische Phrasen handelt, die in Wirklichkeit den ökonomischen, militärischen und geostrategischen Interessen an einem prowestlichen Brückenkopf in der Region höchstens als Beilage dienen. Trotzdem wird im Fall von Israel die Theologie sehr häufig bemüht, um von der quasi höchsten Instanz die Absolution für eine inhumane und kriminelle Politik zu erhalten. Vom Mythos des Besitzanspruchs auf Palästina durch die Auserwählung bis zur Segregation und einer aggressiven Außenpolitik dienen die biblischen Texte als Lizenz. Die historische und politische Mythenbildung wird in der Kolonialgeschichte sehr häufig zur Legitimierung von Menschenrechtsverletzungen, Kolonialismus und Kriegsverbrechen herangezogen. Auch Religion kann bekanntlich unterstützend instrumentalisiert werden, um die eigenen Verbrechen als göttlichen Willen betrachten zu können, wie wir von den Kreuzzügen über die Inquisition bis zur Reconquista gut beobachten können. Jedenfalls hilft die theologische Komponente, um die Ungerechtigkeit der zionistischen Besatzungs-, Vertreibungs- und Siedlerpolitik zu übersehen oder gar als Kampf gegen Antisemitismus zu betrachten.

Wobei mit diesem Missbrauch aber auch unterschlagen wird, dass die meisten religiösen JüdInnen immer schon antizionistisch waren. Von einigen fanatischen Siedlerbanden in Palästina abgesehen lehnen nämlich die meisten orthodoxen JüdInnen die zionistische Ideologie als Blasphemie ab. Doch auch die säkularen jüdischen Organisationen betrachteten den Zionismus als antisemitische und nationalistische Ideologie und seine Ansichten als reaktionär. Karl Kraus brachte es mit einem bekannten Zitat auf den Punkt:

„Während die einen rufen: `Hinaus mit euch Juden!´ kommt von der anderen das Echo: `Jawohl, hinaus mit uns Juden!´“ [11]  

Dabei handelt es sich um die stark verbreitete Sichtweise auf den Zionismus als Form des Antisemitismus, die in allen jüdischen Gemeinden Konsens war. Beispielsweise ließ Kaiser Wilhelm Herzl über den Großherzog von Baden ausrichten, er könnte die zionistische Bewegung nicht offiziell unterstützen, um nicht als Antisemit zu gelten. (Herzl 1922: 51) An diese Tradition knüpft die Theorie über den philozionistischen Antisemitismus an, die also keinesfalls eine neue Erkenntnis darstellt, sondern nur aufgrund der imperialistisch-zionistischen PR-Maschine etwas in Vergessenheit geraten ist.

Als im März 2019 die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ den Göttinger Friedenspreis erhalten sollte, intervenierten die Zionisten und warfen der Jüdischen Stimme Antisemitismus vor, weil sie ein Naheverhältnis zur BDS-Bewegung hätte. [12] Das den sogenannten Antideutschen nahestehende Grüppchen „Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus“ demonstrierte auch so vorhersehbar, wie es von ihren Sponsoren erwartet wurde. Wir haben es hier mit Neokonservativen zu tun, die etwa die Aggression gegen den Irak als „ersten antifaschistischen Feldzug des neuen Jahrtausends“ und George W. Bush deshalb auch als „Man of peace“ begrüßten.

Was in Göttingen passierte, können wir auch in vielen anderen Städten beobachten: Wieder einmal sind es vor allem Deutsche, die gegen JüdInnen auf die Straße gehen: soweit nichts Neues, das kennen wir spätestens seit der Kristallnacht. Grotesk ist, dass es gerade diese Deutschen sind, die ausgerechnet der „Jüdischen Stimme“ Antisemitismus vorwerfen. Denn heute dominiert eine rassistische und diskriminierende Haltung dieser selbsternannten Vorkämpfer gegen Antisemitismus gegenüber israel- und zionismuskritischen Jüdinnen und Juden. Damit geht nicht nur die eigentliche Bedeutung des Antisemitismusbegriffs verloren, sondern er wird darüber hinaus ins Absurde verzerrt.

Ähnliches erlebten wir in Österreich auch. Etwa bei sämtlichen Auftritten von Norman Finkelstein, bei jüdischen oder sogar israelischen Vertretern der BDS-Kampagne, bei Veranstaltungen mit Felicia Langer oder Ilan Pappe, usw.: es gibt jedes Mal Saalverbote, Drohungen, Interventionen, Anzeigen, auch körperliche Attacken. Mehrere Städte haben generelle Erlässe herausgegeben, die israelkritische Veranstaltungen verbieten. Und regelmäßig, wenn eine Palästinademo in Österreich oder Deutschland stattfindet, waren rechtzeitig Antideutsche zur Stelle, um zu bezeugen, dass jemand „Tod den Juden“ oder etwas anderes Antisemitisches skandiert oder proisraelische DemonstrantInnen tätlich angegriffen hätte. Da sie sich für Intrigen nicht zu schade, sondern sogar stolz darauf sind und darüber hinaus auf die Sympathie der Justiz zählen dürfen, gab es aufgrund dieser Diffamierungen auch schon Verurteilungen antizionistischer AktivistInnen. Darüber hinaus sollen diese mit Hilfe dieses Rufmords und erfolgreicher Unterstellungen auch in einer gegenüber bestimmten Vorwürfen schon immer unkritischen Linken politisch kaltgestellt und isoliert werden. Wer als Antisemit verleumdet wird, dem oder der wird nicht mehr zugehört und auch keine Gelegenheit mehr geboten, sich zu verteidigen- so leicht geht es, jemanden einfach mundtot zu machen. Anbei einige Beispiele, wie der philozionistische Antisemitismus in Österreich gegen jüdische und sogar israelische Zionismuskritik vorgeht und dabei auf die Unterstützung des gesamten Parteienspektrums zählen kann:

Laut einem Gemeinderatsbeschluss dürfen in Wien keine Räumlichkeiten mehr für Israelkritik zur Verfügung gestellt werden. Das traf beispielsweise auch die jüdischen „Frauen in Schwarz“, die 2016 aufgrund einer Kampagne der ultrarechten FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) keinen Film im sonst äußerst engagierten Amerlinghaus zeigen durfte. Wie im Artikel bereits erwähnt, war es auch in Deutschland gerade die AFD, die ihre Stimme am lautesten erhob, um Zionismuskritik verbieten zu lassen.

Die jüdische Holocaustüberlebende Hedy Epstein (1924-2016) wurde als Zeitzeugin von der Parlamentspräsidentin Doris Bures (SPÖ, also Sozialdemokratische Partei Österreichs) von einer parlamentarischen Veranstaltung über Krieg und Faschismus wieder ausgeladen, weil sie Israel kritisiert und sich an der Organisierung der Gazaflotte beteiligt hatte. [13]

Die frühere arabische Knesset-Abgeordnete Hanin Zoabi war 2019 eingeladen, um im linksliberalen Werkstätten- und Kulturzentrum WUK an einer Veranstaltung teilzunehmen. Diese Veranstaltung wurde untersagt, obwohl Zoabi sogar 10 Jahre lang im israelischen Parlament sprechen konnte. Grund dafür war die politische Intervention der grünen Vizebürgermeisterin Birgit Hebein, nach der erfolgreichen Intrige eines bekannten zionistischen Mitglieds des DÖW (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands).

Auch dem jüdischen ANC-Politiker Ronnie Kasril, einem engen Verbündeten von Nelson Mandela, wurde es wegen seiner BDS-Mitgliedschaft 2019 verboten, zu sprechen; er konnte weder im Wiener Volkskundemuseum noch in einem privaten Hotel auftreten. 2019 durfte nicht einmal der argentinische Film „¡Yallah ¡Yallah“ gezeigt werden, weil dort das Schicksal fußballbegeisterter palästinensischer Kinder thematisiert wurde. (Ibid.)

Wie die angeführten Beispiele zeigen, kann der philozionistische Antisemitismus also auf einen parteienübergreifenden Konsens zählen, um seine politischen Ziele zu realisieren.

Zionisten wollen überall Israelkritik verbieten lassen, das Internet zensieren, Propaganda und Hatespeech verbreiten, sie schämen sich nicht, Tatsachen zu verdrehen oder Menschen etwas in die Schuhe zu schieben. Sie verbreiten Rassismus und Apartheid und bezeichnen die Kritik daran als antisemitisch. Sogenannte „Antideutsche“ und andere Israelfreunde schleichen sich in jede fortschrittliche Organisation, um sie zu zersetzen und entweder zu neutralisieren oder im für sie günstigsten Fall sogar gegen ihre ursprünglich eigenen Ziele kämpfen zu lassen. Mit Hilfe der Antisemitismuskeule haben sie die Linke in mehreren Etappen zerschlagen und gespalten.

Anfangs war es nur eine bestimmte Form der Israelkritik, die sie als antisemitisch verurteilten, kurz darauf jede. Konsequenterweise wurde dann auch jede Form des Antiimperialismus abgelehnt, weil er entweder „obsolet“, „antisemitisch“ oder gleich „faschistisch“ sei. Sie stellen sich aber auch gegen jede Form der Kapitalismuskritik, die sie abwechselnd als verkürzt, regressiv oder schlicht – wenig überraschend - antisemitisch nennen. Das wird mit zwei demagogischen Totschlagargumenten begründet, die naivere Gemüter durchaus beeindrucken könnten:

1. die Kritik am Finanzkapital entspräche ihrer Meinung nach der Einteilung der Nazis in „raffendes“ und „schaffendes“ Kapital und sei daher eben antisemitisch. Dabei wird übersehen, dass die Linke spätestens seit Hilferdings und Lenins Imperialismustheorie unter Finanzkapital Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital verstanden hat und diese Trennung für Linke ohne Leseschwäche also gar nicht besteht.

2. Auch wenn wir seit Brecht wissen, dass Unrecht Namen und Adresse hat: Die Kapitalismuskritik, die sich gegen bestimmte Konzernchefs oder Strategen richtet und nicht im abstrakten intellektuellen Klagen über ein Wirtschaftssystem erschöpft, sei dem Antikapitalismus der Nazis ähnlich, denn die hätten in ihrer Kapitalismuskritik ja auch gegen einzelne jüdische Kapitalisten „personalisiert“.

Beide Kritikpunkte sind nicht nur unfassbar pauschalisierend und an den Haaren herbeigezogen, sie verraten auch viel über den eigenen Antisemitismus derer, die diesen Vorwurf erheben. Offensichtlich unterstellen sie nämlich jedem kritisierten Kapitalisten, einen jüdischen Background zu haben, sonst würden ihre Vorwürfe ja gar keinen Sinn ergeben.

Außerdem sehen sie im Kapitalismus und in seiner eigentlichen Natur als Imperialismus einen Verbündeten und Vertreter der Aufklärung gegen die „muslimischen Horden“. Das verraten Slogans wie: „Wir tragen Gucci, wir tragen Prada – Kampf der Intifada“ oder „Fanta statt Fatwa“, wobei sie selbstentlarvend ein von den Nazis erfundenes Getränk hochloben und damit nicht nur ihre Klassenposition, sondern auch ihre eigentliche politische Orientierung offenbaren. Mit Parolen wie „Arbeiterklasse, wie ich dich hasse“, zeigen sie noch eindeutiger, auf welcher Seite sie eigentlich stehen.

Danach sollte es auch den antirassistischen Bewegungen an den Kragen gehen. Im Kampf gegen die „Multikultihölle“ (sic!) standen ihnen rechtsradikale Bewegungen wie die Identitären viel näher als die Linke, die natürlich immer auch gegen Rassismus eingetreten ist (Der Sprecher der österreichischen Identitären, Martin Sellner, der wegen seiner Kontakte zum Christchurch-Attentäter ins Gerede kam, lobte deswegen auch ausdrücklich die antideutsche Bahamas und namentlich deren Autoren Justus Wertmüller und Stephan Grigat. [14])

Multikulti bedeutet für sie Islam und Araber, die sie vor allem wegen deren Israelkritik zutiefst verachten. Vor allem die Palästinenserinnen und Palästinenser, die sie voller Hass nur als „Palis“, (manchmal auch als "größtes antisemitisches Kollektiv" oder als "Kopfwindelträger") bezeichnen, gelten für sie als verabscheuungswürdiger fremder Einfluss.

Trotzdem nehmen die IsraelanhängerInnen an antirassistischen Initiativen und anderen linken Aktivitäten teil, gilt es doch, sie zu neutralisieren und ihre Kritik in eine proisraelische Richtung zu drängen. Bezweckt wird also die Kanalisierung des Antirassismus und eine Spaltung der Solidaritätsbewegung – durch den Mythos vom importierten Antisemitismus durch die bereits erwähnte „Multikultihölle“ wird suggeriert, dass jemand sich entscheiden muss, entweder Rassist oder ein Antisemit zu sein. Falls das nicht gelingt, dann sorgen Antideutsche dafür, dass sich die Initiativen zumindest in internen Streitigkeiten gegenseitig aufreiben. Ähnlich der Figur des Destructivus im Asterix - Comic vergiften sie den Diskurs und säen Zwietracht und Menschenverachtung.

Zusammengefasst soll hier die erfolgreiche Zersetzungspolitik der Linken als Hauptaufgabe der sogenannten Antideutschen herausgestellt werden: In den beschriebenen Etappen im Propagandakrieg wird erst eine bestimmte, dann jede Form der Israelkritik als antisemitisch diffamiert, dann der Antiimperialismus, dann der Antikapitalismus, schließlich der Antirassismus, der Pazifismus und jede Einstellung gegen einen imperialistischen Krieg. Mittlerweile wird sogar die Antifa angegriffen, indem die AFD von Bahamas-Jounralisten als einzig vernünftige Partei in Deutschland bezeichnet wird, weil sie verhindere, dass durch Multikulti der islamische Antisemitismus eingeschleppt werde und sie außerdem eine aggressive proisraelische Politik verfolge. Thomas Maul betonte konkret, dass die AFD als einzige Stimme der Restvernunft in Deutschland erscheint. [15] Die AfD wäre nach Maul „die einzige israelsolidarische, antisemitismuskritische und – zumindest, was das angebliche muslimische Patriarchat betrifft – patriarchatskritische Partei“ in Deutschland. [16] Wer so antideutsch ist wie Thomas Maul landet leicht bei den Überdeutschen.

Deshalb nennen sich die Antideutschen jetzt auch nicht mehr antideutsch, sondern nur mehr ideologiekritisch (also kritisch gegenüber jeder andern außer der eigenen Ideologie). Auch eine Spaltung wird vorgespielt, indem von rechten und linken Antideutschen phantasiert wird. Da es auch keine ernstzunehmende Spaltung zwischen Links- und Rechtsrassisten gibt, geht es bei dieser neuen Erzählung eher darum, die jeweilige Klientel zu erreichen. Während die einen bei AFD, Pegida und bei Broders Achse der Guten oder der rassistischen „Political incorrect“- Seite fischen, bemühen sich die andern noch immer um die potentiellen Linken. Wobei „die einen oder anderen“ meistens personell identisch sind.

Schließlich kommt es zur Umschreibung der Geschichte und es ist verblüffend, wie erfolgreich selbst die dümmsten Fälschungen sein können. Ein Beispiel: um jeden Anspruch der autochtonen Bevölkerung in Palästina auszulöschen, gibt es mittlerweile gar nicht wenige Israelfans, die tatsächlich davon ausgehen, dass die Palästinenser, die aber gar nicht so heißen würden, sondern zufällig seit Generationen in der Gegend um Palästina herumnomadisieren, eigentlich die ganze Zeit Israel besetzt hätten. Seit die Antideutschen und andere neokonservative und proisraelische „ideologiekritische“ Ideologen auf den Politikwissenschaften oder gar als HistorikerInnen unterrichten, wird diese Version sogar an Universitäten gelehrt. Was heutzutage als Wissenschaft durchgeht, erschöpft sich in Formalismen und der korrekten Beistrichsetzung bei den Quellenangaben, deshalb konnte eine solche Geschichtsfälschung sogar zum Prüfungsgegenstand erhoben werden. Die Wahrheit fällt im wahrsten Sinn des Wortes durch, die Gehirne werden gewaschen und aus wissbegierigen StudentInnen werden nach Karam Khella die „manipulierten Manipulatoren“, die später selbst die verfälschten Versionen an ihre eigenen StudentInnen weitergeben. Im Gegensatz zu den Urhebern der Legenden glauben die nachfolgenden Generationen an ausgebildeten Manipulatoren dann ihre Verschwörungstheorien sogar selbst. Leider kommt eben nur dann alles an die Sonne, wenn es auch jemand zu sagen wagt. Denn wie schon Hannah Arendt feststellte, ist es viel wahrscheinlicher, dass eine erst einmal weggelogene Geschichte für immer verloren ist.

Zur Israellobby gehört auch die Hasbara: Hasbara versucht seit mehreren Jahrzehnten, Propaganda für Israel zu betreiben und ZionismuskritikerInnen zu diskreditieren. Dafür werden proisraelische BloggerInnen und Trolle rekrutiert und auch bezahlt. Die Hasbara ist weltweit im Netz oder den Medien aktiv, untersteht aber dem israelischen Außenministerium, um im zionistischen Sinn „Öffentlichkeitsarbeit“ [17] zu betreiben. (Konkret unterliegt diese Propaganda seit 2006 dem „Ministerium für strategische Angelegenheiten und Hasbara“.) Der Schwerpunkt richtete sich in den letzten Jahren primär gegen die BDS-Bewegung. Hasbara kann als Pionier oder auch als Mutter aller Trollfabriken bezeichnet werden.

Als Argumentationshilfen gibt es die direkte Anleitung des Ministeriums, Trainingsprogramme, ausgewählte Israelbrainwash-Besuche oder etwa das Hasbara- Handbuch, wo die Argumente vorgekaut werden, mit denen der Kritik an Israel begegnet werden soll.  Doch nicht nur israelfreundliche Blogger werden angeworben, in Israel selbst werden Angehörige der Unit 8200, die dem „Aman“ (Nachrichtendienst der Israelischen Streitkräfte) untersteht, dafür eingesetzt. Die Trolle schreiben im Internet, zensieren und bringen die Medien auf Mainstreamlinie. Durch die direkte Kooperation mit den Betreibern werden israelkritische Beiträge auf google, youtube oder Wikipedia gelöscht und durch israelfreundliche Werbung ersetzt.

Ohne die Medienzensur wäre es nicht möglich, dass Israel trotz seiner kolonialistischen Apartheidpolitik die Unterstützung der gesamten westlichen Welt genießt. Das Bild, das  in der Öffentlichkeit über Israel verbreitet wird, stellt die Tatsachen auf den Kopf und hängt mit einer Berichterstattung zusammen, die aufgrund ihrer tendenziellen Ausrichtung nur als Propaganda bezeichnet werden kann. Zwischen Antideutschen, Hasbara-Trollen, Think Tanks, proisraelischen ProfessorInnen, JournalistInnen und PolitikberaterInnen usw. gibt es organisatorische als auch personelle Verflechtungen, mit einem starken Hang zur Zensur und einem durchaus bedrohlichen Potential. Israelkritische Berichterstattung soll mit Hilfe der Antisemitismusvorwürfe verboten und durch eine perfide Form der Repression zum Verstummen gebracht werden. Während die Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen Israels evident sind, soll verhindert werden, dass jemand dagegen aufsteht und protestiert. Die meisten JournalistInnen wissen insgeheim von der Ungeheuerlichkeit dieser Vorgänge, beugen sich aber dem politischen Druck: vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen. [18]

Instrumentalisierung der Naziopfer

Der Zionismus missbraucht das Gedenken an den Holocaust, als wären die Menschen ermordet worden, um damit Apartheid und Siedlerkolonialismus zu legitimieren. Es findet also eine Instrumentalisierung der Holocaustüberlebenden für eigene Interessen statt.

Israel gibt sich als legitimer Erbe der Ermordeten aus und kassierte auch stellvertretend für sie Wiedergutmachungszahlungen. Diese Anmaßung ist angesichts der Tatsache, dass es zahlreiche Fälle der Kooperation zwischen Nazis und Zionisten gab, noch viel unverständlicher, wird aber in aller Regel nicht hinterfragt. Dass ausgerechnet die Kollaborateure als Adressat der Wiedergutmachung gelten, ist ein Zynismus, der seinesgleichen sucht. Indem sich Israel als Alleinerbe des geraubten jüdischen Vermögens darstellt, werden die Überlebenden um ihr Anrecht gebracht und damit noch einmal enteignet. Dadurch findet indirekt eine zweite Arisierung statt. [19]

Außerhalb Israels wurde den tatsächlichen Anspruchsberechtigten eine Wiedergutmachung vorenthalten und selbst jene, die nach Israel siedelten, lebten oft unter der Armutsgrenze. Stattdessen wurden diese Gelder zu einem großen Teil in die aufgeblasene israelische Rüstungsindustrie oder das israelische Atomprogramm gesteckt.

Dass die Nazinachfolgestaaten überhaupt Reparationen zahlten, hatte natürlich nichts mit einer tatsächlichen Reue über die faschistischen Verbrechen zu tun, sondern mit der nützlichen Rolle, die der zionistische Staat in der Region des sogenannten Nahen Ostens für die imperialistischen Länder erfüllt. Wäre dem nicht so, hätten nicht so viele Überlebende ihr ganzes Leben lang mit Deutschland um Entschädigung prozessieren müssen. Auch hätten dann nicht alle ökonomischen Verantwortlichen und ein Großteil der politischen Elite eine so große Rolle in den Nazinachfolgestaaten gespielt. Alle Konzerne, die vom Faschismus profitiert hatten, wurden bereits nach wenigen Jahren nach dem Nationalsozialismus voll rehabilitiert und gehören auch heute noch zu den reichsten und einflussreichsten Unternehmen. Krupp, Thyssen und die umbenannten IG-Farben, Mercedes, VW... Erst vor einigen Jahren wurden den wenigen noch lebenden Naziopfern ein paar Peanuts als Wiedergutmachung gewährt, während in den Aufbau des imperialistischen Brückenkopfs Israel Milliarden investiert wurden.

Gerechtfertigt wird das mit dem Sicherheitsmythos, der nicht ohne ein entsprechendes Bedrohungsszenario funktioniert. Alle jüdischen Menschen dieser Welt werden deshalb immer wieder von israelischen Politikern eingeladen, vor dem steigenden Antisemitismus nach Israel zu flüchten. Tatsächlich ist aber kein jüdischer Mensch irgendwo auf dem Planeten so gefährdet wie in Israel, denn hier wird er oder sie jahrelang in eine kriegführende Kolonialarmee gesteckt und stößt unweigerlich auf den Widerstand, der durch die Besatzung wie die aggressive zionistische Außenpolitik hervorgerufen wird. Der letzte Siedlerkolonialismus dieses Planeten stößt unweigerlich auf die Gegenwehr der Kolonisierten. Auch die inneren Widersprüche (religiöse gegen säkulare, europäische gegen die sephardischen und schwarzen, rechte gegen noch rechtere Israelis, Siedlerbewegung gegen bereits etablierte Siedler, usw.), deren Wurzel vor allem in der rassistischen Ideologie des Zionismus  zu suchen ist, bringen keine Sicherheit. Die kann nur in einer gleichberechtigten Gesellschaft gefunden werden, nicht in einem repressiven Apartheidstaat.

Tatsächlich fand in den Nazinachfolgestaaten keine Form von Wiedergutmachung oder Geschichtsaufarbeitung statt, die diesen Namen ernsthaft verdient hätte: Das betrifft nicht nur die jüdischen Opfer des NS-Faschismus, die instrumentalisiert werden, um israelische Apartheid und Siedlerkolonialismus zu legitimieren und deren zustehende „Entschädigung“ Israel kassierte. Auch sonst wurde die aggressive Politik nach einer kurzen Schrecksekunde fortgesetzt, diesmal unter einem demokratischen und sogar humanitären Deckmantel.

Jugoslawien als von den Nazis überfallenes Land wurde unter der Parole „Nie wieder Auschwitz“ neuerlich angegriffen. Russland ist wieder und immer noch der Feind, die etwa 27 sowjetischen Millionen Opfer der faschistischen Barbarei werden in der Geschichtsaufarbeitung meistens unterschlagen. In dieser realitätsverweigernden Darstellung haben uns nämlich die USA und die westlichen Alliierten von den Nazis befreit, während der sowjetische Sozialismus dank der Totalitarismustheorie, die aktuell gerade ihren dritten Frühling erlebt, mit dem Faschismus gleichgesetzt werden kann.

Im Anschluss sollen die meiner Meinung nach wichtigsten Merkmale des philozionistischen Antisemitismus (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zusammengefasst werden:

    Die Haltung gegenüber dem Antizionismus und gegenüber zionismuskritischen jüdischen Menschen

    In Teilen der autonomen Antifa hält sich ein seltsames Gerücht: Immer noch glauben Österreicher und Deutsche, sie würden etwas gegen Antisemitismus unternehmen, indem sie jüdische IsraelkritikerInnen zum Schweigen bringen. Das ist nicht nur Dummheit und ein Treppenwitz der Geschichte, sondern auch pure Demagogie und Zynismus. Und es ist natürlich auch massiv antisemitisch.

    Der philozionistische Antisemitismus unterscheidet sich also vom Philosemitismus, mit dem er nicht verwechselt werden sollte. Obwohl er selbst nur die Kehrseite des Antisemitismus darstellt und deshalb voller rassistischer Ressentiments steckt, verteidigt der Philosemitismus alles Jüdische, egal ob zionistisch oder nicht. Dagegen vertritt der Philozionismus eindeutig die Position, dass „nur zionistische JüdInnen gute JüdInnen seien“. Jüdische und sogar israelische KritikerInnen des Zionismus gelten nicht mehr als die Betroffenen von antisemitischer Hetze, die etwa die Solidarität von Antideutschen und anderen zionistischen Lobbygruppen verdienen würden, sondern werden selbst massiv angegriffen und als AntisemitInnen diffamiert. Um nur einige der prominentesten Opfer des philozionistischen Antisemitismus zu nennen: Erich Fried, Norman Finkelstein, Judith Butler, Noam Chomsky, Hannah Arendt, Felicia Langer, Ilan Pappe, Moshe Zuckermann, ... die Liste könnte natürlich um zahlreiche Betroffene erweitert werden, wenn man bedenkt, dass auch ganze jüdische Menschenrechtsgruppierungen oder religiöse Organisationen ( wie die Jewish Voice for peace) diffamiert und angegriffen werden.

    Rassismus und Islamophobie

    Rassismus ist eine allgemeine Begleiterscheinung des Siedlerkolonialismus und richtet sich in erster Linie gegen die autochthone Bevölkerung des besetzten und geraubten Gebiets. Beim Zionismus kommt zu dieser kolonialen Haltung noch ein innerer Zersetzungsprozess hinzu, der sich aktuell vor allem gegen MigrantInnen aus den afrikanischen Ländern richtet.

    Einen Sonderfall stellt die Islamfeindlichkeit und Islamophobie dar. Islamophobie bedeutet im Wesentlichen, dass die rassistischen Stereotype, die früher JüdInnen zugeschrieben wurden, sich heute gegen MuslimInnen richten. Antisemitismus ist genauso ein Rassismus wie die Islamophobie, beide Formen können als kulturelle Rassismen bezeichnet werden. Das wird in den Nazinachfolgestaaten nicht als so selbstverständlich betrachtet, wenn neben dem Gerücht des linken auch von einem muslimischen Antisemitismus die Rede ist, der von den Migrantinnen aus den islamischen Ländern importiert worden sei. Das zeigt sich etwa auch, wenn Altzionisten wie Arik Brauer die Versöhnung mit der FPÖ propagierten, aber dafür vor den Gefahren der muslimischen Einwanderung warnen. Das war nicht nur ein Freispruch der Verantwortlichen zugunsten einer Abstraktion. Dabei drückte sich auch unfreiwillig die typische Instrumentalisierung und Relativierung des tatsächlich existierenden Antisemitismus aus, die allgemein vom Zionismus vertreten wird: dass es nämlich kein Problem sei, Antisemit zu sein, solange jemand nur für Israel ist.

    Entgegen der zionistischen Legende war der rassistische Antisemitismus aber immer ein westliches Phänomen. Diese Altlasten würden Eurozentristen gerne den MuslimInnen umhängen, obwohl in den islamischen Ländern der Antisemitismus erst bekannt wurde, nachdem er von den kolonialistischen und imperialistischen Ländern dorthin exportiert wurde.

    Dabei zeigen die Beziehungen von Israel zum salafistischen Saudi Arabien übrigens ein taktisches Verhältnis zum Islamismus - oder besser gesagt, wird die Islamophobie je nach Bedarf vom Zionismus instrumentalisiert. Wie ist das gemeint? Während etwa in den europäischen Ländern durch die selbsternannten IslamexpertInnen, die sich insbesondere aus den sogenannten Antideutschen rekrutieren, die Islamfeindlichkeit geschürt wird, wurden im subversiven Krieg gegen Syrien die islamistischen Söldner von Israel unterstützt. Verletzte Angehörige der Al Nusra Front wurden von Netanyahu sogar persönlich in israelischen Krankenhäusern besucht, usw. Dazu gibt es massive Unterstützung für andere islamistische Terrororganisationen in Syrien, auch der IS soll davon profitiert haben. [20] Auch positionierte sich der Zionismus im Krieg gegen Jugoslawien an der Seite des Westens und damit dessem engsten Verbündeten, der bosnisch muslimischen Armee von Izetbegovic. Es soll auch ein Bündnis zwischen der kosovarischen UCK, die sich auch als muslimische Organisation deklarierte, und israelischen Geschäftsmännern und Behörden gegeben haben – übrigens auch zum Zweck des Organhandels. [21] Entgegen aller Lippenbekenntnisse und Erdogans Geschrei wurden auch die Geschäftsbeziehungen mit der Türkei unter der AKP- Regierung massiv ausgebaut.

    Relativierung des Antisemitismus

    Der inflationäre Vorwurf des Antisemitismus erfüllt aber noch eine andere Funktion: Der tatsächliche Antisemitismus wird dadurch relativiert und verharmlost. Der Widerstand dagegen wird entweder kanalisiert in die Unterstützung israelischer Politik oder wenn er sich dieser Instrumentalisierung widersetzt, verächtlich gemacht, gänzlich verhindert oder selbst als Antisemitismus bezeichnet. Was wir heute also verstärkt erleben, ist die massive Einschränkung der Meinungsfreiheit und die politische wie aktuell zumindest angedrohte juristische Verfolgung antikolonialer Initiativen.

    Kriegspropaganda

    Als weitere Merkmale wäre die Kriegsbegeisterung nicht nur für israelische, sondern alle imperialistischen Kriege der letzten Jahrzehnte zu nennen. Der Imperialismus wird ja mit der Aufklärung gleichgesetzt und deshalb als Fortschritt der Zivilisation betrachtet, deshalb war der philozionistische Antisemitismus auch einer der größten Unterstützer der als „humanitäre Interventionen“ getarnten Aggressionen, vom Angriff auf Jugoslawien über den Krieg gegen den Irak bis zur Aggression gegen Libyen und den subversiven Krieg gegen Syrien und andere souveräne Staaten.

Zweierlei Maß / Verstoß gegen die eigene Antisemitismusdoktrin

Auch das Anlegen unterschiedlicher Standards gehört nicht nur zum typischen Vorwurf gegen seine KritkerInnen, sondern auch zur politischen Praxis des philozionistischen Antisemitismus. Was meine ich damit? Die neue von ZionistInnen entworfene Antisemitismus-Doktrin, die als Rechtsgrundlage neuer Regelungen in den Nazinachfolgestaaten verwendet wird, bezeichnet es als Antisemitismus, wenn bei Israel andere Maßstäbe gelegt würden als bei anderen Ländern: etwa, wenn etwas von Israel verlangt würde, das von anderen Ländern nicht verlangt wird, wie zum Beispiel ein besonders ethisches Vorgehen. Konkret heißt es in dieser „Arbeitsdefinition von Antisemitismus“, Antisemitismus sei...: „die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet oder gefordert wird.“ [22]

ZionistInnen nehmen aber genau diese ungleichen Maßstäbe gerne in Kauf, wenn es darum geht, Israel etwas zu erlauben, was anderen nicht erlaubt würde: etwa Kollektivbestrafungen, Vertreibungen, geächtete Waffen gegen die Zivilbevölkerung, Angriffe auf souveräne Staaten, sämtliche bekannte Formen von Apartheid, kolonialistische Praktiken, Militärzensur der Medien, Folter, Kinder in Gefängnissen und Lagern, Administrativhaft, internationaler Sonderstatus ohne gültige Verfassung und feststehende Grenzen, usw. Mit andern Worten gilt die Ungleichbehandlung nur dann als Antisemitismus, wenn israelische Privilegien dadurch in Frage gestellt werden sollten.

Auf der Seite der (vermeintlich) Stärkeren

Der Philozionistische Antisemitismus zeichnet sich auch durch das opportunistische Bemühen aus, sich auf die Seite der vermeintlichen Mehrheit, zumindest aber auf die Seite der Macht zu stellen, wenn er sich um gute Beziehungen zur Israel oder zu dessen Lobby bemüht. Seine Solidarität gilt nicht den verfolgten und bedrängten Opfern der Nazis, auch nicht den Opfern von Rassismus und Apartheid, sondern einer hochgerüsteten Besatzungsmacht und Kolonialarmee, die mit international geächteten Waffen gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. Der philozionistische Antisemitismus kämpft mit den UnterdrückerInnen gegen die Unterdrückten. Nach oben kriechen, nach unten treten. Dieser Opportunismus wächst mit den Anstrengungen, jegliche Kritik an Israel zu tabuisieren. In dieser Komplizenschaft mit dem vermeintlich Stärkeren glauben beispielsweise westliche PolitikerInnen, dass sie zu Lobbygruppen wie der AIPAC pilgern und sich beispielsweise an standing ovations nach Netanyahu Ansprachen beteiligen müssen, um die eigene Karriere zu beflügeln.

Weniger zielführend ist dagegen ein Vorwurf, der manchmal gegen den philozionistischen Antisemitismus erhoben wird: dass nämlich die arabischen Menschen selbst Semiten wären und deshalb die antiarabische Hetze, die dem Zionismus eigen ist, eine Form von  Antisemitismus sei. Diese Argumentation wird deswegen abgelehnt, weil sie die Einteilung von Menschen in Semiten und Nichtsemiten und damit die religiös konnotierte Erfindung von Rassen (nach Noahs Söhnen Sem, Ham und Jafet) toleriert. Rassen gibt es nicht, Rassismus aber leider schon!

Das untaugliche Argument „wir sind ja die Semiten“ verweist allerdings auf die Ursprünge des Antisemitismus, da ja den JüdInnen vorgeworfen wurde, ein orientalisches Element in die europäische Gesellschaft zu tragen und sie damit zu zersetzen. Diesen Vorwurf, „Fremdkörper“ mit negativen Auswirkungen auf die Mehrheitsgesellschaft zu sein, übernimmt der philozionistische Antisemitismus, wenn er MuslimInnen Verstöße gegen die „westlichen Werte“ oder die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ unterstellt.

Fazit

Es wäre untertrieben zu sagen, dass im Fall von Israel mit zweierlei Maß gemessen wird. Untertrieben deshalb, weil der philozionistische Antisemitismus bei der Beurteilung, was Israel erlaubt ist oder nicht, jedes Maß verloren hat: Egal, welche Menschenrechts- oder Kriegsverbrechen Israel begeht, es hat immer das Recht, sich „zu verteidigen“, auch durch Präventivschläge und mit international geächteten Waffen, auch durch Landraub und Massaker.

Der philozionistische Antisemitismus versteckt sich hinter einer Maske des Anti-antisemitismus, dem vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus, hinter einem heuchlerischen „Haltet den Dieb!“-Geschrei. Er wirkt für naive und politisch verblendete Menschen fortschrittlich und human, obwohl sich dahinter offensichtlich rassistisches und reaktionäres Gedankengut verbirgt, das den letzten aktiven Siedlerkolonialismus dieses Planeten von jeder Verantwortung freispricht. Und alle Rechtsradikalen dieser Welt haben diese Botschaft verstanden und lassen sich gerade durch ihre Solidarität mit Israel weißwaschen.

Wir erleben seit mehreren Jahrzehnten die Projektion des philozionistischen Antisemitismus auf seine KritikerInnen. Egal, ob es sich um eine Anti-Apartheidinitiative, um jüdische wie nichtjüdische SolidaritätsaktivistInnen, um humanitäre Initiativen oder um etablierte PolitikerInnen wie Jeremy Corbyn oder Ilhan Omar handelt: wer Israel kritisiert, wird mit Diffamierungen bombardiert. Die Verdrehung und Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs und die Tabuisierung zionistischer Verbrechen haben ein solch gewaltiges Ausmaß angenommen, dass sich viele davor fürchten, die offensichtlichen Ungerechtigkeiten auszusprechen.

Doch je weniger sich davon einschüchtern lassen, umso größer ist die Chance, die Zensur zu Fall zu bringen. Längerfristig werden die Masken des philozionistischen Antisemitismus fallen, vorausgesetzt es gibt noch jene Aufrechten, die bereit sind, sie ihm runterzureißen.

„Wir können die Herrschenden nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir können sie zwingen, immer unverschämter zu lügen.“ [23]


Nachtrag zum Songcontest

Welche absurden Ausmaße der philozionistische Antisemitismus mittlerweile genommen hat, zeigt die künstliche Aufregung über angebliche Skandale auf dem Europäischen Song-Contest in Tel Aviv 2019. Weil für wenige Augenblicke im Konzert von Madonna und bei der Punktevergabe für die isländische Band „Hatari“ die Palästinafahne gezeigt wurde, rasteten alle aus. Die Europäische Rundfunkunion, die den Contest veranstaltet, spricht von einer „schrecklichen Missachtung“ und einer Respektlosigkeit gegenüber dem israelischen Gastgeber. Der Ausschluss von Island vom nächsten Eurovisionswettbewerb wird genauso überlegt wie rechtliche Konsequenzen.

Auf dem Weg zum Flughafen wurde die isländische Delegation noch von DemonstrantInnen mit „Shame on you, Island“ beschimpft und bereits während sie einige Sekunden lang die Fahne in die Kamera schwenkten, brach im Saal ein Pfeifkonzert aus und martialisch gestikulierende Sicherheitsbeamte konfiszierten die Fahnen.

Es ist zum Lachen und erinnert an Monthy Pythons „Leben des Brian“, wo Menschen dafür gesteinigt werden, dass sie „Jehova“ sagen. In einem Flaggenmeer enthusiasmierter Contestfans, wo stundenlang neben tausenden israelischen Fahnen unzählige andere Nationalstaatsfahnen geschwenkt werden, ist ausgerechnet in Palästina die Palästinafahne der Skandal. Die Fahne, die sowohl TeilnehmerInnen wie Publikum daran erinnert, wo sie sich eigentlich befinden. Die Aufregung wird damit begründet, dass der Songcontest ja angeblich unpolitisch sei.

Der Songcontest unpolitisch? Ist der Papst nicht mehr katholisch? Von der Punktevergabe befreundeter Staaten bis zu den Siegen ausgerechnet jener Länder, die zufällig die westliche Politik am stärksten glorifizieren, ist nichts am Songcontest unpolitisch. Oder glaubt jemand, dass die Ukraine den Songcontest 2016 gewonnen hat, weil sie so einen kreativen Song am Start hatte? Oder die darauffolgende Anstrengung der Ukraine, die russische Kandidatin zu verbieten? Die Pfeifkonzerte bei russischen Künstlern? Oder auch nur die diesjährige Propagandashow, die dazu beitragen sollte, israelische Apartheid weißzuwaschen und Tel Aviv als den liberalsten und schwulenfreundlichsten Platz auf diesem Planeten darzustellen? Als Platz, wo jeder willkommen ist, außer seine ursprünglichen EinwohnerInnen oder Menschen, die wenige Sekunden auf deren Spuren hinweisen. Die Grüße von Netanyahu für den israelischen Teilnehmer und seine eintrainierten Tränen der Rührung über seine Heimat? Je aggressiver ein Staat umso mehr betonen seine teilnehmenden Künstlerinnen, dass sich ihr Song über den Weltfrieden oder die Gleichheit dreht.

Im Vorfeld war bereits darauf geachtet worden, jeden Anflug von Israelkritik im Keim zu ersticken und die KünstlerInnen darauf einzuschwören, die Illusion einer großen Party zu verbreiten. Sie verwehren sich dagegen, dass in Israel das Thema Menschenrechte auch nur angedeutet wird. Der eigentliche Skandal ist nicht, dass hier die Fahne der vertriebenen Bevölkerung des Landes gezeigt wird, in dem dieses trashige Festival stattfindet, sondern dass alle teilnehmenden Staaten zu den Menschenrechtsverletzungen, der Apartheid und den bekannt gewordenen Kriegsverbrechen Israels schweigen oder diese sogar zu rechtfertigen suchen.

Das zeigt die Heuchelei gerade jener Länder, die sich gern als moralische Instanz aufspielen und sich immer wieder anmaßen, die Menschenrechte als Alibi für ihre Kriegszüge und Hungerblockaden zu missbrauchen.

P.S.: Der Sponsor des Songcontests, die israelische Firma „My Heritage“ [24] macht übrigens DNA-Tests, um die Herkunft zu bestimmen. Konkret geht es primär um die Feststellung, wer Jude ist oder wer nicht. Das entspricht dem Weltbild des Zionismus, der die rassistische Vorstellung eines jüdischen Nationalismus (Volk/Nation/“Rasse“ statt Religion/Kultur) übernimmt.

Unterstützend für diese biologistische Sichtweise kommen die israelischen Ehegesetze dazu, die eine Heirat mit NichtjüdInnen verbieten. Die Nürnberger Gesetze werden heute tatsächlich nur mehr in Israel eingehalten.


Literatur:

Herzl Theodor (1922): Tagebücher, Bd. 3, Berlin, Jüdischer Verlag

Albert Einstein, Hanna Arendt, u.a.: Brief an New York Times, 4. Dezember 1948
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005057.html

Bürger Peter (12. August 2006): Armageddon und der apokalyptische "Holocaust":
https://www.heise.de/tp/features/Armageddon-und-der-apokalyptische-Holocaust-3407465.html

Finkelstein Norman (2001): Die Holocaust Industrie, München/ Zürich, Piper (2. Aufl.), 155-170

Göttinger Friedenspreis- Proteste bei Verleihung an umstrittenen Verein
https://www.juedische-allgemeine.de/politik/proteste-bei-verleihung-an-umstrittenen-verein/

Herzl Theodor: Der Judenstaaten, in: Schöps Julius (1985): Sammelband: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, Berlin, Jüdischer Verlag bei Athenäum (2. Auflage), (seit 1990 von Suhrkamp übernommen, er nennt sich heute Imprint-Verlag)

https://hasbarafellowships.org/about/2018

https://www.youtube.com/watch?v=WLWm2DZwgAY
https://www.youtube.com/watch?v=g_pGSH-eKUU
https://www.youtube.com/watch?v=_bhhp4caF1U

Zu den dubiosen israelischen Gentests:
https://www.myheritage.at/
https://www.youtube.com/watch?v=1Vfe0cMTuLI
https://www.youtube.com/watch?v=vqwakQ95hpk
https://www.youtube.com/watch?v=PZwkx2Ajq40

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/mossad-rafi-eitan-adolf-eichmann-entfuehrer  
Kaufmann, Lissy (11.03.2019): Ein Hauch von "Faschismus" umweht Israels Justizministerin: https://derstandard.at/2000099816497/Ein-Hauch-von-Faschismus-umweht-Israels-Justizministerin?ref=rec

Inamo (2016): ISIS und Israel:  22.Juni.2016: https://www.inamo.de/isis-und-israel/

Kraus Karl (1898): Eine Krone für Zion/ zit. in: profil Nr.11/ 1996

Ramsis Kilani (8. Oktober 2015): Miri Regev: Eine Rassistin in Israels Regierung – auf den Spuren Kahanes,:
https://diefreiheitsliebe.de/politik/miri-regev-einerassistin-in-israels-regierung-auf-den-spuren-kahanes/

Senft, Alexandra (11.04.2019): Bibi und die Junta https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bibi-und-die-junta

Sterkl, Maria (09.05.2020): Israels prominenter Fulltime-Sohn, Yair Netanjahu, vernetzt sich mit Rechtsextremen:
https://www.derstandard.at/story/2000117386757/israels-prominenter-fulltime-sohn-yair-netanjahu-vernetzt-sich-mit-rechtsextremen

Vesper, Bernward (1977/1983) Die Reise, Frankfurt am Main (Das Zitat wurde später aber auch Ulrike Meinhof und Petra Kelly zugeschrieben)


Fußnoten:

[1] Die AFD wurde ja auch noch von der mittlerweile verstorbenen israelischen „Geheimdienstlegende“ Rafi Eitan unterstützt: bekannt wurde seine Videobotschaft an die AFD, in der Eitan vor einer muslimischen Invasion nach Europa warnte und damit die rassistische Linie der Partei teilte. Auch Yair, der Sohn von Netanyahu, erwärmt sich seit kurzem für die AFD: https://www.derstandard.at/story/2000117386757/israels-prominenter-fulltime-sohn-yair-netanjahu-vernetzt-sich-mit-rechtsextremen
[2] Albert Einstein, Hanna Arendt, u.a.: Brief an New York Times, 4. Dezember 1948
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005057.html
[3] Wörtlich schrieb Herzl: „Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.“ Herzl Theodor: Der Judenstaaten, in: Schöps Julius (1985): Sammelband: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, Berlin, Jüdischer Verlag bei Athenäum (2. Auflage), (seit 1990 von Suhrkamp übernommen, er nennt sich heute Imprint-Verlag), S. 213
[4] Ramsis Kilani (8. Oktober 2015): Miri Regev: Eine Rassistin in Israels Regierung – auf den Spuren Kahanes,:
https://diefreiheitsliebe.de/politik/miri-regev-einerassistin-in-israels-regierung-auf-den-spuren-kahanes/
[5] Senft, Alexandra (11.04.2019): Bibi und die Junta https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bibi-und-die-junta
[6] „Netanyahus schärfster Rivale“ Süddeutsche vom 30.01.2019
[7] Ebda./ Kaufmann, Lissy (11.03.2019): Ein Hauch von "Faschismus" umweht Israels Justizministerin: https://derstandard.at/2000099816497/Ein-Hauch-von-Faschismus-umweht-Israels-Justizministerin?ref=rec
[8] Hilberg, Raul (1961): Destruction of the European Jews“, Quadrange Books, Chicago. Deutsche Übersetzung: Wolter, Ulf (Hrsg.) (1982):„Die Vernichtung der europäischen Juden“, Olle und Wolter, Berlin
[9] AIPAC= American Israel Public Affairs Committee - einflussreiche Israellobby in den USA
[10] Bürger Peter (12. August 2006): Armageddon und der apokalyptische "Holocaust":
https://www.heise.de/tp/features/Armageddon-und-der-apokalyptische-Holocaust-3407465.html
[11] Kraus Karl (1898): Eine Krone für Zion/ zit. in: profil Nr.11/ 1996, S. 87
[12] vgl.; (09.03.2019): Göttinger Friedenspreis- Proteste bei Verleihung an umstrittenen Verein
https://www.juedische-allgemeine.de/politik/proteste-bei-verleihung-an-umstrittenen-verein/
[13] vgl. Offener Brief: Kolonialismuskritik muss erlaubt bleiben!
 https://www.solidarwerkstatt.at/international/offener-brief-kolonialismuskritik-muss-erlaubt-bleiben [10.03.2020]
[14] https://www.youtube.com/watch?v=WLWm2DZwgAY
https://www.youtube.com/watch?v=g_pGSH-eKUU
https://www.youtube.com/watch?v=_bhhp4caF1U
[15] https://www.facebook.com/664646443561152/posts/immer-wieder-erscheint-die-afd-objektiv-als-einzige-stimme-der-restvernunft-im-d/2406724599353319/
[16] Niewendick, Martin (15.07.2018): Warum ein Islamhasser zu Gast bei Linken ist:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article179367776/Conne-Island-in-Leipzig-Islamhasser-Thomas-Maul-zu-Gast-bei-Linken.html
[17] https://hasbarafellowships.org/about/2018
[18] Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen war ursprünglich der Untertitel des 1995 veröffentlichten Films „Hasenjagd“ von Andreas Gruber. Darin geht es um die berüchtigte Mühlviertler Hasenjagd, wo etwa 400 großteils sowjetische Kriegsgefangene, die gegen Ende der Naziherrschaft aus einem österreichischen Konzentrationslager geflüchtet waren, von einem faschistischen Mob gejagt und zum Großteil ermordet wurden. Die österreichische Zivilbevölkerung aus der Umgebung hat sich fast durchgehend an dieser Jagd beteiligt.
[19] Finkelstein Norman (2001): Die Holocaust Industrie, München/ Zürich, Piper (2. Aufl.), 155-170
[20] Inamo (2016): ISIS und Israel:  22.Juni.2016: https://www.inamo.de/isis-und-israel/
[21] Israeli organ trafficking ring-leader arrested (Memento vom 12. Mai 2013 auf WebCite) (englisch). PressTV.com, 25. Mai 2012.
https://www.webcitation.org/6GZGJfn16?url=http://presstv.com/detail/2012/05/25/242992/israeli-ringleader-of-organ-trade-nabbed/
[22] International Holocaust Remembrance Alliance (2019): Arbeitsdefinition von Antisemitismus:
https://www.holocaustremembrance.com/de/node/196[12.04.2020]
[23] (Vesper 1977/1983: 9) Die Reise, Frankfurt am Main (Das Zitat wurde später aber auch Ulrike Meinhof und Petra Kelly zugeschrieben)
[24] https://www.myheritage.at/
https://www.youtube.com/watch?v=1Vfe0cMTuLI
https://www.youtube.com/watch?v=vqwakQ95hpk
https://www.youtube.com/watch?v=PZwkx2Ajq40

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