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Aktueller Online-Flyer vom 21. November 2019  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Der unheilvolle Einfluss der "Medienbegleiter"
Von Evelyn Hecht-Galinski

Tatsächlich haben wir mittlerweile in Deutschland eine vergiftete Atmosphäre, nicht erst seit dem mörderischen Anschlag in Halle, sondern schon seit vielen Jahren. Was sich da an Rechtsextremismus und ungezügelten Neo-Nazi-Aufmärschen und -Organisationen tummelt, wurde doch jahrzehntelang mehr oder weniger hingenommen. Dass grölende Horden durch ostdeutsche Dörfer zogen und die Polizei hilflos zusah, ist doch kein Einzelfall. Es ist der alte Antisemitismus, der immer wieder einen Nährboden findet und sich nie verändern wird. Erst als ein deutscher Politiker ermordet wurde, wachte man auf. Es erinnert an die NSU-Morde, bei denen bis heute noch Vieles im Dunkeln liegt und auf Aufklärung wartet, wobei man hätte hellhörig werden müssen. (1)

Nachkriegsdeutschland geprägt vom Mief der braunen Talare

Nach zwei Anschlägen auf das Grab meines Vaters, Heinz-Galinski, im September und im Dezember 1998, als mein Mann und ich eine Belohnung zur Ergreifung des Täters aussetzen wollten, wurden wir vom Berliner Oberstaatsanwalt angerufen, dass das unnötig sei und das die Ermittlungen nach nur sechs Wochen nach der Tat (!) eingestellt werden würden. Man verstärkte die Video-Überwachung und das war’s. Als nach dem Tod meines Vaters zwei Schweineköpfe über die Erfurter Mauer der Synagoge geworfen wurden, mit Zetteln um den Hals, wo darauf stand, „endlich ist das Schwein Galinski tot“, war der Täter ein bekannter Neo-Nazi, Dienel, der monatliches Geld vom Verfassungsschutz Thüringen bekam. Organe, wie die National-Zeitung, die ungebremst ihr rechtsextremes Gedankengut verbreiten konnten, waren Normalität. Nachkriegsdeutschland war geprägt vom Mief der braunen Talare. Alles wurde damals hingenommen, und als Reaktion auf diese braune Vergangenheit kamen die 68/er, die dagegen protestierten. Alles das war der Springer-Presse ein Dorn im Auge, was sich bis heute in blinder Unterstützung Israels darstellt und mit dem Dutschke-Attentat und dem Ohnesorg-Tod einen schrecklichen Höhepunkt fand. Unzählige rechtsextreme Anschläge gegen jüdische Einrichtungen waren traurige Normalität. Ja, das war lebendiger Antisemitismus.

Ganz typisch: man war auf dem rechten Auge blind und richtete stattdessen ganz nach „Kalter-Krieg Gepflogenheit“ sein Augenmerk auf "Links-Terrorismus", angeführt von der "Springernden-Kalten-Kriegs-Presse". Bis heute erleben wir diesen Meinungsmonopolismus gewisser Medien. Da wird inzwischen alles in einen Topf geworfen, was rein gar nichts miteinander zu tun hat.

Halle hat doch in grausamer Weise gezeigt, wozu auch Einzeltäter in der Lage sind, die sich mit einfachsten Mitteln gefährliche Waffen basteln und – siehe Breivik und Christchurch – ein Massaker anrichten können. Dass es in Halle nicht dazu kam, verdanken wir einem glücklichen Umstand, dass die Synagogentür standhielt. Dass es keine Polizeiüberwachung gab, ist unentschuldbar, auch wenn sich Sachsen-Anhalts Innenminister Stahlknecht und seine Behörde „keine Vorwürfe zu machen hat“. Stahlknecht ist also mit sich im reinen und versucht die Warnungen des Bundeskriminalamtes, das schon länger vor Anschlägen gewarnt hatte, als „fiktiv und nicht konkret“ abzutun. Ständige Bewachung von jüdischen Einrichtungen ist doch Alltag und leider wichtig. Genauso wichtig zu nehmen, ist allerdings der Schutz von muslimischen Einrichtungen und Moscheen.

Bald türkische und russische "Anti-Terror-Einheiten" zur Bewachung in Deutschland?

Es sollte uns alle tief besorgt machen, dass in Deutschland Angst und Vorurteile gegen Islam und Muslime geschürt werden, die auch schon in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden treffen. Während die Muslime zu neuen Juden mutierten, auf die man Hass und Hetze abladen kann, werden Juden auf ein Podest gehoben. Der Philosemitismus, der die Nachfolge des alten Antisemitismus übernommen hat, ist zu einer schrecklichen Gefahr geworden. Es ist eine Gefahr, die gerade Juden aufschrecken sollte.

Und das lässt mich zum eigentlichen Gedanken meines Kommentars kommen. Wollen deutsche Juden eigentlich in einen Topf mit dem "Jüdischen Besatzer-Regime" geworfen werden? Warum wird es kritiklos hingenommen, dass Kanzlerin Merkel den israelischen Premier Netanjahu anruft, um ihm ihrer Betroffenheit zu versichern. (2) Betroffen sind Mitglieder einer Religionsgemeinschaft und nicht israelische Staatsbürger. Oder sind deutsche Juden inzwischen mit israelischen gleichzusetzen? Wenn das die Absicht vom Zentralrat der Juden und Israel ist, dann gute Nacht Deutschland.

Ich erinnere mich noch gut an die Empörung, als der ehemalige Zentralratspräsident Bubis auf "seinen" Präsidenten, den israelischen, angesprochen wurde. Muss man sich da eigentlich noch wundern? Was ist davon zu halten, dass – wie das "Krebsgeschwür" der deutschen Medien, die Bild-Zeitung, berichtete – israelische "Anti-Terror-Einheiten“ jüdische Einrichtungen bewachen. Gehört das zur deutschen Staatsräson? Und ist das mit der Verfassung vereinbar? Stellen wir uns einmal vor, dass wären türkische oder russische "Anti-Terror-Einheiten", was gäbe es dann für einen Aufschrei? (3)

Kommt der Anschlag in Halle nicht gerade dem "Jüdischen Staat" gelegen?

Ist es wirklich im jüdischen Sinn, als unter einem besonderen Artenschutz stehend behandelt zu werden? Will man so ein "Mitbürger" sein oder nicht ein Bürger, der angekommen und nicht angenommen ist. Leider deutet alles genau auf das Gegenteil hin. Während sich Politiker und Sicherheitskräfte geradezu überbieten in Aktionismus und Beschlüssen, würde es doch vollkommen ausreichen, bestehende Gesetze umzusetzen.

Das viele berüchtigte Täter im Sold des Verfassungsschutzes standen, ist bekannt und wurde hingenommen. Als der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Maßen durch seine rechten Tendenzen in Ungnade fiel, hielt Seehofer seine schützende Hand über ihm und hielt in Nibelungentreue an ihm fest, bis das Fass zum überlaufen kam und Maßen in seiner "Rechtslastigkeit" nicht mehr zu halten war. (4)(5)

Kommt der schreckliche Anschlag in Halle nicht gerade dem "Jüdischen Staat" gelegen? Während Regierung und Bundespräsident Antisemitismus und Rassismus beklagen, in Deutschland Solidarität mit Juden bekundet wird, Mahnwachen und Gottesdienste stattfinden und das "Nie wieder" beschworen wird, versucht man auf diese Weise Versäumnisse ungeschehen zu machen. Zur Aufarbeitung der Versäumnisse gehört aber, dass endlich die Menschen- und Völkerrechtsverbrechen im "Jüdischen Staat" kritisiert und mit Sanktionen belegt werden. Wenn das aber von den "Herrschenden" versäumt und verschwiegen wird, dann ist das eine Schande. Während also das zionistische Regime ungehindert seine Besatzungsverbrechen am palästinensischen Volk mit immer stärkerer Judaisierung durchführt, weiterer Bau neuer Siedlungen angekündigt wird, Folter staatlich legalisiert durchgeführt wird, scheint das alles in Deutschland keine Rolle zu spielen. Was muss eigentlich noch passieren, bis es endlich zu einer „Normalität“ im guten Sinn – nicht nach AfD-Manier – kommt? (6)(7)

Verklärung der "Auserwählten" zu neuen Höhen treiben

Ganz im Gegenteil, es scheint, als wird der Verklärung der "Auserwählten" zu neuen Höhen getrieben. Ich war fassungslos, als ich am letzten Sonntag im Presseclub zum Thema Rassismus und Antisemitismus von einem der teilnehmenden Journalisten, Alexander Kissler, hörte, dass wir Israel jetzt als Reaktion auf den Anschlag in Halle noch mehr unterstützen müssen. Anstatt dass der Moderator Jörg Schönenborn eine Klarstellung forderte, blieb diese Forderung so stehen. Fragen sich eigentlich deutsche Journalisten nicht, wie man eine unkritische Haltung zu Israel verantworten kann? Wie will man das dem Zuschauer plausibel machen, dass wir uns schweigend mit diesem "Jüdischen Apartheid-Besatzerstaat" solidarisieren? Wurde deshalb auch die sonst nachfolgende 15minütige Zuschauersendung "nachgefragt" ersatzlos und ohne eine weitere Erklärung gestrichen? Ist das die deutsche "Staatsräson" für Israel, die auch schon für den Öffentlich-Rechtlichen Staatsfunk gilt? Können sich diese "Meinungsbegleiter" eigentlich noch im Spiegel ansehen? Sollten sie sich nicht fragen, ob sie sich eigentlich noch als Journalisten betrachten oder schon völlig zu devoten Befehlsempfängern verkommen sind?

Es scheint, dass inzwischen erneut versucht wird, vom Rechtsextremisten-Problem abzulenken, indem der Blick auf palästinensische Anti-Israel-Aktivisten, als "antisemitisch"(!) bezeichnete Boykottgruppen und "radikale Linke" gerichtet wird, um damit ganz im Interesse von Israel das Augenmerk auf die Kritiker und weg von den Verbrechen zu lenken. Hier haben wir es mit einem perfekten Zusammenspiel von Israel-Lobby, "Meinungsbegleitern" und Politikern zu tun. So muss man einen inhaltlichen Kontext des Anti-BDS-Beschlusses des Bundestages vom Mai 2019 herstellen und immer wieder darauf hinweisen. So werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Angst geschürt und Israel als rettender Zufluchtshafen dargestellt. Was fürchtet der „Jüdische Staat“ mehr, als dass noch mehr Juden das „gelobte Land“ verlassen! So versucht man mit Hasbara-propagandistischer Angstschürung die Einwanderung (Allyah-Aufstieg) massiv zu fördern – bevorzugt auch um die Siedlungen zu verstärken. Ist die Wirklichkeit nicht eine ganz andere? Sind es nicht gerade viele jüdische Israelis die auswandern? Denken wir nur an die mehr als 30.000 in Berlin lebenden, die laut Zentralrat der Juden zum großen Teil in "No-go" Areas leben.

Schon wieder wird auch von offizieller Seite versucht, den Rechtsterrorismus in Zusammenhang mit "Islamismus" zu bringen. Das ist völlig falsch und hilft nur der AfD und Israel. Als ich schon bei Gründung der AfD vor dieser Partei warnte, wurde ich massiv angegriffen. Als ich schrieb und sagte, dass deren Wähler nicht als Protestwähler entschuldigt werden können, wurde ich wieder angegriffen, warum eigentlich? Weil sich diese Partei rühmt, an der Seite der Juden zu stehen?

Wenn "Meinungsbegleiter" ohne Skrupel bei einer Inszenierung mitspielen

Waren es nicht CSU- und CDU-Politiker, die ähnliche Töne spukten, von denen sie heute nichts mehr wissen wollen? Versuchten sie nicht, sich in ihrem Aktionismus gegenseitig sprachlich zu überbieten? Waren es nicht Sprüche wie "deutsche Werte" und Aussagen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, die den geistigen Nährboden für diese „braune Saat“ schürte? Was wir von „deutschen Werten“ zu halten haben, erleben wir täglich: schamlose Doppelstandards, wenn es um den "Jüdischen Staat" geht.

Während der Islam und Muslime gerne als rückständig, reaktionär und gefährlich beschrieben werden, versucht man das Judentum als Hort des Humanismus und der Toleranz darzustellen. Schauen wir allerdings in den "Jüdischen Staat", ist die Realität eine ganz andere. Ein zionistisches, völkerrechtswidriges und menschenverachtendes Unterdrückungs- und Besatzungsregime, das auf alt-testamentarischen Regeln basiert, ist weder demokratisch noch tolerant.

Wenn wir jetzt also nach den "Kippa-Märschen" "Davidstern-Märsche" erleben, dann ist das erneut eine einseitige Unterstützung einer Gruppe. Während mehr Moscheen und muslimische Einrichtungen angegriffen wurden, Migranten nicht sicher sein können, wird der Antisemitismus in seiner Bedeutung überhöht. Antisemitismus gibt und gab es und wird heute verstärkt durch die Politik des "Jüdischen Staates". Deutschland macht sich wieder schuldig – nicht nur dadurch, dass "BDS-Anhänger" und Juden, die sich zu Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen bekennen, bis Palästina frei ist, als Antisemiten diffamiert werden, sondern auch durch diesen neuen Philosemitismus der "Meinungsbegleiter", der ohne Skrupel bei einer Inszenierung mitspielt, die sich für alle Juden als gefährlich erweisen könnte. Nehmen wir uns ein Beispiel an den USA. Dort wenden sich immer mehr – gerade auch jüngere – Juden ab von der blinden Unterstützung des "Jüdischen Staates", weil sie merken, dass sie jüdischem Leben ohne Angst einen Dienst erweisen. Wenn hier mit Hilfe "christlich-zionistischer" Politiker und der Israel-Lobby Angst geschürt wird, anstatt die Wurzel allen Übels zu packen, dann sollten Juden wirklich Angst bekommen vor dieser Art der "Meinungsbegleiter" und ihrer Helfer.


Fußnoten:

(1) https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-die-todesliste-des-nsu-100.html
(2) https://www.zeit.de/news/2019-10/10/merkel-telefoniert-mit-netanjahu
(3) https://www.bild.de/bild-plus/politik/inland/politik-inland/synagogen-in-deutschland-schutz-durch-anti-terror-einheiten-aus-israel-65257422,view=conversionToLogin.bild.html
(4) https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/horst-seehofer-hans-georg-maassen-koalition
(5) https://www.tagesspiegel.de/politik/auskunft-nach-gerichtsbeschluss-beriet-maassen-doch-die-afd/24448734.html
(6) https://www.haaretz.com/opinion/.premium-israel-s-conscience-sedated-and-on-a-respirator-1.7927815
(7) https://www.middleeastmonitor.com/20191013-israel-to-build-new-settlement-homes-in-west-bank/


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.


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