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Aktueller Online-Flyer vom 08. Juli 2020  

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Kommentar
Psychologische Bemerkungen zur Forderung: „Es ist Zeit zu handeln!“
„Ich kann nicht aus meiner Haut.“
Von Rudolf Hänsel

Betrachtet man das Weltgeschehen ruhigen Blutes, kommt man nicht umhin zu erkennen, dass die Menschheit sehenden Auges auf eine sehr ungute Zukunft zusteuert. Manche Kollegen sprechen gar davon, dass wir Menschen im Begriff sind, wie die sagenumwobenen Lemminge kollektiven Selbstmord zu begehen: Ein Virus aus einem Hochsicherheitslabor wird zur biologischen Waffe und bringt eine aufstrebende Großmacht ökonomisch ins Wanken. Wenn sich die Epidemie zu einer Pandemie entwickelt, wird die gesamte Menschheit in Geiselhaft genommen mit voraussichtlich Abermillionen oder -milliarden Toten. In Westafrika wird eine apokalyptische Heuschreckenplage demnächst Millionen Menschen den Hungertod bringen und riesige Fluchtbewegungen auslösen. Der Bevölkerungsaustausch in Europa schreitet zügig voran. Die weltweiten Kriege gegen die Dritte Welt nehmen nicht nur kein Ende, sie werden sogar weiter angeheizt, die militärische Hochrüstung wird in extreme Höhen getrieben und das Volksvermögen verantwortungslos verschleudert (siehe Münchner „Sicherheitskonferenz“). Zu Recht werden von allen Seiten Forderungen laut, mutig dagegen aufzustehen, es sei an der Zeit zu handeln. Doch wir alle tun uns sehr schwer damit, unser Verhalten diesbezüglich zu verändern und diesen Mut aufzubringen. Eine gute Freundin drückte es so aus: „Ich kann nicht aus meiner Haut.“

Einige Kollegen meinen, die Rettung des Planeten könne nur durch die Entmachtung beziehungsweise den Sturz der Eliten gelingen, weil sie es sind, die die Welt durch ihre unersättliche Machtgier in den Abgrund stürzen. Doch wo sind die Menschen, die den Mut haben, sie zu entmachten?

Ist es nicht so, dass die Mehrheit der Menschen in unseren Breitengraden immer noch davon überzeugt ist, dass Politiker, Teil der so genannten Eliten, ehrbare Vertreter ihres Volkes seien. Dazu schrieb der große russische Schriftsteller Leo N. Tolstoi bereits vor über 100 Jahren: „Man könnte die Unterordnung eines ganzen Volkes unter wenige Leute noch rechtfertigen, wenn die Regierenden die besten Menschen wären; aber das ist nicht der Fall, war niemals der Fall und kann es nie sein. Es herrschen häufig die schlechtesten, unbedeutendsten, grausamsten, sittenlosesten und besonders die verlogensten Menschen. Und dass dem so ist, ist kein Zufall.“ (Rede gegen den Krieg) Was also ist von ihnen zu erwarten?

Eine andere Forderung lautet: „Nur Mut! Wenn wir uns ändern, verändert das die Welt“ (RUBIKON). Das stimmt! Doch wie schaffen wir es, uns dahingehend zu ändern, dass wir den Mut aufbringen, gegen das bestehende Unrecht und die laufenden Menschheitsverbrechen aufzustehen, damit die Welt friedlicher, gerechter und lebenswerter wird? Sind wir doch mehrheitlich gefangen in einem Korsett lähmender familiärer, gesellschaftlicher und religiöser Wert- und Moralvorstellungen, aus dem wir uns nicht oder nur sehr mühsam befreien können – oft nur mit fachmännischer psychologischer Hilfe.

Dieses Korsett wurde uns im Laufe unserer Erziehung angelegt. Einige Beispiele: Der Vater als Autoritätsperson hat immer recht, wir müssen ihm also gehorchen und dürfen ihm nicht widersprechen. Übertragen auf die Regierenden sollten wir auch ihnen gehorchen, an ihre Redlichkeit glauben, brave Bürger sein und nicht aufbegehren; sie würden es nur gut meinen mit uns. Recht und Gesetz sollten wir achten, egal, wie die Obrigkeit es damit hält. Auch sollten wir ein gottesfürchtiges Leben führen. Das Leid und die Ungerechtigkeit, die uns hienieden das Leben erschweren, sollen wir geduldig ertragen; dafür werden wir später im Paradies entschädigt. Eine mittelalterliche Vorstellung.

Das sind nur einige der unausgesprochenen und verinnerlichten „Regeln“, nach denen wir unbewusst oder auch bewusst unser Leben und Verhalten ausrichten und die verhindern, dass wir über unseren Schatten springen und uns zu einer Veränderung unseres Verhaltens durchringen können.

Hinzu kommt natürlich, dass die große Mehrheit der Menschen – auch im noch reichen Deutschland – täglich damit ausgelastet ist, für den Lebensunterhalt der Familie und die Erziehung des Nachwuchses zu sorgen. Woher dann noch das Interesse und die Kraft für gesellschaftliche Veränderungen aufbringen? Wer in vollem Maße beansprucht wird, hat auch keine Möglichkeit, sich ein Bild von den tatsächlichen Zuständen in der Welt zu machen und ist deshalb auf die Informationen der Massenmedien angewiesen. Diese aber manipulieren ihn nur und gaukeln ihm eine heile Welt vor, die allein von den bösen Russen und Chinesen bedroht wird.

Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass unsere Erziehung in der Regel nicht dazu geführt hat, dass wir zu mutigen Menschen heranwuchsen. Deshalb scheuen wir das Risiko und bleiben lieber in der bewährten Deckung nach dem Motto: „Sicher ist sicher!“ Dadurch wir die Einlösung der berechtigten Forderung, Widerstand gegen die Obrigkeit zu leisten und dem „Rad in die Speichen zu greifen“ (Bonhoeffer) sehr in Frage gestellt.

Alle diese psychologischen Erwägungen sollen erhellen, warum es vielen von uns so schwer fällt, unsere Bürgerpflicht mutig wahrzunehmen und aufzeigen, wo die Ansatzmöglichkeiten für eine Veränderung liegen könnten. Selbstverständlich ist es grundsätzlich möglich, dass wir Menschen uns im Laufe unseres Lebens hin zu mündigen Bürgern entwickeln, die sehen, wohin die Welt steuert und die nicht zulassen werden, dass einige wenige uns in den Abgrund reißen wollen – und die überwältigende Mehrheit dem tatenlos zusehen wird.


Dr. Rudolf Hänsel ist Diplom-Psychologe und Erziehungswissenschaftler




Vor einem Jahr schrieb Rudolf Hänsel:

Der Opfer des Flammeninfernos in Dresden im Februar 1945 zu gedenken, ist ein Gebot der Menschlichkeit
Tränen für Dresden
NRhZ 696 vom 13.03.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25719

Online-Flyer Nr. 736  vom 19.02.2020

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