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Aktueller Online-Flyer vom 21. Juli 2018  

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Kultur und Wissen
Betr.: Berufsverbote – Wanderausstellung – berufsverbote.de
Anmerkungen zur Kampagne "Berufsverbote"
Von Beate Brockmann

Als ehemals Berufsverbotsbetroffene und – was die Auswirkung auf meine Rentenhöhe heute betrifft – Berufsverbotsgeschädigte lebe ich seit zwei Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland. Um hier im Ausland von den deutschen Berufsverboten zu erzählen, guckte ich mir die Wanderausstellung genauer an. "Mit diesen Informationen dürften eine ganze Menge Fragen zu beantworten sein", schrieb mir Klaus Lipps am 17. März 2018. Mit dem ersten Augenschein stellte ich fest, dass die englische Version keine Eins-zu-eins-Übersetzung aus dem Deutschen ist, was ich zunächst als harmlos abtat. Doch beim genaueren Studieren der beiden Ausstellungsversionen beantworteten sich keine Fragen meiner Gesprächspartner hier im Ausland, im Gegenteil warfen sich mir Grundsatzfragen auf, und ich beschloss aus meinem Unbehagen heraus, niemandem – weder Bekannten in Deutschland noch im Ausland – diese Wanderausstellung zu empfehlen.


Titeltafel der Wanderausstellung "Berufsverbote - 'Vergessene' Geschichte" in deutschsprachiger Fassung

Die Ausstellung - besonders in Tafel 7 zu sehen - geht stark von einer verschrobenen Totalitarismustheorie aus, als wenn sie auf Staaten zuträfe, nur nicht auf Ideologien. (Das wäre einen philosophischen Streit wert.) Ich denke, dass solch ein Grundsatzdiskurs - wie auch immer geführt - historisch nicht der Hintergrund von Berufsverboten nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland - einschließlich der alten westlichen BRD - war. In der englischen Version stiftet Tafel 7 geradezu Verwirrung: Dort wird dargelegt, dass in der Sowjetunion unter Stalin mehr als 1 Million Kommunisten umgebracht wurden - da fragt sich der Poster-Schauer doch, warum empören über deutsche Berufsverbote? In Deutschland wurde ja niemand umgebracht, weil er Kommunist ist.


Tafel 7 der Wanderausstellung "Berufsverbote - 'Vergessene' Geschichte" in deutschsprachiger Fassung

Was uns allen fehlt, glaube ich, ist eine heiße strittige Diskussion über unsere deutsche Geschichte ohne Berührungstabus, was aus ihr zu lernen ist. Ich würde mir wünschen, die würde gerade von uns Berufsverbotsbetroffenen angstfrei ausgehen. Was haben wir zu befürchten, die wir schon einmal unseren Kopf hingelegt haben? Vielleicht könnte man eine breite Auseinandersetzung anstoßen über die Erfahrungen der Vergangenheit und wie man die in Beziehung setzt zur gegenwärtigen Realität?

In der Ausstellung fällt mir desweiteren auf, dass das zugrunde gelegte Material für Schlussfolgerungen und Beweise hauptseitig von "Die Zeit", "Die Welt" und anderen Mainstream-Quellen beliefert ist. Kann auf diese Weise ein korrektes komplexes Bild der Berufsverbote in Deutschland entstehen?

Bemerkenswert die Antwort von Klaus Lipps am 25. März 2018: "Die Texte der Ausstellung sind Kompromisse, auf die sich die Ausstellungsmacher in langen und zähen Diskussionen geeinigt haben. (...) Soweit wir die Berufsverbots-Betroffenen vertreten, sind wir selber auch ein Kompromiss - ein Bündnis eben aus Betroffenen, die ja bekanntlich aus sehr verschiedenen Richtungen kommen. (...) Und im Grossen und Ganzen ist es erfreulich zu sehen, dass Leute aus den verschiedenen Gruppen die alten Streitigkeiten ruhen lassen können und gemeinsam gegen das Unrecht angehen."

Ich frage mich, worum geht es der Berufsverbote-Kampagne, diesem fragilen Bündnis? Das erlittene Unrecht - vollstreckt in alten Zeiten - anprangern und für die persönliche Reputation/Wiedergutmachung/finanzielle Entschädigung kämpfen? Sollten nicht vielmehr gerade wir - sei es nur wenige mit politischem Anspruch und Gewissen - öffentlich aufstehen und uns für die heutigendringlichsten Forderungen engagieren als Menschen, die aus alter Erfahrung mit dem gesellschaftlichen System Deutschlands, nämlich als Berufsverbotsbetroffene, wissen, was sie tun müssen für hier und heute notwendig. ähnlich wie die Whistleblower weltweit, von denen einige mit langen Haftstrafen im Gefängnis sitzen, im Exil ausharren, die nie die ihnen zugefügten disziplinierenden entwürdigenden Maßnahmen in den Mittelpunkt stellen, sondern sich zusammengetan haben (jedenfalls einige wenige bzw. soweit es ihnen möglich ist), um immer wieder öffentlich mit ihren Kommentaren den Finger in die neuen Wunden zulegen. Ich meine, bei uns Berufsverbotsbetroffenen (sei es nur wenige von uns) sollte es weniger vorrangig um die Bewältigung, den Ausgleich unserer beschädigten Biografien gehen, als vielmehr um heutiges politisches Wirken. Dabei spielt selbstverständlich die Betroffenheit von Berufsverboten unterschwellig eine Rolle. Gemeinsam gegen Unrecht angehen und alte Streitigkeiten ruhen lassen - wie die Devise der Berufsverbote-Kampagne lautet -, ist kein Wert an sich, wenn es dabei zu einer Vereinbarung führt, die auf Antikommunismus (Linie Rosa-Luxemburg-Stiftung) hinausläuft.

Als ersten Punkt, für den wir bzw. einige wenige Berufsverbotsbetroffene öffentlich auftreten könnten heute, wäre zum Beispiel gegen die Russophobie bei gleichzeitiger Militarisierung der Gesellschaft und massiver Aufrüstung. Das erfordert Mut, das haben wir Berufsverbotsbetroffenen doch schon mal gezeigt und durchgestanden. Ich könnte mir in Anlehnung an ein berühmtes Plakat vorstellen: ALLE REDEN VON RUSSISCHEN DISSIDENTEN - WIR SIND DIE DISSIDENTEN VON DEUTSCHLAND... und dann machen wir in einem kurzen Text aufmerksam auf die Kriegschürung und das uralte Feindbild. Mir gefällt nicht, wenn wir Berufsverbotsbetroffene nur um unseren eigenen Nabel kreisen und aus Sorge um Streit, der vielleicht zu Abspaltungen (von was eigentlich: der Nabelschau?) führen könnte, eine politische Diskussion vermeiden.

Das bedeutet für mich, wir sind erfolgreich mundtot gemacht, haben uns zu einem Burgfrieden vereinbart: War das nicht der Zweck der Berufsverbote? Das war doch das Perfide an der Berufsverbots-Verteilungspraxis: Es konnte jeden treffen, ob Funktionär oder kleiner Sympathisant. Die Wirkung war wie ein Damoklesschwert: Unabhängig vom konkreten Tun eines Einzelnen schürte die Drohung eines Berufsverbots allgemeine Angst. Deshalb sind auch Menschen indirekt vom Berufsverbot betroffen, denen nie ein Berufsverbot erteilt wurde: Ich kenne Einige, die aus Furcht vor möglichem Berufsverbot ihr Studium auf Lehramt wechselten hin zu einer anderen Kariere zum Beispiel, andere mischten sich nicht mehr in gesellschaftliche Konflikte ein, unterschrieben zum Beispiel keine Solidaritätsaufrufe mehr. Eine Rehabilitation der Berufsverbotsbetroffenen kann nur in einer politischen Atmosphäre des Widerstands erfolgreich sein, die zu grundlegenden Veränderungen in Richtung Demokratie geführt hat. Eine finanzielle Abspeisung unter den heutigen Bedingungen / juristischen Beschränkungen würde uns bloß zusätzlich den Mund stopfen.

Und haben wir eigentlich mal darüber nachgedacht, dass es der Strategie der neuen Bundesrepublik mit ihren imperialistischen Ambitionen als Führerin einer westlichen Wertegemeinschaft und Europa in ihr Propaganda-Image passt, wenn der Makel der Berufsverbote nicht mehr ihr Selbstbild beschmutzt? Dafür gilt es, aufkommenden Unmut wegen der Altlast Berufsverbote in ungefährliche Gewässer zu kanalisieren, d.h. in antikommunistisches, mit Totalitarismus begründetes Fahrwasser abzudrängen, ohne dass Gesinnungsschnüffelei eingestellt worden ist. Wollen wir uns wirklich für ein Schweigegeld einkaufen lassen, nur damit der Export-Meister Deutschland vor der Welt sauber da steht?

Zurück zur Wanderausstellung. Sie geht detailliert auf geschichtliche Strömungen ein, die von Unrecht, Ungerechtigkeit, politischer Opposition und mutigen Einzelpersönlichkeiten erzählen. Doch ich vermisse einen empörenden Fakt aus der jüngsten Zeitgeschichte, der bis heute nachwirkt: Die Darstellung der riesigen Welle der Berufsverbote, die ehemalige Bürger der DDR betraf.

Dazu erläutert Klaus Lipps am 28. März 2018: "Den Gedanken, uns mit den Berufsverboten in und nach der DDR zu beschäftigen, haben wir 2012 mit großer Mehrheit abgelehnt. (...) Unser Thema war der Radikalenerlass von 1972 in der Bundesrepublik. Den und seine persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen kannten und kennen wir bis ins Detail. Und wir hatten nicht die Kraft und nicht genügend Wissen, uns fundiert mit ähnlichen Ereignissen in und nach der DDR zu befassen."

Wieso werden ausführlichst alle möglichen historischen Ereignisse - dargestellt wie angebliche Vorläufer des Radikalenerlass - in der Ausstellung aufgezeigt, aber angeblich liegt keine Kenntnis über die abgewickelten Staatsbediensteten der abgewickelten DDR vor! Was soll die hintersinnige Anspielung von Berufsverboten "in" der DDR? (Das weist auf die Tiefengründung der Berufsverbots-Kampagne hin: Totalitarismus und Antikommunismus, nur mit diesen Kriterien kann man sich erfolgreich beim Deutschland von heute einschleichen, siehe oben.) Kennt die Kampagne wirklich den Radikalenerlass und dessen Auswirkungen bis ins Detail? Bei meinen Anhörungen (bei der ersten ging es um Ausbildungsverbot in Hamburg, bei der zweiten um Berufsverbot in Baden-Württemberg) wurde meine Gesinnung geprüft mit Fragen, welche Haltung ich zu Reisen in die DDR, Büchern und Schulsystem der DDR habe, mir wurden Zitate aus dem philosophischen Wörterbuch der DDR vorgehalten und wie ich dazu stünde, kurz gesagt, bei mir saß die DDR damals mit am Tisch als Vorwurf und als Verbot, eine sozialistische Alternative überhaupt zu denken.

Wir wünschen uns Solidarität für unsere Berufsverbotsbetroffenheit, was ist mit unserer Solidarität mit den entlassenen Bürgern der Ex-DDR?

Wie könnten wir Berufsverbotsbetroffene uns in die Veränderung des politischen Klimas in Deutschland einmischen, dadurch auch überzeugender sein besonders in Bezug auf die Jüngeren in unserem Land?

Ich bin nicht bereit, mich meines Berufsverbotes wegen vor den Karren: Antikommunismus/Totalitarismus/Stasi-Hysterie/Russophobie spannen zu lassen - wer auch noch!?


Beate Brockmann: verhinderte Volks- und Realschullehrerin wegen Berufsverbot, Museumspädagogin, Stadtplanerin, Szenenbildnerin, vorzeitig berentet wegen chronischer Krankheit, lebt seit dem in London und Italien


HInweise:

website zur Ausstellung "Berufsverbote - 'Vergessene' Geschichte"
http://www.berufsverbote.de/index.php/Ausstellung-Vergessene-Geschichte.html

PDF der deutsch-sprachigen Fassung der Ausstellung
http://www.berufsverbote.de/tl_files/Hann2015/Begleitheft_A4_klein.pdf

PDF der englisch-sprachigen Fassung der Ausstellung
http://berufsverbote.de/tl_files/Hann2015/Ausstellung_englisch.pdf

Online-Flyer Nr. 667  vom 11.07.2018

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