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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2019  

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Globales
"Neugestaltung" des Mittleren Ostens
Die Erben von Sykes-Picot
Von Markus und Eva Heizmann, Bündnis gegen den imperialistischen Krieg

Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessengebiete im Arabischen Raum nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden. Das 1916 geschlossene Abkommen zwischen England und Frankreich hat Auswirkungen bis zum heutigen Tag. Einige Parameter mögen sich verschoben haben, die Grundsätze der europäischen (heute auch der US-amerikanischen) Politik gegenüber der arabischen Welt sind dieselben geblieben: Einflussnahme, Herrschaft, Landraub, Raub- und Vernichtungskriege bis hin zum Genozid. Das Sykes-Picot Abkommen zwischen England und Frankreich sollte eigentlich geheim gehalten werden; erst die bolschewistische Revolution in Russland brachte nach dem Sturz des Zaren den Kontrakt an die Öffentlichkeit. Es darf spekuliert werden, ob es in unseren Tagen ähnliche Geheimabkommen zwischen den imperialistischen Mächten gibt. Der Begriff „neuer naher Osten“ (angeblich von der damaligen Außenministerin der USA, Condoleezza Rice in Tel Aviv geprägt) und der Begriff „greater middle east (umfassender naher Osten, geprägt von dem inzwischen pensionierten US-Offizier Ralph Peters) legen diese Vermutung nahe.

Neugestaltung des Mittleren Ostens:




Quelle: SYRIA 360° | INTERNATIONALIST NEWS AGENCY | THE GREATER MIDDLE EAST PROJECT (zum Vergrößern auf die Bilder klicken)

Peters-Plan sieht u.a. eine Aufteilung des Iraks in eine sunnitische und eine schiitische Zone vor. Weiter ist auf Peters Landkarte ein Kurdenstaat vorgesehen. Dieses Kurdistan würde aus Teilen des Iraks, Syriens, der Türkei, Irans und Armeniens bestehen. Weiter zeichnet er ein Großjordanien und einen Großlibanon. Die Karte von Peters ist bemerkenswert und steht den verbrecherischen Phantasien von Sykes-Picot in nichts nach. Beachtlich ist auch, dass Peters bei den islamischen heiligen Stätten Mekka und Medina in Saudi-Arabien einen „heiligen islamischen Staat“ plant. [sic!]

Aber diese Ungeheuerlichkeiten sind weder Verschwörungstheorien noch Geheimwissen. Seit über zehn Jahren sind diese Pläne offen auf dem Tisch – bloß scheint es offensichtlich niemanden groß zu beunruhigen. Trotz mehrerer Veröffentlichungen zum imperialistisch geplanten Umbau der arabischen Welt bleibt es erstaunlich ruhig um diese Pläne.

Tatsächlich versetzt uns die Sichtweise von Peters in die Lage, die Angriffe und die Blutbäder, welche die Imperialisten im Arabischen Raum anrichten, aus einem anderen Blickwinkel zu analysieren. Angefangen bei der Zerstörung und Zerstückelung des Iraks, über die Zerstörung Libyens bis hin zu den Angriffen gegen Syrien deutet alles darauf hin, dass entlang dem Plan des „greater middle east“ gehandelt wird. Die völkerrechtswidrigen Angriffe gegen Jemen, für die sich Saudi-Arabien und andere instrumentalisieren lassen, passen ebenso in die Pläne des „greater middle east“ wie Israels anhaltende Aggressionen gegen das palästinensische Volk und gegen die Staaten der Region, namentlich gegen Syrien.

Es liegt auf der Hand, dass sich ein derartiges Projekt wie der Peters-Plan nicht 1:1 und schon gar nicht in kurzer Zeit umsetzen lässt. Ebenso wie zur Zeit von Sykes-Picot sind auch die Imperialisten heute mit den Unberechenbarkeiten der Politik und des Widerstandes konfrontiert. Auch wenn sie es gerne so hätten: Weder die Politik noch die Geschichte verlaufen linear. Insofern weisen die Pläne der imperialistischen Mächte, also von USA, Europa, NATO-Staaten, eine bestechende Kontinuität auf. Immer wieder erleben wir jedoch, dass ihnen der Widerstand der angegriffenen Völker einen Strich durch die Rechnung macht. So hat beispielsweise der Widerstandswille des syrischen Volkes ebenso wie die besonnene und kluge Politik der syrischen Regierung die imperialistischen Pläne eines „regime change“ durchkreuzt.

Während Jahrtausenden war die arabische Welt eine Einheit, eine Einheit die niemanden bedrohte und Dank ihrer Stärke und Autonomie zu wissenschaftlicher und kultureller Hochblüte empor wuchs, wie sie weltweit einzigartig dasteht. All dies wurde von außen, von den europäischen Mächten zerstört. Die schrittweise Besatzung des arabischen Raumes durch die Europäer konnte immer wieder zurückgeschlagen werden. Sei es Napoléon in Ägypten, seien es die Briten im Sudan oder ebenfalls in Ägypten, seien es die italienischen Faschisten in Libyen, immer gelang es den angegriffenen Völkern, wenn auch unter unglaublich grossen Opfern, die Aggressoren zurück zu drängen. Allein in Libyen ermordeten die italienischen Faschisten zwischen 1911 und 1943 ein Drittel (!) der Bevölkerung Libyens, bevor sie endlich zurückgeschlagen wurden. Aus diesen Erfahrungen zogen die Imperialisten ihre Lehren. Solange die Völker der Region unter sich einig sind, ist eine Besatzung, gar eine Besatzung auf Dauer, unmöglich. Sykes, Picot und andere zogen daraus den Schluss, dass nur eine Aufspaltung der arabischen Welt den für die Imperialisten gewünschten Erfolg bringen kann.

Leider wurde und wird diese imperialistische Taktik offensichtlich nicht oder viel zu wenig durchschaut. Diese Teilung in „gute“ - das heißt dem Imperialismus hörige Länder wie zum Beispiel Saudi-Arabien - und in „Schurkenstaaten“ - wie zum Beispiel Syrien - ist beredtes Zeugnis dieser Taktik.

Es wäre jedoch all zu trivial, diese Verbrechen unter dem Prinzip „teile und herrsche“ zu subsumieren. Es geht um mehr: Teilen und herrschen ist nur eine Facette. Grundsätzlich geht es darum, keine andere Herrschaft als die eigene, das heißt diejenige der NATO-Länder zuzulassen. Um beim Beispiel Saudi-Arabien zu bleiben: In der gesamten Region gibt es wohl kaum einen willfährigeren Vasallen als das Königshaus al Saud, welches das Land mit eiserner Faust regiert. Das bewahrt jedoch Saudi-Arabien nicht davor, in den „greater middle east“-Plan integriert zu werden. Wie oben erwähnt soll, wenn es nach Peters geht, rund um die heiligen Stätten von Mekka und Medina ein „heiliger islamischer Staat“ entstehen – auf Kosten der Saudi-Arabischen staatlichen Souveränität.

Wie ernst sind die Pläne von Peters und Konsorten zu nehmen? Ganz bestimmt nehmen die Mächte der NATO und der USA diese Pläne sehr ernst. Die jüngsten Entwicklungen in Syrien und der Region zeigen deutlich, dass der Westen nicht gewillt ist, seine zerstörerische Politik zu beenden.

Im Folgenden soll nun versucht werden, diese Entwicklung vor dem Hintergrund von Sykes-Picot und dem Peters-Plan zu verstehen.

Eine leicht zu durchschauende Lüge

Nach den Ereignissen des „arabischen Frühlings“ im Jahr 2011 schien das Schicksal von Syrien besiegelt. Der Sturz von Präsident Bashar al Assad schien damals keine Frage von Monaten, sondern eine Frage von Wochen zu sein. Seit Beginn der Angriffe gegen Syrien sind nun fast acht Jahre vergangen und Präsident Assad, demokratisch durch das syrische Volk legitimiert ist, gemeinsam mit seiner Regierung stärker denn je. Mittlerweile dürfte sich auch herumgesprochen haben: Syrien wird nicht durch einen Bürgerkrieg zerrissen, sondern bewaffnete Banden von außen, eingeschleust vor allem über die Türkei und über den Irak terrorisieren und destabilisieren das Land.

Seit 2017 scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Die Türkei überfällt Syrien, angeblich um den IS und „terroristische kurdische Verbände“ zu bekämpfen. Dazu ist erst mal festzuhalten: Syrien ist ein souveräner Staat. Wenn also die Türkei ihre Armee nach Syrien schickt, dann ist dies ein aggressiver Akt und eine ebenso eklatante Verletzung des internationalen Rechts, wie wenn die USA Militärstützpunkte im so genannten Kurdengebiet auf syrischem Staatsgebiet errichten. Es gibt Begriffe dafür, die angebracht sind, jedoch kaum verwendet werden: Angriffskrieg, Invasion, Missachtung des internationalen Völkerrechts.

Eine populäre These zu den jüngsten Angriffen der Türkei besagt, dass die Türkei mit ihrem Einmarsch die Gründung eines kurdischen Staates oder auch nur eines kurdischen Autonomiegebietes nahe ihrer Grenze verhindern will. Das wäre durchaus einsichtig, wäre da nicht die Rolle der Türkei als tragende Säule der NATO in der Region. Leider lassen sich die Kurden, bzw. die kurdische Führung als Manipuliermasse der imperialistischen Staaten missbrauchen. Es ist bedauerlich, dass sich die KurdInnen, all ihrer Erfahrungen und ihrer Geschichte zum Trotz, immer wieder dazu hergeben sich für kurzfristige Vorteile instrumentalisieren zu lassen. Der Einwand, dass eine „fortschrittliche kurdische Autonomie“ in den Gebieten Nordsyriens entstehen und so als Beispiel für revolutionäre Kräfte stehen könnte, ist aus mehreren Gründen, genannt seien hier drei, nicht statthaft:
  1. Kommt die Regierung von Damaskus den kurdischen Anliegen in jeder Beziehung entgegen. Wo die geforderte Autonomie nicht bereits realisiert ist, können durch Verhandlungen mit dem syrischen Ministerium für Versöhnung Lösungen erreicht werden.

  2. Befindet sich Syrien noch immer im Krieg. Weitergehende Forderungen zu stellen ist jetzt, da das Land von allen Seiten angegriffen wird, geradezu konterrevolutionär.

  3. Schließlich gab es die kurdischen Forderungen in Syrien vor den Angriffen von außen nicht. Warum kommen sie jetzt? Warum in Syrien und nicht in der Türkei, wo die kurdische Bevölkerung tatsächlich nach wie vor massiv unterdrückt wird?
Wenn wir die türkische Offensive nach Syrien im Licht des Peters-Plan betrachten, kommen wir zum Schluss, dass sich die Türkei damit ins eigene Fleisch schneidet. Die Möglichkeit, eines kurdischen Staates von Washingtons und von Brüssels Gnaden ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Auch nachdem die USA ihren „Abzug“ aus Syrien angekündigt haben, bleiben sie doch eine reale Bedrohung für das Land und für die Region: Durch ihre (militärische) Präsenz in der Region, z.B. im Irak und durch ihre NATO Mitgliedschaft. Somit müsste sich die türkische Regierung direkt gegen ihre NATO Verbündeten wenden. Dass sie dies nicht tut, sondern im Gegenteil ihre NATO Treue immer wieder unter Beweis stellt, muss uns zu denken geben. Das türkische Argument, in Syrien sollen „kurdische Terroristen“ bekämpft werden, ist eine leicht zu durchschauende Lüge.

Der Peters-Plan

Im Plan von Ralph Peters ist ein „freies Kurdistan“ gezeichnet, dessen Grenzen von Georgien in Norden, nach Dijarbakir im Westen bis nach Kirkuk im Süden und an die iranische Grenze im Osten reichen. Würde dieser Plan verwirklicht, hätte damit der Imperialismus einen Konfliktherd geschaffen, der das Sykes-Picot Abkommen weit in den Schatten stellen würde.

Es ist anzunehmen, dass sich die türkische Regierung bewusst ist, dass dies so ist. Früher oder später wird sie sich also entscheiden müssen: Bündnistreue gegenüber der NATO oder eine eigenständige Politik im Einklang mit ihren arabischen Nachbarn. Vorläufig tut diese türkische Regierung das was alle NATO oder NATO hörigen Regierungen tun: Sie dreht ihre Fahne nach dem Wind und folgt opportunistisch dem scheinbar Stärkeren. Die unklaren internen Verhältnisse in der Türkei, auch Jahre nach dem angeblichen Putschversuch von Fetullah Güllen, mögen auch dazu beigetragen haben, dass die Regierung Erdogan nun versucht, von ihren innenpolitischen Problemen mittels eines Angriffes gegen Syrien abzulenken – ein Mittel, welches sich für Autokraten schon des Öfteren bewährt hat.

Die Geschichte jedoch verläuft nicht linear und sie wird noch einige Überraschungen für uns bereithalten. Die Völker der arabischen Welt unterscheiden sich von den Völkern der imperialistischen Staaten vor allem dadurch, dass sie sich ihrer eigenen Geschichte bewusst sind. Wenn sich also zum Beispiel das Haus al Saud nahezu bedingungslos auf die Seite der westlichen Aggressoren stellt und sich darüber hinaus selbst als Aggressor gegen Jemen missbrauchen lässt, dann heißt das noch lange nicht, dass sie damit auch das saudische Volk auf ihrer Seite haben. Wenn jedoch eine westliche Armee, zum Beispiel die französische, Syrien angreift, dann können sich die Aggressoren der Unterstützung der Mehrheit ihrer jeweiligen Bevölkerungen gewiss sein.

Die Pläne von Sykes und Picot wurden nicht genau so verwirklicht, wie sie die beiden als Diplomaten verkleideten Verbrecher skizziert und geplant hatten – zum großen Teil jedoch schon. Die Pläne von Peters und Konsorten sind eben dabei verwirklicht zu werden. Geheimhaltung wie bei Sykes-Picot ist offenbar nicht mehr notwendig. In den imperialistischen Metropolen, in den Ländern der NATO, also in Europa, den USA und auch in Israel gibt es dagegen kaum Widerstand. Die NATO ist keine Verteidigungs- sondern eine Angriffsarmee. Von Beginn an als Angriffsarmee konzipiert, steht sie heute gegen Länder wie Syrien, Afghanistan, Irak, Iran, Jemen und viele andere.

Wann endlich erwachen wir, die wir in den Ländern der NATO leben? Diese Aggressionen gegen die Völker sind lokalisierbar: Der Irak wurde von den USA zerstört. Syrien wird, ebenso wie Mali u.a von Frankreich angegriffen. Europa bringt Krieg in alle Kontinente, sei es durch Waffenlieferungen oder durch direkte Angriffe. Deutschland ist nach 2 Weltkriegen wieder präsent an allen Fronten. England zieht – ob mit oder ohne Brexit Deal – nicht nur gegen seine ehemaligen Kolonien in den Krieg.

Was tun die Menschen in den Ländern des Imperialismus gegen diese imperialistischen Raubzüge? Die Zeiten von Sykes-Picot waren die Zeiten des Kolonialismus und des Imperialismus. Die Zeiten in denen wir heute leben sind angeblich die Zeiten der Demokratie und der Menschenrechte. Das ist Zynismus, nicht mehr und nicht weniger.


Siehe auch:


Brilliant Maps
Making Sense Of The World, One Map At A Time
Blood Borders: A Proposal To Redraw A “New Middle East”, June 11, 2015
https://brilliantmaps.com/new-middle-east/

SYRIA 360° | INTERNATIONALIST NEWS AGENCY | THE GREATER MIDDLE EAST PROJECT
https://syria360.wordpress.com/globalist-agenda/

Dem Projekt eines «Neuen Nahen Ostens»: Kreative Zerstörung als revolutionäre Kraft
By Mahdi Darius Nazemroaya
Global Research, February 05, 2011
Zeit-Fragen (Nr. 48) 27. November 2006
http://www.globalresearch.ca/dem-projekt-eines-neuen-nahen-ostens-kreative-zerst-rung-als-revolution-re-kraft/23196

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