NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2018  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Verteidigen wir die Wahrheit gegen die Unwahrheit!
Von Evelyn Hecht-Galinski

Was sich am letzten Sonntag, am Tag der Bayernwahl (14.10.2018), in der Frankfurter Paulskirche, vor 700 illustren Gästen aus Politik, Medien und Kultur abspielte, war gewiss ein Novum. Mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels wurde das Ehepaar Jan und Aleida Assmann ausgezeichnet. Geehrt wurden die beiden Kulturwissenschaftler unter anderem für ihre Forschungsarbeit zum "Kulturellen Gedächtnis", und gemeinsam hielten sie ihre Dankesrede. Die Jury ehre „ein Forscherpaar, das sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig inspiriert und ergänzt“, und weiter: „Aus dieser spannungsvollen, komplementären Einheit, die Aleida und Jan Assmann bilden, ist ein zweistimmiges Werk entstanden, das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist.“ (1)

„Wahr ist, was uns verbindet.“

Immer wieder kam in der Dankesrede der Bezug auf Hannah Arendt und Karl Jaspers, bei dem sie den prägenden Satz fanden: „Wahr ist, was uns verbindet.“ Der Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller hat die Auszeichnung als "sehr politische Entscheidung" bezeichnet, und tatsächlich machte Aleida Assmann sehr politische Aussagen, denen nicht zu widersprechen ist. Als sie jedoch am Schluss ihrer Rede Bezug auf den bei der UNESCO eingereichten Antrag der Stadt Hebron im von Israel besetzten Westjordanland auf Weltkulturerbe nahm, wurde ich hellhörig. (2)

Seinerzeit löste dieser palästinensische Antrag, der von der UNESCO angenommen wurde, erwartungsgemäß Widerspruch bei der israelischen Besatzungsmacht aus.

Immerhin bezeichnete Aleida Assmann Hebron als besetzt, allerdings hob sie ganz bewusst das „besondere Erbe“ und den Anspruch des "jüdischen Volkes" auf einen Teil der historischen Schichten hervor. Sie beschäftigte sich mit dem Begriff "shared heritage" (das geteilte Erbe).

Aleida Assmann schlug doch tatsächlich vor – da die "Altstadt von Hebron eine jüdische, christliche und islamische Geschichte hat, die in allen drei monotheistischen Weltreligionen gleichermaßen präsent, heilig und lebendig ist, weil sich alle auf Abraham als ihren Stammvater beziehen" – einen gemeinsamen palästinensisch-israelischen Antrag zu stellen, denn nur ein gemeinsam eingereichter Antrag könnte die ganze Geschichte dieses Ortes anerkennen und wäre zugleich sein bester Schutz. Was hier trennt ist der „ausschließliche Anspruch auf Wahrheit“. So ein gemeinsamer Antrag, der nicht nur den Konflikt lösen, sondern "die Altstadt von Hebron von einem Ort des Terrors in einen Ort der Annäherung, der Kooperation und des Friedens verwandeln würde.". Schließlich heiße Hebron auf Hebräisch als auch auf Arabisch "Stadt des Freundes". Ganz nach Jaspers Worten: "Eine Perspektive des Friedens wird ermöglicht durch ein ganz einfaches Kriterium: Wahr ist, was uns verbindet".

An der traurigen Wirklichkeit vorbei gedacht

Von einer Verbindung im friedlichen Sinne kann man in diesem Zusammenhang wohl kaum sprechen. Das erscheint mir doch sehr theoretisch und an der traurigen Wirklichkeit vorbei gedacht. Dieser Vorschlag als Lösung des Problems, für mich undenkbar, schließlich ist es doch wohl utopisch, dass sich Palästinenser darauf einlassen würden, sich mit den Besetzern zusammen zu tun und damit quasi die Besatzung noch als normal hinnehmen

Diesen sicher gut gemeinten Vorschlag kann ich nur als naiv bezeichnen. Wie kann es eine solche Verbindung geben in einer Stadt, in der laut UNESCO das Weltkulturerbe in Gefahr ist?

Wie kann es eine Perspektive des Friedens geben in Hebron, dem Symbol der Unterdrückung des palästinensischen Volkes und des illegalen israelischen Besitzanspruchs auf einen so wichtigen Ort für die drei Weltreligionen?

Berichtete doch Haaretz just an diesem selben Sonntag, dass das Netanjahu-Kabinett, erstmals seit 2002, dem Bau von 31 neuen Siedlungseinheiten in Hebron bekannt gegeben hat. Avigdor Lieberman, der berüchtigte ehemalige Türsteher und Kriegsminister des "Jüdischen Staats", gab diese Entscheidung bekannt. Hebron bekomme "erstmals seit mehr als 20 Jahren ein neues jüdisches Viertel auf dem Gelände der derzeitigen Militärkaserne", erklärte er. Lieberman, Mitglied der rechtsextremistischen Partei Yisrael Beitenu (Unser Haus Israel), sprach mit geschwollener Brust von einer "neuen wichtigen Etappe bei der Stärkung des Siedlungsausbaus in "Judäa-Samaria“ (=illegal besetztes Westjordanland). Das illegal besetzte Hebron ist die besetzte Stadt, in der etwa 800 judaistische Siedler/innen schwer bewacht von jüdischen "Verteidigungssoldaten inmitten von 200.000 Palästinensern leben. Für diese Siedler-Eindringlinge wurde ein großer Teil der historischen Innenstadt abgetrennt.

Verkennung einer Realität, die von grausamer Brutalität geprägt ist

Spezielle Einheiten verrichten seit Beginn der illegalen Besatzung ihren "speziellen" Dienst in Hebron, der von einer grausamen Brutalität geprägt ist, wie sie die IDF immer mehr ausübt, um die Besatzung zu garantieren. Als einige Soldaten der Organisation "Breaking the Silence", erschrocken über ihre eigene Verrohung auspackten, die sie immer begleiten werde, und darüber berichteten, wie sie in nächtlichen Razzien zu Monstern wurden, nicht davor zurückschreckten, auch Frauen und Kinder brutal zu erniedrigen. Diese berüchtigten Eliteeinheiten, die in Hebron und Gaza eingesetzt wurden, sind nur dazu da, ein besetztes Volk unter Kontrolle zu halten, durch wechselnde Checkpoints, zermürbende Wartezeiten, das Einkassieren von Autoschlüsseln, Folterungen und entwürdigende Verhöre, Verhaftungen ganzer Dorfgemeinschaften, Zerstörung von Häusern, Plattmachen ihrer gesamten Habe, Sippenhaft und Kollektivbestrafung, sie zu erniedrigen und den Palästinensern ewig ins Bewusstsein einzukerben, dass Widerstand zwecklos ist. Das alles wird in der Öffentlichkeit als „Terrorbekämpfung“ und „Selbstverteidigung“ verkauft. Genauso, wie es die heuchlerische Wertegemeinschaft und speziell Kanzlerin Merkel und der „Auschwitzminister“ Maas tun und sich damit mit der ethnischen Säuberung Palästinas solidarisieren.

Erst kürzlich fasste die UNESCO weitere Beschlüsse zum Weltkulturerbe: zur Altstadt von Jerusalem, der historischen Ibrahim-Moschee in Hebron und der Moschee Bilal Ibn Rabah in Bethlehem im besetzten Teil von Palästina. Sie gehören zum Weltkulturerbe und werden durch Israel gefährdet. (3)

In der ersten Entscheidung wird festgestellt, dass die Altstadt von Jerusalem, wie auch ihre Mauern, im Weltkulturerbe eingetragen sind und für die drei monotheistischen Weltreligionen heilig sind. Es wird bestätigt, dass alle von der Besatzungsmacht Israel ergriffenen Maßnahmen null und nichtig, und deshalb zurückzuweisen sind.

In der zweiten Resolution wird bekräftigt, dass die Ibrahim-Moschee in Hebron (Grab der Patriarchen) und die Bilal Ibn Rabah-Moschee in Bethlehem wichtige Orte in Palästina sind. Sie gehören zum Islam wie Heiligtümer von Judentum und Christentum.

In dieser Resolution wird auch bedauert, dass Israels Siedler Ausgrabungen, neue Straßen und Neubauten, sowie auch eine Mauer um die Altstadt von Hebron, vorantreiben. Nach internationalem Recht ist das illegal und verletzt die ursprüngliche Geschichte der Denkmäler. Die Entscheidung wendet sich gegen jegliche Freiheitsbeschneidung und fordert freien Zugang zu den heiligen Orten.

Im Übrigen wird beklagt, dass die Mauer in Bethlehem den Zugang zur Bilal Ibn Rabah einschränkt; in der Resolution wird gefordert, dass die „israelischen Autoritäten den ursprünglichen Charakter der Umgebung wieder herstellen, um den Besuch der Moschee zu ermöglichen.

Besetzte und Besatzer auf eine Stufe gestellt

Bei all dem wurde mir schlagartig bewusst, wie typisch deutsch die Assmann-Rede doch war. Wieder einmal stellen die Wissenschaftler, die es eigentlich wissen müssten und auch wissen, die Besetzen und die Besatzer auf eine Stufe. Nicht nur das, denn erwiesenermaßen will Israel keinen Frieden, nur das Land ohne die Menschen.

Deshalb ist der oben erwähnte Vorschlag mehr als abwegig, und ich empfehle dem Ehepaar Assmann die Lektüre des Buchs von Breaking the Silence, worin israelische Soldaten über ihren menschenverachtenden Einsatz gegen die zivile Bevölkerung in den besetzten palästinensischen Gebieten berichten. Dann hätten sie mit Sicherheit in ihrer Dankesrede mit Hebron einen anderen Schlussakkord gesetzt.

So aber war diese in großen Teilen wichtige und großartige Rede typisch deutsch und sträflich unvollständig, ja im schlechten Sinn "einseitig" – wie immer, wenn es um das Thema Israel und Palästina geht. Hier ein paar der für mich prägnantesten Aussagen, die ich gerne kommentieren möchte.

"Der Wert der Wahrheit ist wichtiger denn je".

Aber bitte immer nur die ganze Wahrheit und nicht die halbe, wie am Beispiel von Hebron.

"Jede Gesellschaft braucht ein Gedächtnis"

In der Tat braucht das auch die palästinensische Gesellschaft: die Anerkennung ihres Gedächtnisses, die ihr brutal verweigert wird von der jüdischen Besatzungsmacht.

"Beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen"

Gilt das nicht ebenso für die Geschichte in Palästina/Israel? Beschämend ist eben auch die Nakba, die Katastrophe, die der "Jüdische Staat" nicht mit den Opfern teilen will, sondern alles dafür tut, diese Erinnerung zu eliminieren und zu leugnen. Solange auch Deutsche diese Tatsache nicht anerkennen, kann es keine wirkliche Erinnerungskultur in Deutschland geben.

Jede Erinnerungskultur, die mit dem Holocaust zu tun hat, wird für immer verbunden sein mit der Nakba, die aus der Gründung des Staates Israel vor 70 Jahren resultiert und die Palästinenser die verleugneten Opfer der Nazibarbarei sind. Wer diese Tatsache nicht anerkennt, verleugnet ein kulturelles wie nationales Gedächtnis. Gerade in Deutschland ist es an der Zeit, dies endlich anzuerkennen, besonders in dunklen Zeiten, wo die Nakba-Ausstellung wieder verboten wird und die Meinungsfreiheit immer eingeschränkter wird.

"Verstehen wir die Öffentlichkeit als eine Kampfzone, in der sich die Wahrheit unablässig gegen die Unwahrheit behaupten muss"

Was wäre es für eine Rede gewesen, wenn ein Wissenschaftspaar dieser Größe auch diese Punkte berücksichtigt hätte, die unzertrennbar mit der deutschen Vergangenheit verbunden sind. Solange die Verantwortung für die Palästinenser nicht endlich auf die gleiche Stufe wie die zum "Jüdischen Staat" gestellt wird, solange bleibt jede "Gedenkkultur" unvollkommen und verlogen. Lassen sie mich mit dem in der Rede so oft zitierten Karl Jaspers enden: "Verstehen wir die Öffentlichkeit als eine Kampfzone, in der sich die Wahrheit unablässig gegen die Unwahrheit behaupten muss".

Behaupten wir uns in der Öffentlichkeit und verteidigen wir die Wahrheit und gegen die Unwahrheit!


Fußnoten:


(1) http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/445651/
(2) https://www.boersenblatt.net/artikel-friedenspreis_fuer_aleida_und_jan_assmann_-_der_festakt_in_der_paulskirche.1532291.html
(3) http://imemc.org/article/unesco-adopts-new-resolutions-on-palestine/


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Online-Flyer Nr. 678  vom 17.10.2018

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE