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Aktueller Online-Flyer vom 17. November 2019  

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Literatur
Historische Dokumente von 1944 und 1945
Die Hitlerjugend in Danzig
Von Gerhard Jeske

Der gebürtige Danziger, Gerhard Jeske, beschreibt in seinem Buch nicht nur seine persönlichen Erlebnisse als Jungscharführer in der Hitlerjugend. Er gibt auch Einblick in die historischen Begebenheiten der damaligen Hitlerjugend zum Ende des zweiten Weltkrieges in Danzig. Nur wenige Zeitzeugen haben es geschafft, sich objektiv mit der eigenen Vergangenheit und der damit verbundenen deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Dieses Buch ist ein einzigartiger Zeuge deutscher Geschichte, wie man sie selten in gebundener Form wiederfindet. Die NRhZ bringt das Vorwort, einen Nachtrag dazu und einen kurzen Text.


Vorwort

Als Zehnjähriger erkundete ich meine nächste Umgebung in Danzig. Da hörte ich Flötentöne aus einem Kellerfenster der Wiebenkaserne. Neugierig sah ich durchs vergitterte Fenster. Dort saßen im Halbkreis ungefähr ein Dutzend Jungen auf Hockern und entlockten der Querflötte eine Marschmelodie.

Die Jungen waren angezogen mit braunen Hemden und schwarzen Hosen. Wie ich erfuhr, war das eine Musikgruppe der Pimpfe. Das war meine erste Begegnung mit der Hitlerjugend in der Danziger Niederstadt.

Wir zogen dann um, in die Groddeckgasse, das war 1936. Eines Tages klingelt die Türschelle und meine Mutter ging hin, um die Tür zu öffnen. Ein Oberschüler aus der Nachbarschaft wollte mich sprechen. Nachdem ich vor ihm stand, hielt er mir eine Liste hin und fragte mich, ob ich dort eingetragen werden wolle, dann wäre ich Mitglied der Evangelischen Jungschar von der Trinitatis Kirche. Das gefiel meiner Mutter; sie nickte mir zu und ich machte meinen Kringel auf eine leere Zeile.

Die evangelische Jugend durfte nur im Heim tagen, dort spielen, singen oder Geschichten anhören. Das wurde mir auf die Dauer zu langweilig, denn ich wollte lieber in der Natur herumtollen. Nach einigen Stunden ging ich nicht mehr hin. Von den Pimpfen und den anderen älteren Hitlerjungen bemerkte ich im Stadtteil nichts. In anderen Stadteilen, so auch bei den gut situierten Bürgern, gedieh die HJ besser, aber das merkte ich nur so am Rande.

1938 im August zogen wir wieder um, jetzt in die Kolonie Sonnenland in ein eigenes Haus. Dort erlebten wir den ersten September und damit den Anschluss an das Deutsche Reich. Die HJ wurde nun Staatsjugend. So kam es, dass mein Bruder und ich im Frühjahr 1940 von der Banndienststelle eine schriftliche Aufforderung erhielten, dass wir uns auf einem Sportplatz einzufinden hatten, um in das Jungvolk der HJ aufgenommen zu werden. Ich staunte, wie viele Jungen es in unserm Wohnviertel gab; ungefähr 40-50 Bowkes waren dort versammelt. Nachdem uns die HJ-Führer beigebracht hatten, wie wir uns in drei Reihen aufzustellen hatten, hielt der Bannführer seine Rede, die ich mir gar nicht merkte. Danach erhielten wir eine Urkunde mit Hakenkreuz, und aufgedrucktem Spruch. So wurden wir zwangsweise, ohne wenn und aber, in die Hitlerjugend aufgenommen.

Wie sich diese Mitgliedschaft in der Hitlerjugend weiter entwickelte, beschreibe ich mit einigen Erlebnissen und Erzählungen in diesem Buch.

Gerhard Jeske
Hamburg, im November 2018


 
Nachtrag zum Vorwort:

Leider durfte der Umschlag im Original, wie der Autor es vorlegte, vom Verlag aus nicht gedruckt werden. Begründung der Druckerei: „Bitte beachten Sie das Sie in Ihren Buch Kennzeichen verfassungs-widriger Organisationen verwenden und diese verboten sind darzustellen. Bitte machen Sie diese Zeichen unkenntlich oder entfernen sie.“

Antwort des Autors: „Stellen Sie sich vor, ein „rechter“ Junge greift nach dem Buch, vorausgesetzt es läge im Buchhandel vor, und ließt es begierig. Na, der fällt vom Stuhl, wenn er feststellen muss, dass die Uniform keinen anderen Menschen aus den Pimpfen gemacht hatte und dass die Oberen die Jungen als dressierte Untertanen missbrauchte.“

Dazu Christian Günther, Assessor und Redakteur bei www.anwalt.de: „Ziel ist eine Tabuisierung der Zeichen. Die mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bedrohte Verwendung zielt darauf ab, die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen möglichst weit einzuschränken. Das schließt ihre Verbreitung und Verwendung auch außerhalb des eigentlichen Kontexts, etwa zu Werbezwecken, in Computerspielen und auf Modellnachbauten, aus. Eine entsprechende Gesinnung setzt der Wortlaut des § 86a StGB bei der Verwendung zwar nicht voraus. Dennoch ist der Kontext für die Rechtsprechung mitentscheidend für eine Bestrafung. So sind sich klar gegen den Nationalsozialismus richtende Darstellungen erlaubt. Allerdings hat das auch nicht jede Staatsanwaltschaft und jedes Gericht von vornherein so gesehen. Nicht verboten sind durchgestrichene Hakenkreuze.“


Die Wölflinge: Vorstufe der Hitlerjugend

Ich war im fünften Lebensjahr, ich erinnere mich, dass mein Vater einen Radio Detector besaß. Es muss vor den Wahlen 1933 gewesen sein. Da saß er mit zwei Freunden davor und hörte, wie Hitler in den Äther schrie. Einer der Freunde rief spontan aus. „Der Deiwel. Der gibt es ihnen!“ Es waren die Engländer damit gemeint. Eines Tages zog uns unsere Mutter warm an und wir spazierten los zum Poggenpfuhl. Zwischen vielen Müttern mit ihren Kindern, so am Ende der Wieben-Kaserne, stellten wir uns hin. .Wir warteten auf den Umzug der Wölflinge. Man höre und staune: Das waren die Kinder zwischen fünf und zehn Jahren, also die Vorstufe der Hitlerjugend. Und plötzlich hörten wir die Trommeln und Pfeifen. Vom Wallplatz kamen sie angewackelt. Es war eine ziemlich lange Kolonne. Viele Mütter standen am Straßenrand und winkten ihren Buben und Mädchen zu. Von daher wusste ich, dass es eine braune Bekleidung für Wölflinge gab, sonst aber waren die Teilnehmer kunterbunt an-gezogen. Das Spektakel war von der NSDAP als Wahlpropaganda organisiert worden. Später hörte ich nichts mehr von den Wölflingen als Gruppe.


Gerhard Jeske: Die Hitlerjugend in Danzig - Taschenkalender 1945


   
Edition Lumen 2018, 240 Seiten, deutsch und polnisch, ISBN 978-3-943518-38-2, 12,95 Euro


Über den Autor

Gerhard Jeske, geboren 1929 in Danzig, lebt heute in Hamburg. Theologe von der Ausbildung, Fotograf vom Beruf, Grafiker, Publizist und politischer Schriftsteller.

Die Erinnerungen seiner Jugend in Danzig sind die spezifische Krönung seiner publizistischen Tätigkeit. Sie haben einen besonderen historischen Wert und sind Form seiner literarischen Erzählungen, die das tägliche Leben in der Freien Stadt Danzig wiedergeben – vor allem der Arbeiterfamilien in der Zeit des unruhigen Friedens und des tragischen Krieges.

Als Fotograf hatte er aktiv im gesellschaftlichen Leben teilgenommen und sich auf Enthüllungen und Bekämpfung von Nazismus eingelassen. Seit den siebziger Jahren arbeitete er mit Menschen aus Danzig zusammen, die für eine deutsch-polnische Annäherung tätig waren. Als Fotograf hatte er unter anderen mit Hans Georg Siegler (1920 – 1997), Autor diverser Werke über Geschichte und Kultur von Danzig und Oliva, zusammengearbeitet. In seinen Album-Büchern „Danzig erleben. Ein Kulturhistorischer Reisebegleiter durch Danzig” (Düsseldorf 1985) und „Von Danzig aus. Reisewege in Westpreussen, Pommern und Ostpreussen heute” (Düsseldorf 1987), die ein Reisebegleiter für Danzig Umgebung und Kaschuben sind, so wie im Buch „Danzig. Chronik eines Jahrtausends” (Düsseldorf 1990), finden wir so wertvolle Texte und Bilder von Gerhard Jeske. Dem Droste Verlag hatte er Bilder auch für andere Werke geliefert.

Während seiner vielen Reisen nach Polen - nach Danzig, den Kaschuben und auf die Danziger Niederung - hatte er Architekturdenkmäler und das tägliches Leben der Einwohner dokumentiert. Er arbeitete mit der Kunstakademie in Danzig und dem Freilichtmuseum Wdzydze zusammen, wo er Ergebnisse seiner Reisen in diese Region. in Fotoausstellungen präsentiert hatte. Er machte Aufzeichnungen von Zeitzeugen wie dem “alten Danziger” Gerard Knoff oder Pelagia Zmuda-Trzebiatowska aus Czarna Dabrowa, wo während des Krieges der Pfarrer-Oberst Józef Wrycz versteckt wurde und hielt die Aussagen in Interviews fest.


Weitere Bücher des Autors


Engel mit Trompete – Danziger Moritaten bis 1945 (Biografie)
Taschenbuch, 308 Seiten, ISBN 978-3943518-01-6, 14,95 Euro

Skizzen aus dem Innenleben – Grafiken und Lyrik
Taschenbuch, 152 Seiten, ISBN 978-3943518-11-5, 16,80 Euro

Erzählungen und Kommentare – Von Danzig nach Hamburg
Taschenbuch, 236 Seiten, ISBN 978-3943518177, 13,95 Euro

Danziger Architektur – Bildband I – Was von Danzig übrig blieb
Sonderformat, 260 Seiten, ISBN 978-3943518276, 39,95 Euro

Danziger Architektur – Bildband II – Was von Danzig übrig blieb
Sonderformat, 236 Seiten, ISBN 978-3943518283, 39,95 Euro

Online-Flyer Nr. 693  vom 20.02.2019

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