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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

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Literatur
Aus der Buchnerscheinung "Aus gegebenem Anlass"
18 Haikus gegen Retrofaschisten
Von Rudolph Bauer

"Seit dem Ende der Aufklärung hatte die kulturelle Elite in Deutschland lange ein äußerst problematisches Verhältnis zum Politischen. Das zeigte sich nicht zuletzt in der abschätzigen Einstellung zu politischer Kunst. Dennoch gibt es im deutschen Sprachraum die Tradition engagierter Literatur, auch politischer Lyrik. Sie geht zurück auf das hohe Mittelalter, die Reformationszeit sowie auf die Arbeiter- und die Friedensbewegung. Für die Bundesrepublik lassen sich Erich Fried und Franz Josef Degenhardt nennen, für die DDR Franz Fühmann, Peter Hacks, Heiner Müller und Volker Braun. Rudolph Bauers Gedichtband ist vielfach mit dieser Tradition verbunden." Mit dieser Einschätzung definiert sich das Buch "Aus gegebenem Anlass", aus dem die "18 Haikus gegen Retrofaschisten" entnommen sind.


Haiku über die Identitären

was sie erbrechen
im rausch der identität
heißen sie meinung


Haiku von der Gesinnung

besudeln das volk
mit dem schmutz von gesinnung
mit maden von hass


Haiku gegen die Volkstümler

je mehr sie brüllen
wir sind das volk und ein volk
ist pöbel gemeint


Haiku vom blinden und vom sehenden Auge

ihre parolen
freie bahn für faschisten
bullen gegen links


Haiku gegen den Kriegskult

kriege finden sie
mannhaft heroisch und schön
hassen den frieden


Haiku von der eingebildeten Größe

zerstören im wahn
eingebildeter größe
fremde kulturen


Haiku gegen das Kreuzrittertum

den kreuzrittern gleich
im kampf gegen muslime
tragen das kreuz sie


Haiku gegen den Unverstand

sie begreifen nicht
wovor fliehende flüchten
vor hunger und krieg

 
Haiku gegen die Spaltung

die armen im land
hetzen sie auf gegen die
folgen des elends

Haiku gegen Ankerzentren

abgeschoben wie
juden sinti und roma
in lager gesteckt


Haiku von der Gerechtigkeit

wenn die gesellschaft
grundlegend gerecht wird wählt
niemand a.f.d.


Haiku gegen Brandstifter

wenn sie abfackeln
die fluchthäuser der fremden
fühlen sie stark sich

 
Europa-Haiku

europa-skeptisch
dröhnen rechte parolen
bis das land braun ist


Medien-Haiku

die lückenpresse
erzählt nicht ihre lügen
das prangern sie an


Haiku zur Kritik an den Etablierten

dem establishment
heizen sie ein mit hölzern
von selbigem baum


Haiku gegen rechte Elitäre

sie lästern über
so genannte eliten
sie zu beerben


Haiku zur falschen Meinungsfreiheit

sie fordern das recht
auf meinungsfreiheit um es
andren zu nehmen


Haiku gegen die islamophoben Retter des Abendlandes


auf das abendland
dessen schutz sie geloben
folgt finsterste nacht


Rudolph Bauer / Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass



Gedichte und Essay. Hamburg: Tredition 2018

Seit dem Ende der Aufklärung hatte die kulturelle Elite in Deutschland lange ein äußerst problematisches Verhältnis zum Politischen. Das zeigte sich nicht zuletzt in der abschätzigen Einstellung zu politischer Kunst. Dennoch gibt es im deutschen Sprachraum die Tradition engagierter Literatur, auch politischer Lyrik. Sie geht zurück auf das hohe Mittelalter, die Reformationszeit sowie auf die Arbeiter- und die Friedensbewegung. Für die Bundesrepublik lassen sich Erich Fried und Franz Josef Degenhardt nennen, für die DDR Franz Fühmann, Peter Hacks, Heiner Müller und Volker Braun.

Rudolph Bauers Gedichtband ist vielfach mit dieser Tradition verbunden. Bereits der Titel Aus gegebenem Anlass gibt die operative Programmatik vor. Formal und inhaltlich schließen die Gedichte an klassische Vorbilder der situationsgebundenen Dichtung an: in ihrer Prägnanz und dem packenden Zugriff des Verfahrens, der Einfachheit und Konkretion von Stil und Strophenform. „Es ist eine Einfachheit, die die Komplexität einschließt“, bemerkt Literaturwissenschaftler Thomas Metscher in einem erklärenden Essay am Schluss des Gedichtbandes.

Bauers Poesie verbindet Gegenwärtiges und Vergangenes. Treffend verweist Metscher darauf, wie ungebrochen die in den Texten zum Ausdruck gebrachte Macht der Tradition hineinwirkt in unsere Gegenwart. Dieser Gesichtspunkt berühre das Herzstück der Texte: „Immer wieder und immer neu geht es um die Gegenwart des Vergangenen: die Kontinuität von Militarismus, imperialer Gewaltpolitik und die Rolle der Ideologien in ihnen; von Kolonialismus, Faschismus, ihrer Restauration in der Bundesrepublik Deutschland.“

Es geht nicht mehr nur um das Hier und Jetzt der deutschen Gegenwart als Wiederkehr von Vergangenem. Die lyrische Bedeutung der Gedichte erschließt grenzüberschreitend Bilder und Gedanken sowohl aus dem Erfahrungsarchiv anderer Kulturen als auch des Zukünftigen. Indem die utopische Dimension aufscheint, überwindet politische Dichtung das Hier und Jetzt.

Online-Flyer Nr. 682  vom 14.11.2018

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