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Aktueller Online-Flyer vom 25. Juni 2018  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Der Besuch des berüchtigten Kriegsverbrechers
Von Evelyn Hecht-Galinski

Berlin wurde zum Hochsicherheitstrakt: abgesperrte Straßen, Luftraum und Seewege. Dieses Procedere gilt als angemessen für diesen in Berlin immer wieder gern gesehenen weltbekannten Besatzerkönig Bibi und Gattin Sara. Die Merkel’sche Staatsräson verweigert sich einer Kritik an dessen Besatzungsregime über ein rechtloses Volk, der barbarischen Erschießung protestierender Zivilisten in dem abgeriegelten Freiluftgefängnis namens Gaza, das eigentlich mehr an ein Konzentrationslager erinnert. Die Pressekonferenz von Merkel und Netanjahu auf Phoenix machte mich für einen kurzen Moment sprachlos: Tatsächlich standen dort Merkel und Bibi im Partnerlook: Passend zu Netanjahus blauer Krawatte hatte sich die Kanzlerin in die israelischen Farben gehüllt, womit sie wahrscheinlich ihre treue und bedingungslose Partnerschaft betonen wollte, als ein medialer „Wink mit dem Zaunpfahl“. Merkels Freude über das Treffen mit dem Kriegsverbrecher Netanjahu blinkte aus jedem Knopfloch ihrer israel-blauen Jacke. Und die lässt sie sich auch nicht durch die über hundert durch israelische Scharfschützen ermordeten gewaltlosen Demonstranten in Gaza vermiesen. (1)

Im Gegenteil, Merkel ist schon voller Vorfreude auf die kommenden Regierungskonsultationen am 4. Oktober in Israel, wohin sie außer mit dem Kabinett auch mit einer herausragenden Wirtschaftsdelegation zur Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Besatzerstaat anreisen wird. Sie schwärmt geradezu von den israelischen Drohnen, die von der Bundeswehr in einem Milliardendeal angeschafft wurden, denn diese leisteten doch so gute Sicherheitsarbeit in Mali.

Mehrmals betonte Merkel, wie sehr ihr die Sicherheit Israels am Herzen liegt, und auch die sei deutsche Staatsräson. Die Gefahr, die von Iran ausgehe, sei die „größte Herausforderung für die Sicherheit Israels“. Trotz unterschiedlicher Meinungen zum Atomdeal mit Iran, wolle sie allen Einfluss geltend machen, um Iran in seinen militärischen Ambitionen zurückzudrängen. Sie lobte die Allianz zwischen Deutschland und Israel.

Netanjahu hetzt weiter gegen den Iran

Wieder einmal bekam Netanjahu die Gelegenheit, einen „gefährlichen Iran“ an die Wand zu malen. Seit Jahren schon hetzt dieser Kriegsverbrecher zu einem Krieg gegen ein Land, das bis jetzt noch kein anderes Land militärisch angegriffen hat – im Gegensatz zu Israel, das „vor seiner eigenen Haustür“ friedliche Demonstranten abschlachtet, auf Landraub geht und täglich Flugzeuge über Libanon fliegen lässt und Syrien nach Lust und Laune bombardiert.

Verblüfft und peinlich berührt hören wir von dem Lügenpremier, dass Iran einen Krieg der Religionen entfachen will, der mit seiner Präsens in Syrien einen schiitischen Staat errichten will und dadurch – und hör gut zu, Deutschland – „Die Folge werden mehr Flüchtlinge sein, und Sie wissen ganz genau, wo die hinkommen“… Doch ganz sicher ist nicht Iran das Land, das "ein Land nach dem anderen zu schlucken" droht, denn ganz im Gegensatz zu dieser dubiosen Behauptung ist es Israel, das Land ohne definierte Grenzen, das nachweislich Tag für Tag, mehr Palästina schluckt. (2)

Netanjahu und Merkel waren sich einig darüber, dass Iran nicht vor "Israels Haustür" stehen darf, weil dadurch die Sicherheit Israel bedroht wäre. Keiner aus dem Medienpulk fragt, wieso Israel als einer der Hauptakteure des Syrienkriegs, und das eine große Rolle bei dessen Entfachung (wie gegen Irak) spielte, sich das Recht herausnimmt, in fremde Haustüren einzubrechen und willkürlich fremden Luftraum mit seinen F-35 und Drohnen überfliegt. Schon beim Irak-Krieg hetzte Israel zum Krieg, und Tatsache ist auch, dass Netanjahu schon seit zig Jahren scharf auf einen Angriff auf Iran ist, der allerdings von seinen eigenen Militärs verhindert werden konnte. Wie bei allen seinen Pressekonferenzen arbeitet dieser Mann auch hier wieder nur mit Lügenpropaganda und ist von Kopf bis Fuß auf Krieg und Zerstörung eingestellt.

Er brüstete sich mit seinen guten Kontakten zu arabischen Staaten, wobei er seinen Zwilling, den anderen religiösen Eifererstaat und “Hauptsponsor terroristischer Aktivitäten” weltweit meint, nämlich Saudi-Arabien, das gerade einen Völkermord im Jemen anrichtet. Dies ficht die so genannte „Wertegemeinschaft“ aber nicht an, weil es Hauptgegner Irans ist und mit dem Netanjahu-Regime gemeinsame Sache macht. Hier haben sich zwei gefährliche Regime gefunden, die ein unheilvolles Ziel haben: Iran zu vernichten. Nur, wenn das erledigt ist, folgt – das haben wir aus dem Irak-Krieg gelernt – mit Sicherheit die totale Hoheit, hinterlässt das „kleine bedrohte, von Feinden umzingelte“ Israel als lachenden Dritten und ist einem Ziel aus vergangenen Zeiten wieder einen Schritt näher, einem Israel vom Nil bis an den Euphrat.

Der Rassismus der Apartheid frisst sich wie ein Krebsgeschwür in die Herzen der Israelis

Netanjahu mokierte sich über den Khamenei-tweet, der Israel als ein „Krebsgeschwür“ bezeichnet, das entfernt werden müsse. Die allgemeine Empörung darüber kann ich nur als heuchlerisch bezeichnen, denn wir können geradezu sehen, wie täglich immer mehr und mehr illegale Siedlungen im besetzten Palästina entstehen und die Forderung Ben Gurions von 1937: „Wir müssen die Araber vertreiben und ihren Platz einnehmen“ sich – ohne ähnliche Empörung, aber mit stillschweigendem Einverständnis – bewahrheitet. Tatsächlich frisst sich der Rassismus der Apartheid wie ein Krebsgeschwür mit Metastasen in die Herzen der Israelis. (A.B. Yeshuha) (3)(4)

Natürlich stellt sich die Frage, warum sich Politiker und Medienvertreter seit Jahren an der Nase herumführen und sich eine „Bedrohung“ einreden lassen. Immerhin ist der "Jüdische Staat" im Besitz von Atomwaffen – und von einer Bedrohung kann selbstverständlich gar keine Rede sein! Und keiner verlangt wie von Iran eine Inspektion durch die IAEA. Chuzpe ist aber, dass der bis an die Zähne bewaffnete israelische Aggressor offensichtlich erwartet, dass sich der Iran waffenlos abschlachten lässt.

Netanjahu log frech in die Kamera von seiner „ausgestreckten Hand“ zum Frieden mit Palästina und gibt Frau Merkel mit ihrem ewigen Mantra von der „Zweistaaten-Lösung“ der Lächerlichkeit preis, denn mit seinem Beharren auf einem angeblichen – gottgegebenen- messianischen – Recht der Juden, überall in Palästina zu siedeln, wurde diese Lösung schon lange zur Makulatur. Denn es ist doch längst bekannt, dass hunderttausende „messianische“ Siedler sich tief in arabisches Land eingenistet haben. Und niemals kann ein Bibel-Mythos von einem „gelobten Land“, das seit Jahrhunderten von Menschen bewohnt ist, über dem Völkerrecht stehen! Und es gibt ganz gewiss keine „historischen Rechte“ der Juden an einem "Heimatland“ der mythischen biblischen, keiner realen Gestalt Abrahams, wo Juden vor Tausenden von Jahren mal gelebt haben sollen. Und ganz sicher verbrennen nicht die Palästinenser „unsere Felder und ermorden unsere jüdischen Siedler“, denn es ist genau umgekehrt: palästinensische Olivenhaine werden zerstört, die Ernten vernichtet, Land geraubt oder zerstört. Gelogen wird von palästinensischen Kindern als Schutzschilder, aber die hunderte Kinder und Jugendliche, die real ermordet wurden oder in israelischer Haft sind, sind nicht der Rede wert. Lügen über Lügen vor den schweigenden Medienvertretern und einer Kanzlerin, die nicht ansatzweise Einspruch gegen diese dreisten Lügen erhebt, obwohl sie es besser weiß. Schließlich hatte sich die Bundesregierung in der letzten Woche „äußerst besorgt“ darüber gezeigt, dass Israel das Beduinendorf Khan-al-Amar, das zwischen Jerusalem und der jüdischen Siedlung Ma`le Adumim liegt, räumen und abreißen will und die Bewohner zwangsweise umgesiedelt werden sollen. Damit werde die Umsetzbarkeit der „Zwei-Staatenlösung“ verringert. Kein Wort davon in der Pressekonferenz von Kanzlerin Merkel. Nichts sollte die Eintracht stören.

Als Krönung kam Netanjahu mit einem völlig abstrusen Vergleich, dass man ja nach der Wiedervereinigung 1990 Berlin als Hauptstadt anerkannt habe. Dieses Recht hat sich Israel nun genommen, denn jedes Land hätte die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden und seine Hauptstadt zu bestimmen. Lapidar antwortete Merkel, dass laut UN-Beschluss dieses Recht Teil von zukünftigen Verhandlungen wäre. Allerdings hat sie nicht gesagt, dass mit der einseitigen Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels eindeutig das Völkerrecht gebrochen wurde. Sonst ist sie doch ganz schnell dabei, gerade wenn es um Russland geht, einen „Völkerrechtsbruch“ zu sanktionieren, wobei im Falle Russlands und der Krim es durchaus gegenteilige völkerrechtliche Urteile gibt!

Verlogenheit der deutschen und israelischen Politik gnadenlos entlarvt

Diese Pressekonferenz mit "Kippa-Trägern" unter den Medienvertretern war ein mehr als peinliches Schauspiel, das die deutsche und israelische Politik gnadenlos entlarvte, als verlogen und einseitig gegen palästinensische Interessen gerichtet, und auch gegen den Iran, das noch kein anderes Land militärisch angegriffen hat! Es war eine Schande, die jeden Zuschauer wütend machen konnte, den man wieder einmal für dumm verkaufen wollte. Nichts Gutes und schon gar keinen Frieden in der Welt haben wir zu erwarten von solchen Regierungen.

Dass Merkel all die offensichtlichen Lügen unkommentiert ließ, ist eine Sache, dass aber von den anwesenden „Pressevertretern“ keine Zurückweisung kam ist eine andere, die nichts Gutes aussagt über den Zustand der Medien, die, wenn es um Russland geht, jede noch so abstruse und lächerliche Lüge aufgreifen, um dieses Land in einem schlechten Licht darzustellen und immer wieder mit dem Mantra “Putin, Putin, Putin“ die Schuld für alles Üble zuschieben. Da plötzlich sind die Konzernmedien ganz besonders mutig in ihrer Hetze! Deshalb ist es auch nicht sonderlich erstaunlich, dass es in dem gesamten anwesenden Pressepulk nur einen einzigen Journalisten mit kritischen Fragen gab, u.a. zum Atomprogramm Israels, das sich die Mittel dazu immerhin illegal aneignete und völlig unkontrolliert betreibt. Diese blieb jedoch unbeantwortet, und Merkel und Netanjahu zogen davon unbeeindruckt von dannen!

Kein Thema war Gaza und das Massaker an den Demonstranten in den letzten Wochen, wo mehr als 120 Menschen heimtückisch von Scharfschützen der "moralischsten" aller "Verteidigungsarmeen" ermordet wurden, darunter auch Kinder, Frauen, Sanitäterinnen(!) und Journalisten. Diese Scharfschützen, die selbst zum Teil an ihrem Einsatz zweifelten, weil sie wussten, wofür sie an die Grenze nach Gaza kamen, nämlich um zu morden. Nicht nur, um die illegale Besatzung zu verteidigen, sondern um brutal allen legitimen Widerstand gegen die völkerrechtswidrige Abriegelung und Besatzung niederzuschlagen. Die Menschen in Gaza haben in ihrer Hoffnungslosigkeit nichts mehr zu verlieren als das Leben. Nicht die Hamas, wie es hier immer wieder medial eingebläut wird, sondern die jüdischen Besatzer sind die Ursache des Übels. Nicht die Hamas sind Terroristen, sondern sie sind ebenso wie die Hisbollah demokratische gewählte Regierungen des Widerstands.

Was macht Perspektivlosigkeit aus jungen Menschen? Es macht sie depressiv. Warum ist die Selbstmordrate so erschreckend hoch in Gaza? Weil neunundneunzig Prozent der Eingesperrten dieses Konzentrationslager nicht mehr verlassen dürfen. Das brutale Netanjahu-Staatsterrorregime verweigert auch denjenigen jungen Menschen die Ausreise, die ausländische Stipendien, Einladungen von ausländischen Organisationen haben oder kranke, sterbende Angehörige. Solch eine Brutalität der Besatzung gibt es weltweit kein zweites Mal. Dazu muss man wohl solche Skrupellosigkeit haben, wie sie die ehemaligen Opfer auszeichnet, die selbst zu brutalen Tätern wurden. Sind das etwa die viel beschworenen "jüdisch-christlichen" Werte? Junge Menschen die sich verbrennen, sich selbst töten, deren Verwandte von privaten psychologischen Zentren betreut werden, berichten von mehr als 500 Selbsttötungen von überwiegend jungen Menschen. Junge Menschen, die größtenteils arbeitslos sind und sich mit dem "Stimmung aufhellenden" Schmerzmittel Tramadol der Firma Grünenthal, Eignerfamilie Wirtz, die Verbindungen weltweit unterhält, betäuben. Grünenthal ist der Name, der für immer verbunden bleibt mit dem Contergan-Skandal, einem Meilenstein der medizinischen Rücksichtslosigkeit nur um den Preis des Gewinns.

Deutscher „Persilschein“ für das von Israel begangene Unrecht

Diese Verzweiflung sollte uns alle nicht unberührt lassen, denn auch dank deutscher wohlwollender und auch finanzieller Unterstützung des Besatzerregimes sind diese Zustände erst möglich. Während die UNWRA die Menschen mit Lebensmitteln unterstützt, Schulen unterhält und versucht, etwas von der Not zu lindern, fantasiert die Merkel-Regierung immer wieder auf einem angeblichen Recht auf "Selbstverteidigung" der Besatzer, und nur der deutsche „Persilschein“ für das Unrecht ist.

Es gibt momentan dank Trump und Netanjahu nur noch eine Politik, die nominative Fakten schafft, die alles außer Kraft gesetzt hat. Dazu gehört auch, dass der neue US-Botschafter in Berlin, Grenell, eigenständige US-Politik betreibt, indem er Deutsche aufforderte "Konservative“ zu wählen, da Linke versagt hätten und der am Dienstag den österreichischen Kanzler Kurz in seiner Residenz empfangen will, ein einmaliger Vorgang, der das transatlantische Verhältnis seit Trump als nie zuvor gekannte Aggression aufzeigt. Netanjahu hat er noch vor dessen Abflug aus Berlin am Flughafen getroffen, Deutschland sollte endlich das Verhältnis zu den USA und dem "Jüdischen Staat" überdenken und sich wieder zu anderen Partnern, wie unserem Nachbar Russland zuwenden. Nicht umsonst stehen Israel und die USA völlig isoliert da, mit der Kündigung des Iran Atom-Deals, gegen den Rest der Welt, von Russland, China, Japan und Europa. Aber diese so wichtige Umkehr ist mit Merkel nicht zu schaffen.

Am Dienstag, dem 5. Juni 2018, jährte sich der Naksa-Tag zum 51. Mal, der an den Juni Krieg 1967 erinnert, wo nochmals 300.000 Palästinenser aus ihrer Heimat fliehen mussten. Damit wurde die endgültige Besetzung Palästinas zementiert – nach der Nakba 1948, wo 750.000 Palästinenser vertrieben wurden, die zweite entscheidende Zäsur für das entrechtete palästinensische Volk.

So endete der Besuch des berüchtigten Kriegsverbrechers wie zu erwarten als Propaganda-Pressekonferenz für die Hasbara.


Fussnoten:

1 https://www.youtube.com/watch?v=t523xjEXnqU
2 https://www.zeit.de/politik/2018-06/benjamin-netanjahu-berlin-angela-merkel-iran-syrien-praesenz-sorge
3 https://twitter.com/khamenei_ir/status/1003332853525110784
4 https://www.das-parlament.de/2010/32_33/Themenausgabe/30783961/309204


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Online-Flyer Nr. 662  vom 06.06.2018

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