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Aktueller Online-Flyer vom 15. Oktober 2019  

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Globales
Wie ein Verteidiger der israelischen Besatzung mit Falschbehauptungen publizistisch Stimmung macht
Das Beispiel Dr. Dr. Marcus Ermler
Von Arn Strohmeyer

Er hat zwei Doktor-Titel erworben und arbeitet als Mathematiker und Informatiker an der Bremer Universität. Über ihn heißt es auf dem Blog von Henryk M Broder „Achse des Guten“ (achgut.com), er blicke in seiner Freizeit kritisch auf die politische Linke und religiösen Fundamentalismus. Außerdem berichte er regelmäßig über das „politische Biotop Bremen“ („Deutschlands Venezuela: Bremen taumelt in den Sozialismus“, so ein neuer Artikel von ihm); die rechte Postille „Junge Freiheit“ bezeichnet seine Beiträge als „scharfsinnig“.

Nun schützen aber ganz offensichtlich auch zwei Doktortitel nicht vor der Unfähigkeit, politische Realitäten wahrzunehmen. Fakten spielen bei diesem Autor überhaupt keine Rolle, denn das einzige Ziel dieses „scharfsinnigen“ Freizeitpublizisten ist es ganz eindeutig, Stimmung zu erzeugen, zu diffamieren, aus Weiß Schwarz zu machen, vor allem aber „Antisemiten“ zu entlarven. Da stören Fakten natürlich nur. Man sollte solchen Schreibern eigentlich keine Beachtung schenken, sie schlicht negieren, aber es ist aufschlussreich, die Arbeitsweise solcher Autoren – und in diesem Fall die des Dr. Dr. Marcus Ermler – zu studieren, denn um den geht es hier. Was am Beispiel seines Artikels „Der israel-feindliche Narrensaum der Bremer Linkspartei“ (veröffentlicht am 18.07.2019) gezeigt werden soll.

Da wird zu Beginn von Ermlers Artikel eine „antizionistische“ Kampffront zwischen der Linkspartei, „Friedensbewegten“ des Bremer Friedensforums und „vermeintlichen Palästina-Freunden“ des Bremer „Nahost-Forums“ beschworen. Gemeinsamer Kitt dieses Bündnisses sei das „antizionistische Narrativ“. Ermler zitiert dann als Beleg einen Aufruf des Friedenforums, den die Linkspartei am 23.11.2012 (!) auf ihrer Webseite veröffentlicht habe. Der Autor muss also sieben Jahre zurückgehen, um der Linkspartei „Antisemitismus“ anzuhängen. Der Text des Aufrufs ist im Übrigen völlig in Ordnung, weil er die reale Situation in Israel/Palästina richtig wiedergibt. Er könnte aus einer UNO-Resolution stammen, aber Völkerrecht und Menschenrechte sind ja nicht die Sache der Israel-Freunde.

Das Zitat lautet: „Ursachen für die Gewalt im Nahen Osten sind (…) die Verbrechen der Israelis am palästinensischen Volk seit mehr als 60 Jahren: der Raub des Landes, die Vertreibung seiner Menschen, die Zerstörung seiner Gesellschaft, die Verweigerung der Rückkehr der Flüchtlinge sowie die seit 1967 andauernde Besetzung des Westjordanlandes und die seit 2006 vollständige Abriegelung des Gazastreifens.“

Ermler erweckt den Eindruck, als gebe es in Bremen eine Nahostgruppe namens „Nahost-Forum“, die da permanent ihr antizionistisches bzw. antisemitisches Handwerk betreibt. Diese Gruppe gibt es aber gar nicht. Es hat sie bis zum Jahr 2015 gegeben, dann hat sie sich wegen innerer Differenzen aufgelöst. Heute existiert in Bremen nur noch eine Gruppe, die Israels Politik kritisch gegenübersteht: der Arbeitskreis Nahost (AK Nahost). Auf den geht Ermler aber gar nicht ein. „Nahost-Forum Bremen“ ist der Titel der Webseite des AK Nahost, die von drei Mitgliedern dieser Gruppe betreut und verantwortet wird. So steht es auch im Impressum dieser Seite.

Genauso falsch ist die Information über die führende Rolle des Bremer Friedensforums als „antizionistischer“ Stoßtrupp. Diese Friedensgruppe (der der Autor dieser Zeilen mehrere Jahre angehört hat) sieht ihre Hauptaufgabe keineswegs in der kritischen Auseinandersetzung mit der israelischen Politik, sondern hat ein viel breiteres Arbeitsfeld: den Frieden überall dort, wo er bedroht ist. Ein Blick auf die Webseite dieser Gruppe belegt das überzeugend. Zudem gibt es im Friedensforum durchaus Differenzen zum Thema Israel, sodass nur einige seiner Mitglieder an entsprechenden Aktionen teilnehmen.

Nach dem Gesagten versteht es sich von selbst, wie unsinnig Ermlers Behauptung ist, das Bremer Nahost-Forum halte die wöchentliche Palästina-Mahnwache vor dem Bremer Dom ab. Also eine Gruppe, die es gar nicht gibt! Diese Mahnwache hat sich nach den beiden Gaza-Kriegen 2008/09 und 2014 aus Empörung gebildet, weil Israel damals mit seinen Angriffen auf den seit 2007 von ihm belagerten Gazastreifen Tausende von palästinensischen Zivilisten getötet hat. Die Mahnwache hat aber gar keine feste Gruppenstruktur, ihre Teilnehmer kommen aus allen möglichen politischen und kirchlichen Initiativen – auch mehrere Pastoren sind dabei. Mit anderen Worten: Jeder oder jede kann daran teilnehmen, eine offizielle Mitgliedschaft gibt es nicht. Die Webseite „Nahost-Forum Bremen“ des AK Nahost kann über die Mahnwache informieren oder für sie werben, aber es organisiert sie nicht. Auch hier ist Ermler einem Bären aufgesessen.

Dass der Dr. Dr. Ermler nicht zwischen berechtigter Kritik an Israels völkerrechts- und menschenrechtswidriger Politik gegenüber den Palästinensern, Antizionismus und Antisemitismus (und damit auch zwischen Judentum und Zionismus) unterscheiden kann, offenbart sein intellektuelles Niveau. In diesem Sinn muss er auch den Verfasser dieser Zeilen angreifen und beruft sich dabei auf eine Kritik des Grünen-Politikers und Vorsitzenden der Bremer Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Dr. Hermann Kuhn. Dieser hatte 2016 in der Bremer Villa Ichon auf einer Veranstaltung gegen mein zuvor erschienenes Buch „Antisemitismus – Philosemitismus und der Palästina-Konflikt. Hitlers langer verhängnisvoller Schatten“ gesprochen, die eine mysteriöse Gruppe namens „Zaungast“ organisiert hatte, um mir und meinem Buch Antisemitismus vorzuwerfen.

Da Kuhn aber ganz offensichtlich in meinem Text gar keinen Antisemitismus entdecken konnte, griff er zu einem simplen Trick. Er nahm einige Zitate von jüdischen bzw. israelischen Intellektuellen heraus, die ich verwendet hatte, und unterstellte mir ihre Urheberschaft. Abgesehen davon, dass diese Zitate nichts mit Antisemitismus zu tun haben, sondern eine berechtigte Kritik an Israels Politik zum Inhalt haben, reichten sie für Kuhn aus, um in seiner Rede die rhetorische Aussage zu formulieren: „Urteilen Sie selbst, ob Strohmeyer ein Antisemit ist.“ Dass er damit meinte, ja suggerieren wollte, dass ich ein Antisemit sei, versteht sich wohl von selbst. Das war ja der Sinn und das Ziel der Veranstaltung. (Ich habe diesen Skandal anschließend in meinem Buch „Vorsicht Antisemiten! Ist Antizionismus gleich Antisemitismus?“ dargestellt). Dr. Dr. Ermler greift Kuhns diffamierende Äußerungen, die heute noch auf der Webseite der Bremer DIG stehen, genüsslich auf, um mich auch in die antisemitische Ecke zu stellen.

Da Ermler mich also auch in den Bremer „Narrensaum“ von Israel-Hassern und Antizionisten einreiht, deren Zentrum die Linkspartei sein soll, muss ich hier darauf hinweisen, dass ich der Linkspartei als Mitglied nicht angehöre (auch nie angehört habe) und auch in keiner Nahost-Gruppe mitarbeite. Auf der Webseite der Bremer Linkspartei konnte man vor Jahren aber noch Kritik an Israels Politik äußern. Die Seite machte damals ein Redakteur, der mir gewogen war und Nahost-Artikel von mir mitnahm – sehr zum Ärger des Establishments dieser Partei. Der Redakteur hielt aber an mir fest und gab selbst dem größten Druck (auch von der Parteispitze in Berlin) nicht nach und brachte weiter meine Artikel – bis man ihn geschasst hat. Kritik an Israels Politik war nicht erwünscht. Das ist die stramme antizionistische bzw. antisemitische Linie dieser Partei, die Ermler unterstellt. Geradezu grotesk ist also seine Behauptung, dass die Bremer Linkspartei Strohmeyer „immer wieder gern [auch heute noch] ein Forum für seine Israelfeindlichkeit“ gebe. Er wird auf der Webseite dieser Partei keinen Artikel aus den letzten Jahren von mir finden.

Dr. Dr. Ermler fabuliert ein breites antizionistisches bzw. antisemitisches Bündnis zusammen, das von der stalinistischen MLPD, den Trotzkisten, der „Antikapitalistischen Linken“ bis zum Friedensforum, der Palästina-Mahnwache, dem (nicht-existierenden) Nahost-Forum bis zur Linkspartei reichen soll. Hier wird eine Randgruppe – die Arbeitsgemeinschaft „Antikapitalistische Linke“ – zum politischen Tonangeber in der Linkspartei hochgespielt. Von der MLPD und den Trotzkisten hat man im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt in Bremen noch so gut wie nichts vernommen. In der Debatte der Stadt spielen sie in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle.

Von der Bremer Linkspartei hat man in letzter Zeit zum Israel-Palästina-Konflikt auch nichts gehört. Ihr ganzes politisches Vorgehen war auf die Bildung der Koalition mit der SPD und den Grünen ausgerichtet, jede kritische Äußerung zu Israel hätte dabei in ihren Augen diese Koalition gefährdet. Außerdem weiß man, dass diese Partei in der Nahost-Frage tief gespalten ist. Bei der SPD liegen die Dinge etwas offener zu Tage. Gerade erst hat die dieser Partei angehörende Kulturstaatsrätin Dr. Carmen Emigholz ein Raumverbot im Überseemuseum für einen Vortrag über Antisemitismus des Bonner Theologen Dr. Martin Breidert erteilt, ein klarer Eingriff in die im Grundgesetz garantierte Meinungsfreiheit. In Bremen wird in diesem Zusammenhang also eine ganz andere politische Linie gefahren als sie der Dr. Dr. Ermler zusammenfabuliert. Von dieser neuen Koalition ist – mit dem BDS-Beschluss des Bundestages im Rücken – mit Sicherheit keine Kritik an Israels Politik zu erwarten.

Wenn dieser „scharfsinnige“ Publizist vom „Narrensaum der Bremer Linkspartei“ spricht, dann muss man fragen, wer hier der Narr ist. Ermler macht Falschinformationen zum System, aber – wie schon gesagt – , es geht ja gar nicht um saubere Information, sondern um Stimmungsmache. Für ihn gilt wie für andere Schreiber seiner Denkrichtung: Unfähig zu wirklicher politischer Auseinandersetzung, weil sie die reale Situation in Israel/Palästina nicht sehen wollen, reicht es zu nicht mehr als zu ständiger Diffamierung. Auf sie trifft zu, was der Israeli Moshe Zuckermann immer wieder betont: Es geht ihnen gar nicht um das reale Israel, von dem sie gar keine Ahnung haben, sondern um das Austragen von deutschen Befindlichkeiten.

Man darf nur hoffen, dass der Dr. Dr. Marcus Ermler in seinen Lehrfächern Mathematik und Informatik nicht genauso fahrlässig und schludrig arbeitet, wie er das als Publizist tut. Sonst muss man um die Qualität dieser Fächer an der Bremer Universität sehr besorgt sein.

Online-Flyer Nr. 715  vom 14.08.2019

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