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Aktueller Online-Flyer vom 25. Februar 2018  

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Krieg und Frieden
Irland: Der Widerstand von Shannon
"Ich entwaffne gerade eine Kriegsmaschine"
Von Markus Heizmann

Die Anschläge vom 11. September 2001 gegen das WTC und gegen das Pentagon lösten einen Effekt aus, den niemand für möglich gehalten hätte: Der US-Imperialismus gebärdet sich seit diesem Datum wilder, brutaler, rücksichtsloser und mörderischer als je zuvor. Alles deutet darauf hin, dass diese Anschläge hausgemachte, das heisst vom Imperialismus inszenierte Aktionen waren. Ein wichtiges Ziel dabei war ganz offensichtlich auch, den geplanten und teilweise bis heute schon durchgeführten Mordaktionen des Imperialismus eine breite öffentliche Akzeptanz zu verschaffen. Wenn auch dieses Ziel bei den gleichgeschalteten Medien und den US hörigen Regierungen erreicht werden konnte, bedeutet das deswegen noch lange nicht, dass die Völker der Welt dieses Spiel nicht durchschaut haben. Dies gilt vollständig für die Länder des Südens, in eingeschränktem Maße behält diese Aussage auch in den Ländern, die wir dem imperialistischen Block zuordnen ihre Gültigkeit.


Protest gegen die US-Army im irischen Shannon, Kalkar, 2017 (Foto: arbeiterfotografie.com)

Die Aggressionen der USA laufen in aller Regel nach demselben Schema ab:
  • Diffamierung des Opfers unter irgendeinem beliebigen Anlass
  • Vorbereitung der Öffentlichkeit auf einen „unausweichlichen“ Krieg
  • Suche nach Verbündteten
  • Angriff, Zerstörung, Mord, Plünderung
Dieses Schema muss nicht zwingend in dieser Reihenfolge eingehalten werden. Namentlich bei den jüngsten Aggressionen der USA (gegen Afghanistan und gegen den Irak) hat sich gezeigt, dass sich die Suche nach Verbündteten, aus vielerlei Gründen, als äußerst schwierige Angelegenheit erwiesen hat. Irland hat sich gegenüber den Angriffen gegen Afghanistan neutral verhalten. Das heißt konkret einerseits keinerlei Unterstützung der US Aggression, andererseits wurde aber der völkerrechtswidrige Angriff auch nicht verurteilt. Vor diesem Hintergrund entschlossen sich die USA zur Provokation von Shannon.

Die Provokation von Shannon

Der Flughafen von Shannon (Aerphort na Sionna) ist im südwestlichen Teil der Insel gelegen und ein rein ziviler Flughafen. Die irische Regierung wurde nun von den USA, anlässlich der Aggression gegen Afghanistan angefragt, ob US amerikanische Kampfjets die Infrastruktur von Shannon Airport zum auftanken benutzen dürften. Die irische Regierung hat diesem Wunsch, gegen Bezahlung versteht sich, entsprochen und so wurde der zivile Flughafen von Shannon über Nacht zu einer Bastion des US Militarismus.

Die Tatsache, dass die irische Regierung dem US Militarismus erlaubt, die Kampfjets auf dem Flughafen von Shannon aufzutanken beinhaltet die Verletzung von nationalem und internationalem Recht: Irland, obwohl NATO-Mitglied, hat sich zur Neutralität verpflichtet. Weder in Afghanistan noch im Irak war die NATO als solche involviert. Die irische Regierung war also (damals) nach nationalem Recht nicht dazu befugt, Angriffskriege von ihrem Territorium aus zu unterstützen. Sowohl der Angriffskrieg gegen Afghanistan, als auch der aktuelle Angriff gegen den Irak, sind völkerrechtswidrige Angriffskriege, eine Unterstützung dieser Angriffe verletzt also mithin auch internationales Völkerrecht. Dazu kommt die geographische Lage des Flughafens von Shannon: Nur einige wenige Flugminuten von der englischen Insel entfernt ist aus praktischen Gründen absolut nicht einsichtig, weshalb die Mörderjets nun auf Shannon auftanken müssen, und dies nicht auf der englischen Insel tun können, deren Regierung sich doch immer wieder als treuster Vasall des US-Imperialismus bestätigt? Die Antwort auf diese Frage kann nur lauten: Einerseits wollen die USA wissen, wie weit sie gehen können, bis sie endlich auf Widerstand stoßen, andererseits handelt es sich schlicht und einfach um eine weitere Provokation der Yankees.

Irland steht nicht allein: Andere europäische Völker sind, ebenso wie die Völker des Südens mit den unverschämten Forderungen des US-Militarismus konfrontiert. In aller Regel läuft es in Europa so ab, dass die Regierungen dieser Länder den USA und ihren Ansprüchen zu Diensten sind, und manchmal eine Mehrheit, öfter aber eine Minderheit des Volkes, meist vergebens, dagegen protestiert. In den südlichen Ländern ist die Diskrepanz zwischen Regierung und Volk sehr oft kleiner oder gar nicht vorhanden. Nach diesem Schema lief anfangs auch der Protest gegen das Auftanken der Jets auch in Irland ab.

Eine neue Wende bekam dieser Protest als Eoin Dubsky, ein damals ein 20jähriger Student, den Staat Irland wegen der oben umrissenen Verletzungen von nationalem und internationalem Recht anklagte. Die Anklage verschwand – wen wundert’s?- in den Schubladen der Justiz und würde wahrscheinlich heute noch dort liegen, wenn sich der Protest, nicht zuletzt dank Dubsky selbst, massiv ausgeweitet hätte. Eoin Dubsky drang in das Gelände des Flughafens Shannon ein, und besprühte mit einer Spraydose einen der dort wartenden Kampfjets mit Anti Kriegs Parolen. Daraufhin lies er sich widerstandslos verhaften. Seine Anwälte konnten erreichen, dass durch den Prozess, den der irische Staat gegen in anstrengte, die Anklage Dubskys gegen den irischen Staat nun ebenfalls zugelassen wurde.

Innerhalb Irlands stiess in der Folge sowohl der Prozess selbst, als auch Dubskys Protest gegen das Auftanken auf ein enormes Medienecho. Nachdem die USA neben Afghanistan auch noch den Irak angriffen und Kampfjets welche für den Irak bestimmt waren, ebenfalls auf dem Shannon Flughafen aufgetankt wurden, intensivierte sich der Widertand. Es folgte die Gründung des Shannon Peace Camps. Ca. 500 AktivistInnen markierten rund um den Flughafen von Shannon Präsenz, zählten die Flugbewegungen der US-Luftwaffe und machten diese publik. All dies schien weder auf die US-Luftwaffe noch auf die irische Regierung einen allzu grossen Eindruck zu machen. Dann tauchte im Januar des Jahres 2003 taucht eine Frau namens Mary Kelly im Peace Camp von Shannon auf.

Ein „Axt-ähnlicher“ Hammer

Mary Kelly, eine Mutter und langjährige Friedensaktivistin, hatte die Weihnachtstage in der von den Zionisten belagerten Geburtskirche in Bethlehem verbracht. Zurück in Irland schloss sie sich sofort dem Peace Camp auf dem Shannon-Flughafen an.

Mary Kelly in ihren eigen Worten: (..) Nachdem wir zum Flughafen marschiert waren, versammelten wir uns vor der Abfertigungshalle. Viele von uns gaben Erklärungen ab und hielten Reden, ich auch. Ich sprach von meinen aktuellen Erfahrungen in Palästina und über die Tatsache, dass der Irak nur 7 Flugstunden entfernt liegt sowie über die Notwendigkeit, dagegen aktiv zu werden, dass die Amerikaner unseren Flughafen für ihre Zwischenlandungen benutzten. Ich richtete viele meiner Worte an die Gardai (irische Polizei), die diese widerrechtliche Nutzung von Shannon schützen. Hinterher machten wir vor ihren Augen ein 'Die-In' (Anmerkung.: dabei liegen die Demonstranten auf der Straße, um die Toten eines Krieges zu repräsentieren). Danach versuchten ein paar von uns, mit ihnen zu reden. Sie leugneten rundheraus, dass irgendwelche amerikanischen Flieger dort zwischenlanden und sagten dauernd solche Sachen wie, "Ihr habt jetzt demonstriert, warum geht ihr nicht nach Hause, wir wollen auch heim zum Tee". Ich sagte, "Und was ist mit den Leuten, die nicht heimgehen können, oder gegen die ein Ausgehverbot verhängt wurde (in Palästina) oder die gar kein Zuhause haben, weil es zerbombt wurde?" Sie gaben keine Antwort. Schließlich zerstreuten die Leute sich. Ich blieb mit einer Freundin zurück und sprach mit ihr darüber, wie leer und unzufrieden ich mich nach dem Protest fühlte. Ich wollte nicht gehen. Ich merkte, dass ich die Sache noch viel weiter vorantreiben musste.(…)

In den folgenden Absätzen beschreibt Mary Kelly ihre Frustration und sie entschließt sich zu handeln. Mit einem Axt-ähnlichen Hammer schleicht sie sich morgens um 5 Uhr auf das Flugfeld, zu einem der US-amerikanischen Jets:

Ich ging zum linken Vorderrad. Ich hatte gehört, dass die Benzinleitungen dort in der Nähe liegen. Ich sah sie und gab ihnen ein paar sanfte Schläge mit meiner jungfräulichen neuen Axt. Das Metall war weich und bald hatte ich sie kaputt, ohne besonders viel Lärm zu machen. Jemand hatte mir erzählt, dass die empfindlichsten technischen Teile in der Flugzeugnase säßen, also näherte ich mich der und hieb ein paar Mal hinein. Ich musste die Axt wirklich hoch über meinen Kopf schwingen und hart zuschlagen. Es brauchte zwei feste Schläge, um durch das Metall hindurch zu dringen. Dann merkte ich, dass das relativ einfach war, eigentlich genauso leicht, wie ein hartes Stück Holz mit der Axt zu spalten. Mir wurde warm und ich zog meine dicke, dunkle Jacke aus und ließ sie auf dem Boden liegen, zusammen mit einer Tasche, in der eine Flasche Wasser war. Ich hatte dunkle Hosen an, einen Hut und eine hell leuchtende, fluoreszierende Warnweste, damit ich auf den ersten Blick womöglich wie ein Arbeiter vom Flughafen aussähe. Ich hieb die Axt etliche Male über die ganze Flugzeugnase, dann begab ich mich zu den Flügeln, von denen mir gesagt worden war, daß sich darin die Maschinen befänden. Sie waren weiträumig von einem Material bedeckt, das sehr hart und widerstandsfähig war. Ich fing an, mich hindurchzuarbeiten, um an die Maschine zu kommen. Es war ein erstaunlich festes Material. Dann kam das Auto plötzlich genau auf das Flugzeug zu und ich konnte die Beine von jemandem sehen, der zum Flugzeug kam und meinen Mantel und die Tasche aufhob, die ich neben dem Rad und den kaputten Benzinleitungen liegen gelassen hatte. Ich sah, wie die Beine des Mannes zurück zum Auto gingen und dann wieder zum Flugzeug kamen. Er ging einmal ganz um es herum, und währenddessen stahl ich mich in den Schatten. Dann kam der Augenblick, in dem er mich sah. Ich landete einen letzten Schlag am Hinterteil des Fliegers, dann ließ ich die Axt fallen und rief, ich sei eine Friedensaktivistin und entwaffne gerade eine Kriegsmaschine. Da kriegte er mich, bog mir den Kopf zur Seite und sagte, "Ich brech’ dir deinen verdammten Hals" (das war die Lieblingsbemerkung meines Vaters, eines Obersten, wenn er sauer wurde). Er tat mir wirklich übel weh, weshalb ich zu schreien anfing, er solle mich loslassen und ich sei unbewaffnet und er solle sich bitte abregen! Mein Hut war heruntergefallen und er konnte sehen, dass ich eine Frau war. Er schob mich zum Flughafengebäude, meinen Kopf im Zwinggriff. Ich wurde mächtig langsam, um ihn zu beruhigen, denn er hatte sicher einen ernsthaften Schock bekommen. Er wollte in Erfahrung bringen, wo meine Komplizen seien. Ich beharrte darauf, dass ich alleine war. Er brachte mich in ein Gebäude, auf dem stand "Einreisekontrolle" und dann in ein Büro, in dem ein Kriminalbeamter aufsprang und grüßte. Mein Fänger erklärte, dass er mich erwischt habe. Sie ließen einen Garda herbeikommen und auf mich aufpassen, während sie sich in einem Nebenraum kurz besprachen. Der neue Beamte war mir gegenüber sehr schmierig und zynisch. Ich sagte ihnen allen, dass ich das tat, was eigentlich ihre Aufgabe war. Ich redete von den unschuldigen Menschen im Irak, die terrorisiert wurden und dass wir Iren uns an dem Krieg beteiligten, der ungerechterweise gegen sie geführt wurde. "Das glauben SIE", sagte er. Ein jüngerer Garda, den ich kannte, kam herein, nachdem er sich das Flugzeug angesehen hatte und sagte: "VIELEN DANK, Mary." Ein gutgelaunt aussehender dicker Garda, der mich bewachte, grinste und sagte: "Sie haben wohl ein paar Leuten den Tag verdorben!" Er war nett, ein kleiner Sonnenstrahl in einem entsetzlichen Regenfall!

Mary Kellys Aktion an dem Jet richtete einen Schaden von einer halben Million Euro an! Dies und die Tatsache, dass immer mehr FriedensaktivistInnen nach Shannon kamen, brachten dem Peace Camp in Irland eine sehr große Medienpräsenz, der Widerstand verstärkte sich. Ein weiter Höhepunkt folgte am Karfreitag 2003: Ca. 150 Radical catholic Workers for Peace überkletterten am Morgen des Karfreitags den Zaun des Flughafengeländes. Mit Spitzhacken und Schaufeln zerstörten sie einen Teil der Abflugpiste und begannen auf der Piste ein symbolisches Kartoffelfeld anzulegen. Diese Aktion begründeten sie mit bestem irischem Geschichtsbewusstsein:

Die grosse Hungersnot von 1845 -1849 bleibt im Bewusstsein unseres Volkes unvergessen. Im Gedenken an diese Hungersnot ist die Tradition entstanden am Karfreitag, dem Tag an welchem Jesus Christus ans Kreuz geschlagen wurde, Kartoffeln zu pflanzen. Im Irak wird nicht Jesus Christus, sondern ein ganzes Volk ans Kreuz geschlagen. Um dagegen ein Zeichen zu setzen, haben wir uns zu dieser Karfreitags Widerstandsaktion entschlossen.

Die immer zahlreicher werdenden Aktionen auf dem Flugfeld von Shannon führten zu einer massiven Verstärkung des Polizeiaufgebotes rund um den Flughafen. Schließlich jedoch musste die irische Regierung den US-amerikanischen Streitkräften zugestehen, dass „sie sich nicht in der Lage sehe, für die Sicherheit der Angehörigen der US-Luftwaffe die 100%ige Garantie zu übernehmen“. Die US-Jets tankten in der Folge in Frankfurt auf, der Widerstand in Irland hatte (vorläufig) gesiegt.
 
Die Vorstösse der Imperialisten gehen weiter – der Widerstand dagegen auch!

Mary Kellys Prozess ist in der Zwischenzeit über die Bühne. In der ersten Instanz konnte kein Urteil gefällt werden, was normalerweise einem Freispruch gleichkommt. Trotzdem wird ihr Fall noch vor einer höheren Instanz verhandelt werden, die Anklage lautet auf „grobe Sachbeschädigung“. Sie und ihre Anwälte sind zuversichtlich. Nicht zuletzt spielt der Zeitfaktor eine große Rolle: Je mehr Zeit vergeht umso mehr werden die Verbrechen der USA und ihrer Vasallen in Afghanistan, im Irak und anderswo ans Tageslicht kommen. Mary Kelly wird dann legitimiert sein, eine Heldin ist sie für weite Kreise der Bevölkerung schon heute.

Auch Eoin Dubskys Prozess ist noch keineswegs überstanden.

Er beharrt auf den politischen Inhalten in der Prozessführung und er weigert sich beharrlich, seine Anklage gegen den irischen Staat fallen zu lassen. Das ist auch durchaus richtig und wichtig: Hat doch das irische Parlament aufgrund von Dubskys Aktionen und aufgrund seiner Anklage kurzerhand das Gesetz geändert: Mit anderen Worten: Ab sofort ist es Irland legal, Kriegsflugzeuge einer fremden, kriegführenden Macht auf zivilen Flughäfen aufzutanken. Damit werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: 1. Wird damit verunmöglicht, dass Andere Dubskys Beispiel folgen und die Kumpanei der irischen Regierung mit dem Yankee Militarismus vor Gericht einklagen. 2. Haben die DemonstrantInnen gegen das Auftanken der Kampfjets nun keine rechtliche Grundlage mehr: Sie können sich nicht länger auf irische Gesetze berufen, die von den irischen Behörden gebrochen werden. Als hätten sie nur darauf gewartet, landeten prompt nach Annahme des Gesetzes wieder Militärmaschinen der USA auf Shannon Airport.

Das Peace Camp, welches nie ganz abgebrochen wurde, hat sich ebenso prompt verstärkt und es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis wieder die ersten Aktionen gegen die USA gestartet werden. Der Widerstand ist phantasievoll, er hat eine starke Basis in der Bevölkerung und er ist getragen von Menschen, die zu Opfern und – trotz ihrer absolut pazifistischen Grundhaltung- zur Militanz bereit sind.

Dieser Widerstand zieht auch bereits Kreise. So haben wir in Erfahrung bringen können, dass sich Menschen aus allen Ländern für eine gewisse Zeit dem Peace Camp anschliessen, sich an Diskussionen und Aktionen beteiligen und bestrebt sind voneinander zu lernen. Umgekehrt fahren irische TeilnehmerInnen des Peace Camps nach Palästina, in den Irak, in die Türkei und an andere Orte des internationalen Widerstandes.

Unseres Wissens ist der Flughafen von Shannon der einzige Ort innerhalb des westlichen imperialistischen Lagers, bei welchen die US-Militärs mit einem derart grossen und nachhaltigen Widerstand konfrontiert sind. In wie weit dies mit den Wurzeln des irischen Widerstandes zusammenhängt lässt sich nur erahnen.

Fazit und Schlussfolgerung:

Sicherlich ist es zu früh, die anti Kriegsbewegung weltweit im allgemeinen und die irische anti Kriegsbewegung im speziellen abschliessend zu beurteilen. Als sicher kann jedoch gesagt werden, dass in den verschiedenen europäischen Ländern auch ein verschiedenes politisches Bewusstsein vorherrschend ist.

Irland, das irische Volk zeichnet sich aufgrund seiner jüngern Geschichte durch ein relativ hoch entwickeltes politisches Bewusstsein aus. So werden den auch die Aktionen von Shannon in der breiten Bevölkerung durchaus mit Sympathie zur Kenntnis genommen. Selbst bürgerliche Zeitungen haben für die Haltung der Regierung nur Häme übrig, wie ein Beispiel aus der Wochenzeitung "Irland on Sunday" belegt:

IRELAND ON SUNDAY, 9. Februar 2003
PEACENIKS GEWINNEN DIE SCHLACHT VON SHANNON

Man stelle sich vor - alles, was es braucht, um unsere Regierung wirklich lächerlich und inkompetent aussehen zu lassen, ist eine Handvoll Peaceniks. Die Aktivisten von Shannon... haben sämtliche ihrer Ziele mit unerhörtem Nachdruck erreicht, dann brachen sie ihre Zelte ab und verschwanden... Der Protest war ein erfolgreiches Laienstück der Friedensbrigade... Die amerikanischen Truppen, die zum Golf starten sollten, wurden nach Deutschland verlegt. Das nenne ich 'kommen, sehen und siegen'... Welch öffentliche Blamage für Bertie (Anm.: der irische Premierminister) das war: die Art und Weise, wie er mit der Angelegenheit verfuhr, 'dämlich' zu nennen, wäre ziemlich untertrieben. ... Man muss sich nur einmal die Abfolge der Ereignisse ansehen. Mary Kelly schleicht auf das Gelände und schafft es, an einem der Flugzeuge der US-Luftwaffe einen Schaden in Höhe von 500.000 Euro anzurichten und Bertie reagiert, indem er einen Garda-Polizisten zu dessen Bewachung abkommandiert. Dann überwinden fünf weitere Saboteure die Absperrungen und richten noch mehr Schaden an... verspätet werden 120 Soldaten zum Wachdienst an den Flughafen befohlen, just zu dem Zeitpunkt, als sich herausstellt, dass die Flieger der World Airlines, die Truppen befördern, stattdessen in Frankfurt zwischenlanden sollen.

Kein Wunder, dass die Peaceniks ihre Sachen gepackt haben... offenbar war das Camp für sie und ihr ungeheures Gelächter zu klein geworden... Wir haben verschiedene Minister gehört, wie sie uns darüber aufgeklärt haben, was es mit der Neutralität und deren feinen Nuancen auf sich hat. Es ist mir allerdings neu, dass es solche überhaupt gibt. Dann hören wir Bertie über die verlorenen Steuern jammern, die die Sache uns kostet, da die Amerikaner keine Landegebühren mehr bezahlen...

Nur gut, dass Mary Kelly nicht der Al-Qaida angehört, sonst wäre der Flughafen von Shannon jetzt ein rauchendes Trümmerfeld. Dieser Ton ist auf der Strasse, in den Pubs und in weiten Kreisen der Bevölkerung vorherrschend: Sympathie für die ExponnentInnen des Widerstandes und Häme und Spott für die eigene Regierung.

Der Charakter des Widerstandes auf Shannon hat eine internationalistische Komponente. Dies kann von den Kräften des Widerstandes im Norden der Insel nur mit Vorbehalt behauptet werden. Eine Zusammenarbeit zwischen dem Widerstand im Norden gegen die britische Vorherrschaft und dem Widerstand im Süden gegen den Krieg der Imperialisten konnten wir nirgendwo feststellen. .

Das Peace Camp von Shannon definiert sich selbst als pazifistische Initiative, scheut jedoch auch nicht vor Militanz zurück, wenn dies notwendig wird. Was ausserdem in den Schriften und Reden der AktivistInnen auffällt, ist eine gerechte Empörung über die herrschenden Zustände und der Wille, diese zu verändern.

Wie es weitergehen wird, jetzt nachdem die Bomber wieder landen, ist schwer voraus zu sehen. Sicher ist, dass der Wille die Starts und Landungen zu verhindern ungebrochen ist und das den AktivistInnen vom Peace Camp die Solidarität der Menschen aller Welt gewiss ist.

Es ist kein Zufall, dass Informationen über das Peace Camp in den hiesigen Medien nach Möglichkeit unterdrückt werden. Wer sich darüber informieren will, ist auf die irische Presse oder auf eine Internet Verbindung angewiesen.

Kriege werden von Menschen gemacht und Kriege werden auch von Menschen verhindert. Die gegenwärtige Weltlage ist so, dass der Krieg nicht irgendwo in der Welt, sondern direkt vor unserer Haustür stattfindet: Ob die Jets nun von Shannon oder von Frankfurt aus starten, sie starten um zu töten. Ob die Waffen nun von der deutschen Rüstungsindustrie oder von der Schweizer RUAG produziert werden, sie werden produziert um zu töten. Ob die Truppen nun vom Pentagon, von Brüssel oder von London in Marsch gesetzt werden, wenn wir sie marschieren lassen, dann werden sie töten.

Dies erkannt zu haben und dies verändern zu wollen ist der grosse Verdienst von Mary Kelly, Eoin Dubsky und den Frauen und Männern des Peace Camps: Der Krieg findet nicht irgendwo statt, er ist bei uns und es liegt an uns alles in unseren Möglichkeiten liegende zu tun um ihn zu verhindern.


Verwendete Literatur:

* Sarah Healy: A Compact History Of Ireland, Mercier Press, Dublin 1999
* A.G.L. Shaw: Convicts And The Colonies, Faber & Faber, London 1998
* Tim Pat Coogan: The I.R.A. Haper & Collins, Dublin 2000
* Khaled al Maselmeh: Nationalismus im arabischen Raum, TuP, Hamburg 2001
* Karam Khella: Die Universalistische Geschichtstheorie, TuP, Hamburg 1995
* Karam Khella, Die Geschichte der arabischen Völker, TuP, Hamburg 1994 (4. Aufl.)


Verwendete Websites:

* http://slack.redbrick.dcu.ie
* http://www.schnurpfeilzone.de/green/main/contents.htm
* http://www.tridentploughshares.org/
* http://irishantiwar.org/resources/wardossier
* http://www.indymedia.ie/newswire.php?id=48788


Erstveröffentlichung 2004 im Jahrbuch RISALA Nr. 6, TuP Verlag, Hamburg

Online-Flyer Nr. 646  vom 07.02.2018

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