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Aktueller Online-Flyer vom 25. August 2019  

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Arbeit und Soziales
Offener Brief an den deutschen Bundesminister für Gesundheit, Herrn Jens Spahn, anlässlich seiner Entscheidung, Pflegefachkräfte vom Westbalkan zu rekrutieren
Herr Spahn, Serbien blutet aus – und Deutschland profitiert!
Von Rudolf Hänsel

Mein Herr! Ich bin wie Sie kein Mediziner, sondern Psychologe und Pädagoge. Doch aufgrund vieler Reisen nach Serbien und guter Freunde dort kann ich den aktuellen gesundheitlichen Zustand der Menschen in diesem Westbalkan-Land und die Qualität ihrer medizinischen Versorgung gut beurteilen. Vor ein paar Jahren besuchte ich eine ältere Dame in einem einst berühmten öffentlichen Krankenhaus in Belgrad. Angesichts der äußerst kargen Einrichtung des Krankenzimmers und des gesamten Hauses, was mich eher an ein Feldlazarett erinnerte, verzog ich mich zwischendurch in eine dunkle Ecke im Flur, weil ich als gestandener Mann weinte vor Gram – und vor Scham. Vor Scham deshalb, weil ich wusste, dass die mangelhafte Einrichtung, medizinische Ausrüstung und personelle Ausstattung dieses Krankenhauses auch eine Folge der US-NATO-Aggression im Jahr 1999 war und noch ist. Diese fügte dem Land großes Leid und unermesslichen ökonomischen wie ökologischen Schaden zu. Und die deutsche Regierung war an diesem Verbrechen und Genozid am serbischen Volk beteiligt.

Infolge des Einsatzes von circa 10 bis 15 Tonnen hochgiftiger und radioaktiver Urangeschosse während der 78-tägigen Bombardierung haben multiple Krebserkrankungen in Serbien inzwischen ein epidemisches Ausmaß erreicht. Man geht von 33.000 Fällen pro Jahr aus. Es gibt keine Familie ohne bösartige Erkrankungen. Durch die Schädigung des Erbguts, der DNA, werden Generation um Generation missgebildete Kinder zur Welt kommen.

Laut neueren Statistiken erkranken in Serbien etwa doppelt so viele Kinder wie im restlichen Europa. Das heißt, 355 Kleinkinder pro eine Million Einwohner. Vor 1999 waren es 160 Kinder. Bei Kindern zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr nimmt vor allem die Leukämie zu. Laut dem Onkologen Professor Slobodan Cikaric ist der Anteil der Leukämie-Kranken um 110 Prozent höher als vor der Bombardierung. Haben Sie das gewusst, mein Herr?

Anstatt dass nun die reichen europäischen Länder als Zeichen der Wiedergutmachung alles Menschenmögliche veranlassen, damit die serbischen Spitäler zusätzliche Fachärzte, Pflegekräfte und notwendige medizinische Geräte sowie ausreichend Medikamente zur Versorgung der krebskranken Kinder und Erwachsenen zur Verfügung haben, wirbt man weiter Fachärzte und Pflegefachkräfte ab, die vom serbischen Staat gut ausgebildet worden sind und holt sie (für immer) in den „goldenen Westen“. Eine forcierte Aus- und Fortbildung von eigenen deutschen Pflegefachkräften sowie eine gerechte Entlohnung ihrer wertvollen Arbeit für das Gemeinwohl werden dadurch umgangen.

Die Gesundheitssysteme der Westbalkan-Staaten kollabieren dadurch nach und nach, und viele Familien werden wegen des Arbeitsaufenthalts im Ausland jahrelang auseinander gerissen. Allein aus Serbien wandern jährlich über 70.000 meist junge, gut ausgebildete Menschen aus. Für mich ist das eine schändliche Ausbeutung der ökonomisch schwachen Volkswirtschaften des Westbalkans, eine schlimme Form des Neokolonialismus.

Mein Herr, korrigieren Sie Ihre fatale Entscheidung angesichts meiner begründeten Einwände. Sie würden damit Serbien sowie den anderen Westbalkan-Staaten Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugleich einen Akt der Menschlichkeit durchführen.

Dipl.-Psych. Dr. Rudolf Hänsel
Lindau (Bodensee)


Online-Flyer Nr. 706  vom 22.05.2019

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