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Aktueller Online-Flyer vom 29. Oktober 2020  

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Wirtschaft und Umwelt
Der Welthandel ist übermäßig aufgebläht
Handelsüberfluss
Von Harald Schauff

Die moderne Hightech-Wirtschaft läuft auf Hochtouren und stößt Unmengen an Gütern aus. So viel wie nie zuvor und ständig noch mehr. Zuviel. Seit Jahrzehnten werden Überschüsse weg geworfen, verbrannt, vernichtet, untergepflügt: Obst, Gemüse, Textilien, Haushalts- und Elektro-Geräte, Porzellan-Geschirr etc. Nicht auf Grund von Mängeln, sondern weil sie sich nicht verkaufen lassen, also zu Geld machen lassen. Andere Güter verkaufen sich wiederum gut, doch ihr Gebrauchswert und gesellschaftlicher Nutzen sind höchst fraglich. Siehe Freizeit- und Spielwaren, alle Arten von Kitsch und Ramsch. Braucht die Menschheit all das wirklich? Und braucht sie so viele Autos? In den Innenstädten urbaner Ballungszentren sicher nicht.

Wie die Produktion so der globale Handel: Auch er ist zuerst einmal erforderlich. Nicht alles lässt sich innerhalb eines Landes herstellen, manches muss von außerhalb eingeführt werden. Solchen notwendigen Handel wird es immer geben, stellt Günther Moewes fest zu Beginn seines Artikels ‚Vermeidbarer Handel‘ (Frankfurter Rundschau v. 4.10.19; Rubrik ‚Gastwirtschaft‘). Der emeritierte Ökonomie-Professor und Verteilungskritiker führt weiter aus: Manchen Ländern wird es auch zukünftig an Ressourcen, Know-How, Kapital oder Größe mangeln, um bestimmte Güter selbst herzustellen.

Andere importieren allerdings Produkte, die sie selbst bereits fertigen oder ohne Mühe fertigen könnten. Die Hauptursache für solche eigentlich unnötigen Einfuhren sieht Moewes in ‚Dumpingpreisen durch zu billige Löhne‘ in Ausfuhrländern. Als Beispiel nennt er die USA. Dort gibt es keine eigene Fahrradproduktion mehr. Stattdessen werden alle Räder aus China importiert. Derartige Einfuhren betrachtet Moewes nur für arme Länder als sinnvoll, damit diese Entwicklungsrückstände aufholen. Handeln zwei Länder jedoch mit gleichen Gütern, die sie beide langfristig selbst herstellen könnten, wirken sich die Importe schädlich aus.

Zum Beispiel, wenn Deutsche und Japaner sich gegenseitig mit Autos beliefern. Solcher vermeidbare Handel stellt für den Planeten eine unnötige Belastung dar. Zum einen durch den Transport der Handelsgüter. Zum anderen durch eben so unnötigen ‚Sekundäraufwand‘: Schiffe und Häfen, deren Betrieb Unsummen kostet einschließlich des Verbrauchs von Energie und Material.

Noch größeren Schaden erzeugt der Handel mit industriellen Billigprodukten, z.B. Textilien, der heimische Wirtschaften wie etwa in Afrika zerstört. Moewes schreibt von ‚nicht arbeitsteiligen Formen des Handels‘, die von den Klassikern der Ökonomie nie vorgesehen waren. Heutige Ökonomen warnen dagegen vor einem Wegfall dieses vermeidbaren Handels. Viele Menschen verlören dann ihre Arbeit, argumentieren sie und malen den Teufel an die Wand: Nachfrage, Wettbewerb, Wertschöpfung und Wohlstand würden sinken.

Moewes geißelt ‚dieses ewige Arbeitsplatzargument‘ als einen ‚der schwersten Denkfehler der Ökonomie.‘ Und hält dagegen: In Wahrheit würde der Wohlstand nicht zurückgehen. Die Menge an Autos, Lebensmittel und Kleidung bliebe gleich. Sie würden eben nur vor Ort hergestellt anstatt sie von fern einzuführen. Zwar fielen die Einkommen aus Transport- und Transportmittelindustrie fort. Andererseits ließen sich Kosten für Material, Energie, Aufbau und Unterhalt einsparen.

Eingespart bzw. vermieden werden könnte auch jede Menge Arbeit, vor allem in großen Bereichen der Branchen Verpackung, Agrarchemie, Rüstung so wie Bürokratie. Der US-Anthropologe David Graeber spricht in diesem Zusammenhang von ‚Bullshit Jobs‘. Diese existieren nicht, weil sie gesellschaftlich notwendig sind, sondern einzig unter dem Vorwand der Rendite. Heißt: Im Endeffekt dienen sie nur reichen Kapitaleignern.

Durch eine Abschaffung dieser vermeidbaren, gesellschaftlich nicht notwendigen, Arbeit könnten nach Überzeugung von Moewes Abermilliarden eingespart werden. Er schlägt vor, mit dem eingesparten Geld, ein Grundeinkommen ‚für alle von Arbeit Befreiten‘ zu finanzieren. Vor allem könnte so die Natur stärker entlastet werden als durch jede CO2-Steuer.

Weniger ist mehr. Einmal mehr. Die kapitale Blase der Ökonomie ist völlig überbläht. Ein Ablassen der überschüssigen Luft, sprich ein Abbau der in Industrieländern vorhandenen Überkapazitäten in Produktion, Handel und Arbeit würde Mensch, Natur und Klima ohne größeren Aufwand nachhaltig schonen. Eine der dringlichsten Zukunftsaufgaben lautet demnach: Produktion, Handel und Arbeit auf das Erforderliche und Sinnvolle zu beschränken bzw. umzupolen.

Gleichzeitig gilt es, die Einkommen besser zu verteilen, um der sozialen Schere entgegen zu wirken und Armut erst gar nicht entstehen zu lassen. Deshalb sollten das Grundeinkommen nicht nur ‚alle von Arbeit Befreiten‘, sondern bedingungslos alle Menschen weltweit erhalten. Von ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem technischen Niveau her ist die Wirtschaft dazu längst imstande. Die Digitalisierung wird beides nochmals deutlich steigern.

Eine Schlüsselrolle könnte dabei dem 3-D-Druck zufallen. Er kommt weltweit in immer mehr Firmen zum Einsatz. Sollte er sich eines Tages endgültig durchsetzen, bedeutet das nicht nur die Vermeidung unnötiger Transporte, sondern das Ende des klassischen Transportgewerbes. Güter und ihre Komponenten brauchen dann nicht mehr von einem Ort zum anderen befördert werden. Sie werden direkt vor Ort ‚ausgedruckt‘, also hergestellt. Der Güterverkehr entfällt zum größten Teil. Der Transport beschränkt sich auf notwendige Rohstoffe. Es wäre ein wertvoller Beitrag zu einer bedarfsorientierten Form des Wirtschaftens, die gleichzeitig Mensch und Umwelt schont.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Dezember 2019, erschienen.


Online-Flyer Nr. 728  vom 04.12.2019

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