NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. November 2018  

zurück  
Druckversion

Medien
Beschwerden gegen manipulierende Berichterstattung von ARD-aktuell mit ihrer Tagesschau
Gegen die Macht um Acht
Von Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer

ARD-aktuell manipuliert den Ton, wenn es gegen Trump geht; ergeht sich bei seiner Russland-"Berichterstattung" in zahllosen tendenziösen Nawalny-Veröffentlichungen; und führt in Sachen Stalingrad ein peinliches und beschämendes antirussisches Propagandastück auf. Darum geht es in dieser Woche bei den Programmbeschwerden, die Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer beim NDR-Rundfunkrat eingereicht haben. "Die ARD-Nachrichten sind der Taktgeber für die meisten Medien der Bundesrepublik Deutschland. Wer sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt, der kritisiert den Kern des deutschen Journalismus. Die Tagesschau-Maschine ist weder verlässlich noch neutral und keinesfalls seriös. Sie ist nur wenig Anderes als eben fünfzehn Minuten Staatsfunk." So heißt es im Vorwort des im Mai 2017 erschienenen Buches "Die Macht um acht - Der Faktor Tagesschau" von Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam. Die eingereichten Programmbeschwerden sind zu den "fünfzehn Minuten Staatsfunk" ein notwendiger Kontrapunkt.


"Sound-Manipulation" - Programmbeschwerde gegen eine Tagesschau-Twitter-Meldung vom 26.01.2018 - eingereicht am 01.02.2018


Screenshot aus Tagesschau-Twitter-Meldung vom 26.01.2018

Sehr geehrte Rundfunkräte, ARD-aktuell hat erneut unter Beweis gestellt, dass Trump zu ihren Lieblingsopfern gehört und bei Auswahl und Präsentation von Beiträgen über ihn das gemacht, was diese Redaktion besonders gut kann: Dämonisieren, Manipulieren, Aufbauschen, Meinung machen. Dabei übersieht sie, dass es ihre gesetzliche Aufgabe ist, objektiv und fair über wichtige Ereignisse zu berichten. Dass im Rundfunkstaatsvertrag sogar der hehre Begriff der Wahrheitsverpflichtung steht, man mag es schon gar nicht mehr mit aufzählen.

Wie das Medienmagazin "Meedia" nun berichtete, war das Gniffke-Qualitätsjournalistenteam der Versuchung erlegen, mit Manipulationen die Unbeliebtheit des amerikanischen Präsidenten beim deutschen Publikum zu verstärken. (1) Die „Tagesschau“ hat in ihrem Social-Media-Kanälen in einem O-Ton-Ausschnitt zu Donald Trumps Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Buhrufe aus dem Publikum lauter gemischt, um sie deutlicher hörbar zu dokumentieren.

Gniffkes Rudeljournalisten-Kumpan Julian Reichelt (BILD) sagte dazu: "Die Tagesschau hilft ein bisschen nach, damit Buh-Rufe gegen Trump lauter und deutlicher zu hören sind. Klare Grenzüberschreitung bei einer Nachrichtensendung, Und schwer vorstellbar, dass Sie dasselbe bei Applaus getan hätten."

Wir haben verschiedene Sendungen gecheckt, konnten aber nirgends feststellen – auch bei Merkel-Auftritten nicht -, dass der Ton bei Buhrufen verstärkt worden wäre. Man muss deshalb davon ausgehen, dass das Sound-Manöver eine besondere Manipulation war, die sehr bewusst gegen Trump verwendet wurde. Sie war, wie fast die gesamte Trump-Berichterstattung bisher, ein Beleg für einseitige und parteiische Berichterstattung, zu der ARD-aktuell als Nachrichtensendung nicht berechtigt ist. Auch nicht bei einem Politiker, den man aus guten Gründen für problematisch hält.

Typisch ist Gniffkes Reaktion und sein Reinwaschungsversuch. Anstatt einzuräumen, dass die Tonverstärkung ein Fehler war, versucht er, sich mit ungeeigneten Vergleichen ( rote Kreise und Bilder) herauszureden. Insoweit verweisen wir auf "Meedia“. Statt einfach einmal zuzugeben, dass sich seine Redaktion wahrlich kein Ruhmesblatt erworben hat und Besserung bzw. Ausschluss von Wiederholungen zu geloben, wird „erklärt“ und finassiert, bis sich die Balken biegen. Eine unappetitliche Zurschaustellung uneingestandener Rechthaberei.

Besonders peinlich das Blog-Schlusswort des Chefredakteurs, eine betonte Bezugnahme auf Selbstverständlichkeiten, die ihn selbst als diskurswillig herausstreichen soll: „Ich finde es gut, dass wir solche Dinge offen diskutieren. Und die ‚Tagesschau‘ muss ihre Arbeitsweise immer wieder offenlegen und sich bei Fragen oder Kritik dem Diskurs stellen“. Völlig zu Recht kommentiert "Meedia": "Das ist gut und richtig. Noch besser wäre es, man würde aus Fehlern der Vergangenheit lernen." Insoweit wird auf Bild-Manipulationen früherer Beiträge von Gniffke verwiesen (2)(3). Wir sind der Auffassung, dass auch in diesem Fall gegen die Programmrichtlinien verstoßen wurde.

1 http://meedia.de/2018/01/29/tagesschau-macht-buhrufe-gegen-trump-lauter-manipulation-oder-journalistische-praezision/
2 http://meedia.de/2014/11/18/angeblich-einsamer-putin-im-bild-tagesschau-chef-gniffke-kanzelt-kritiker-ab/
3 http://meedia.de/2015/01/14/die-tagesschau-als-luegenpresse-wenn-dr-kai-gniffke-sauer-wird/


"Nawalny" - Programmbeschwerde gegen eine tagesschau-de-Veröffentlichung vom 28.01.2018 und weitere 18 (!) Nawalny-Veröffentlichungen auf tagesschau.de vom 28./29.01.2018 - eingereicht am 02.02.2018


Screenshot aus tagesschau-de-Veröffentlichung vom 28.01.2018

Sehr geehrte Rundfunkräte, erneut berichtet die Qualitätsredaktion ARD-aktuell über ihren Liebling Nawalny. Hat dieser Mann mit beachtlichem Vorstrafenregister auch keinerlei Relevanz mehr für Russlands aktuelle Politik, so reicht die verschwindend kleine Minderheit von Unzufriedenen, die es in jedem Land gibt und die hier Nawalny um sich schart, doch allemal aus, ihn dem deutschen Millionenpublikum als „bedeutenden Oppositionellen“ und Putin-Gegner anzudrehen und die antirussische Stimmungsmache der ARD-aktuell zu illustrieren.

Wir haben nachgerechnet: In einem Jahr (seit Februar 17) gab es fast 100 Berichte (Beiträge, Nachrichten, Videos) über den faschistoiden und rassistischen Nationalisten bei ARD-aktuell. Nach unseren Berechnungen wurden dafür rund 500 000 Euro (brutto) aufgewendet. Die Qualitätsjournalisten des Doktor Gniffke verschleuderten also eine halbe Million Euro aus Rundfunkgebühren, um dem Putin-Feind ein Forum in Deutschland zu bieten. Als propagandistische Frontberichterstatter dienten Golineh Atai und andere journalistische Glanzlichter, wie Birgit Virnich, Hermann Krause oder Udo Lielischkies.

Mit wiederholten Programmbeschwerden haben wir zu ermitteln versucht, warum, aus welchen Motiven und mit welchen Argumenten überhaupt Nawalny eine so hohe Aufmerksamkeit beim "Flaggschiff" der ARD genießt.

Am 14.3.2017 schrieb der Chefredakteur unter Bezugnahme auf eine strafrechtliche Verurteilung Nawalnys: "Fakt ist, dass der Europäische Menschenrechtsgerichtshof Russland wegen des Vorgehens gegen Nawalny bereits mehrfach verurteilt hat. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Oppositionspolitiker zu Unrecht bei mehreren Kundgebungen und Protesten in Moskau festgenommen wurde. Nawalny sei der Willkür des russischen Staates ausgesetzt gewesen - so das Urteil des Gerichtshofs. Schon 2013, als er erstmals wegen des angeblichen Diebstahls von Bauholz zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden war, hatte der Menschenrechtsgerichtshof das Verfahren als unfair und politisch motiviert eingestuft. Allein dieser Gesamtkontext macht das Urteil gegen Nawalny zu einem nachrichtlich relevanten Thema. ARD-aktuell macht sich weder mit Nawalny selbst, noch mit dessen politischen Ansichten gemein. Ob dieser ein - wie von den Beschwerdeführern behauptet - Rassist und Ultra-Nationalist ist, ist insofern unerheblich, zumal dies nicht Gegenstand der Gerichtsverhandlung gegen ihn war."

Einmal abgesehen davon, dass der Chefredakteur nicht einmal eine förmliche Stellungnahme für den Rundfunkrat in einwandfreiem Deutsch formulieren kann (was ist der Unterschied zwischen „mehrfach“ und „mehrmals“?): Selbst wenn die EU-Gerichtsbarkeit über jeden vernünftigen Zweifel erhaben wäre, so ließen sich tagtäglich weit schlimmere Fälle von „politischer" Justiz aufführen, mit denen die Westliche Wertegemeinschaft WWG im eigenen Bereich nicht die geringsten Probleme hat und die füglich auch für ARD-aktuell keinerlei Rolle spielen. Dieser Doppelstandard in der Berichterstattung macht die Staatsvertragsverletzung der ARD-aktuell im Fall Nawalny aus.

Verlogen ist die Begründung mit Blick auf die EU-Gerichte ohnehin: Vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gab es bisher unzählige Verurteilungen (bis 2011= 14800). Auch Deutschland hatte 234 Verurteilungen hinzunehmen, über die seitens der Tagesschau so gut wie nicht berichtet wurde. Wie oft kommt es vor, dass hohe Gerichte die Urteile nachgeordneter Instanzen kritisieren, gegebenenfalls abändern order aufheben? Trifft ein solches juristisches Verdikt Russland, ist es dagegen von plötzlichem Nachrichtenwert. Weil es hilft, das Feindbild vom Reich des Bösen auszumalen? Und schließlich: Selbst wenn man annähme, dass dem Nawalny politisch bedingt Unrecht geschieht, wie könnte das die exorbitante Berichterstattung auch über kleinste Demonstrationen rechtfertigen, die er (meist unter Verstoß gegen Ordnungsregeln) im russischen Riesenreich da und dort organisiert, während ARD-aktuell eine Friedensdemonstration in der Hauptstadt Berlin mit 10 000 Teilnehmern ignoriert? Aktionen der deutschen Friedensbewegung unter Beteiligung von namhaften Bundestagsabgeordneten wie Sahra Wagenknecht tut ARD-aktuell als "regionales Ereignis“ ab, beispielsweise auch die großen Demonstrationen vor dem US-Stützpunkt in Ramstein, während die Tagesschau den Minidemonstrationen von und für Nawalny in Russland „nachrichtliche Relevanz“ bescheinigt? Wie soll ein verständiger Mensch solchen argumentativen Unsinn für eine akzeptable chefredaktionelle Begründung halten? Aber sie liegt ja auch bloß Ihnen als Rundfunkräten vor.

Als Musterfall von Unsachlichkeit ist anzusehen, in welch widerwärtiger Form bagatellisierend sich der Chefredakteur zu den rassistischen Ausfällen Nawalnys äußert. Sie seien „unerheblich“. Ach ja? Nawalny verlangte öffentlich die Ausweisung aller georgischen Staatsbürger aus Russland, das (georgische) “Hauptquartier der Nagetiere” solle mit Marschflugkörpern verwüstet werden.

Nawalny über die Lebensweise der nordkaukasischen Volksgruppen: “Die gesamte nordkaukasische Gesellschaft und ihre Eliten teilen den Wunsch, wie Vieh zu leben. Wir können nicht normal mit diesen Völkern koexistieren.”

Für vergleichbar wüste Äußerungen käme ein deutscher „Oppositioneller“ umgehend wegen Volksverhetzung vor den Kadi, und niemand würde sich darüber aufregen, wenn ein solcher Widerling ein paar Jahre Knast aufgebrummt bekäme. Aber Nawalny ist Putin-Feind, da gelten eben andere Maßstäbe?

Man sieht: Einem üblen russischen Agitator wird medial der Hintern gepudert, wenn das der antirussischen Stimmungsmache dient. Hetztiraden aus Pegida- und AfD-Kreisen in Deutschland werden hingegen moralisch verurteilt und strafrechtlicher Verfolgung anempfohlen. So soll die Beachtung "anerkannter journalistischer Grundsätze“ (Rundfunkstaatsvertrag) aussehen? Und gestandene Rundfunkräte als Repräsentanten der Gesellschaft machen sich mit derartigem Missbrauch gemein und erklären ihn für staatsvertragskonform?

Prof. Dr. Teusch hat in seiner Analyse „Lückenpresse" die Grundzüge der manipulativen Berichterstattung treffend beschrieben, auch im Fall Nawalny sind sie deutlich sichtbar:

"Jedes Medium ist angesichts des gigantischen Nachrichtenangebotes gezwungen, eine kleine, oft winzig kleine Auswahl zu treffen. Die Frage ist, wie und nach welchen Kriterien diese Auswahl vorgenommen wird. Und da ist... im Mainstream... Folgendes zu beobachten: Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdrückt. Drittens werden Nachrichten in tendenziöser Weise bewertet, das heisst, es wird mit zweierlei Maß gemessen, es gibt "Doppelstandards“. Alle drei Aspekte hängen eng zusammen und verstärken sich wechselseitig. Wenn sie auf bestimmten Themenfeldern lange genug und mit ausreichender Intensität wirken, entstehen dominante Narrative, also große journalistische Erzählungen oder Deutungsmuster, in die dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet werden können – oder eben auch nicht, so sie denn nicht ins Narrativ passen."

Bei ARD-aktuell und in allen anderen deutschen Mainstream-Medien heißt das Narrativ seit Jahren: Russland wird autoritär vom Dämon Putin regiert. Russland ist eine militärisch aggressive Großmacht (obwohl es noch nie, anders als die Bundesrepublik Deutschland, völkerrechtswidrige Kriege angezettelt und dabei mitgemacht hat), Russland verfolgt "Freiheitskämpfer", Schwule und Pussy-Riots, Russland ist korrupt und ein Doping-Staat.. Dazu bedient ARD-aktuell sich – wie wir sehen – ganz ungeniert auch russischer Ultranationalisten und Rassisten.

Angesichts des historischen Schuldkontos, das Deutschland gegenüber Russland angehäuft hat – 26 Millionen Sowjetmenschen umgebracht! - , empfindet man über diesen Journalismus nur noch tiefe Scham.

Nun denn: Wenn Nawalny ein respektabler Oppositionspolitiker ist, dem in Russland Unrecht geschieht, dann ist Dr. Gniffke ein respektabler Chefredakteur, dem zu Unrecht vorgeworfen wird, Agitation und Propaganda statt sauberer Nachrichten zu verbreiten und dafür sogar Rundfunkgebühren zum Fenster rauszuwerfen. Dann ist er ein Qualitätsjournalist – und Sie sind Qualitätsrundfunkräte.

Strich drunter: Die „Nawalnyphilie“, verstößt gegen alle Regeln des Staatsvertrags, nicht zuletzt gegen den Auftrag, zur Völkerverständigung beizutragen. Wir gehen allerdings nicht davon aus, dass Ihr Gremium soviel Programmkompetenz entwickelt, die Regelwidrigkeiten zu erkennen und zu unterbinden.


"Stalingrad-Berichterstattung" - Programmbeschwerde gegen eine tagesschau-de-Veröffentlichung vom 02.02.2018 und 13-Uhr-Tagesschau vom 02.02.2018 - eingereicht am 03.02.2018




Screenshots aus tagesschau-de-Veröffentlichung bzw. 13-Uhr-Tagesschau vom 02.02.2018

Sehr geehrte Rundfunkräte, Russland hat mit einer Militärparade in Wolgograd des Sieges der Roten Armee über Nazi-Deutschlands Truppen in Stalingrad gedacht. Gezeigt wurden Waffensysteme aus der Zeit ebenso wie moderne Waffen. Geehrt und beteiligt wurden Veteranen, erinnert wurde an die hunderttausende von Toten in der Schlacht um Stalingrad. War es nicht einzig und allein eine Sache der Russen, wie und mit welchen Mitteln sie ihr Erinnern gestalteten? Wäre es nicht eine Sache Deutschlands gewesen, an diesem Tag ebenfalls ein Gedenken zu zelebrieren, und zwar eines gemeinsam mit Russen und in Dankbarkeit dafür, dass sie unser Volk vom Nazismus befreiten?

Stattdessen setzte uns ARD-aktuell ein peinliches und beschämendes antirussisches Propagandastück vor. Nicht einmal angesichts der Erinnerung an hunderttausende von Deutschen hingemordetete Sowjetmenschen konnten deutsche journalistische Schandmäuler es unterlassen, moralisierend und abfällig zu verkünden, Russland habe den Sieg der Roten Armee vor 75 Jahren in "martialischer" und "pompöser“ Art gefeiert.

Und selbstverständlich musste auch bei dieser Gelegenheit wieder gegen Präsident Putin gestänkert werden: Er habe das Gedenken zur persönlichen Imageförderung und zur Förderung seiner Kandidatur bei den bevorstehenden Präsidentenwahlen genutzt. Stand eine solch anmaßende Kritik ausgerechnet einem deutschen Sender zu, der sich hier wie ein moralhütendes Staats- und Propagandainstitut spreizte?

Um die verleumderische Zielsetzung des Internet-Beitrages zu tarnen, wurde das Ganze mit den Auslassungen eines Militärhistorikers (Sönke Neitzel) pseudowissenschaftlich verbrämt. Bei dieser Variante der Propaganda bedient man sich eines "opportunen Zeugen“ (Lutz M. Hagen), um die Legitimität des eigenen Standpunkts mittels Berufung auf eine Autorität zu unterstreichen. Wenn die Expertenauswahl interessengeleitet und alle Gegenpositionen ignorierend erfolgt, handelt es sich um reine Manipulation. Sie ist auch im hier angesprochenen Beitrag unübersehbar. Die ARD-Moderatorin gibt die Stichworte, und Neitzel liefert die Propagandaversatzstücke.

Neitzel, der gezielt Auserwählte: In einem Spiegelbeitrag hatte er sich bereits vor einigen Monaten als aggressiver Militarist geoutet, der darauf besteht, dass sich die Bundeswehr in die Traditionslinie der (auf „unseren Führer Hitler" eingeschworenen!) Wehrmacht stellt, weil sie, die Bundeswehr, ein „Instrument des Kampfes“ sein müsse. Man könne „Panzergrenadieren oder Fallschirmjägern“ doch „nicht lauter nicht kämpfende Vorbilder anbieten“. Sie „sollen kämpfen und töten können“ und könnten sich deshalb nicht auf „Traditionselemente“ beschränken, „die der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entsprechen“. Waren das die gedanklichen Fundamente der ARD-aktuell, sich über die russische Siegesparade moralisch zu erheben?

Die Bundeswehr sei „eine militärische Organisation und keine Außenstelle der Bundeszentrale für politische Bildung“, erklärt der Professor weiter. Zu dieser Ausrichtung passe es nicht, nur den Widerstand innerhalb der Wehrmacht als traditionsstiftend zu akzeptieren. Man könne „auch in einem totalen Krieg für ein verbrecherisches Regime vorbildlich handeln […], etwa in der Menschenführung oder als erfolgreicher Soldat wie [Helmut] Lent.“

Lent, den Neitzel hier rühmt, war Kommodore des Nachtjagdgeschwaders 3 und wurde von der Nazi-Propaganda als Kriegsheld stilisiert. Hermann Göring bezeichnete ihn bei seiner Grabrede als „Anhänger unserer nationalsozialistischen Weltanschauung“ und selbst das um Entlastung bemühte Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) kommt in einem Gutachten zu dem Schluss, dass es sich bei Lent um einen „karrierebewussten Luftwaffenoffizier“ gehandelt habe, „der sich weitgehend angepasst und systemkonform verhielt“. (1)

Ideologen wie Neitzel, ausgerechnet, nutzt ARD-aktuell, um die Erinnerungskultur Russlands als verfehlt zu bekritteln und dem russischen Präsidenten zu unterstellen, er nutze die Gelegenheit wie einen "Ball vor dem leeren Tor“. Dabei, so hieß es, "ginge es überhaupt nicht um Geschichte, um die Grautöne, die Opfer, vielleicht zu viele Opfer damals?" "Es geht allein darum. Ein gutes Gefühl zu haben“. Was für eine bösartige Unterstellung!

Standen einem regierungsfrommen deutschen Sender solche blasierten Belehrungen und Einschätzungen zu? Gehörte es in die Kategorie "journalistischer Anstand", bei diesem Anlass auch gleich noch die Millionenzahl an hingemordeten sowjetischen Bürgern anzuzweifeln und den Russen vorzuwerfen, sie hätten selbst seinerzeit Menschen geopfert? Da maßte sich ein Nachfahre des deutschen Völkermords an, den Russen falschen Umgang mit ihrer Geschichte vorzuwerfen...."soweit ist Russland noch nicht“. Unsäglich!

Aber wir sind soweit, Deutschland ist soweit? Wir, die Guten, die Besseren, wir haben bereits so viel kritische Distanz zu allem Militärischen, dass wir uns für die moralisch Höherwertigen halten und gerieren dürfen? Und das bei 26 laufenden Bundeswehr-Einsätzen im Ausland, darunter mindestens einem völkerrechtswidrigen? ARD-aktuell gibt einem solchen widerwärtigen und peinlich revanchistischen Gedröhne das Forum?

Der Beitrag auf tagesschau.de hatte nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun. Er ist ein Pamphlet, Geschichtsklitterei, Ausdruck von Arroganz, Unbelehrbarkeit, Verachtung gegenüber Russland, Zeugnis deutschen Herrenmenschen-Denkens. Ohne Taktgefühl, ohne Einfühlungsvermögen, von mieser deutschnationaler Warte fabriziert und in jeder Hinsicht ungeeignet, zur Völkerverständigung beizutragen. Obwohl ein entsprechender Beitrag aus gegebenem Anlass besonders wichtig gewesen wäre.

Ähnlich gestrickt ist der Bericht unserer Russenspezialistin Birgit Virnich aus der Frontberichts-Zentrale des Moskauer ARD-Studios: Sie mokiert sich in ihrer Reportage ebenfalls über die Militärparade in Wolgograd. Auch sie sieht das Ganze als Reklame-Rummel für Präsident Putin.

An historischer Genauigkeit war sie offenbar ebenso wenig interessiert wie an der Wahrung journalistischen Anstands: Sie redet vom "Angriff der Russen auf Stalingrad", obwohl damals auch andere Sowjet-Soldaten an den Kämpfen beteiligt und die Militäraktionen keine Angriffe, sondern Verteidigungshandlungen der Roten Armee waren. Simple Sprache, simples Denken...

Wie im Sönke-Interview gehören auch bei Virnich Qualifizierungen wie "martialisch" und "pompös" zum herabwürdigenden Sprachgebrauch. Dass der interviewte Journalist Swanidse die Auffassung vertritt, "je weiter der Krieg zurückliegt, desto pompöser werden die Paraden“ ist sein persönlicher Irrtum; zum Gedenken an den "Großen Vaterländischen Krieg" hat es schon viel größere Paraden als die hier in Rede stehende mit ihren nur 1500 Soldaten gegeben. Frau Virnich nutzt eine objektiv unzutreffende Einschätzung eines Parade-Kritikers – statt sie zu korrigieren – für den agitatorischen Zweck, der mit ihrem Beitrag verfolgt wird: runtermachen, das Ganze.

Zitat aus den Zuschauerkommentaren zu dem Beitrag: "Frau Virnich ...hat von den Empfindungen sowjetischer/russischer Menschen keine Ahnung! Das mag zwar unhöflich klingen, aber ... ich habe sowohl die Ruhmeshalle unter der "Mutter Heimat", als auch Yad Vashem besucht (dazu noch das Blockademuseum in Sankt Petersburg). Nur wer beide (oder drei) Gedenkstätten 30 Minuten schweigend auf sich wirken lässt, gewinnt eine Winzigkeit Ahnung, was in russischen und auch israelischen Menschen wirkt. Vor allem, wenn man als Deutscher dort steht."

Und eine zweite Kommentierung: "Ich würde sagen: Es ist ein "nicht gewolltes" Einfühlungsvermögen... an jeden Bericht wird ein westlich moralisierender Meinungsrattenschwanz angehangen".

Es sei hier zum Schluss noch ein besonderer Aspekt angesprochen, zu betiteln mit "Doppelstandard, Heuchelei": Wenn Frankreich am 14. Juli seinen Nationalfeiertag mit einer pompösen, martialischen Parade auf den Champs Elysee feiert, nehmen daran nicht nur mindestens dreimal soviele Soldaten aller Waffengattungen teil wie jetzt in Wolgograd, sondern die Staatsoberhäupter nutzen das Ereignis ganz selbstverständlich auch zur „Selbstinszenierung“, zuletzt die Präsidenten Macron und Trump. (2)

Repräsentanten Deutschlands sind übrigens in Paris auch immer mit von der militärischen Schauspiel-Partie, und die Bundeswehr stellt oft große Kontingente bei diesen Aufmärschen. Da aber hütet sich ARD-aktuell vor abfälligem Vokabular wie „pompös“ und „martialisch“. Da wahrt ARD-aktuell auf einmal den nötigen Respekt vor dem Anlass solcher militärischen Aufzüge: nationales Gedenken. Gniffkes Qualitätsverein hält sich ja sogar gegenüber den fraglos unappetitlichen „Großer-Zapfenstreich“-Getue mit seinen pseudoreligiösen Inszenierungen in Berlin mit Kritik zurück. („Helm ab! - zum Gebet!").

Kritische Distanz gegenüber allen militärischen Zurschaustellungen ist zwar grundsätzlich zu begrüßen. Der Anachronismus von Militärparaden darf und soll nach Möglichkeit angesprochen werden. Aber nicht jeder ist in jedem Fall dazu berufen. Und nicht immer ist es angebracht. Zudem hat solche Kritik immer bei der eigenen Adresse zu beginnen.

Die beiden Beiträge der ARD-aktuell waren eine journalistische Geschmacklosigkeit, von ahistorischem Sensibilitätsmangel geprägt, agitatorisch statt auf Information und auf Völkerverständigung ausgerichtet: mit Programmauftrag und Programmrichtlinien unvereinbar.

1 Quelle: https://www.global-review.info/2017/07/19/militaerhistoriker-soenke-neitzel-beschwoert-wehrmachtstradition-der-bundeswehr/
2 Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/paris-macron-trump-101.html

Online-Flyer Nr. 646  vom 07.02.2018

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE