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Aktueller Online-Flyer vom 21. September 2018  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen – Ein persönliches Plädoyer für sich schämende und selbsthassende Juden
Schämt Euch!
Von Evelyn Hecht-Galinski

Heute im Jahr 2018 ist es überfällig, dass sich jüdische Bürger weltweit für die Verbrechen des "Jüdischen Staates" schämen, und zwar diejenigen, die sich von diesen nicht distanzieren, und sich stattdessen damit identifizieren. Allerdings reicht Schämen nicht mehr aus, ohne dass Taten folgen. Wenn sich also Daniel Barenboim heute dafür schämt, ein Israeli zu sein, dann ist das ein schöner Zug – und ein erster Anfang. Aber wie sehen seine Konsequenzen aus? Wird er weiter am Jerusalem-Festival partizipieren? Wird er als Zeichen des Protests seinen israelischen Pass zurückgeben? Oder bleibt es bei diversen Zeitungsartikeln?

Blinde Unterstützung des Unrechts

Solange sich aber der Zentralrat der Juden und sein Präsident Schuster, sowie jüdische Gemeindevertreter und Funktionäre sich nicht schämen, und sich weiter mit den Verbrechen des "Jüdischen Staates" identifizieren und von der deutschen Regierung uneingeschränkte Solidarität mit der israelischen Besatzungsmacht einfordern, und solange sich nicht jeder jüdische Bürger oder "christliche-Zionist" für seine blinde Unterstützung des „Jüdischen Apartheidstaates“ schämt, kann man davon ausgehen, dass diese blinde Unterstützung des Unrechts einen (gewollten?) Antisemitismus erzeugt, der nichts mit dem richtigen Antisemitismus zu tun hat, sondern allein mit begründeter Kritik am "Jüdischen Staat" und seiner Politik des Grauens.

Vergessen wir nicht die nackten Tatsachen beispielsweise der verbrecherischen Politik dieses Staates und dessen völkerrechtswidrige Blockade des Gazastreifens zu Land, Luft und See. Diese Kollektivstrafe für die etwa 2 Millionen eingeschlossenen Palästinenser in diesem einmaligen und größten Freiluftgefängnis der Welt, die in Elend leben müssen, dieses Martyrium, geht bereits ins 12. Jahr, ohne von der heuchlerischen Staatengemeinschaft beachtet zu werden, die sonst den Mund ganz weit aufmachen, wenn sie wo anders Unrecht wittern. (1)

Freitag für Freitag versuchen verzweifelte Bewohner aus Gaza, ein Zeichen des Widerstands zu setzen und protestieren am Gaza-Zaun mit ihrem “Marsch der Rückkehr", der jedoch brutal beantwortet wird mit gezielten Morden von IDF-Scharfschützen, die weder vor Zivilisten, auch Frauen und Kindern, noch vor Sanitätern oder Journalisten halt machen. Durch den verstärkten jüdischen Siedlungsausbau, die Zerstörung der palästinensischen Infrastruktur, und die so gut wie nicht vorhandene Bewegungsfreiheit, die Trennung vom illegal annektierten Ost-Jerusalem und dem illegal besetzen Westjordanland, der Apartheidmauer, versucht das Netanjahu-Regime, den Palästinensern das ohnehin schwierige Leben endgültig zur Hölle zu machen.

Während tausende Palästinenser in Verwaltungshaft ohne Anklageerhebung oder Gerichtsverfahren gehalten werden und sich einige von ihnen aus Protest gegen dieses Unrecht im Hungerstreik befinden, sind Misshandlungen und Folter, auch von Jugendlichen, an der Tagesordnung. Die Verantwortlichen für diese Taten bleiben straffrei. Man zerstört weiter palästinensische Häuser, vertreibt deren Bewohner, macht nächtliche Razzien und holt selbst kleine Kinder aus den Betten und trennt sie von ihren Eltern. Ich füge deshalb den detaillierten und erschütternden Amnesty International Report 2017/2018 bei – auch der ist den Konzernmedien keine noch so kleine Notiz wert. (2)

Lächerlicher Vorwurf des "jüdischen Selbsthasses"

Ich erinnere mich nur allzu gut daran, als der "Spät-Historiker" und überzeugte Israel-Lobbyist Arno Lustiger, den ich noch als "Schmattes-Jude", also einen jüdischen Mantelfabrikanten, kannte, mich 2008 in der FAZ, zusammen mit dem honorigen Alfred Grosser des "jüdischen Selbsthasses", bezichtigte. (3) Auch der ehemalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, dessen Vater noch eine führende Rolle im Frankfurter-Rotlicht-Milieu spielte, warf mir 2008 "jüdischen Selbsthass" vor.

Dies alles kann man nur als lächerliche und hilflose Antwort auf meine berechtigte Kritik am Zentralrat, als geräuschvolles "Sprachrohr Israels", der jeden Kritiker Israels unter Antisemitismus-Verdacht stellt, betrachten. In dieser Zeit gab es noch "mutige" SPD-Ministerinnen wie Heidemarie Wieczorek-Zeul, die "rote Heidi", der ich damals zur Seite eilte, weil sie es gewagt hatte, für den Einsatz von jeder Menge von Streubomben im Libanon durch Israels Luftwaffe, ( jüdische "Verteidigungsbomber" mit dem Davidstern) eine UN-Untersuchung zu fordern. Überreste der mehr als 100.000 gefährlichen Blindgänger liegen noch heute als "jüdisches" Andenken im Boden und gefährden permanent libanesische Zivilisten. Wer spricht heute noch davon? Der "Schlächter von Libanon", der ehemalige Premier Ariel Scharon, hatte Kritik an Israel als Antisemitismus gebrandmarkt, schließlich sei es der "einzige" Judenstaat.

Dank des Netanjahu-Regimes und seines Anspruchs und der Aufforderung an die Palästinenser, Israel als "Jüdischen Staat" anzuerkennen, hat sich diese völlig indiskutable Forderung als unannehmbar und glücklicher Weise unannehmbar für jeden Palästinenser und auch jeden kritischen Juden erwiesen.

Schämen, ein Israeli zu sein

Tatsächlich ziehen wir, die kritischen jüdischen Bürger weltweit und die Palästinenser an einem Strang und haben längst auf das so genannte "Rückkehrrecht" der Juden in den "Jüdischen Staat" verzichtet wie Prominente jüdischer Intellektuelle, von Judith Butler, Noam Chomsky und Finkelstein. Und inzwischen schämt sich sogar Daniel Barenboim dafür, ein Israeli zu sein.

In 2018, seit das israelische Parlament, die Knesset, ein rassistisches "National-Apartheidgesetz" beschloss, hat sich der Jüdische Staat endgültig als "einzige Demokratie" im Nahen Osten disqualifiziert.

Wie kann eine deutsche Regierung, die sich immer so vehement für "Werte“ einsetzt, weiter einen Staat unterstützen, der eigenmächtig ganz Jerusalem als "ewige" Hauptstadt eines "Jüdischen Staates" bezeichnet? Schließlich wurde der Ost-Teil 1967 illegal besetzt. Wie kann man einseitig das Symbol der Unterdrückung, die "Davidstern-Flagge“, die Hatikwa, die jüdische Nationalhymne, den hebräischen Kalender, die jüdischen Feiertage und die hebräische Sprache als staatliche Symbole festlegen und nur die Förderung jüdischer Gemeinden als nationalen Wert ansehen und damit alle Minderheiten ausklammern?

Israel verkündet Tod der demokratischen Werte

Wenn Ministerpräsident Netanjahu von einem "Schlüsselmoment" in der Geschichte des Zionismus und des Staates Israel sprach, dann hat er mit dieser Aussage endgültig den Tod der demokratischen Werte verkündet und die jüdische Apartheid-Ethnokratie zum Leben erweckt. Es ist dies der endgültige Versuch, die palästinensische Identität auszulöschen und den jüdischen Rassismus zu legalisieren.

Es reicht doch nicht mehr, dass sich die EU und Federica Mogherini "besorgt" über das neue Gesetz zeigen und Demokratie und Gleichberechtigung auch für Minderheiten als grundlegende Werte, die unsere Gesellschaften definieren, anzumahnen, oder dass Kanzlerin Merkel in ihrem sonntäglichen "ARD-Sommer-Interview" auf den Schutz von Minderheiten verweist, der in unserem Grundgesetz verankert ist, aber sich weigert, sich in innere Angelegenheiten des "Jüdischen Staates" einzumischen, andererseits es aber zulässt, das sich dessen Vertreter ständig in unsere "internen" Angelegenheiten einmischen.

70 Jahre falsche Solidarität mit einem Staat, der sich mit Beginn der Nakba, der palästinensischen Katastrophe, seit 1967 mit der illegalen Besetzung weiterer großer Teile Palästinas ohne Skrupel bedient, sind genug.

Durch die israelische Besatzung Palästinas, die mit ihrer unmenschlichen Brutalität, mit dieser Entmenschlichung und Dämonisierung der Palästinenser, hat Israel jegliche Scham verloren, Palästinenser abzuschlachten – mit der Behauptung, gegen "minderwertige Terroristen" dieses Recht zu haben. Die jüdisch-israelische-Gesellschaft ist so von ihrem "Alleinvertretungs-Anspruch" für Palästina überzeugt. Sie schämt sich nicht dafür, den Palästinensern niemals auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, sondern sich gemütlich eingerichtet zu haben, indem sie dieses rassistische Apartheid-Regime und extremistischen Siedlerstaat weiter unterstützen.

"Wahre Israel-Freunde" müssen sich gegen die Unrechtspolitik erheben!

Sollte es wirklich noch "wahre Israel-Freunde" geben, dann sollten sich diese erheben und endlich ein Ende dieser Unrechtspolitik fordern.

Wir alle, die wir uns so vehement für einen demokratischen Staat Palästina einsetzen, die wir für einen Staat eintreten, der auf gleicher Augenhöhe für alle Bürger – ohne Unterschiede und Einschränkungen –, und die BDS-Bewegung mit aller Kraft unterstützen, fühlen uns von der falschen Politik der so genannten „Wertegemeinschaft“ schmählich im Stich gelassen. Nicht wir sind es, die bekämpft werden sollen, sondern es sind die Politiker und jüdische Funktionäre, die blind und trunken vor lauter philosemitischer Seligkeit diesen "Jüdischen Apartheidstaat" unterstützen.

So sollte sich die heuchlerische Staatengemeinschaft dafür schämen und selbsthassen, wenn sie nicht endlich bereit ist zu handeln, und wirksame Maßnahmen zum Schutz des palästinensischen Volkes zu ergreifen – BDS eingeschlossen –, um ihrer völkerrechtlichen Verantwortung gerecht zu werden, und für den Schutz der Menschenrechte im illegal besetzten Palästina einzutreten, solange der "Jüdische Staat" gegen geltendes humanitäres Völkerrecht verstößt.

Lassen sie mich mein Plädoyer mit dem unübertroffenen Erich Fried beenden. Treffender als dieser großartige Dichter kann man Appelle nicht formulieren.

Erich Fried: Israel (4)
    Die Gedichtsammlung Höre Israel (1972) löste in Israel und auch in der Bundesrepublik heftige Diskussionen aus, in denen Fried vor allem vorgeworfen wurde, sich als Jude nicht zum Staat Israel zu bekennen, jüdischen Selbsthass zu pflegen oder gar einem verborgenen Antisemitismus anzuhängen. In der Einleitung setzt er sich ausführlicher mit den Vorwürfen auseinander:

    „Seit dem Judenmord des Hitlerfaschismus hat in Westeuropa ein begreifliches kollektives Schuldgefühl oft dazu geführt, dass man sich jede Kritik an Juden verbietet, wobei man noch dazu Juden und Zionisten meist kurzerhand gleichsetzt. Ich aber empfinde außer Solidarität mit allen unschuldig Verfolgten und Benachteiligten auch etwas wie Mitverantwortlichkeit für das, was Juden in Israel den Palästinensern und anderen Arabern tun; auch für das, was sie in aller Stille jenen Juden antun, die dagegen kämpfen und protestieren … Mein Wirkungsbereich ist durch meine deutsche Muttersprache bestimmt, aber das Schicksal der Juden ist mir keineswegs gleichgültig. Ich hoffe sogar, auch ohne jüdisches Volksbewusstsein oder israelisches Nationalgefühl, sozusagen nebenher, ein besserer Jude zu sein als jene Chauvinisten und Zionisten, die, was immer ihre Absicht sein mag, in Wirklichkeit ihr Volk immer tiefer in eine Lage hineintreiben, die schließlich zu einer Katastrophe für die Juden im heutigen Israel führen könnte. Auch dagegen möchten – durch Warnung vor dem Irrweg und durch allerlei Informationen – diese Gedichte kämpfen.“

    Die Irrwege spricht er dann im Gedicht Höre Israel sehr konkret an:

    „…ich spreche als einer von euch/ der auch Irrwege kennt// In den Gaskammern und in den Öfen/ wo eure Familien vergingen/ wurden auch meine Verwandten/ vergast und verbrannt// Seither kämpfe ich gegen das/ was dahin geführt hat/ gegen die Mächte/ die Hitler zur Macht verhalfen// Sie sind noch nicht verschwunden/ von dieser Erde/ und was tut ihr?/...Ich wollte nicht/ daß ihr im Meer ertrinkt/ aber auch nicht dass andere durch euch/ in der Wüste verdursten// Als ihr verfolgt wurdet/ war ich einer von euch/ Wie kann ich das bleiben/ Wenn ihr Verfolger seid?

    Seine Klage über Israels Politik gipfelt vielleicht im Gedicht 'Eure Toten'. Er wirft Israel seinen manipulativen Umgang mit dem Holocaust vor und setzt die Opfer des Holocaust mit den palästinensischen Opfern der israelischen Politik gleich: ein Tabubruch sondergleichen, der ihm aggressive Reaktionen sowohl aus Israel als auch aus jüdischen Organisationen und Gruppierungen in aller Welt einbringt: Aus der Sicht der Palästinenser spricht er die Juden Israels an:

    „…eure toten Eltern und Großeltern/ eure toten Brüder und Schwestern/ auf die ihr euch immer beruft/ eure Toten die euer Trumpf sind/ eure Toten für die ihr euch Geld bezahlen laßt/ als Wiedergutmachung/ sie sind nicht mehr eure Toten/ Ihr habt eure Toten verloren/ denn eure Toten/ das waren die Opfer der Mörder/ die Gerechten die Unterdrückten…Jetzt aber seid ihr Machtanbeter und Mörder geworden/ und werft Bomben auf eure Opfer wenn sie sich wehren/ Ihr vertreibt die Machtlosen aus ihren niederen Hütten/ Ihr kommt rasselnd in rasenden Panzern/ Ihr laßt das Sprühgift/ aus euren Flugzeugen regnen/ nieder auf unsere Felder/ und euer Napalm auf unsere Frauen und Kinder... Eure Toten sind nun zu Gast bei unseren Toten.“

Fußnoten:

(1) https://diefreiheitsliebe.de/kultur/palaestina-und-das-voelkerrecht/
(2) https://www.amnesty.de/jahresbericht/2018/israel-und-besetzte-gebiete
(3) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/hecht-galinski-antwortet-auf-lustiger-antisemitismus-ist-nicht-gleich-antizionismus-1692530.html
(4) https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/erich-fried-ein-unbequemer-dichter


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Online-Flyer Nr. 671  vom 29.08.2018

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