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Aktueller Online-Flyer vom 23. Mai 2019  

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Krieg und Frieden
Zur erneuten Verlängerung des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan
Bundeswehr bildet die künftigen Sicherheitskräfte der Taliban aus
Von Jürgen Heiducoff (Afghanistanveteran)

Wer angesichts der Überschrift meint, nun sei das Chaos komplett, der ist gar nicht so weit von der Realität entfernt. Rein militärisch ist es eine Blamage für die hoch gerüsteten Spezialeinheiten und Kommandotruppen der USA und der Afghanischen Nationalarmee, seit Jahren auch mit Einsatz modernster Hochtechnologie in Form von Jagdbombern, Drohnen und anderen Vernichtungsmitteln, die Rebellenmilizen in Sandalen nicht besiegen zu können.

Aber hier gibt es auch eine ethisch-moralische Komponente. Während die amerikanischen, afghanischen und anderen Söldner für Geld und Geltung kämpfen, tun es die Männer des islamischen Widerstandes vor allem für ihre Großfamilien und deren Ehre. Der Anteil des religiösen Fanatismus ist nicht zu vergessen.

Die Mehrzahl der Bevölkerung, deren Lebensniveau inzwischen wieder sinkt, hat die Hoffnung und Zuversicht in eine bessere Zukunft verloren. Dieses Gefühl entlädt sich in Hass und Abscheu gegenüber den in ihren Augen ungläubigen Truppen. Da spielt die Nationalität der Soldaten keine Rolle mehr.

Spiegel online meldet am 23.03.2019: „Im Norden Afghanistans sind mindestens 13 Mitglieder einer Familie bei einem Einsatz afghanischer und internationaler Streitkräfte getötet worden. Das teilten die Behörden der Provinz Kundus mit... Behörden zufolge gehen die Streitkräfte derzeit verstärkt gegen die radikalislamischen Taliban vor... Am gleichen Tag kamen mehrere Menschen bei Anschlägen in anderen Teilen Afghanistans ums Leben.“

Mord und Totschlag vergrößern das Leid der Afghanen.

Und Deutschland ist dabei – für ein weiteres Jahr. Der Deutsche Bundestag hat mit Mehrheit für die Verlängerung des Mandates des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan votiert. Der Vorschlag des Kabinetts wurde ohne Änderungen und ohne tiefgreifende Analyse der Lage einfach durchgewunken. Dabei droht das Ende der Mission, wenn die USA wie angekündigt, mit dem Abzug ihrer Truppen beginnen.

Oft haben sich Angehörige der Bundesregierung und Abgeordnete des Bundestages „ein Bild von der Lage vor Ort gemacht“. Und sehr oft sind sie mit einem Zerrbild nach Hause zurück gekehrt, weil sie aus Sicherheitsgründen gar nicht real vor Ort waren, sondern nur in militärischen und politischen Hochsicherheitszonen und weil sie auch selten kompetenten Akteure begegneten.

Es herrscht die verharmlosende Meinung vor, die Bundeswehr habe doch „nur“ ein Mandat zur Ausbildung, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte. Welch eine große Fehleinschätzung. Die Afghanen, deren Familien unter militärischer Gewalt litten und leiden, unterscheiden nicht zwischen der Nationalität der Militärs.

Es ist abzusehen, dass die ausgebildeten afghanischen Soldaten und Polizisten in ihrer Mehrheit nach einer kaum noch zu verhindernden politischen Wende am Hindukusch einer neuen, von den Taliban dominierten Regierung dienen werden. Das wäre nicht das erste Mal in der afghanischen Geschichte. Noch heute gibt es in den Reihen der ANA ältere Offiziere, die in der Sowjetunion ausgebildet wurden und danach verschiedenen Regierungen, u.a. auch den Taliban gedient haben Ist im Bundestag nicht klar, dass unsere Soldaten die künftigen Sicherheitskräfte der Taliban ausbilden?

Online-Flyer Nr. 698  vom 29.03.2019

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