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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2019  

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Medien
Eine lockere Folge von Leserbriefen und Kommentaren
Hajos Einwürfe
Von Hajo Kahlke

Ist es angeraten, sich über die Empörung wegen einer Tat zu empören? Brauchen wir eine "Revolutionsmatinee" für einen Funktionär der Konterrevolution? Wie klar darf die Pervertierung des Asyl-Begriffs werden? Ist es für eine "linke" Zeitung gerechtfertigt, den imperialistischen Charakter der EU auszublenden? Wie weitgehend dürfen journalistische Standards unterschritten werden? Das sind Fragen, die in "Hajos Einwürfen" zum Thema gemacht sind. Die Neue Rheinische Zeitung versteht sich im Verbund mit der Vierteljahresschrift DAS KROKODIL als ein Forum, das zum Nachdenken anregen, eingefahrene, verkrustete Denkstrukturen aufbrechen bzw. der bewusst lancierten Desorientierung des Denkapparats – besonders der Linken – entgegenwirken will. Hajos kurze Texte sollen dazu ihren Beitrag leisten. Die Neue Rheinische Zeitung bringt deshalb in loser Folge von ihm verfasste Leserbriefe und Kommentare, die bei den Angeschriebenen nur selten das Licht der Öffentlichkeit erblicken.


Empörung über die Empörung wegen einer Tat

Ob in Chemnitz ein Mann in der Öffentlichkeit abgestochen oder in Freiburg eine Frau gruppenvergewaltigt wird: Wann immer die mutmaßlichen Täter "Flüchtlinge" bzw. Migranten sind, darf Empathie für die Opfer nicht aufkommen. Politisch korrekt hat man sich dann nicht etwa über die Tat zu empören, sondern über die Empörung wegen der Tat! Opfer und Tat hingegen werden soweit möglich ausgeblendet. Und so ist denn auch die Gruppenvergewaltigung von Freiburg in der Schreibe von jW-Kommentator Kristian Stemmler lediglich eine "mutmaßliche" - so als sei nicht einmal sicher, ob die überhaupt stattgefunden hat. Die vielbeklagte Verrohung des Bürgertums - hier findet sie in ihrer gutmenschlichen Variante statt.

Leserbrief zum Artikel "Querschläger des Tages: Winfried Kretschmann" von Peter Schaber in "junge Welt" vom 12.11.2018, Seite 8



"Revolutionsmatinee" für einen Funktionär der Konterrevolution

Eine "Revolutionsmatinee" mit Texten kritischer Geister wie Kästner und Tucholsky ausgerechnet in der Gedenkstätte für einen braven Funktionär der Konterrevolution, der - wie er selbst sagte - die Revolution hasste "wie die Sünde"!? Und der demzufolge alles tat, die Revolution in Deutschland erst zu verhindern, und, als sie schließlich doch kam, dann mit seinen Bluthunden gründlich abzuwürgen!? Nee, da passt etwas nicht zusammen.

Leserbrief zum Artikel "'Sprache ist eine Waffe - Halte sie scharf' - Revolutionsmatinee im Ebert-Haus" in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 12.11.2018, Seite 6



Pervertierung des Asyl-Begriffs


Der Artikel über die - dort unbeirrt "Flüchtlinge" genannten - mittelamerikanischen Eindringlinge, die in einer vieltausendköpfigen Kolonne in Richtung USA marschieren, enthält die bezeichnende Feststellung: "Das Recht auf Asyl in Mexiko nehmen die wenigsten in Anspruch. Denn auch hier sind die Arbeitsbedingungen nicht leichter als in ihrer Heimat". Klarer kann man die völlige Pervertierung des Asyl-Begriffs und die Selbstverständlichkeit, mit der dann jeglicher Asylmissbrauch akzeptiert wird, nicht zum Ausdruck bringen.

Leserbrief zum Artikel "Auf dem Weg nach Norden - Flüchtlinge aus Mittelamerika machten in Mexiko-Stadt halt" von Carmen Navarra in "junge Welt" vom 14.11.2018, Seite 6



Imperialistischen Charakter der EU ausblendet

Wie kommt eine LINKE Frau auf die Idee, ein klar imperialistisches Projekt, wie es die EU/EG/EWG von Anfang an ist, unbedingt auf neue, tragfähigere Füße stellen zu wollen, anstatt sich - unter Befürwortung sämtlicher Austrittstendenzen einzelner Länder - für seinen zielgerichteten Rückbau und letztendlich seine Beendigung einzusetzen? Und was veranlasst diese Frau, die von ihr geforderte Neugründung der EU auch noch als "Rettung Europas" zu preisen? Als ob unser Kontinent ohne EU-Zentralismus quasi in den Meeren versinken würde - und nicht, als Europa der Vaterländer, dann besser dran und vor allem tendenziell friedenstauglicher wäre! "Rettung Europas" - welch super-chauvinistische Wortwahl auch, nicht weniger irrational als jene von den traditionellen Chauvinisten beschworene "Rettung Deutschlands"! Bezeichnend schließlich, dass jW-Gesprächspartner Jan Greve den imperialistischen Charakter der EU kongenial genauso ausblendet, und stattdessen, ganz im Sinne Berlins und Brüssels, gegen den selbstredend "faschistischen" italienischen Innenminister Matteo Salvini agitiert.

Leserbrief zum Artikel "Müssen EU auf neue Füße stellen", Gespräch von Jan Greve mit Judith Benda in "junge Welt" vom 16.11.2018, Seite 2


Journalistische Standards eindeutig unterschritten

Man sollte bei aller notwendigen Bereitschaft zu Empathie und Offenheit auch nicht naiv sein: Die hier erzählten, schwer überprüfbaren Geschichten über "kaum Beschreibliches", über "das nackte Grauen Libyen" wie es im Text beschwörend heißt, können stimmen, müssen es aber nicht. Oder aber sie könnten auch stimmen und zugleich nicht stimmen, d.h. Dichtung und Wahrheit könnten in ihnen vermischt sein. Besonders schwierig sind solche Geschichten einzuschätzen oder gar ansatzweise zu überprüfen, wenn sie wie in diesem Artikel nicht von jemandem als selbst erlebt berichtet werden, sondern im wesentlichen lediglich Geschichten vom Hörensagen sind, ohne jegliche Orts- und Zeit-Konkretisierungen übrigens, und wenn zudem die Gewährsleute, von denen die Autorin die Geschichten gehört hat, als "meine Jugendlichen" durchgehend anonym bleiben. Wenn aber dann noch ohne Nennung eines sachlichen Grunds sogar die Autorin selbst als "eine Psychologin, die in Westfalen mit Geflüchteten arbeitet" anonymisiert wird, werden damit übliche journalistische Standards eindeutig unterschritten.

Leserbrief zum Artikel "Libyen, ein Alptraum - eine Psychologin berichtet" von einer Psychologin (ohne Namensnennung) in "junge Welt" vom 17./18.11.2018, Seite 3

Online-Flyer Nr. 683  vom 21.11.2018

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