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Aktueller Online-Flyer vom 21. Februar 2019  

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Globales
Stellungnahme zur Kritik am Artikel "Das Hirngespinst des britischen Antisemitismus und wie man ihn nicht bekämpfen kann, wenn es ihn denn gäbe" von Norman G. Finkelstein
Ein Artikel, der sehr wohl verbreitet werden sollte
Von Jürgen Jung

Liebe Leute, ich bin ziemlich verblüfft und erschrocken über einige Reaktionen auf den Finkelstein-Text und kann mit D.G. nur sagen: Einfach noch mal lesen und versuchen, ihm gerecht zu werden. Was will Finkelstein uns sagen? Im Kern doch vor allem, dass einige der gemeinhin als antisemitisch geltenden Stereotype empirisch verifizierbare Fakten, also keine Vorurteile, sondern gerechtfertigte Urteile sind, wie z.B.: „Juden denken, dass sie besser sind als andere Menschen“. Über die von Finkelstein selbst dafür angeführten Belege hinaus darf ich auf eine am 15. September 2018 in Haaretz thematisierte aktuelle Meinungsumfrage verweisen, aus der hervorgeht, dass sich 56 Prozent der jüdischen Israelis für das auserwählte Volk halten. (1) Unter selbsterklärten Rechten sogar 79 Prozent. Und der Autor, Gideon Levy, warnt vor dem gefährlichen Einfluss, den ein derartiges Denken (vor allem auch auf die Politik Israels) hat.

Finkelstein verweist auf ein weiteres angeblich „antisemitisches Vorurteil“, demgemäß „Juden die Holocaust-Opferrolle für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren“, was sich ja wohl nicht ernstlich bestreiten lässt, vor allem auch angesichts unserer eigenen Erfahrungen hierzulande. Insbesondere dient dieses „Vorurteil“ zur Relativierung, gar Rechtfertigung „israelischer Verbrechen“ – so Finkelstein.

Dass Juden „zu viel Macht“ haben – Finkelsteins drittes Beispiel für vorgeblich „antisemitische Stereotype“ – ist gleichfalls eine schlichte, von Finkelstein gut belegte Tatsache. So zitiert er u.a. das in Israel ansässige Jewish People Policy Planning Institute, dass „das jüdische Volk sich heute auf einem historischen Zenit der Vermögensbildung befindet" und „noch nie so mächtig war wie heute" (Jewish People Policy Planning Institute, 2030: Alternative Futures for the Jewish People (Jerusalem: 2010), pp.18,19).

Im Vergleich zu anderen Minderheiten stellt Finkelstein fest: „Es ist nicht nur keine soziale Bürde mehr, jüdisch zu sein, sondern es bringt sogar gesellschaftliches Prestige mit sich“.

Im Kern lässt sich der Text also als eine gut begründete Zurückweisung der „Hysterisierung“ und Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs zu fremdbestimmten Zwecken verstehen.

In diesem Sinne gehen die Einwände einiger Diskussionsteilnehmer an dem Text schlicht vorbei, sind zum Teil richtiggehend abwegig, wobei ich auch keineswegs – wie Kritiker A meint – eine „Zusammenfassung“ des Textes geliefert habe, sondern eine Übersetzung. Was an ihm gefährlich sein soll, entzieht sich mir, denn es geht keineswegs um eine „ethnozentrische Betrachtungsweise“, die „die Analyse verhindert“ (Kritiker A), sondern um die „grobe Manipulation [des Antisemitismus] durch jüdische Eliten... die von einer [insbesondere im Interesse israelischer Politik] gezielt konstruierten Paranoia profitieren“ (Norman Finkelstein).

Selbstverständlich gilt es, „zwischen dem zionistischen Kolonialismus und dem Judentum zu unterscheiden“ (Kritikerin B), schließlich gab es von Anfang an eine starke antizionistische Strömung im Judentum. Lange Zeit war diese sogar eine deutliche Mehrheit. Und es gibt sie immer noch. Aber die Behauptung, dass „für die Unterdrückung der PalästinenserInnen nun wirklich nicht Jüdinnen und Juden verantwortlich sind, sondern Kolonialisten“, verkennt leider die Tatsache, dass die Zionisten in der Tat Juden waren, die sich selbst ganz unbefangen als Kolonialisten begriffen. Damals war der Kolonialismus nämlich noch keineswegs verpönt.

Und Finkelstein „gleitet“ mitnichten „gefährlich in wirklich antijüdische Argumentationen ab“, wenn er konstatiert, dass „Juden überproportional wohlhabend sind“ (Kritikerin B). Daran hat nämlich gerade er nicht das Mindeste „auszusetzen“, sondern das ist eine schlichte Tatsache, deren Benennung in keiner Weise „antijüdisch“ ist. Insofern ist es ganz gewiss nicht Finkelstein, der „auf eine völlig falsche Fährte geraten ist“ (Kritikerin B). Er differenziert ganz im Gegenteil wie kaum ein anderer sehr genau zwischen Urteil und Vorurteil bzw. Stereotyp.

Ich fürchte, dass die Gründlichkeit, ja Radikalität Finkelsteins in der Analyse vorherrschender Denkmuster bei manch einem immer noch auf Unbehagen stößt, weil er als Jude es sich erlaubt, jüdisch-zionistische Ideologeme selbstkritisch-rücksichtslos auseinanderzunehmen. Seine „Holocaustindustrie“ stieß ja auch deswegen auf weitgehende Ablehnung. Der Begründer und bedeutendste Vertreter der Holocaust-Forschung, Raoul Hilberg, allerdings meinte in einem Interview vom 9.5.2007, kurz vor seinem Tode: „Ich war über die Angriffe auf Finkelstein erstaunt. Zugegeben, mein Stil ist etwas anders, aber ich habe inhaltlich genau das gleiche gesagt..., und ich habe von niemandem auch nur ein kritisches Wort dazu gehört, obwohl ich substanziell zu den gleichen Ergebnissen wie Finkelstein kam.…Ich bin beeindruckt von Finkelsteins analytischen Fähigkeiten... (Darüber hinaus) erfordert es großen akademischen Mut, die Wahrheit auszusprechen, wenn man niemanden auf seiner Seite hat... Der Scharfsinn seines Werks und seine analytische Kraft ... werden ihm seinen Platz in der Geschichtsschreibung sichern. Die Wahrheit wird am Ende triumphieren, und er wird unter denen sein, die Anlaß zum Triumph haben werden, auch wenn er dafür einen hohen Preis gezahlt hat.“ (2)

Und zu seinen gleichfalls „umstrittenen“ Arbeiten zum Palästina-Konflikt meinte Avi Shlaim, einer der „revisionistischen“ israelischen Historiker, jahrzehntelang Professor für Internationale Beziehungen an der Universität von Oxford, und eine der weltweit führenden Autoritäten in der Erforschung der israelisch-arabischen Beziehungen: „Ich habe eine sehr hohe Meinung von Professor Finkelstein. Ich betrachte ihn als einen sehr fähigen, sehr belesenen und originellen Gelehrten, der wichtige Beiträge geliefert hat zum Zionismus, zum Israel-Palästina-Konflikt und insbesondere zum Studium amerikanischer Einstellungen gegenüber Israel und dem Nahen Osten. Meiner Meinung nach benutzen die blinden Israel-Unterstützer ….den Vorwurf des Antisemitismus, um legitime Kritik an Israels Verhalten mundtot zu machen. Für mich ist das moralische Erpressung... Und Norman Finkelstein ist ein sehr seriöser, ein blendend informierter und ein schlagkräftiger Kritiker der israelischen Praktiken der Besatzung und der Vertreibung der Palästinenser…..Für mich ist diese Kritik äußerst detailliert, wohl dokumentiert und akkurat.” (ebenda)

Es ist allerdings – um es vorsichtig auszudrücken - ziemlich verwegen, diesem Mann, dem hochreflektierten jüdischen Geisteswissenschaftler, eine „antijüdische Argumentation” (Kritikerin B) vorzuwerfen oder eine „ethnozentrische Betrachtungsweise”, aus der „eine potentielle Quelle rassistischer Konfrontation...[erwächst]!” (Kritiker A). Ja, geht’s noch?!

Einmal abgesehen davon, dass N.P. mir zu Übersetzung und Versendung des Textes schrieb: „Lieber Jürgen, das ist sehr verdienstvoll, vielen Dank!“ – M.S. drückte sich ähnlich aus –, beharre ich mit D.G. darauf, dass der Text hervorragend ist und sehr wohl verbreitet werden sollte...


Fußnoten:

1 https://www.haaretz.com/opinion/.premium-79-percent-of-right-wingers-believe-jews-are-the-chosen-people-are-you-for-real-1.6471893
2 http://www.democracynow.org/2007/5/9/it_takes_an_enormous_amount_of


Artikel, auf den Kritik und Stellungnahme Bezug nehmen:


Das Hirngespinst des britischen Antisemitismus und wie man ihn nicht bekämpfen kann, wenn es ihn denn gäbe
Von Norman G. Finkelstein
NRhZ 690 vom 30.01.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25573

Online-Flyer Nr. 691  vom 06.02.2019

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