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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2019  

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Kultur und Wissen
Gedanken zu Robert Proctor`s Buch über die Zigarettenkatastrophe
Das tödlichste Artefakt
Von Klaus-Dieter Kolenda

Bei meiner Literatur-Recherche zu einem aktuellen Artikel über die Gesundheitsschäden des Tabakrauchens (1, 2) bin ich auf das Buch des US-amerikanischen Wissenschaftshistorikers Robert N. Proctor mit dem Titel „Golden Holocaust“ gestoßen (3). Der Untertitel des 2011 erschienenen Buches lautet „Origins of the cigarette catastrophe and the case of abolition“, was soviel bedeutet wie „Die Ursprünge der Zigarettenkatastrophe und ein Plädoyer für die Abschaffung der Zigaretten“. Das Buch umfasst insgesamt 737 Seiten mit 35 illustrativen Abbildungen und vielen instruktiven Tabellen einschließlich eines umfangreichen Anmerkungsapparates mit einem detaillierten Personen- und Sachregister. „Golden Holocaust“ wurde ins Französische und Polnische übersetzt, aber leider nicht ins Deutsche, was den relativ geringen Bekanntheitsgrad dieses wichtigen Buches im deutschsprachigen Raum zum Teil erklärt.



Bisher sind auch nur wenige Rezensionen auf Deutsch im Internet erschienen. Dazu gehört die sehr informative und auch kritische Buchbesprechung des Wirtschaftshistorikers Christopher Neumaier aus dem Jahre 2012 (4), die mich zur Lektüre von Proctor`s Buch animiert hat und auf die ich mich in einigen Abschnitten meines Artikels beziehen werde. Eine weitere lesenswerte Rezension ist ebenfalls 2012 in der Berner Zeitung erschienen (5). Für die Mühen der Lektüre des „Buch-Ziegels“ (5) von Proctor wurde ich mit vielen neuen Erkenntnissen, insbesondere über die empörenden kriminellen Machenschaften der US-amerikanischen und britischen Tabakkonzerne, belohnt.

Proctor beschreibt in seinem Buch die Zigarette als „deadliest artifact in the history of human civilization“ („tödlichstes Artefakt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation“) und gibt an, dass den Zigaretten im 20. Jahrhundert weltweit etwa 100 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Derzeit wird die Zahl der jährlichen Todesopfer durch Tabakrauchen auf 7 Millionen pro Jahr geschätzt, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Weltnichtrauchertag 2017 bekannt gab (6). In der Europäischen Union sterben nach Angaben der EU-Kommission derzeit jährlich etwa 700.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens. Allein in Deutschland fielen dem Tabak 2013 circa 121.000 Personen zum Opfer (7).

Aus meiner Sicht als Arzt und Rehabilitationsmediziner sei Folgendes ergänzt: Unter den zehn wichtigsten Risikofaktoren für die Krankheitslast und vorzeitige Todesfälle steht in den Ländern mit hohem Einkommen (ein Begriff der UNO), den so genannten reichen Ländern, der Tabakkonsum vor Bluthochdruck, ernährungsabhängigen Risikofaktoren sowie körperlicher Inaktivität und Alkoholmissbrauch an erster Stelle (1, 2).

Zu berücksichtigen ist, dass es auch beim Tabakrauchen einen „sozialen Gradienten“ gibt, das heißt, bei den Angehörigen der unteren Einkommensschichten ist das Rauchen zwei- bis dreimal häufiger als bei denen der oberen. Diese Unterschiede dürften neben zum Beispiel chronischen Stressbelastungen einer der wichtigsten Gründe dafür sein, dass in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung der Armen etwa zehn Jahre niedriger ist als die der Wohlhabenden (1).

Weiterhin hat die große britische Ärztestudie ergeben, dass fast 50 Prozent aller Raucher im mittleren Alter, das heißt zwischen dem 35. und dem 69. Lebensjahr, an einer durch das Rauchen hervorgerufenen Krankheit versterben und dabei durchschnittlich 22 Lebensjahre verlieren. Auf alle Raucher bezogen bedeutet das Rauchen einen Verlust von 10 Lebensjahren (1, 8).

Im vorliegenden Artikel sollen die wichtigsten Inhalte von Proctor`s Buch über Ausmaß und Hintergründe der Zigarettenkatastrophe dargestellt werden. Proctor macht im letzten Kapital seines Buches eine Reihe gut begründeter Vorschläge für die Eindämmung und Beendigung des Tabakrauchens. Darauf soll am Ende dieses Artikels eingegangen werden, wobei auch die derzeit praktizierten Maßnahmen zur Tabakkontrolle in der EU mit deren Ergebnissen diskutiert werden.

Übersicht über den Inhalt

Grosse Teile der Inhaltsübersicht habe ich (in gekürzter Form) der überzeugenden Darstellung von Neumaier entnommen (4).

Das Rauchen wird in der Zigarettenwerbung als „inalienable right of all free people“ („unveräußerliches Recht aller freien Menschen“) (S. 5) dargestellt. Proctor hält dem entgegen: Inwiefern kann es sich beim Rauchen um eine freie Willensentscheidung handeln, wenn Raucher zur Zigarette greifen, weil sie von den Tabakkonzernen gezielt nikotinabhängig gemacht worden sind?

Hier zeigt sich bereits das von Proctor identifizierte Leitmotiv der Tabakindustrie: Täuschung oder bewusste und zielgerichtete Manipulation von Fakten und Konsumenten. Dieses Motiv greift Proctor in seiner Darstellung immer wieder auf und widerlegt dabei die Strategien der Tabakindustrie.

Insbesondere im Gefolge der in den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre in den USA stattgefundenen Tabakprozesse sind derzeit viele Millionen ursprünglich geheimer Dokumente der Tabakindustrie im Internet zugänglich (S. 15 und 16). Diese Dokumente zeigen sehr deutlich- soweit sie bis heute ausgewertet werden konnten-, dass die Tabakkonzerne nicht nur über die Schädlichkeit des Tabakkonsums und des Passivrauchens, sondern ebenso über die Suchtgefahr des Nikotins schon lange Zeit Bescheid wussten und die Nikotinabhängigkeit über Jahrzehnte systematisch manipuliert haben.

Proctor hat sein Buch sehr übersichtlich in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil stellt er die Gründe für den Erfolg der Zigarette dar. Ein Grund ist die Erfindung der Heißlufttrocknung, die den Tabak milder gemacht und damit überhaupt erst die Inhalation des Tabakrauchs ermöglicht habe. Mit der Verbreitung von Streichhölzern können Zigaretten an jedem Ort und zu jeder Zeit angezündet werden. Die Massenproduktion (siehe unten) hat die Herstellung der Zigaretten enorm verbilligt und somit neue Käufergruppen erschlossen, so dass mit Zigaretten hohe Profite zu erzielen sind.

Die moderne Werbung in Printmedien, Radio und Fernsehen sowie die gezielte Produktplatzierung von Zigaretten in Filmen und das Sponsoring von Sport- und Kulturveranstaltungen hat ein positives Image des Rauchens erzeugt. In diesem Zusammenhang wendet sich Proctor gegen die Vorstellung, dass früher wesentlich mehr geraucht wurde, weil in alten Filmen die Protagonisten ständig Zigaretten rauchen. Der Autor belegt dagegen, dass die Filmstudios und ihre Stars lukrative Verträge mit den Tabakkonzernen abgeschlossen hatten und deswegen häufig zur Zigarette gegriffen wurde.

Ein weiterer wichtiger Grund für den Erfolg der Zigarette war der Krieg. In dem Kapitel „War likes tobacco, tobacco likes war“ („Krieg liebt Tabak und Tabak liebt Krieg“) (S. 44 ff.) führt er aus, dass im Ersten und Zweiten Weltkrieg Zigaretten zur „Nahrungsmittelration“ der Soldaten gehört haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie wichtiger Bestandteil des Marshall-Plans.

Weiterhin geht er ausführlich auf die Manipulationen der Tabakindustrie ein. Er betont, dass die chemische Zusammensetzung von Tabak gezielt geändert wurde, um sowohl die Wirkstärke als auch die Suchtgefahr der Zigarette zu erhöhen. Das Verhältnis von Teer zu Nikotin im Tabak wurde zum Beispiel gezielt festgelegt: Die Höhe des Nikotingehalts muss gewährleisten, dass Raucher nikotinsüchtig werden, und der Teeranteil muss so eingestellt werden, dass der bittere Geschmack des Nikotins verdeckt wird. Insofern ist Tabak kein natürliches Erzeugnis, sondern ein im Labor entworfenes und industriell gefertigtes Produkt, das heißt ein Artefakt.

Im zweiten Teil beschäftigt er sich mit der Frage, wann wissenschaftlich fundierte Beweise für die vom Rauchen ausgehenden Krebsgefahren vorgelegen haben. Der dritte Teil schließt daran an und zeigt, wie die Industrie die Gesundheitsrisiken verschleiern hat und welche Rolle dabei technische Neuerungen wie die Filter- und die Light-Zigaretten spielten.

Proctor hat als Experte in vielen Tabakprozessen als Sachverständiger gegen die Tabakindustrie ausgesagt. In Gerichtsverhandlungen gegen die Tabakkonzerne geht es vor allem um die Frage, was wer seit wann über die Krebsrisiken des Rauchens wusste. Denn während außer dem Tabakkonsum noch viele andere Ursachen Herz-Kreislauferkrankungen auslösen können, ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und zum Beispiel Lungenkrebs und bestimmten weiteren Krebserkrankungen relativ leicht nachweisbar. Nur bei dieser Frage bestand die Chance, dass die Schuld der Tabakindustrie zweifelsfrei festgestellt werden konnte.

Um einer Verurteilung zu entgehen, verfolgten die Tabakkonzerne eine Verteidigungsstrategie, die klar zwischen öffentlichem und wissenschaftlichem Wissen unterschied: Sie verkündeten, die Öffentlichkeit sei angeblich stets über die Risiken informiert gewesen und jeder Raucher habe damit das Risiko einer Krebserkrankung selbst in Kauf genommen; der wissenschaftliche Beweis für das Krebsrisiko hingegen sei erst in den letzten Jahren erbracht worden.
 
Proctor belegt das Gegenteil. Erst seit den 1970er-Jahren sei sich die Öffentlichkeit der Krebsrisiken allmählich bewusst geworden, habe diese jedoch noch immer erheblich unterschätzt. Industrienahe Studien wiederum hätten bereits im Jahr 1953 Tabakrauch eindeutig als Auslöser für Lungenkrebs identifiziert. Unabhängigen Forschern ist dies übrigens schon in den 1930er-Jahren gelungen (siehe unten).

Daraufhin haben die Chefs der US-Tabakkonzerne im Dezember 1953 die Strategie des „fighting science with science, creating doubt, fostering ignorance“ („bekämpfe Wissenschaft mit Wissenschaft, rufe Zweifel hervor und fördere Unwissenheit“) (S. 3) beschlossen. In den darauf folgenden Auseinandersetzungen unterstellten industrienahe Studien den Wissenschaftlern von unabhängigen Forschungseinrichtungen in der Regel, dass sie „unwissenschaftlich“ arbeiten würden und ihre Ergebnisse damit ungültig seien.

Das Design der Zigarette wurde ebenfalls manipuliert. Zwei Aspekte sind hier von besonderer Bedeutung gewesen: Die Illusion einer „sicheren“ oder „gesunden“ Zigarette sollte die verunsicherten Konsumenten beruhigen. Weiterhin wurde die chemische Zusammensetzung der Zigaretten verändert, um die Suchtgefahr zu erhöhen. In diesem Zusammenhang kommt dem Zigarettenfilter eine Schlüsselfunktion zu. Er filtere den Rauch und mache ihn somit „sauberer“, lauteten die Werbeversprechen. Dieses Argument hat maßgeblich dazu beigetragen, dass um 1960 Filterzigaretten die Hälfte des Markts eroberten und ihre Dominanz in den folgenden Jahren weiter zunahm.

Proctor schreibt, dass sich die Industrie jedoch bewusst gewesen sei, dass ein Filter nicht primär die ihm zugeschriebene Funktion erfüllen kann. Vielmehr sind drei andere Faktoren ausschlaggebend für die Entscheidung der Tabakkonzerne gewesen, die Zigaretten mit Filtern auszustatten – ein finanzieller, ein praktischer und ein illusorischer: Der Filter senkte die Herstellungskosten, da weniger Tabakmischung für eine Zigarette benötigt wird. Raucher bissen außerdem nicht mehr auf störende Tabakteilchen. Und die Filter beruhigten die verunsicherten Raucher, da sie zumindest die Illusion der „sicheren“ Zigarette verbreiteten. Proctor hat Zigarettenfilter deswegen als „design fraud“ („Designbetrug“) (S. 365) beurteilt und hat ebenso noch weitere Produktneuerungen wie Menthol- und Light- Zigaretten, die dasselbe Ziel verfolgten, als Betrug entlarvt.
 
Abgerundet wird die Studie durch einen vierten Teil. Hier befasst sich der Autor zunächst mit den giftigen Stoffen, die den Zigaretten beigemengt sind: Pestizide, Arsen und radioaktives Polonium (siehe unten).

Buchtitel nur Provokation?
 
Ein Kritikpunkt in der Rezension von Neumaier ist, dass für ihn ein weniger problematischer Titel wünschenswert gewesen wäre (4). Proctor, ein renommierter Wissenschaftshistoriker der Stanford University in Kalifornien, der sich mit seinen Büchern zur Rassenhygiene und zur Krebsforschung im Nationalsozialismus einen Namen gemacht hat (9, 10), ist sich dieser Problematik wohl bewusst, wie er auch auf eine Anfrage hin klargestellt hat (5).

Im Vorwort seines Buches schreibt Proctor über seine Titelwahl (S. 11 und 12): „I use the term Holocaust with caution, primarily to draw attention to the magnitude of the tobacco catastrophe“ („Ich gebrauche das Wort Holocaust mit Bedacht, vor allem wegen des Ausmaßes der Tabakkatastrophe“). Weiter heißt es an dieser Stelle (Übersetzung durch mich): „Offensichtlich gibt es bedeutende Unterschiede zwischen der Ermordung von 6 Millionen Juden durch die Nazis und dem Leiden der Raucher. Dennoch stehen wir in beiden Fällen vor einem Unglück von epischen Ausmaßen, das viele nicht sehen wollen und zu viele, ohne einzugreifen, geschehen lassen. Es herrscht Apathie.“ 

Dieser weit verbreiteten Apathie gegenüber der Zigarettenkatastrophe will Proctor mit seinem Buch mit der besagten Titelwahl und ebenso wohl auch mit dem Bild auf dem Umschlag des Buches (Schädel eines Skeletts mit brennender Zigarette, gemalt von Vincent van Gogh im Jahre 1885/1886) entgegenwirken (siehe oben) und damit für eine möglichst große Aufmerksamkeit bei seiner potentiellen Leserschaft sorgen.

Weiterhin führt er an, dass vor ihm schon andere Wissenschaftler den tödlichen Tribut, den das Tabakrauchen fordert, in ihren Publikationen in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften als „tobaccoism holocaust“ oder „Tobacco Holocaust“ bezeichnet haben. Er erinnert daran, dass der Begriff „Holocaust“ auch „eine Massenvernichtung von Menschen“ bedeutet. Das Wort „Holocaust“ leitet sich von einem griechischen Adjektiv ab, das mit „vollständig verbrannt“ zu übersetzen ist und ein vollständig auf Altären verbranntes Tieropfer meint. Die weltweit Jahr für Jahr zu verzeichnenden Millionen von Tabaktoten vergleicht Proctor mit einem derartige „Brandopfer“, das er als ein Verbrechen gegen die Menschheit bezeichnet und das nur geschehen kann auf Grund von gesetzeswidrigem Verhalten der Tabakkonzerne.

Proctor`s oben angeführte Feststellung, Zigaretten seien eine bedeutendere Ursache für den weltweiten Tod als Geschosse, kann auch als eine Provokation aufgefasst werden. Diese Aussage soll ebenfalls die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass weltweit Tag für Tag eine Massenvernichtung menschlichen Lebens durch das Rauchen von Tabakzigaretten geschieht, die auf Grund des Einflusses der Tabakindustrie auf die Medien hinsichtlich Art und Umfang kaum zur Kenntnis genommen wird. Wenn man sich aber die oben genannten Zahlen der Todesopfer durch Tabakrauchen vor Augen führt und diese zum Beispiel mit der Zahl der Todesopfer der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert vergleicht, so lässt sich mit gutem Grund argumentieren, dass die Tabakindustrie der Industriezweig ist, der mit seinen Produkten (vor allem Zigaretten) wahrscheinlich direkt nach der Rüstungsindustrie weltweit die meisten Todesopfer hervorruft (1).

Massenproduktion von Zigaretten

Proctor führt aus, dass ein wesentlicher Grund für die massenhafte Verbreitung des Zigarettenrauchens nach dem 2. Weltkrieg die verbilligte Massenproduktion von Zigaretten gewesen ist. In einer der vielen Tabellen seines Buches hat er dargestellt, wie sich diese während der letzten 120 Jahre entwickelt hat (S. 40).

Während in den Anfangsjahren der Zigarettenherstellung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts per Handarbeit etwa 1 Zigarette pro Minute gedreht werden konnte und es um 1900 schon Zigarettenmaschinen gab, die 600 Zigaretten pro Minute herstellten, sind heute moderne Zigarettenmaschinen wie die Hauni PROTOS-M8 in der Lage, 20.000 Filterzigaretten pro Minute (!) zu produzieren. Das Stammwerk dieser Maschinen, die Hauni Maschinenbau GmbH, hat übrigens ihren Sitz in Hamburg-Bergedorf.

Zigarettenmaschinen dieser Bauart sind bei den Tabakkonzernen auf der ganzen Welt im Einsatz. Diese Maschinen schaffen die Voraussetzung dafür, dass die etwa  6 Billionen (das ist eine 6 mit 12 Nullen) Zigaretten, die weltweit jedes Jahr mit den bekannten schrecklichen Krankheitsfolgen geraucht werden, sehr billig und extrem profiträchtig herzustellen sind.

Dazu sei ein von Proctor zitierter Kommentar des für zynische Statements bekannten Milliardärs Warren Buffett angeführt, den er bei der finanziellen Übernahme des Zigarettenkonzern R.J. Reynolds abgegeben hat (S. 42): „I tell you why I like the cigarette business. It costs a penny to make. Sell it for a dollar. It`s addictive“ („Ich will Dir sagen, warum ich das Geschäft mit Zigaretten so liebe. Die Herstellung der Zigarette kostet einen Penny und der Verkauf bringt einen Dollar. Und sie macht süchtig“).  

Rauchen und Umwelt

Es gibt gute Argumente dafür, dass nicht nur der Tabakkonsum schwere Erkrankungen und damit einhergehende soziale und ökonomische Probleme für die Gesellschaft verursacht. Auch der Tabakanbau ist mit Risiken verbunden, die Gesundheit und soziale Strukturen, aber in besonderem Maße auch die Umwelt schädigen (11). Dazu gehören vernichtete Wälder, verseuchte Böden, vergiftete Gewässer und erkrankte Arbeiter auf den Tabakplantagen, ja sogar Kinderarbeit, Hunger und Armut. Die Tabakkonzerne sind aber nicht allein für Weltarmut, Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung verantwortlich, wie Neumaier in seiner Rezension zu Recht anmerkt (4). Sie tragen aber sicher wesentlich mit dazu bei. So verstehe ich auch die entsprechenden Passagen in Proctor`s Buch (S. 516 ff).

Proctor weist hier auch darauf hin, dass Zigaretten (in Form von weggeworfenen noch brennenden Kippen) eine wesentliche Ursache für den Ausbruch von Feuern, Waldbrände eingeschlossen, sind und auch zum Ausbruch von industriellen Katastrophen beitragen. So wurde der bisher größte Industrieunfall der USA, die 1947 erfolgte Explosion von 2600 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Texas City, Texas, mit 600 Toten durch Rauchen verursacht.

Giftstoffe im Tabakrauch

Im Kapiteln 25 (S. 489 ff.) nennt Proctor einige der Giftstoffe, die in den Zigaretten enthalten sind. Es handelt es sich um Pestizide, Arsen und das radioaktive Polonium, aber auch um Blei und Maleinsäurehydrazid, ein problematisches Unkraut-vernichtungsmittel. Dazu kommen eine Fülle von Duft- und Geschmacksstoffen und viele weitere Zusatzstoffe. Damit der Rauch (einschließlich der Gifte) leichter in die Bronchien gelangt, werden weitere Substanzen wie Menthol und Arzneimittel wie Bronchodilatatoren zur Erweiterung der Bronchien dem Zigarettentabak beigemischt.

Proctor schreibt, nur den wenigsten Zeitgenossen würden wissen, dass in den Zigaretten ebenfalls ein tödliches radioaktives Isotop, das schon genannte Polonium 210 enthalten ist, so dass Raucher einer ständigen krebserregenden Bestrahlung durch einen Alpha-Strahler ausgesetzt sind. Dieses Radioisotop gehört zu den stärksten Emissionsquellen von Alpha-Strahlung. Das ist die bei weitem tödlichste Form von Strahlung, die man einatmen kann. Der Autor erläutert diese Tatsachen ausführlich im Kapitel 26 (S. 506 ff.) und spricht von der „Three Mile Marlboro“ in Anspielung auf den Reaktorunfall im US-amerikanischen Kernkraftwerk „Three Mile Island“ im Jahre 1979, bei dem zum ersten Mal der Austritt größerer Mengen an Radioaktivität in die Umgebung erfolgt ist.

Besonders irritierend ist, dass sich in den ehemals geheimen und jetzt im Internet zugänglichen Dokumenten der Tabakindustrie seit den 1950er-Jahren Berichte über radioaktive Gefahren im Tabakrauch finden. Als 1964 von unabhängigen Forschern zum ersten Mal detaillierte Messungen von Polonium im Tabakrauch veröffentlicht wurden, begannen die Forscher der Tabakindustrie geheime Untersuchungen, um herauszufinden, wie viel Polonium 210 im Tabak vorhanden ist und ob uranhaltige Düngemittel eventuell dafür verantwortlich sind.

Wissenschaftler haben lange darüber gestritten, ob Radioaktivität im Zigarettenrauch von radioaktivem Niederschlag kommt, der auf die klebrigen Blätter fällt, oder ob sie von den Pflanzen aus der Radioaktivität des Bodens aufgenommen wird. Offenbar stimmt letzteres: Die Pflanzen nehmen mit ihren Wurzeln Zerfallsstoffe von Uran auf. Das ist zunächst radioaktives Blei, das sich dann zu Polonium 210 zersetzt, dem wichtigsten strahlenden Isotop im Zigarettenrauch.

In den geheimen Archiven sind darüber hinaus hunderte Untersuchungsberichte über Polonium zu finden, die nie veröffentlicht wurden. So beschäftigen sich Dokumente mit der Frage, ob Spezialfilter Polonium eliminieren können. Das seien frustrierende Untersuchungen gewesen, wie Proctor in einem Interview berichtet, das 2010 kurz vor Erscheinen seines Buches in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde (12).

Die Gesundheitsschäden des Rauchens werden bekanntlich durch die eingeatmeten Tabakabbrandprodukte verursacht. Der Tabakrauch ist ein komplexes Gemisch aus über 5300 Substanzen, darunter zahlreiche giftige und krebserregende Stoffe (1, 2, 7). Dazu gehören die schon genannten Giftstoffe, aber auch Schadstoffe wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, zum Beispiel Naphthalin, Nitrosamine und aromatische Amine, organische Verbindungen wie zum Beispiel Phenylchlorid, Acetaldehyd, Formaldehyd und Benzol, weiterhin Kohlenmonoxyd und das Alkaloid Nikotin, das nach Proctor bei etwa 80 bis 90 Prozent der Raucher zur Entwicklung einer Abhängigkeit beziehungsweise Sucht führt. Außerdem entstehen beim Abbrand der bis zu 600 Zusatzstoffe, die etwa 10 Prozent des Gewichts der Zigarette ausmachen, zusätzlich dutzende von krebserregenden Verbrennungsprodukten sowie Kohlendioxid, Stickoxide und Schwefeldioxid.
 
Rauchen und Krebserkrankungen

Besonders aufschlussreich ist eine Tabelle in Proctor`s Buch, die im Langzeitverlauf von 1900 bis 2010 den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Todesfällen durch Lungenkrebs und dem Zigarettenkonsum in den USA aufzeigt (S. 57). In dieser Tabelle ist die Zahl der tödlichen Lungenkrebsfälle in diesem Zeitenverlauf in Abhängigkeit von der Zahl der gerauchten Zigaretten pro erwachsener Person und Jahr dargestellt.

Während im Jahr 1900 durchschnittlich 54 Zigaretten pro Person und Jahr geraucht wurden und die Zahl der diagnostizierten Todesfälle durch Lungenkrebs extrem niedrig war, stieg die Zahl der gerauchten Zigaretten von Jahr zu Jahr weiter an, erreichte in den 1960er- bis 1980er-Jahren mit etwa 4000 Zigaretten pro Person und Jahr ein Maximum, ging dann langsam zurück und lag 2010 bei 1500 Zigaretten. Die Zahl der Todesfälle durch Lungenkrebs stieg parallel dazu seit 1900 ebenfalls kontinuierlich an, erreichte 1995- etwa 20 bis 30 Jahre nach dem Maximum des Zigarettenkonsums- mit 161.815 Todesfällen ebenfalls ein Maximum und ging dann bis 2010 auf 157.300 Fälle zurück.

Aus dieser Tabelle ist abzuleiten, dass ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Zigarettenkonsum und dem Auftreten von tödlichem Lungenkrebs besteht. Das gilt nicht nur für den Anstieg, sondern auch für den Rückgang der Lungenkrebsfälle und des Zigarettenkonsums. In diesem Zeitenverlauf kommt zum Ausdruck, dass die Entwicklung eines tödlichen Lungenkrebses bei Rauchern ein Prozess ist, der in der Regel 20 bis 30 Jahre in Anspruch nimmt und deshalb mit einer entsprechenden Zeitverzögerung auftritt. Weiterhin zeigt die Tabelle, dass der Höhepunkt des Rauchens („peak tobacco“) in den USA in den 1980er-Jahren überschritten wurde. Das gilt wahrscheinlich auch für eine Reihe von Industriestaaten in Westeuropa, aber sicher nicht für China und Indien, wie Proctor im Kapitel 29 (S. 539 ff.) unter der Überschrift „Globalizing Death“ („Globalisierung des Todes“) eindringlich darstellt.
 
Betroffen macht auch eine Tabelle (S. 124), die 27 Jazz-Größen aufführt, die in der Zeit von 1951 bis 2009 am Lungenkrebs verstorben sind, darunter auch Duke Ellington. Beliebte Jazz-Festivals wurden von den Tabakkonzernen gerne gesponsert und als Vehikel für den Absatz von Zigaretten benutzt. In der Folge gehörten Zigaretten und Jazzmusik zusammen. Die Musiker spielten über viele Jahrzehnte in verräucherten Clubs und zogen sich dabei schwere gesundheitliche Schäden zu, die ihr Leben verkürzt haben.

Erwähnt sei noch, dass ich mich beim Studium von Proctor`s Werk darüber gefreut habe, dass Fritz Lickint in mehreren Textstellen und im Anmerkungsapparat aufgeführt und als derjenige Wissenschaftler gewürdigt wird, der schon Anfang der 1930er-Jahre als Erster den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs und weiteren Krebserkrankungen erkannt und darüber publiziert hat (13, 14).

Lickint hatte schon 1935 auf der Grundlage seiner Forschungen herausgefunden, dass wahrscheinlich nicht das Nikotin, sondern das im Teer enthaltende Benzpyren das krebsverursachende Agens ist (S. 340). Proctor verweist in diesem Zusammenhang auch auf das monumentale 1200 Seiten umfassende Werk von Lickint mit dem Titel „Tabak und Organismus. Handbuch der gesamten Tabakkunde“ aus dem Jahre 1939 (S. 161). Von Seiten der industrieabhängigen, aber auch der industrieunabhängigen amerikanischen und britischen Tabakforschung wurden diese Tatsachen bisher fast immer ignoriert.

In Erinnerung an diesen deutschen Pionier der Tabakforschung hat die Deutsche Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e. V. (DGNTF) die Fritz-Lickent-Medaille geschaffen. Diese wurde bisher an fünf verdiente Persönlichkeiten mit langjährigem Engagement im Bereich von Rauchen und Gesundheit verliehen (siehe dazu unter 15).

Was ist zu tun?

Im (letzten) Kapitel 30 (S. 549 ff) beschäftigt sich Proctor mit der Frage, was getan werden muss, um den massenhaften vorzeitigen Tod durch Tabakrauchen zu verhindern. Die Tabakindustrie wolle uns glauben machen, dass das Tabakproblem gelöst sei, sagt Proctor. Aber in Wirklichkeit sei die Situation so, dass die meisten Todesfälle durch Tabakrauchen noch in der Zukunft vor uns liegen.

Während weltweit im 20. Jahrhundert insgesamt etwa 100 Millionen Menschen am Tabakrauchen verstorben sind, müssen wir im 21. Jahrhundert mit etwa 1 Milliarde vorzeitiger Todesfälle rechnen, wenn wir so weiter machen wie bisher, meint der Autor von „Golden Holocaust“. Diese weltweite Zigarettenkatastrophe habe schon begonnen. Es wäre als großer Erfolg zu werten, wenn es mit einer Eindämmung des Zigarettenkonsums durch eine effektive Tabakkontrolle gelänge, die Zahl der weltweiten Todesfälle durch Tabakrauchen in laufenden 21. Jahrhundert auf 300 oder 400 Millionen zu begrenzen.

Proctor hat in seinem Buch für die Eindämmung des Zigarettenkonsums und die dadurch bedingten Todesfälle zwanzig Vorschläge mit jeweils ausführlichen Begründungen unterbreitet, von denen die ersten zehn nach seinem Urteil weltweit zwingend umgesetzt werden müssten, wenn das oben genannte Ziel einer Eindämmung der Zigarettenkatastrophe erreicht werden soll.
 
Diese zehn Vorschläge möchte ich hier kurz vorstellen (deutsche Übersetzung durch mich).

Der erste Vorschlag ist, dass Rauchen in allen öffentlichen Einrichtungen mit Publikumsverkehr in Innenräumen und im Freien verboten werden muss. Das müsse beispielsweise auch für öffentliche Parks und Badestrände gelten, aber ebenso für Appartementkomplexe und andere Wohnformen, wo der Tabakrauch von einer Wohneinheit zur nächsten gelangen kann.

Zum Zweiten schlägt Proctor vor, dass die Zigarettensteuer und damit der Preis der Zigaretten erhöht werden muss. Wissenschaftlich gut untersucht ist, dass bei einer Preiserhöhung um 10 Prozent pro Packung der Zigarettenverbrauch um 4 Prozent absinkt. Einige werden einwenden, dass das unfair gegenüber den Armen sei. Deshalb müsse die Tabaksteuererhöhung kombiniert werden mit einer Finanzierung der Raucherentwöhnung aus der Tabaksteuer, die auch die Kosten der dabei eingesetzten Medikamente mit einschließt.

Die Erhöhung der Tabaksteuer müsse spürbar sein, damit ein möglichst großer Effekt erzielt wird. In den USA kostet eine Packung Zigaretten etwa 5 Dollar, dagegen in einigen Ländern Europas umgerechnet 10 bis 12 Dollar. Eine Verdopplung des Preises (in den USA) erscheint Proctor deshalb nicht unmöglich. Weiterhin sind steuerfreie Zonen für Tabakwaren abzuschaffen und der illegale Handel ist zu beenden. Das könne am Besten gelingen, wenn die Tabaksteuer vom Staat direkt am Ort ihrer Produktion (bei den Zigarettenmaschinen der Tabakindustrie) erhoben wird.

Drittens müsse jede Form von direkter oder indirekter Zigarettenwerbung unterbunden werden. In vielen Ländern ist schon ein Verbot der Tabakwerbung in einigen Medien wie der Printpresse und beim Rundfunk und Fernsehen in Kraft. Dieses Verbot müsse auf alle weiteren Formen der Werbung wie Plakatwerbung, Kinowerbung und kulturelles Sponsoring ausgedehnt werden und auch die sehr wirksame Markenwerbung auf den Zigarettenpackungen einschließen. Die Zigarettenpackung sollte aus einer einfachen weißen Schachtel mit darauf gedruckten großen bildlichen und textlichen Warnhinweisen bestehen.

Der vierte Vorschlag besagt, dass Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen möglichst groß und abschreckend sein und deshalb aus drastischen Bildern bestehen müssen. Psychologen haben die Wirkung von Warnhinweisen untersucht und festgestellt, dass in Kanada Bilder mit Mund- und Zahnkrankheiten und in Brasilien Bilder mit frühgeborenen Babys den größten abschreckenden Effekt hatten.
 
Fünftens sollte der Verkauf von Zigaretten überall verboten werden, außer in speziell vom Staat lizenzierten Geschäften. In den meisten Staaten der Welt wird der Kauf von Zigaretten viel zu leicht gemacht. In einigen Staaten der USA ist hochprozentiger Alkohol nur in speziellen Geschäften zu erwerben, und das Gleiche müsse auch für Zigaretten gelten. Zigarettenautomaten seien ebenfalls zu verbieten, ebenso die kostenlose Verteilung von Zigaretten zu Werbezwecken.

Proctor`s Vorschläge Nummer sechs bis zehn möchte ich der Vollständigkeit halber kurz erwähnen. Der Vorschlag sechs bedeutet, dass alle Spielfilme, in denen geraucht wird, für Jugendliche ohne Begleitung Erwachsener verboten werden müssen; der Vorschlag sieben, dass alle Subventionen für den Tabakanbau zu streichen seien; der Vorschlag acht, dass die finanzielle Unterstützung für Maßnahmen zur Tabakprävention und zur Raucherentwöhnung erhöht werden muss, und der Vorschlag neun bezieht sich auf Vermittlung von Maßnahmen zur Tabakprävention, die im Kindesalter beginnen, mit Bildern unterstützt und kreativ durchgeführt werden sollten.

Schließlich ist der zehnte Vorschlag von Proctor, dass auf die Stimmen der Raucher mehr gehört werden müsse als bisher. Die Hälfte der Raucher will das Rauchen beenden, und wir müssen wissen, was sie darüber denken und was getan werden kann, um ihnen den Ausstieg zu erleichtern. Das betrifft insbesondere diejenigen, bei denen schon Raucherkrankheiten zum Ausbruch gekommen sind.

Proctor sagt, dass diese Vorschläge die wichtigsten kleinen Schritte wären, die unbedingt umgesetzt werden müssen, um die globale Zigarettenkatastrophe im  21. Jahrhundert zu begrenzen und einzudämmen. Bekanntlich stehen deren konsequenter Umsetzung aber mächtige Wirtschaftsinteressen entgegen.

Das Rahmenübereinkommen der WHO

Die meisten Vorschläge von Proctor sind im „Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs“ (WHO Framework Convention on Tobacco Control- abgekürzt: FCTC) enthalten, das die Weltgesundheitsorganisation 2003 beschlossen hat (16). Dieser völkerrechtliche Vertrag trat 2005 in Kraft. Bis 2011 ist das Rahmenübereinkommen von 169 Staaten in der UNO unterzeichnet worden, darunter von Deutschland, Österreich und der EU. Inzwischen ist es von einer noch größeren Anzahl von Staaten ratifiziert worden. Die USA sind der einzige große Macht, die das WHO-Rahmenübereinkommen bisher nicht ratifiziert hat.

Ziel des Rahmenübereinkommens ist, die heutigen und zukünftigen Generationen vor den verheerenden gesundheitlichen, sozialen und die Umwelt betreffenden Folgen des Tabakkonsums und des Passivrauchens zu schützen. Der Vertrag ist nach Proctor kein Wundermittel, aber er ist eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbahrung über die Einführung von zum Beispiel bildlichen Warnhinweisen, eine erhöhte Besteuerung von Tabakwaren, ein Verbot von Tabakwerbung in Print- und anderen Medien einschließlich des Sponsoring von Kultur- und Sportveranstaltungen, ein Verbot von Zigarettenautomaten, ein Verbot der Beteiligung der Zigarettenindustrie an der staatlichen Tabakkontrollpolitik und ein Verbot der Bezeichnung von Zigaretten als „leicht“, „mild“ oder als sonst wie „gesund“ in der Werbung, um nur einige der Inhalte des Abkommens zu nennen (S. 547 ff.).

Europäische Rangliste zur Tabakkontrolle

Im Jahre 2006 wurde erstmals eine Skala beschrieben, mit der die Aktivitäten der einzelnen europäischen Länder auf dem Gebiet der Tabakkontrolle festgestellt, gemessen und verglichen werden können (17- 20). Dabei werden die folgenden sechs Parameter berücksichtigt und mit Punkten bewertet, wobei die maximal zu erreichende Punktzahl (PZ) in Klammern bei den einzelnen Parametern angegeben ist und die maximale Gesamt-Punktzahl 100 beträgt.

Der erste Parameter, der bewertet wird, ist der Verkaufspreis für Zigaretten und Tabakwaren (maximale PZ 30), der zweite der Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen (maximale PZ 22), dann kommen die Ausgaben für öffentliche Informationskampagnen gegen das Rauchen (maximale PZ 15), Werbeverbote (maximale PZ 13), Warnhinweise (maximale PZ 10) und Behandlungsangebote für Raucher (maximale PZ 10).
 
Wenn man diese sechs Parameter der europäischen Untersuchung mit Proctor`s Vorschlägen vergleicht, dann wird man feststellen, dass die ersten vier Parameter der europäischen Untersuchung seinen ersten vier Vorschlägen (in geänderter Reihenfolge) entsprechen. Proctor`s fünfter Vorschlag (Verkauf von Tabakwaren in besonders lizenzierten Geschäften) taucht in der europäischen Untersuchung nicht auf. Stattdessen werden die Ausgaben für öffentliche Informationskampagnen gegen das Rauchen bewertet und ob von Seiten der Ärzte Behandlungsangebote für Raucher durchgeführt werden.

Die erste Auswertung der europäischen Daten erfolgte 2005 und ergab, dass von 30 untersuchten Ländern Deutschland in der europäischen Rangliste auf Platz 22 eingestuft wurde (17). In der 2007 erneut durchgeführten Bewertung war Deutschland auf Patz 27 (von 30 Ländern) zurückgefallen (18). Nur Griechenland, Luxemburg und Österreich wurden noch schlechter eingruppiert. Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass in Deutschland zum Beurteilungszeitpunkt (August 2007) die meisten Nichtraucherschutzgesetze auf Bundes- und Länderebene noch nicht in Kraft gesetzt worden waren. Unter deren Berücksichtigung wurde Deutschland 2010 ein wenig günstiger auf Rangplatz 26 eingestuft (19).
 
Die letzte Auswertung der Daten erfolgte im Jahre 2016 (20). Diese ergab, dass bei einer Datenerhebung in mittlerweile 35 europäischen Ländern an der Spitze der Rangliste das Vereinigte Königreich (UK) mit einer Gesamtpunktzahl von 81 (von möglichen 100) Punkten stand, gefolgt von Irland mit 70 und Island mit 69 Punkten. Auf den beiden letzten Ranglistenplätzen wurden Deutschland mit 37 Punkten und Österreich mit 36 Punkten eingestuft.
 
Daraus ergibt sich, dass Deutschland auf dem Gebiet der Tabakkontrolle, diesem wichtigen Gebiet der Gesundheitsvorsorge und Prävention, im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern auch 11 Jahre nach Beginn der vergleichenden europäischen Auswertung weiterhin einen ganz erheblichen Nachholbedarf hat. Das liegt daran, dass Deutschland die meisten in der FCTC benannten Maßnahmen nur unvollständig umgesetzt hat, das heißt, es hat bisher der politische Wille dazu gefehlt (21).

„Bei der Tabakkontrolle liegen wir auf einem der letzten Plätze in Europa“, bedauert Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences (22). In absoluten Zahlen ausgedrückt: Deutschland liegt mit 16,3 Millionen Rauchern unter den Top Ten der Staaten mit den meisten Rauchern. In Deutschland sind täglich 300 Todesfälle durch Rauchen zu verzeichnen, und es stirbt einer aktuellen Studie zufolge jeder Siebte am Rauchen – damit liegt die Bundesrepublik sogar über dem weltweiten Durchschnitt (23).

Beendigung des Tabakrauchens

In den letzten Abschnitten seines Buches beschäftigt sich Proctor damit, dass es (in der Theorie) einen Weg gibt, um mittel- bis langfristig etwa 90 Prozent der Tabaktoten zu vermeiden (S. 556 ff.). Das wäre die Durchsetzung eines (weltweiten) Verbots des Verkaufs und der Herstellung von Zigaretten. Proctor fragt sich, warum dieser Weg nicht beschritten wird und warum über ein Ende des weltweiten Zigarettenkonsums so selten nachgedacht wird. Warum erscheint uns diese Lösung so undenkbar?

Das Argument, dass ein Alkoholverbot in den USA sich als Fehlschlag erwiesen habe, lässt er nicht gelten. Er verweist darauf, dass Alkohol und Tabak sehr unterschiedlich zu beurteilen sind. Alkohol sei „a recreational drug“ („eine Freizeitdroge“). Die meisten Menschen würden seiner Meinung nach alkoholhaltige Getränke aus Gründer der Entspannung und Geselligkeit gerne trinken und mit keinem oder nur geringem gesundheitlichen Schaden verantwortlich damit umgehen. Nur circa 3 Prozent der Alkoholtrinker würden abhängig werden.
 
Das sei beim Nikotin ganz anders. Nikotin sei keine Freizeitdroge. Die meisten Raucher würden sich wünschen, Nichtraucher zu sein, und fast alle Raucher würden bedauern, dass sie mit dem Rauchen überhaupt angefangen haben. Sie rauchen aber trotzdem weiter, weil der größte Teil von ihnen (80 bis 90 Prozent) abhängig ist.

Proctor führt in diesem Kapitel weiter aus, dass viele gefährliche Verhaltensweisen wie zu schnelles Autofahren und der Gebrauch giftiger Stoffe wie bleihaltige Farben, Asbest oder Arsen mit gutem Grund gesetzlich verboten sind. Zigaretten, die einen viel größeren Schaden anrichten, sind es aber nicht, obwohl 50 Prozent der Raucher an einer durch das Rauchen ausgelösten Krankheit vorzeitig sterben.
 
Sein Schluss-Plädoyer lautet deshalb: Es geht um saubere Luft für die Allgemeinheit und um die Verhinderung unnötigen Leidens und vorzeitigem Tod bei hunderten Millionen Rauchern einschließlich derjenigen, die noch nicht geboren sind. Deshalb müssen die Herstellung und der Verkauf von Zigaretten abgeschafft werden.

Zusammenfassung

Im vorliegenden Artikel setze ich mich mit den wichtigsten Inhalten des 2011 erschienenen Buches des US-amerikanischen Wissenschaftshistorikers Robert Proctor mit dem Titel „Golden Holocaust“ auseinander. Das Buch ist eine umfassende und in die Tiefe gehende wissenschaftliche Streitschrift, die sehr anschaulich über Ausmaß und Hintergründe der Zigarettenkatastrophe und zugleich über die empörenden kriminellen Machenschaften der US-amerikanischen und britischen Tabakkonzerne informiert.

Proctor beschreibt in seinem Buch die Zigarette als „deadliest artifact in the history of human civilization“ und gibt an, dass den Zigaretten im 20. Jahrhundert etwa 100 Millionen Menschen weltweit zum Opfer gefallen sind. Die Zahl der weltweiten jährlichen Todesopfer durch Tabakrauchen wird derzeit auf 7 Millionen pro Jahr geschätzt. In der EU sterben jährlich etwa 700.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens und in Deutschland sind es etwa 120.000.

Im Gefolge der in den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre in den USA stattgefundenen Tabakprozesse sind derzeit viele Millionen ursprünglich geheimer Dokumente der Tabakindustrie im Internet zugänglich. Diese Dokumente wurden teilweise von Proctor ausgewertet und machen deutlich, dass die Tabakkonzerne nicht nur über die Schädlichkeit des Tabakkonsums und des Passivrauchens, sondern ebenso über die Suchtgefahr des Nikotins schon lange Zeit Bescheid wussten und die Nikotinabhängigkeit über Jahrzehnte systematisch manipuliert haben.

Proctor hat sein Buch sehr übersichtlich in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil stellt er die Gründe für den Erfolg der Zigarette dar. Ein wichtiger Grund war die moderne Werbung in Printmedien, Radio und Fernsehen sowie die gezielte Produktplatzierung von Zigaretten in Filmen und das Sponsoring von Sport- und Kulturveranstaltungen, die ein positives Image des Rauchens erzeugt haben. Ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg der Zigarette war der Krieg. Er führt aus, dass im Ersten und Zweiten Weltkrieg Zigaretten zur „Nahrungsmittelration“ der Soldaten gehört haben.

Im zweiten Teil beschäftigt er sich mit der Frage, wann wissenschaftlich fundierte Beweise für die vom Rauchen ausgehenden Krebsgefahren vorgelegen haben. Der dritte Teil schließt daran an und zeigt, wie die Tabakindustrie die Gesundheitsrisiken verschleiern hat und welche Rolle dabei technische Neuerungen wie die Filter- und die Light-Zigaretten spielten.

Abgerundet wird die Studie durch einen vierten Teil. Hier befasst sich der Autor mit den giftigen und krebserregenden Stoffen, die im Zigarettenrauch enthalten sind. In einem gesonderten Kapitel geht er auf das radioaktive Polonium, einen Alpha-Strahler, ein. Dieses Radioisotop gibt die bei weitem tödlichste Form von Strahlung ab, die man einatmen kann. Der Autor erläutert diese Tatsachen ausführlich und spricht von der „Three Mile Marlboro“ in Anspielung auf den Reaktorunfall im US-amerikanischen Kernkraftwerk „Three Mile Island“ im Jahre 1979, bei dem zum ersten Mal der Austritt größerer Mengen von Radioaktivität in die Umgebung erfolgt ist.

Im letzten Kapitel des Buches macht Proctor eine Reihe gut begründeter Vorschläge für die Eindämmung und Beendigung des Tabakrauchens. Diese werden von mir zusammen mit den heute in der EU und in Deutschland praktizierten Maßnahmen zur Tabakkontrolle diskutiert.


Literaturhinweise und Links:

1. Kolenda KD. Hauptsache nikotinabhängig. Über die Gesundheitsgefahren des Tabakrauchens und des Gebrauchs von E-Inhalationsprodukten und Tabakerhitzer https://www.nachdenkseiten.de/?p=44820

2. Kolenda KD. Über die Gesundheitsschäden des Tabakrauchens und das Gefährdungspotential von E-Inhalationsprodukten und Tabakerhitzern. Internistische praxis (im Druck)

3. Proctor RN. Golden Holocaust. Origins of the cigarette catastrophe and the case for abolition. University of California Press, Berkeley- Los Angeles- London 2011

4. Neumaier C. Rezension zu: Proctor, Robert N.: Golden Holocaust. Origins of the Cigarette Catastrophe and the Case for Abolition. Berkeley, CA  2011 , in:
H-Soz-Kult, 28.03.2013, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19418>. (abgerufen am 29.10.2018)

5. Hochadel O. Die tödlichste Erfindung aller Zeiten. Berner Zeitung vom 17.3.2012
https://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Die-toedlichste-Erfindung- aller-Zeiten/story/24636770

6. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/76041/Rauchen-Millionen-Tote-Milliardenkosten-und-Umweltfolgen
 
7. Tabakatlas Deutschland 2015. Herausgegeben vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, 1. Auflage 2015

8. Doll R, et al. Mortality in relation to smoking: 50 years observation on male British doctors. BMJ 2004; 328: 1519-1528

9. https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_N._Proctor

10. Proctor RN, Bröhm A. Blitzkrieg gegen den Krebs: Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich. Klett-Cotta 2002

11. Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg (Hrsg.): Umweltrisiko Tabak- von der Pflanze zur Kippe. Heidelberg, 2009

12. https://www.sueddeutsche.de/wissen/polonium-in-zigaretten-muell-in-der-kippe-1.631801

13. Haustein KO. Fritz Lickint (1898-1960)- Ein Leben als Aufklärer über die Gefahren des Tabaks. Suchtmed 2004; 6 (3): 249-255
http://www.toxcenter.org/artikel/Raucherkrebs-Warnung-vor-75-Jhr-Likint.pdf

14. https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Lickint

15. https://www.dgntf.de/forschung-engagement/lickint-medaille.html

16. Deutsches Krebsforschungszentrum (2011). Perspektiven für Deutschland: Das Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs. WHO Framework Convention on Tobacco Control (FCTC). Heidelberg

17. Joossens L, Raw M. The tobacco control scale: a new scale to measure country activity. Tobacco Control 2006; 15: 247-253

18. Joossens L, Raw M. Progress in Tobacco Control in 30 European Countries 2005 – 2007. Responsible Editor: Swiss Cancer League, Effingerstrasse 40, CH-3001 Berne

19. Joossens L, Raw M. The Tobacco Control Scale 2010 in Europe. https://www.krebshilfe.de/fileadmin/Downloads/PDFs/Kampagnen/TCS_2010_Europe.pdf

20. Joossens L, Raw M. The Tobacco Control Scale 2016 in Europe.
https://www.cancer.be/sites/default/files/tobacco_control_scale.pdf

21. Schaller K, Mons U. Tabakprävention in Deutschland und international. Bundesgesundheitsblatt- Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 2018; 11: 1429-1438

22. http://www.durchblick-gesundheit.de/article/178484

23. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2817%2930819-X/fulltext


Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erfolgte in zwei Teilen am 29.11.2018 und am 6.1.2019 in den NachDenkSeiten.



Zum Autor: Klaus-Dieter Kolenda, Jahrgang 1941, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel und eine Reihe von Fach- und Sachbüchern über die Prävention chronischer Krankheiten verfasst und arbeitet im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e. V. (DGNTF) mit. In der letzten Zeit hat er auch über medizinische, sozialmedizinische und sozialpolitische Themen in verschiedenen Websites und Online-Medien geschrieben.

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