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Aktueller Online-Flyer vom 18. August 2019  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen: Nicht die Yarmulke (Kippa) ist das Problem, sondern der Kopf darunter
Besatzungsverbrechen unter der Kippa
Von Evelyn Hecht-Galinski

Nach den Europawahlen, die ganz klar bewiesen, dass Bürger nicht mehr bereit sind, die "Volksparteien" zu wählen, sondern Proteste gegen die Missachtung des "Volkes" zum Tragen kommen, ist es überfällig, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Rechtsextreme Parteien in ganz Europa bekamen einen schrecklichen Auftrieb, nicht etwa, weil sie Antisemitismus verbreiten, sondern weil sie mit Fremdenhass und Islamhass zu punkten wissen. Denn tatsächlich gibt es als Hauptproblem den Rechtsradikalismus und populistische Phrasen-Un-Kultur, die es geschafft haben, in Parlamente und Regierungen einzuziehen.

Warum verschließt der Bundestag bereitwillig die Augen vor der Wirklichkeit?

Wir erleben aber auch in beispielloser Weise, wie sich rechtsextreme, "Christliche", Bürgerliche, so genannte Liberale und Linke gemeinsam verbündeten, um zionistische Völkerrechtsverbrechen hoffähig zu machen und mit dem "Holocaust-Mäntelchen" zu legalisieren, das so infam ist, dass es einen sprachlos macht. Wie ist es möglich, dass fast der gesamte Bundestag einen "Anti-BDS -Beschluss" fassen konnte, der sowohl die palästinensische Zivilgesellschaft, als auch jüdische und nicht-jüdische Bürger für deren Unterstützung der gewaltlosen BDS-Kampagne kriminalisiert und als antisemitisch brandmarkt? Was befähigt eigentlich diese "Volksvertreter" zu so einem mehr als undemokratischen Beschluss? Warum verschließen sie bereitwillig die Augen vor der Wirklichkeit? Was nützen da große Feiern zur Gründung der deutschen Verfassung, des Grundgesetzes vor 70 Jahren und ein "Kaffeeklatsch" im Garten des Schloss Bellevue, dem Wohnsitz des Bundespräsidenten, wenn doch ständig dieses Grundgesetz missachtet wird und gewisse Politiker immer mehr von Gesetzesänderungen schwadronieren?

So ist es für mich auch eine Folge der großen Unzufriedenheit, dass diese Europawahlen ein Zeichen setzten, dass die Bürger sich wehren gegen diese Art der Politik. Von der Klimakatastrophe bis hin zur transatlantischen Freundschaftspolitik haben viele Bürger die Nase voll, denn sie erleben, dass all die aktuell brennenden Probleme vernachlässigt werden, um den USA und dem "Jüdischen Staat" zu gefallen. Immer mehr Rüstungsausgaben, immer mehr Kriegseinsätze und nicht zu vergessen, die gesteuerten Drohnenangriffe von deutschem Boden aus, sowie die von der Mehrheit der Bundesbürger nicht gewollte Lagerung von Atomwaffen auf deutschem Boden. Warum sind sich CDU, SPD und FDP und sogar Linke so einig? Warum sind die "grünen Gärtner" auf einmal so beliebt und weshalb konnte eine Partei wie die AfD so hochkommen? Auch die Linke tritt die in ihrem Wahlprogramm festgelegte „Achtung des Völkerrechts“ in die Tonne, wenn es darum geht, diese auch für das unter jahrzehntelanger Besatzung lebende palästinensische Volk einzufordern – und hechelt statt dessen den anderen Parteien hinterher, um mit ihnen ALLEN in einem Boot zu sitzen, wenn es um den "Jüdischen Staat" geht! Aus dem "Nie wieder Krieg", nach dem II. Weltkrieg und den schrecklichen Verbrechen des Holocaust, überträgt sich das schlechte Gewissen der Enkel-Generation auf die Politik und hat den Antisemitismus durch einen unsäglichen Philosemitismus abgelöst.

Mit BDS gegen die zionistischen Besatzungs- und Völkerrechtsverbrechen

Im Bundestag kam die zionistischen Besatzungs- und Völkerrechtsverbrechen des Apartheidstaates Israel nicht zur Sprache, ohne die man BDS gar nicht verstehen kann, aber man diffamiert diese Bewegung, die sich nach dem Vorbild Süd-Afrikas gebildet hat und durchaus erfolgreich versucht, die Freiheit Palästinas zu erreichen.

Jetzt wurde eine neue konzertierte Ablenkungsaktion gestartet, eine ganz typische Hasbara-Methode. Die begann am letzten Samstag in Zeitungen der Funke- Mediengruppe mit Aussagen des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, als er Juden in Deutschland empfahl, nicht jederzeit überall in Deutschland eine Kippa (Yarmulke) zu tragen. Klein begründete diesen Vorstoß mit einer "zunehmenden, gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung". Hierzu hätten das Internet und die sozialen Medien stark beigetragen, "aber auch die fortgesetzten Angriffe auf unsere Erinnerungskultur". Klein sollte, wenn er schon die Erinnerungskultur erwähnt, sich dafür einsetzen, dass zu dieser Erinnerung auch die Nakba, die Erinnerung an die Katastrophe der gewaltsamen Vertreibung des palästinensischen Volkes bei der Staatsgründung Israels 1948, genauso zu Deutschland gehört, wie die Erinnerung an den Holocaust. Der Weg der Erinnerung in die Zukunft beginnt über das Erinnern und das gilt auch für die Palästinenser, denn die Menschenrechte sind unteilbar und gelten auch für die Palästinenser.

Immer wieder aktuell, gehört dazu die Aussage meines Vaters Heinz Galinski: "Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen.“

Frontalangriff gegen das Internet

Das war also Kleins Frontalangriff gegen das Internet und soziale Netzwerke, wie sie immer stärker wird. Genau in dieses Horn blies die CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer, als sie am Montagabend einen Tag nach der Europawahl einen Vergleich anstellte, der bewies, dass diese Frau für dieses Amt nicht geeignet ist. Sie fragte doch tatsächlich, was gewesen wäre, wenn 79 Zeitungsredaktionen zwei Tage vor der Wahl erklärt hätten, wir machen einen gemeinsamen Aufruf: Wählt bitte nicht CDU und SPD. Das wäre eine klare Meinungsmache vor der Wahl gewesen, so Kramp-Karrenbauer. Allein in diesem Satz bewies Kramp-Karrenbauer nicht nur ihr gestörtes Verhältnis zur Meinungsfreiheit, zum Grundgesetz und zum Internet, nein sie bewies ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit über das Unvermögen der CDU, noch mit richtigen Themen zu punkten. Anstatt sich inhaltlich mit dem Wahldebakel auseinanderzusetzen, vergiftete sie das Klima. Als zu Recht ein "Shitstorm" von allen Seiten über sie hereinbrach, fiel ihr nicht Besseres ein, als sich "falsch verstanden" zu fühlen.

In der Tat, die Parteien und ihre Vertreter werden nicht falsch verstanden, sondern die Bürger verstehen sehr gut, dass die Politik sie nicht mehr versteht. Wie sonst ist es möglich, das die Ämter des EU-Rats und Kommissionspräsidenten immer noch in "Hinterzimmern" unter Merkel und Co. "ausgeklüngelt" werden, anstatt sie ordentlich durch das EU-Parlament wählen zu lassen? Wo außer im Internet gibt es diese Vielfalt? Haben es nicht inzwischen auch die "Leit(d)"-Medien" begriffen und setzen immer mehr auf das Internet und ihre digitalen Auftritte? Mit den mehr als ärmlichen Politiker-Auftritten im Netz haben sie allerdings wenig entgegen zu setzen, und das wird ihnen immer schmerzlicher bewusst. Ja es tut weh, z.B. nach dem Rezo-YouTube-Video, das mehr als 10 millionenfach angeklickt wurde, nicht mithalten zu können und eine Antwort darauf schuldig zu bleiben. Rezo, einer der begabtesten Influencer und You-Tuber, konnte faktenreich und belegt beweisen, dass es sich nicht lohnt, CDU, SPD und AfD zu wählen.

Medien voll auf "Kurs" getrimmt

Anderes Beispiel, wo sonst, als im Internet, gibt es denn noch eine so rege Diskussion über den "Jüdischen Staat" und seine furchtbaren Verbrechen? Wo sonst haben wir noch eine solche Vielfalt an interessanten Artikeln? Wo wird das Schicksal der besetzten Palästinenser so krass vorgeführt? Natürlich wird das von der Israel-Lobby zunehmend als Bedrohung angesehen, und besonders deutsche Medien und Politiker und Parteien dieses Thema unter dem Tisch halten möchten. Ich möchte mich ausdrücklich distanzieren von Hetze, Hass und anonymen Kommentaren im Netz. Aber wo sonst gibt es noch solche Möglichkeiten, sich zu informieren und auszutauschen? Schließlich hat man es in Deutschland speziell verstanden, die gesamte Mainstreampresse und Öffentlich-Rechtliche Medien voll auf "Kurs" zu trimmen. So wie Israel-Kritiker medial ausgegrenzt werden, Veranstaltungen öffentliche Räume verweigert werden oder sie diffamiert werden, das hat schon System.

Ein weiteres Beispiel: sofort nach Kleins Aussagen gab es kein Medium, das nicht sofort darauf einging und das Schicksal der Juden in Deutschland beklagte. Ebenso natürlich der Zentralratspräsident der Juden, Schuster, und seine Vorgängerin Knobloch. Man beeilte sich, Klein für sein Statement zu kritisierten, da es ein "Armutszeugnis" wäre, wenn sich Juden nicht überall mit der Kippa in Deutschland bewegen könnten. Sofort beeilten sich Politiker wie "Heimatminister" Seehofer, dass Gegenteil zu versichern und für geeignete Gegenmaßnahmen zu sorgen, die ergriffen werden müssen, damit dieses Recht gesichert ist. Es wurden Forderungen aufgestellt, wie Schulungen für Polizisten über den Umgang mit Antisemitismus, sowie zur Ausbildung von Lehrern und Juristen. Dieses Thema war auf einmal in aller Munde und schien wie eine Fortführung der Bundestagsdebatte, um diese nochmals nachträglich "koscher" zu machen. Tatsächlich erleben wir eine völlig unnötige Debatte über Antisemitismus unter der Metapher "Kippa". Als auch noch Israels Staatspräsident Rivlin "bestürzt" auf die Kippa-Warnung reagierte, war das Maß voll. Da fragte ich mich, sollte dieser Staatspräsident des "Jüdischen Apartheidstaates nicht zuerst einmal dafür sorgen, dass muslimischen Bürgern, im "Jüdischen Staat" Religionsfreiheit gewährt wird und nicht durch rechtsextreme "jüdische Tempelbauer und Siedlerhorden", geschützt durch Soldaten der jüdischen "Verteidigungsarmee", dieses Recht wie auf dem Haram-al Sharif so oft geschehen, verweigert wird. Was ist mit der Willkür des zionistischen Regimes, das immer wieder muslimischen Männern die Grundrechte der Religionsausübung verweigern? Wer also wagt es endlich, gegen diese jüdisch-zionistische Einflussnahme aufzubegehren?

Unglaublich verlogene und peinliche Aktion

Als auch noch eine unglaublich verlogene und peinliche Aktion des "Krebsgeschwürs" der deutschen Presselandschaft, der "Springernden-Bild-Zeitung", am Dienstag begann, indem diese eine "Bild-Kippa" mit „Bastelanleitung“ vorstellte, mit Köpfen und Darstellen, von Politikern aller Parteien, angeführt vom "Auschwitzminister" Maas, Andreas Scheuer (CSU), Volker Bouffier (CDU), Bijan Dijr (FDP), Susan Chebli (SPD), die ihre Kippa für ihren "jüdischen Freund" trägt. Künstler wie die "schwarzbraune Haselnuss" Heino will da auch nicht fehlen. Wo waren diese "KippaträgerInnen", als es um das Kopftuch und um Solidarität mit Muslimen ging? (1)

Ist nicht der eigentliche Hintergrund dieser erneuten konzertierten Antisemitismus-Aktion ein bewusstes Ablenkungsmanöver von den Zuständen im "Jüdischen Staat"? Alles das im wichtigen Nakba-Monat Mai und kurz vor der Demonstration am kommenden Samstag in Berlin zum Al-Quds (Jerusalem) Tag. Berlins SPD-Innenminister Andreas Geisel findet den alljährlichen Al-Quds-Marsch unerträglich, doch ein Verbot der „anti-israelischen“ Demo sei schwierig. Auch der Zentralrat der Juden fordert nun "strikte Auflagen".

Warum eigentlich? Was ist am Al-Quds-Tag so verwerflich? Was wird kritisiert? Warum dürfen an diesem Tag, der am Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan liegt, nicht Teilnehmer und der Iran nicht zur "Eroberung" von Jerusalem aufrufen? Gerade nach der einseitigen Eroberung von Jerusalem durch die USA und den "Jüdischen Staat" am Völkerrecht vorbei als "ewige ungeteilte" Hauptstadt des "Jüdischen Staates"? Was ist so falsch an dem Ausdruck "Kindermörder Israel", wenn man die gezielten Angriffe gegen Kinder der "moralischsten" aller jüdischen "Verteidigungsarmee" in Gaza erlebte? Und was ist an der Hisbollah-Flagge, der libanesischen Widerstandsorganisation, die auch in der Regierung im Libanon sitzt, so verwerflich, während die Davidstern-Flagge, das Symbol der zionistischen Besatzung und Unterdrückung, überall geschwenkt werden darf? Wo waren all die politischen "Kippa-Träger", um gegen die Dippelstandards zu protestieren, sobald es um den "Jüdischen Staat" geht? Schon einmal versuchte man die Bevölkerung zum "Kippa"tragen zu animieren.

Zionistisches Kampfmittel: Kippa

Kommen wir also zum neuem zionistischen Kampfmittel, der Kippa oder Yarmulke. Das Tragen einer Kippa ist ein religiöses Symbol eines emotionalen Ausdrucks, das auf kein Gebot zurückgeht. Allerdings sagt es sehr viel über die politische Haltung aus. Bei Umfragen im "Jüdischen Staat" bekundeten 63% der befragten bunten gestrickten Kippa-Träger, dass sie religiöse Zionisten seien, die das "jüdische Volk" als religiös berechtigtes Territorium in der Region betrachten. Tatsächlich wird der Begriff "Kippa-sruga" (gestrickte Kappe) verwendet. Diese Männer stimmen in Mehrheit der Aussage zu: "Araber sollten aus Israel vertrieben oder transferiert werden (65%) und dass ein friedliches Zusammenleben für Israel und einen unabhängigen palästinensischen Staat nicht möglich ist und sie sich der politischen "Rechten" zugehörig fühlen.

Alle diese Kippa-Träger bekamen Aufwind durch die immer stärker werdende Siedlerbewegung und der Judaisierung des Landes. Sie ist zum Symbol des radikalsten und rechtsextremen jüdischen Nationalismus geworden, ein Symbol ohne religiöse Bedeutung.

So ist es eine Tatsache, dass solange die deutsche Staatsräson für die Sicherheit des "Jüdischen Staats" bleibt, ohne dass eine Staatsräson für Palästina gilt, wird es immer wieder Proteste gegen Juden und jüdische Einrichtungen geben, die sich nicht von den Völkerrechtsverbrechen und der illegalen Besatzung distanzieren.

Populistisches Kippatragen: das falsche Zeichen

So ist das gemeinsame populistische Kippatragen das falsche Zeichen, um Solidarität zu zeigen. (2) Wo bleibt die Solidarität mit den Kopftuch-Trägerinnen? Beide Zeichen sind durch keinen religiösen Hintergrund und keine Vorschrift im öffentlichen Leben zu rechtfertigen. Setzen wir ein Zeichen und tragen keine Kippa am kommenden Samstag, aus Solidarität mit einem befreiten Palästina, um die Besatzungsverbrechen unter der Kippa nicht noch zu unterstützen.

Nicht die Kippa-Yarmulke ist das Problem, sondern der Kopf darunter!


Fußnoten

(1) https://www.bild.de/news/inland/politik-inland/von-bild-gabs-die-kippa-zum-selbstbasteln-wir-tragen-kippa-weil-62228990.bild.html
(2) https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/kippa-debatte-antisemitismus-beauftragter-ruft-zum-kippatragen-auf-62241888.bild.html


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Online-Flyer Nr. 707  vom 29.05.2019

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